Vereinigung der Deutschen Mennonitengemeinden (VDM)

Zur Vereinigung der Deutschen Mennonitengemeinden K.d.ö.R. (VDM) gehören vierzehn Gemeinden mit insgesamt 1967 Mitgliedern (Stand 2016): Berlin, Bielefeld-Sennestadt, Bremen, Emden, Friedrichstadt, Göttingen, Gronau, Hamburg, Hannover, Krefeld, Leer-Oldenburg, Lübeck, Neuwied und Norden. Die ältesten Gemeinden können ihre Anfänge bis ins 16. Jahrhundert zurückverfolgen. Die jüngsten Gemeinden sind nach dem Zweiten Weltkrieg durch den Zuzug von geflüchteten Mennoniten aus Ost- und Westpreußen entstanden. Die Gemeindegröße divergiert zwischen 15 und 750 getauften Mitgliedern.

1. Gründung und Ziele

Auf einer Tagung am 29. April 1886 in Berlin riefen Vertreter von siebzehn Gemeinden die Vereinigung ins Leben. Norddeutsche Stadtgemeinden und pfälzisch-hessische Gemeinden hatten sich darauf geeinigt, der VDM folgende Aufgaben aufzutragen: (1) die Erhaltung und Förderung der Verkündigung des Evangeliums in den deutschen Mennonitengemeinden. Prediger sollten in der Besoldung unterstützt werden, Reiseprediger angestellt und Studierende, die einen mennonitischen Predigtdienst anstrebten, sollten finanziell unterstützt werden. Die Idee, eine Lehranstalt oder Dozentur in Berlin zu errichten, die auf den Predigtdienst vorbereiten sollte, wurde als Satzungszweck formuliert. Angestrebt wurde auch die Gründung einer Mennonitengemeinde in der Reichshauptstadt Berlin; (2) die Belebung und Kräftigung des Gemeindegefühls durch Publikationen, sowohl durch historische Schriften als auch durch mennonitische Zeitungen und →Zeitschriften.

2. Aufbau und Organe

Die Vereinigung war als reiner Zweckverband konzipiert worden, denn die Einzelgemeinden wollten ihre uneingeschränkte Selbstständigkeit bewahren. Am 8. November 1922 erhielt die Vereinigung, die zunächst als eingetragener Verein existierte, den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts (gewährt vom Senat der Freien und Hansestadt Hamburg). Die Anzahl der Mitgliedsgemeinden stieg stetig. Um möglichst alle deutschen Mennonitengemeinden unter dem Dach der VDM zu vereinen, wurden zwischen 1932 und 1935 bis zu neun Entwürfe für eine neue Verfassung beraten. Umstritten war, ob die Präambel als verbindliches Bekenntnis oder nur als die Beschreibung des kirchlichen Charakters eines Zweckverbandes zu formulieren war. Um auch den Gemeinden, die nach dem Ende des Ersten Weltkriegs nicht mehr zum Deutschen Reich gehörten, eine Mitgliedschaft in der Vereinigung zu ermöglichen, wurde der Name geändert: Aus „Vereinigung der Mennonitengemeinden im Deutschen Reich“ wurde „Vereinigung der Deutschen Mennonitengemeinden“ (Heinold Fast, Vereinigung, S. 30). Diese Beratungen führten nur teilweise zum Ziel. Zwar traten nun die west- und ostpreußischen Landgemeinden der VDM bei, aber die Gemeinden des badisch-württembergisch-bayrischen Gemeindeverbandes (→ Verband) und die Gemeinden in Elsass und Lothringen blieben weiterhin selbstständig. Während der Arbeit an einer neuen Verfassung wuchs die Einsicht, dass sich die Mennonitengemeinden im Neuordnungsprozess des nationalsozialistischen Staates nur behaupten konnten, wenn sie sich auf eine gemeinsame Bekenntnisgrundlage stellten und als „Kirche“, nicht als Zweckverband, öffentlich aufträten. Ein Bekenntnis wurde politisch gefordert, sofern eine evangelische Einheitskirche angestrebt wurde, mit einem Bekenntnis hätten die Gemeinden sich auch des Einflusses erwehren können, den die Deutschen Christen auf die Freikirchen ausübten. Doch die unterschiedlichen Erwartungen an ein Bekenntnis haben schließlich eine Verständigung auf ein gemeinsames Bekenntnis verhindert. Doch wichtiger als dieses Scheitern war in der damaligen kirchenpolitischen Situation die Preisgabe des traditionellen Prinzips der →Wehrlosigkeit bzw. der Kriegsdienstverweigerung. Als die Allgemeine Wehrpflicht 1935 wieder eingeführt wurde, war in der Vereinigung schon beschlossen worden, dass die Gemeinden als kirchliche Körperschaften dagegen nichts einzuwenden hatten. (→Drittes Reich) Eine eventuelle Verweigerung des Kriegsdienstes wurde dem Gewissen des Einzelnen überlassen.

Die VDM förderte nicht nur die Entstehung der Mennonitengemeinde in →Berlin, sondern auch weiterer Gemeinden in Kaiserslautern und München. Ende des Zweiten Weltkriegs kam es zu einer Zäsur: Nach Flucht und Vertreibung hörten die west- und ostpreußischen Gemeinden auf zu existieren, und neue Gemeinden entstanden im Westen Deutschlands. Beim hundertjährigen Bestehen (1986) zählten 36 Gemeinden mit etwa 7500 getauften Mitgliedern zur VDM.

Mit Gründung eines neuen Dachverbands der Mennoniten in Deutschland im Jahre 1990, der →Arbeitsgemeinschaft Mennonitischer Gemeinden in Deutschland (AMG), änderte sich die Rolle der VDM. Sie umfasst nun ausschließlich Gemeinden im nördlichen Raum Deutschlands und ist damit eine der drei regionalen Säulen, auf denen die AMG mit insgesamt 4702 Mitgliedern ruht (Stand 2016).

Die VDM vertritt weiterhin die deutschen Mennonitengemeinden im Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK) in Genf, weitere fünfzehn Gemeinden partizipieren an dieser Vertretung durch eine Teilmitgliedschaft von knapp 1312 Mitgliedern (Stand 2016).

Das Entscheidungsorgan der VDM ist die Mitgliederversammlung (MV), die mindestens einmal jährlich tagt. Sie besteht aus den Delegierten der Mitgliedsgemeinden und den Mitgliedern des Vorstands. Die MV wählt den Vorstand, prüft die Rechnungslegung, erteilt dem Vorstand Richtlinien für die Führung der Geschäfte und diskutiert wesentliche Belange der VDM. Der Vorstand, auf jeweils sechs Jahre gewählt, besteht aus neun bis zwölf Mitgliedern. Er vertritt die VDM nach außen und führt die Beschlüsse der Mitgliederversammlung aus.

3. Mitgliedschaften und Aufgabenfelder

Die VDM ist Mitglied in der Arbeitsgemeinschaft Mennonitischer Gemeinden in Deutschland (AMG) K. d. ö. R., über die AMG auch in der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland (ACK) und in der Vereinigung evangelischer Freikirchen (VEF) seit 1982.

Sie ist Gründungsmitglied des Ökumenischen Rates der Kirchen (Amsterdam 1948), der seinen Sitz in Genf hat (→ Ökumenische Bewegung).

Die Vereinigung soll die gemeinsamen Belange der in ihr zusammengeschlossenen Mennonitengemeinden wahren und vertreten. Sie vertritt diese nach außen gegenüber staatlichen und kirchlichen Stellen. Sie fördert die Verkündigung des Evangeliums innerhalb der Mitgliedsgemeinden, aber auch nach außen, und stärkt das Gemeinschaftsgefühl u. a. durch unterschiedliche Veranstaltungen, Jugend-, Missions- und Friedensarbeit, ökumenisches Engagement und theologische Aus- und Fortbildung.

(1) Jugendarbeit - roter Faden der VDM

Seit 1969 stellen die Gemeinden der Vereinigung überregional Jugendreferenten und -referentinnen oder Jugendpastoren und -pastorinnen an. Die Mennonitische Jugend Norddeutschland (MJN) wurde gegründet und die Jugendarbeit zu einer Hauptaufgabe der VDM. Ihr ist das Zusammenspiel von Gemeinden und Jugendarbeit genauso wichtig, wie die inhaltliche und finanzielle Unterstützung durch zwei Freundeskreise, die 1969 und 2008 gegründet wurden (→Mennonitische Jugendarbeit).

(2) Friedensarbeit - Wesen der VDM

Gemeinden haben nach dem Zweiten Weltkrieg (1949) ihr täuferisch-mennonitisches Erbe neu bedacht und sind mit der Thomashöfer Entschließung (1949) erste Schritte zur Neubelebung des Friedensverständnisses gegangen. Fortgesetzt wurde dieser Weg mit der Weierhöfer Erklärung (1985), in der zum Ausdruck gebracht wird, dass die Gemeinden der Erziehung zum Frieden und zur Gerechtigkeit in Verkündigung, Taufunterricht und Praxis einen hohen Stellenwert beimessen. Die vom Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK) ausgerufene Dekade zur Überwindung von Gewalt. Kirchen für Frieden und Versöhnung - 2001-2010 veranlasste die VDM, das Mennonitische Friedenszentrum Berlin, das am 1. Januar 2005 gegründet wurde, einzusetzen, um die Gemeinden zu ermutigen, ihr friedenstheologisches Profil zu schärfen und Kooperationen auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene zu suchen. Am 5. Dezember 2009 wurde eine umfassende Friedenserklärung einstimmig in Hannover verabschiedet, die in einem zweijährigen Prozess in allen VDM-Gemeinden und auch VDM-Teilmitgliedsgemeinden erarbeitet worden war. Diese Erklärung Richte unsere Füße auf den Weg des Friedens wurde national und international rezipiert und kam in Zusammenarbeit mit der Brethren in Christ Church auch in Simbabwe zur Anwendung.

In Fragen des Friedens und der Gerechtigkeit arbeitet die VDM mit dem Deutschen Mennonitischen Friedenskomitee (DMFK), Church and Peace, den Christian Peacemaker Teams (CPT), dem VEF-Beauftragten am Sitz der Bundesregierung und den Friedensabteilungen des Ökumenischen Rates der Kirchen und der evangelischen Landeskirchen zusammen (→Mennonitische Friedensarbeit). Das Missionsverständnis, das gemeinsam erarbeitet und 1998 verabschiedet wurde, ergibt sich aus der theologischen Prämisse, Friedenskirche zu sein. Der missionarische Auftrag der Friedenskirche kann nicht in Abgrenzung zu anderen Kirchen oder gegen sie wahrgenommen werden, sondern nur im Dialog mit ihnen (→Mennonitische Missionsarbeit).

(3) Ökumene - Identitätsmerkmal der VDM

Die VDM gehört sowohl zu den Gründungsmitgliedern des Ökumenischen Rates der Kirchen als auch der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland (seit 1948). Seither hat sie sich an wichtigen Studien, Aktionen und Beratungen des ÖRK wie der ACK beteiligt. Vor Ort pflegen heute alle VDM-Gemeinden lebendige Kontakte zu anderen Konfessionen, sei es durch Mitgestaltung der lokalen Arbeitsgemeinschaften, die gemeinsame Nutzung von Gemeinderäumen oder regelmäßige ökumenische Begegnungen und Aktionen wie dem Weltgebetstag. Mit der Vereinigten Lutherischen Kirche Deutschland (VELKD) begannen 1989 wichtige theologische Kontaktgespräche, in denen die Verwerfungen der täuferischen Vorfahren durch die Confessio Augustana (Artikel 9 und 16) gemeinsam aufgearbeitet wurden und nach Gesten der Versöhnung zu einer gegenseitigen eucharistischen Gastbereitschaft führten (→ Ökumenische Bewegung).

(4) Theologische Aus- und Fortbildung - Anliegen seit über 130 Jahren

Theologische Aus- und Fortbildung in mennonitischer Geschichte und Predigtlehre ist seit der Gründung der VDM ein wichtiges Anliegen. Die ursprünglichen Absichten, die Ausbildung von Theologen und Predigern zu organisieren, waren bereits früh gescheitert. Gewöhnlich wird der Predigernachwuchs seither entweder an theologischen Fakultäten oder Seminaren ausgebildet und der Akzent auf die Förderung von Theologiestudierenden gelegt (u. a. durch Vergabe von Stipendien). Bereits bei Gründung der VDM (1886) wurde ein Vorstandsmitglied zur Aufsicht über den Studiengang der Stipendiaten bestimmt. Die Aufgabe, das Studium des Nachwuchses zu begleiten, wurde in den 1960er Jahren wieder aufgenommen. In den 1980er und 1990er Jahren fanden Seminare im zweijährigen Rhythmus mit den Studierenden der Niederlande statt. Aufgrund mangelnden Nachwuchses gab es Anfang 2000 eine Lücke. Seit 2006 finden jährlich wieder Treffen mit deutschen, aber auch einigen schweizerischen und niederländischen Theologiestudierenden statt. Schwerpunkt der Treffen ist die Auseinandersetzung mit mennonitischer Theologie. Die Treffen sind für Teilnehmende aller Konfessionen offen. Außerdem gibt es Angebote, die sich an Laien richten. Prägend war der Laienpredigerkurs, der 1984 von Pastor Peter J. Foth (Hamburg) ins Leben gerufen wurde und 25 Jahre Bestand hatte. Nach einer zehnjährigen Unterbrechung hat die VDM 2016 wieder Schulungen und Seminare aufgenommen, die Laien für den Predigtdienst ausrüsten.

2006 wurde im Fachbereich Evangelische Theologie der Universität Hamburg die Arbeitsstelle „Theologie der Friedenskirchen“ ins Leben gerufen. Hier wurde zum ersten Mal ein Ort und eine Stiftungsdozentur für eine friedenskirchliche Theologie an einer bestehenden theologischen Fakultät einer deutschsprachigen Universität eingerichtet und die Dozentur mit Professor Dr. Fernando Enns besetzt. Die Aufgabe dieser Arbeitsstelle besteht schwerpunktmäßig in der systematisch-theologischen Erforschung, Durchdringung und Weiterentwicklung einer Theologie der Friedenskirchen im weitesten Sinne. Sie untersucht diese im Kontext ökumenischer Theologie und Interreligiöser Fragestellungen. In der Lehre werden Inhalte dieses Forschungsbereichs im größeren Zusammenhang der Systematischen Theologie vermittelt.

(5) Veröffentlichungen

Ein Anlass zur Gründung der VDM (1886) war die „Förderung von Schriften, die für die Vergangenheit unserer Gemeinden von Bedeutung sind“ (Heinold Fast, Vereinigung, S. 17). Diese Bemühungen wurden bald auch auf ein Schrifttum ausgeweitet, das die theologische Orientierung der Gemeinden in Gegenwart und Zukunft fördert (→Zeitschriften).

Auch unterstützte die Vereinigung monographische Veröffentlichungen zur Geschichte und Theologie der Mennoniten. Wichtig war die über Jahrzehnte andauernde Herausgabe des Mennonitischen Lexikons in vier Bänden (1913 bis 1967). Seit 2010 entsteht eine Online-Revision und Ergänzung, die von Hans-Jürgen Goertz herausgegeben wird: unter www.mennlex.de .

Auch sieht sich die VDM verantwortlich, immer wieder Stellungnahmen zu Texten aus dem ÖRK zu erstellen. So entstand eine Antwort auf die sogenannte Lima-Erklärung zu Taufe, Eucharistie und Amt (1982) ebenso eine Stellungnahme zu Aufgabe und Auftrag der Kirche (2005) des Ökumenischen Rates der Kirchen (→Taufe III). Mit den Gemeinden und ihren Delegierten wurden in den letzten Jahren zwei Stellungnahmen erarbeitet und veröffentlicht: Das Missionsverständnis der VDM und das Friedenszeugnis der VDM (s. Quellen und Literatur). Beteiligt ist die VDM an der Erarbeitung und Herausgabe des aktuellen Mennonitischen Gesangbuches (2004, 2. Aufl. 2015).

Quellen und Literatur

Erich Göttner, Bericht über die Tätigkeit der Vereinigung der Mennoniten-Gemeinden im Deutschen Reich für die Jahre 1919 - 1932, hg. von der VDM 1932. - Heinold Fast, Die Vereinigung der Deutschen Mennonitengemeinden 1886-1961 (Festschrift), Weierhof (Pfalz) 1961. - Ders.: Zweckverband oder Glaubensgemeinschaft, in: Mennonitisches Jahrbuch, Karlsruhe 1986, S. 17-21. - Gerhard Hildebrandt: Die Vereinigung der Deutschen Mennonitengemeinden, in: Mennonitisches Jahrbuch, Karlsruhe 1986, S.23-29. - Eucharistische Gastbereitschaft in: Texte aus der VELKD 67/1996, Hannover 1996. - „Richte unsere Füße auf den Weg des Friedens“ - Erklärung der VDM zum gerechten Frieden, hg. von der VDM, Hannover 2009. - Auf dem Weg - 125 Jahre Vereinigung der Deutschen Mennonitengemeinden“, hg. von der VDM, Krefeld 2011. - Zum Missionsverständnis der VDM: http://www.mennoniten.de/fileadmin/downloads/Missionsverstaendnis_der_VdM.pdf

Die VDM auf den Internet-Seiten der AMG: http://www.mennoniten.de/vereinigung.html

Corinna Schmidt

 
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