Norden (Ostfriesland)

1. Entstehung

1556 werden in Norden erstmals Täufer erwähnt. In der Ludgerikirche fand ein theologisches Streitgespräch zwischen dem reformierten Pastor Marten Micron und dem Täufer Adolph Spegelmaker statt. Die Reformierten hatten dazu aufgefordert, um vor allem die Themen Taufe und Menschwerdung Christi zu diskutieren. Es ist aber anzunehmen, dass spätestens 1540 Täufer in der Stadt waren. So finden sich Hinweise auf ein Gespräch zwischen dem Täufer Dirk Philips und dem lutherischen Prediger Joachim Kükenbieter (Nossiophagus), das 1537 in Norden stattgefunden hat. Wie in anderen ostfriesischen Mennonitengemeinden fanden sich hier geflüchtete Täufer zusammen; und wie andernorts waren sie bald in der Lage, sich mit Schutzbriefen Rechte zu kaufen. Es war weniger die religiöse Toleranz der Landesherren, die den Mennoniten zugutekam, als deren Geldnöte. Schutzbriefe mussten daher auch immer wieder neu gekauft werden.

2. Spaltung und Wiedervereinigung

Wie andere Mennonitengemeinden blieb auch die in Norden von Spaltungen nicht verschont. 1647 entstand mit dem Auftreten von Uko Walles eine zweite mennonitische Gemeinde. Ihre Mitglieder nannten sich Alt-Fläminger oder auch Ukowallisten. Die bisherige Gemeinde bezeichnete sich nun als Waterländer (→Niederlande). Erst am 12. April 1780, nach jahrzehntelangen Verhandlungen und mehrfachem Scheitern, vereinigten sich die beiden getrennten Gemeinden wieder zur Mennonitengemeinde Norden. 1795 erwarb die vereinigte Mennonitengemeinde ein Haus am Norder Marktplatz und baute den Profanbau zu Kirche und Pastorenwohnung um. 1797 wurde die Kirche in Gebrauch genommen. Bis heute ist dieses (später erweiterte) Haus das Gemeindezentrum der Norder Mennoniten. Der Kauf des Hauses an diesem besonderen Platz wirft auch ein bezeichnendes Licht auf die Bestrebungen der Norder Mennoniten, die ihre Stellung in der Stadt und das Streben nach vollständiger Gleichberechtigung verdeutlichen. Alte Karten zeigen, dass die Mennoniten um den Markt herum zahlreiche Häuser besaßen und bewohnten. Dies bezeugt die Wohlhabenheit vieler Gemeindeglieder. Die Gemeinde unterhielt auch am Markt ein Armen- oder Gasthaus, ebenso wird schon vor Mitte des 17. Jahrhunderts ein Gemeinde- oder Witwenhaus erwähnt.

Die Norder Pastoren kamen bis Ende des 19. Jahrhunderts fast alle aus den Niederlanden. Solange war Niederländisch die Kirchensprache in der Gemeinde. Einige wenige Daten aus der Geschichte weisen auf die theologischen Wurzeln der Mennoniten und ihre Geschichte hin. 1813 wird mit →Emden und →Leer über die Befreiung vom Militärdienst verhandelt. 1848 begann zusammen mit Emden und Leer der Versuch, die vollen politischen und bürgerlichen Rechte zu erlangen. 1859 wurde das Korporationsrecht angestrebt (Anerkennung als Körperschaft des öffentlichen Rechts), die 1863 vom Kultusministerium Hannover gewährt wurde. Jahrzehnte später stellte sich allerdings heraus, dass das Ministerium nicht befugt war, diese Rechte zu vergeben.

3. Gleichklang mit den Gemeinden in Emden, Leer und Gronau

Ab 1875 wurden die Gemeindeprotokolle in deutscher Sprache geführt. 1877 trat die Gemeinde der Societeit der Doopsgezinde Gemeenten in der Provinz Groningen bei. 1885 wurde die Predigt zum ersten Mal in deutscher Sprache gehalten und 1954 die Gleichstellung der Frauen in der Gemeinde beschlossen, die seit den vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts zur Konferenz der nordwestdeutschen Gemeinden gehört (→Emden und die Konferenz der nordwestdeutschen Gemeinden) und von Emden aus betreut wird. Auch hier hat die undogmatische, freigeistige Verkündigung, die Abraham →Fast an der Literatur der deutschen Klassik orientierte, einen nachhaltigen Einfluss hinterlassen. Inzwischen ist die Gemeinde mit gerade noch 41 Gemeindegliedern sehr klein geworden. Dennoch ist sie im ökumenischen Miteinander in der Stadt aktiv und engagiert sich in der Arbeit des →Mennonitischen Friedenszentrums Berlin − beides Impulse, die auf ihren Pastor Heinold →Fast zurückgehen.

Auswahlbiografie

 
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