Gronau, Westfalen

1. Gründung

Die Mennonitengemeinde Gronau ist im Vergleich zu den anderen nordwestdeutschen Gemeinden eine junge Gemeinde. Ihre Geschichte begann erst in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts. Zunächst wurden gelegentlich Gottesdienste im Haus des Textilfabrikanten Mathieu van Delden gehalten. Unterstützt wurden die Bemühungen zur Gründung einer Gemeinde in Gronau von der Doopsgezinde gemeente in Enschede (Niederlande). Am 7. November 1888 wurde die Gemeindegründung vollzogen - unter dem Namen „Vereinigung der Mennoniten des Kreises Ahaus zwecks Abhaltung gelegentlicher Andachtsübungen in Gronau/W.“ Dreiundzwanzig Menschen aus sechs Familien unterzeichneten die Gründungsurkunde. Vier Gottesdienste im Jahr, die Kostenverteilung und die Bildung eines Vorstands sind Gegenstand der Vereinbarung. Korporationsrechte wurden beantragt.

2. Satzung und Gemeindeleben

Mit Unterstützung aus Enschede, vor allem durch den dortigen Prediger Reinier Wybrands, entwickelte sich ein Gemeindeleben. Mennonitische Einwohner der Grenzorte Losser und Glanerbrug orientierten sich nach Gronau. Auch der Taufunterricht wurde im Haus M. van Deldens gehalten, die Zahl der Gottesdienste nahm zu. Die Kirchensprache war niederländisch. Dann stellte Mathieu van Delden Geld und ein Grundstück für den Bau einer Kirche zur Verfügung. 1898 hatte die Gemeinde fünzig Mitglieder, und es wurde Taufunterricht für dreißig Jugendliche durchgeführt, die Zahl der Gottesdienste stieg auf zehn Versammlungen im Jahr an. Außerdem beschloss die Gemeinde, die in dieser Zeit von dem Prediger P. B. Westerdijk betreut wurde, nun den Bau einer Kirche. 1899 beschloss die Gemeinde eine Satzung mit zwei markanten Regelungen: erstens, dass Frauen nicht in den Kirchenrat gewählt werden können, (für Angelegenheiten, die nicht das Vermögens der Gemeinde betreffen, wurden aber zwei Frauen mit Stimmrecht in einen erweiterten Kirchenrat gewählt); und zweitens gibt die Gemeinde den Grundsatz der →Wehrlosigkeit auf, wie es damals auch andere Mennonitengemeinden taten. Von der Königlichen Kabinetsordre, die am 3. März 1868 erlassen worden war, könne aber Gebrauch gemacht werden, d. h. Erfüllung der Dienstpflicht als Krankenpfleger im Heer, aber Freistellung von der Ausbildung an der Waffe.

Am 24. Juli 1904 war der Bau der Kirche abgeschlossen. Mathieu van Delden, der das Unternehmen angestoßen hatte, erlebte diesen Tag nicht mehr. Die enge Beziehung mit Enschede dauerte bis kurz nach dem Ersten Weltkrieg. Allerdings hatte es erste Unstimmigkeiten schon 1911 bei der Berufung des Nachfolgers von Pastor Westerdijk gegeben. Gronau hatte andere Vorstellungen als Enschede, besaß aber kein Stimmrecht und kam mit seinem eigenen Kandidaten nicht zum Zuge. Der Krieg führte zu Spannungen auch im früher offenen Grenzbereich. Die Gemeinsamkeiten, vor allem auch in der Sprache, nahmen ab. In Gronau war der Wunsch nach deutscher Sprache im Gottesdienst stark geworden. Der Grenzverkehr verkomplizierte sich, so dass Mennoniten aus Losser und Glanerbrug nicht mehr zum Gottesdienst nach Gronau kamen. Darüber hinaus erschwerten finanzielle Schwierigkeiten die Situation der Gemeinde in der Zeit der Inflation. Eine große Rolle spielte auch der Zuzug von aus der jungen Sowjetunion geflüchteten Mennoniten, die Deutsch sprachen. Die Situation der Gemeinde hatte sich stark verändert.

1921 tat sich eine andere Möglichkeit der pastoralen Versorgung auf. Die Mennonitengemeinde Emden bat um eine gemeinsame Anstellung von Pastor Abraham →Fast. Nach einigen Verhandlungen beendete die Gemeinde 1922 die Zusammenarbeit mit der Gemeinde in Enschede und schloss sich mit der Emder Gemeinde zur Konferenz der nordwestdeutschen Gemeinden zusammen. Die geistliche Versorgung beider Gemeinden wurde gemeinsam getragen.

In dieser Zeit kamen etwa 70 russländische mennonitische Familien auf Vermittlung von Abraham Fast, der selbst aus der Gemeinde Blumstein in der Ukraine stammte, nach Gronau. Ein Teil die Emigranten fand Arbeit in der Textilindustrie der Familien van Delden vor Ort, der größere Teil wanderte nach Kanada oder bald auch nach Paraguay weiter. In dieser Zeit gab es bereits eine enge Verbindung zum →Mennonite Central Comittee, vor allem gegen Ende des Zweiten Weltkriegs hatte die Gemeinde Gronau „eine historische Aufgabe“ zu bewältigen. Über 5000 mennonitische Flüchtlinge aus Osteuropa wanderten über ein vom MCC eingerichtetes Lager in Gronau weiter nach Übersee. Zwischen 1947 und 1950 lebten zeitweise bis zu 1000 Menschen in diesem Lager. Hilfe kam auch aus den Niederlanden, was nach den Verletzungen des Krieges nicht selbstverständlich war. Im Lager wurde eine eigene Schule eingerichtet, und viele Männer fanden Arbeit in den damals wieder aufstrebenden van Deldenschen Textilbetrieben. 1952 wurde das Lager geschlossen.

Die 1904 erbaute Kirche der Mennonitengemeinde wurde am 20. März 1945 zerstört. Gestühl und Orgel blieben erhalten. Eine neue Kirche wurde auf dem Grundriss der alten gebaut und 1950 in Gebrauch genommen.

3. Schwerpunkte der Gemeindearbeit

Nach dem Krieg stand die Begleitung der vielen Flüchtlinge im Mittelpunkt des Gemeindelebens, dann der Wiederaufbau der Kirche. Nach dem Wechsel in der Predigerstelle, von Abraham Fast zu seinem Sohn Dr. Heinold →Fast, und der Konsolidierung der Konferenzgemeinschaft, entwickelten sich andere Schwerpunkte. Heinold Fast war neben seiner Gemeindearbeit vor allem in der Täuferforschung und der Ökumene sowie Friedensarbeit tätig. Die Friedensarbeit, auch über die Mitgliedschaft im →Mennonitischen Friedenszentrum Berlin, ist bis heute ein wichtiges Arbeitsfeld der Gemeinde, das sie über ihr starkes ökumenisches Engagement in Gronau auch zu den anderen Kirchen und Konfessionen weiterträgt. Sie ist Mitglied der „Oase“, einem ökumenischen Zusammenschluss christlicher Gemeinden auf beiden Seiten der Grenze.

Bis heute ist in der Gemeinde die Prägung durch die Textilindustrie zu spüren. Der Zusammenbruch der Familienbetriebe im Zuge der weltweiten Krise der Textilindustrie Anfang der 1980er Jahre hinterließ in Gemeinde und Stadt tiefe Spuren. Die Gemeinde hat heute fünfzig Mitglieder und gehört seit 1923, mit öffentlichen Korporationsrechten ausgestattet, zur Konferenz der nordwestdeutschen Mennonitengemeinden.

Auswahlbiografie

 
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