Emden (und die Konferenz der nordwestdeutschen Mennonitengemeinden)

Die Mennonitengemeinden in Emden, Leer, Norden, Gronau und Oldenburg sind in der Konferenz der nordwestdeutschen Mennonitengemeinden zusammengeschlossen. Historisch bedeutsam waren zunächst die ostfriesischen Gemeinden Emden, →Leer und →Norden. Die Gemeinden →Gronau und Oldenburg kamen 1923 bzw. 1970 hinzu.

1. Reformatorischer Aufbruch und täuferische Anfänge in Ostfriesland

Um 1528 traten erstmals Täufer in Emden in Erscheinung. Mit der Taufe von vermutlich dreihundert Menschen durch den Laienprädikanten Melchior →Hoffman im Jahr 1530 beginnt die Geschichte der heutigen Mennonitengemeinde in dieser Stadt. Von hier aus breitete sich das Täufertum in Ostfriesland und in den Niederlanden aus. Es wurde aber umgekehrt auch durch Persönlichkeiten aus den Niederlanden beeinflusst, wie Menno →Simons, der vermutlich Ende der 1530er Jahren erstmals nach Emden kam. Die heutigen mennonitischen Gemeinden in Leer und Norden lassen sich ebenfalls auf diese Anfänge zurückführen. Die Reformation in Ostfriesland begann in der Regierungszeit des Grafen Edzard I. (1461 - 1528) und seines Sohnes Enno II. (1505 - 1540). Eine entscheidende Rolle für den Fortgang der Reformation spielt nach 1540 die Frau Enno II., Gräfin Anna (1501 - 1575; Regentschaft 1542 - 1561) als Regentin für ihre minderjährigen Söhne Edzard II. und Johann. Die Ursprünge des ostfriesischen Täufertums sind mit den führenden Persönlichkeiten der frühen Jahre eng verbunden. Das Häuptlingswesen in Ostfriesland begünstigte die Entstehung der Täuferbewegung bzw. protegierte sie auch.

Schon in der Regierungszeit Edzard I. ist die spätere kirchlich-konfessionelle Spaltung angelegt. Die landesherrlichen Rechte wurden durch spezielle Freiheitsrechte der Stände begrenzt. Die Durchsetzung eines einheitlichen landesweit geltenden Bekenntnisses war daher nicht möglich. Edzard hat auch nicht den Versuch unternommen, eine Konfession landesherrlich zu verordnen („Friesische Freiheit“). Auch die täuferischen Anfänge 1530 in Emden wären ohne stillschweigende Duldung oder gar ohne Wissen und Einverständnis des Landesherrn nicht möglich gewesen. In den Regierungszeiten seiner Nachfolger vertiefte sich die hier angelegte Spaltung und ist bis heute so vorzufinden. Der westliche Teil des Landes, den Niederlanden benachbart, ist weitestgehend reformiert, der östliche Teil lutherisch. Für die Landgemeinden wurde später im Emder Konkordat von 1599 das „ostfriesische Sonderrecht“ festgelegt, das „eine Konfession an einem Ort“ vorsieht. Die Städte, vor allem Emden, Leer und Norden, waren noch lange von konfessionellen Auseinandersetzungen bestimmt. Nach dem Tod Edzard I. veränderte sich die Situation insofern, als sein Sohn Enno II. eindeutiger für das lutherische Bekenntnis Partei ergriff. Ennos früher Tod 1540 sollte die Situation noch einmal nachhaltig verändern. Angeblich plante Enno 1538 auch den Versuch einer Gegenreformation. Graf Edzard hatte sich der Reformation nicht verweigert, sie aber auch nicht zu seiner eigenen Sache gemacht.

Einer der entscheidenden Wegbereiter der Reformation war Ulrich von Dornum. Das von ihm einberufene „Oldersumer Religionsgespräch“ von 1526 war eine Disputation zwischen dem evangelischen Prediger Georg Aportanus aus Emden und dem Dominikaner Laurens Laurensen aus Groningen. Ulrich von Dornum veröffentlichte eine Zusammenfassung dieses Gesprächs, die sich in gedruckter Form schnell verbreitete und zu einer überaus raschen Ausbreitung der Reformation in Ostfriesland führte. So war Oldersum zeitweise neben Emden ein Treffpunkt reformatorisch orientierter Theologen geworden. 1529 war Andreas →Karlstadt auf der Oldersumer Burg zu Gast, später wohl auch Menno →Simons und weitere Täufer. Diese kirchenpolitisch instabilen Verhältnisse ließen Ostfriesland lange nicht zur Ruhe kommen und zu einem willkommenes Durchzugsgebiet für Reformgesinnte aller Art werden, die nach Orten suchten, wo sie Fuß fassen konnten.

2. Frühe Gemeinden in Emden, Leer und Norden

Über die frühe Gestalt der Emder Gemeinde gibt es kaum Quellen. Ekklesiologische Gedanken Melchior Hoffmans werden hier wohl wirksam gewesen sein, so dass von einer hierarchischen Struktur auszugehen ist: An der Spitze stehen „apostolische Sendboten“, unmittelbar von Gott Berufene. Sie schaffen durch ihre Reisen die Verbindung unter den Täufergemeinden. Unter ihnen steht „die Schar der erstgeborenen Propheten“. An dritter Stelle steht „der ganze Haufe der Pastoren“, Hirten der jeweiligen Ortsgemeinde. Die Basis bilden die einfachen Gemeindemitglieder, die apostolische Anweisungen nicht von den Sendboten, sondern von ihren Hirten erhielten. Diese hierarchische Struktur der Gemeinde steht in Gegensatz zum Gemeindeverständnis der schweizerischen und süddeutschen Täufer. Das änderte sich erst in den 1540er Jahren unter dem Einfluss von Menno Simons und anderen niederländischen Täufern. Bis dahin war die Emder Gemeinde und die durch einzelne ihrer Mitglieder ausgelöste Bewegung in den Niederlanden und im Münsterland melchioritisch geprägt (→Täufer). Hoffman, der eine große Anhängerschar um sich gesammelt hatte, wurde aber schon im Herbst 1530 aus Ostfriesland ausgewiesen. Zu seinem Nachfolger in der Emder Gemeinde ernannte er Jan Volkertszoon, genannt Trypmaker, einen gebürtigen Niederländer. Trotz harter Unterdrückungsmaßnahmen verschwand die Täuferbewegung nicht ganz aus Ostfriesland. Sie erfuhr allerdings in den Jahren danach durch das Wirken von Dirk und Obbe →Philips, die von Sikke Freriks in Emden getauft worden waren, aber vor allem von Menno Simons eine theologische und ekklesiologische Neuausrichtung. Die ostfriesischen Melchioriten, die die Täuferbotschaft in die Niederlande getragen hatten, wurden unter dem Einfluss niederländischer Täufer zu Mennoniten (→Mennoniten).

Besonders wichtig für die weitere Entwicklung der täuferischen Bewegung in Ostfriesland wurde die Disputation, die 1543 zwischen dem reformierten Superintendenten Johannes a Lasco und Menno Simons in der Kirche des Franziskanerklosters zu Emden geführt wurde. Die Reformierten verfolgten das Ziel, sich von den Täufern und Spiritualisten abzugrenzen, die in Ostfriesland eine große Zahl von Anhängern gefunden hatten. Andererseits wollten sie auch diese Gruppen für die Kirche zurückzugewinnen. Das war der Grund, mit ihren wichtigsten Anführern, Menno Simons und David →Joris, ins Gespräch zu kommen. Mit Menno fand dieses Gespräch in direkter Weise und öffentlich statt. Im Mittelpunkt des Gesprächs stand vor allem das Thema der Menschwerdung Christi, aber auch andere kontroverse Punkte, wie die Säuglingstaufe oder die Berufung der Prediger. Das Gespräch verlief für Menno Simons glimpflich, in der Sache aber kam es zu keiner Annäherung. Die Anhänger des David Joris und Jan van Batenburg sollten aus Ostfriesland ausgewiesen werden, die anderen, darunter die Mennoniten, sich dagegen in Glaubensgesprächen einer Prüfung ihrer Anschauungen unterziehen. So sah es schließlich die ostfriesische Polizeiordnung von 1545 vor. Menno Simons verließ Emden bald nach diesem Gespräch. In dieser Zeit organisierten sich neben Emden auch erste Gemeinden in Leer (ab 1540) und Norden (ab 1556), vorübergehend auch in Oldersum und Aurich.

Mit Menno Simons schlugen die niederdeutschen Täufer einen friedfertigen Kurs ein und orientierten sich an der praktischen Bewährung des Glaubens in zurückgezogenen Gemeinden. Sie wurden zu den „Stillen im Lande“. Zu inneren Spannungen kam es aber im Ringen um die Reinheit der Gemeinde bzw. der Anwendung des →Banns. Bekannt wurde vor allem der Fall der Swaen Rutgers, über den es zwischen Menno Simons und Leenaert Bouwens, dem Ältesten der Emder Gemeinde, zum offenen Streit gekommen war. Menno Simons steuerte einen gemäßigten Kurs, Leenaert Bowens einen radikaleren. Die Spaltung der Gemeinde erstreckte sich bis in Familien hinein. Sie zog sogar die Scheidung von Ehen nach sich.

In Ostfriesland hat es verschiedene Richtungen des mennonitischen Täufertums gegeben, wie die Waterländer, die Friesen und die Vlamingen ebenso die Ukowallisten (OudeVlamingen), die besonders zahlreich in der Krummhörn auftraten (→Mennoniten, →Niederlande). Im Laufe der weiteren Geschichte haben diese Gegensätze ihre Bedeutung verloren. Überlebt haben die Mennonitengemeinden: in Emden, Norden, Leer und Neustadtgödens.

3. Auf dem weiten Weg zur Duldung

Auch in der Folgezeit mussten die Mennoniten zunächst mit strikter Ablehnung in Ostfriesland rechnen, auch wenn die Verfolgungsmaßnahmen an Intensität nachließen und es 1568 zu einer relativen Duldung kam, die in einem Gespräch 1578 bestätigt wurde. Immer deutlicher wurde, dass es nicht nur einen Gegensatz zwischen den Auffassungen der Täufer und der Reformierten beispielsweise im Hinblick auf das Obrigkeitsverständnis gab, sondern ebenso unüberbrückbare Differenzen in dieser Frage innerhalb der Täufer- bzw. Mennonitengemeinden selbst. Sie konnten sich nicht auf eine gemeinsame Linie gegenüber den Reformierten und der Obrigkeit verständigen.

Im Gespräch mit den Reformierten kam es auch zu einer Auseinandersetzung über die Ablehnung von Waffengewalt und Eidesverweigerung. Beide gehören neben der Erwachsenentaufe zu den besonderen Kennzeichen des Mennonitentums. Während des Gesprächs im Winter 1578 wurden die Flamen wegen ihrer Ablehnung der Waffengewalt von den reformierten Predigern als Heuchler bezeichnet, da sie bereit warenxx, der Stadt für ihre Bewachung Schutzgeld zu zahlen, gleichzeitig aber bewaffnete Wächter der Hölle zu überantworten. In diesem Zusammenhang ist zum ersten Mal von Schutzgeldern die Rede. So schwer es den Mennoniten fiel, die Schutzgeldforderungen zu erfüllen, gelang es ihnen doch, Eingang in die Gesellschaft zu finden. Vor allem erwarben sie sich einen Ruf als Kaufleute.

So stieg etwa Leer durch die Mennoniten zu einem Zentrum der Leinenproduktion und des Leinenhandels auf. In diesen Jahren haben die Mennoniten wohl auch eigene Schulen in Ostfriesland unterhalten können. 1576 schrieb Graf Edzard erneut an die Stadt Emden, dass er davon gehört habe und dagegen mit „Leibes- und Geldstrafen“ vorzugehen sei. Auch beklagte sich Emden 1577, dass durch den Zuzug so vieler Flüchtlinge die Zahl der „Wiedertäufer“ täglich steige. Sie bewohnten die vornehmsten Häuser, trieben großen Handel und veranstalteten öffentliche Konventikel ihrer Lehre in großer Zahl. Der Graf ordnete in seiner Antwort an, heimliche und öffentliche Predigten von Mennoniten zu verhindern, da die Bildung von täuferischen Konventikeln vom letzten Reichstag verboten worden sei.

Die beiden Grafenbrüder Edzard und Johann waren sich in dieser Frage, wie auch sonst in religiösen Fragen, nicht einig. Johann riet, die Mennoniten vorzuladen und zu befragen. Diejenigen, die nicht von ihrem Glauben abweichen wollten, sollte man ausweisen, die anderen dagegen, die für die reformierte Kirche gewonnen werden könnten, sollten geduldet werden. Edzard, der das Luthertum unterstützte, sprach dagegen in seinem Schreiben nicht von Ausweisung. Da die Dissidentenpolitik nicht eindeutig war, befanden sich die Mennoniten immer noch in einer schwierigen Lage, ihre Situation verbesserte sich erst unter der Regierung des Grafen Rudolf Christian (1625 - 1628). Enno III. hatte die Mennoniten noch 1622 für rechtlos erklärt; sein Nachfolger nahm sie mit einem offenen Schreiben vom 26. Mai 1626 in seinen persönlichen Schutz. Die Schutzgelder blieben auch in der Folgezeit eine willkommene Einnahmequelle für die Grafen und späteren Fürsten Ostfrieslands.

Umstritten war auch noch lange Zeit die Verweigerung des →Eids durch die Mennoniten. Erst nachdem sie 1701 beim Landtag einen Antrag auf eine eigene Formulierung des Eides eingereicht hatten, wurde ihnen von Fürst Christian der „Mennysten Aydt“ mit eigener Bekräftigungsformel als Ersatz für die offizielle Schwurformel gewährt.

4. Entwicklungen im 19. und 20. Jahrhundert - vor allem in Emden

Nachdem sich 1767 die Vereenigde Doopsgezinde Gemeente mit den Oude-Vlamingen zu einer Gemeinde vereinigt und 1770 eine neue Kirche in der Emder Hofstraße gebaut hatte, wird um 1810 berichtet, dass die Mitgliederzahl der Gemeinde abzunehmen begann. 1824 zählte sie 101 Gemeindeglieder. Mennoniten waren in der Stadt integriert und engagiert: 1814 veranlasste der mennonitische Prediger Laurens van Hulst die Gründung der bis heute bestehenden „Naturforschenden Gesellschaft“. Die Wehrlosigkeit beschäftigte die Gemeinde immer wieder. 1813/15, nach den Befreiungskriegen, bat die Gemeinde den preußischen König zusammen mit den anderen ostfriesischen Gemeinden um Befreiung vom Militärdienst. Diese wurde gewährt, nachdem die Mennoniten dafür eine Zahlung zugesagt hatten. In der Zeit der Zugehörigkeit zum Königreich Hannover (seit 1815) galt die Waffenpflicht auch für Mennoniten. 1866, als Ostfriesland wieder zu Preußen gehörte, verzichtete die Gemeinde auf eine Eingabe zur Befreiung vom Militärdienst. 1826 erhielten Frauen in der Gemeinde Stimmrecht. 1874 erlangten Mennoniten die volle bürgerliche Gleichstellung. Ungeachtet dessen bedeutet das nicht religiöse Gleichberechtigung: noch nach 1900 durfte sich der Mennonitenpastor Müller in Emden nicht als Geistlicher bezeichnen. Dies wurde gerichtlich bestätigt. Erst die Verfassung des Deutschen Reiches von 1919 gestand auch den Mennoniten die volle religiöse Gleichstellung zu.

Zu einschneidenden Veränderungen in der Emder Gemeinde kam es in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts. 1918 wird Lic. Theol. Abraham →Fast Prediger der klein gewordenen Gemeinde. Sie ist fast 400 Jahre alt und hat gerade noch 30 Gemeindeglieder. In den Umbrüchen am Ende des Kaiserreiches begann Abraham Fast, in der Stadt religiöse Vorträge zu halten. Er erregte großes Aufsehen durch Inhalt und Stil seiner Vorträge. Er und die Gemeinde hatten großen Zulauf, der sich nicht nur aus der Kirchenaustrittsbewegung dieser Zeit speiste, sondern vor allem aus dem geistigen und geistlichen Rüstzeug, das Abraham Fast auch in politischen Versammlungen zu Gehör brachte.

So kam es, dass die Mennonitengemeinde und ihre Kirche zu einem Zentrum für Menschen wurden, die nach neuen geistlichen Wegen suchten. Am 2. Februar 1926 sind im Mitgliederverzeichnis der Mennonitengemeinde 151 neue, erwachsene Gemeindeglieder eingetragen, die aus der freireligiösen Gemeinde kamen. Seit den Anfängen der Emder Täufergemeinde 1530 durch Melchior Hoffman hatte es keinen solchen Zuwachs für die Mennoniten in Emden gegeben. In der Zeit des Nationalsozialismus gerieten gerade einige der neuen Gemeindeglieder unter Verdacht, das nationalsozialistische Regime abzulehnen. Angehörige der Emder und Leeraner Mennonitengemeinde verloren ihre Anstellung als Lehrer, andere wurden im Konzentrationslager inhaftiert. Heinold →Fast hat in Frage gestellt, ob sein Vater die Gefahr, die von der nationalsozialistischen Bewegung ausging, in ihrem Ausmaß wirklich erkannt oder gar davor gewarnt hätte. Die ostfriesische Schriftstellerin Wilhelmine Siefkes wechselte 1936 in die von ihm ebenfalls geleitete Leeraner Mennonitengemeinde, weil sie seine Predigten seit vielen Jahren schätzen gelernt hatte - und weil sie Pastoren ihrer lutherischen Gemeinde zu ihrem Entsetzen im 1. Mai-Umzug gesehen hatte. In den vergangenen Jahren, zum 60. Jahrestag des Kirchenneubaus 2013, hat die Gemeinde begonnen, die Zeit des Nationalsozialismus und das Verhalten der Gemeinde in dieser Zeit aufzuarbeiten und zu befragen.

Bei den Angriffen auf Emden im Zweiten Weltkrieg wurden die Kirche und das Pastorat der Mennonitengemeinde samt wertvollen Archivalien zerstört. 1953 baute die Gemeinde ihre neue Kirche in der Brückstraße. Nach dem Krieg organisierte Abraham Fast zusammen mit seiner Frau Luise ein Hilfswerk, das, in der Hungerzeit von nordamerikanischen Mennoniten beliefert, über die konfessionellen Grenzen hinaus Gutes wirkte. Bereits in den zwanziger Jahren waren die Dienste Abraham Fasts gelegentlich auch von den mennonitischen Nachbargemeinden in Anspruch genommen worden. Daraus entstand in den vierziger Jahren die Konferenz der nordwestdeutschen Mennonitengemeinden, zu der heute noch die Gemeinden in Emden, Leer, Norden und Gronau/Westf. gehören. Sie waren geprägt durch einen Geist, der in seiner Liberalität, die Abraham Fast an der Literatur der deutschen Klassik orientierte, auch viele Außenstehende anzog. 1957 gab er sein Amt an seinen jüngsten Sohn weiter.

Während der langjährigen Tätigkeit Heinold Fasts nahm die Emder Gemeinde weltweit am Leben der Mennoniten teil. Er war mehrfach Vorsitzender der Vereinigung der Deutschen Mennonitengemeinden, führend im Mennonitischen Geschichtsverein tätig, Präsidiumsmitglied der Mennonitischen Weltkonferenz, Sekretär der internationalen →Puidoux (Friedens)-Konferenz und neben seiner Gemeindearbeit und allen anderen Ehrenämtern immer wieder auch als Autor in der Forschung zur Geschichte des Täufertums. Nebenher leitete er viele Jahre ehrenamtlich mit anderen die „Bibliothek der Großen Kirche“ in Emden, die heutige Johannes a Lasco Bibliothek. Ihm ist auch die neue Öffnung der deutschen Mennonitengemeinden hin zum Friedenszeugnis der frühen Täufer wesentlich mit zu verdanken.

Schon in seinen Dienstjahren bis 1992 begann der Rückgang der Mitgliederzahlen der Gemeinde in Emden, der sich weiterhin fortsetzt. Heute zählt die Gemeinde noch knapp 90 Gemeindeglieder. Dennoch gibt es ein reges Gemeindeleben, das geprägt ist vom Engagement in der Friedensfrage, in enger Verbindung mit der Arbeit des →Mennonitischen Friedenszentrums Berlin, und der starken Verwurzelung in der Ökumene. Friedensgebete und die mehrfache Gewährung von Kirchenasyl geben dem auch nach außen Ausdruck.

5. Die Konferenz der nordwestdeutschen Mennonitengemeinden

Der Beginn der Tätigkeit von Abraham Fast in der der Mennonitengemeinde Gronau ist auch der Beginn der Konferenz der nordwestdeutschen Mennonitengemeinden in den vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts. In den darauf folgenden Jahren schlossen sich die Gemeinden Norden und Leer der Verbindung von Gronau und Emden an. Nahezu 100 Jahre besteht sie schon.

1921 bittet die Mennonitengemeinde Emden die Gemeinde in Gronau, bisher von der Gemeinde Enschede in den Niederlanden mitbetreut, um eine gemeinsame Anstellung von Abraham Fast. So ist, als Gronau dem zustimmte und die Verbindung zwischen Enschede und Gronau gelöst worden war, 1923 eine Vorform der Konferenz der nordwestdeutschen Gemeinden entstanden, die bis heute aus den Gemeinden Emden, Gronau als Körperschaft des öffentlichen Rechts besteht, seit den vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts kamen die Gemeinden Leer (Oldenburg) und Norden hinzu. Ein „Gesellschaftervertrag“, der die rechtlichen und finanziellen Einzelheiten regelt, wurde 1943 geschlossen und 2014 um eine gemeinsame Wahlordnung für die Predigerstelle ergänzt.

Ursprünglich allein zur Finanzierung einer gemeinsamen Predigerstelle gedacht, ist sie im Lauf der Zeit zu einer auch inhaltlich arbeitenden Einrichtung geworden. Theologische Diskussionen und gemeinsam interessierende Fragen etwa aus der →Vereinigung der Deutschen Mennonitengemeinden (VDM) wie die Friedenserklärung von 2009 („Richte unsere Füße auf den Weg des Friedens“) oder auch die Situation der Jugendarbeit in der VDM u. a. sind Themen für die jährlich tagende Konferenz. So hat sich hier eine Entwicklung vollzogen, die von der früher vorherrschenden und stark ausgeprägten „Autonomie“ der Gemeinden heute hinführt zur gemeinsamen Vertretung in wichtigen Fragen von Theologie, Gemeinde und Gesellschaft. Für die ökumenische Ausrichtung der Konferenzgemeinden spricht auch der Umstand, dass sie bereits zweimal, 1994 und 2005, mit Katharina Herresthal und Jan Lüken Schmid Pastorinnen oder Pastoren aus der Reformierten Kirche in ihren Dienst berufen haben.

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Jan Lüken Schmid

 
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