Wirtschaft (Wissenschaft und Ethos)

1. Definition

Wirtschaftswissenschaft ist als der Versuch definiert worden, sich darüber Rechenschaft abzulegen, welche Entscheidungen Menschen treffen, wenn sie knappe Produktionsmittel mit alternativen Möglichkeiten ihres Gebrauchs einsetzen, um erwartete Ergebnisse erzielen zu können“ (Paul A. Samuelson, Economics, S. 13).  Als Verbraucher entscheiden sie darüber, was sie konsumieren wollen, während der Handel darüber entscheidet, wie solchen Interessen am besten durch Produktion und Dienstleistung gedient wird. Wirtschaftswissenschaftler untersuchen das Verhalten der Verbraucher und der Produzenten, um mit ihren Erkenntnismitteln herauszufinden, wie sich die Gesellschaft wirtschaftlich erhält. Während zahlreiche Wissenschaftler ihre Bemühungen auf die Vorstellungswelt der freien „Entscheidung“ einschränken, setzen andere die Realität der Macht in Rechnung, die große Organisationen, Institutionen und Regierungen ausüben, um die Ergebnisse der Wirtschaft zu manipulieren oder zu erzwingen (John Kenneth Galbraith, Economics and Public Purpose, S. 1-5).

2. Die wirtschaftliche Erfahrung der Täufer und Mennoniten

Die Täufer haben bereits im Aufbruch des 16. Jahrhunderts den Akzent ihrer Reformbemühungen bewusst auf den praktischen Vollzug des Glaubens gelegt und auf diese Weise auch den Bereich von Beruf und Wirtschaft in ihre Überlegungen zur Neugestaltung des gesamten Lebens einbezogen. Dabei orientierten sie sich an der Praxis der christlichen Urgemeinde in Jerusalem, wie sie in der Apostelgeschichte beschrieben wird (Apg. 2 und 4) und wie sie auf unterschiedliche Weise in den Bewegungen der Täufer gedeutet wurde (vgl. dazu die bahnbrechende Untersuchung von James M. Stayer, The German Peasants‘ War and Anabaptist Community of Goods, 1991). Im Frühjahr 1525 erklärte Felix Mantz, dass er gleich im Anschluss an die ersten Glaubenstaufen „sy witer gelert lieby und einigkeit und gemeinschafft aller dingen, wie ouch die apostel actorum am 2“ (Quellen zur Geschichte der Täufer in der Schweiz, Bd, 1, S. 49 f.). Eine schweizerische Gemeindeordnung, die mit den Sieben Artikeln der →Brüderlichen Vereinigung von Schleitheim 1527 in Umlauf war, verbot den Täufern, Eigentum zu besitzen und forderte sie auf, eine gemeinsame Kasse für bedürftige Gemeindeglieder zu errichten. In der Praxis wurde daraus eine Vorschrift, die lebensnotwendigen Güter zwischen Wohlhabenden und Bedürftigen zu teilen. Täufer, die in der Tradition Thomas Müntzers und Hans Huts standen, betonten ebenfalls die Notwendigkeit, die Güter unter den Auserwählten zu teilen, darüber hinaus aber erhofften sie sich eine vollständige Gütergemeinschaft (omnia sunt communia), die sich mit der apokalyptischen Erwartung vom Ende der Welt und der Vollendung des Reiches Gottes verband. Eine weitere Stufe der Gütergemeinschaft wurde von den täuferischen Einwanderern nach Mähren im März 1528 erreicht. Diese Täufer gaben sich eine Ordnung, die die Frömmigkeit Hans Huts mit der Schweizer Gemeindeordnung kombinierte und sich wieder auf Apg. 2 und 4 berief. „Und sollen die notdurfftigen glieder aus der gmain erhalten werden wie die christen zur zeit der Apostlen“ (Zieglschmid, Älteste Chronik, S. 133 ff.). Um 1534 praktizierten vier täuferische Gemeinschaften, die Austerlitzer Brüder, die Philipper, die Gabrieliter und die Hutterer, eine Art von Gütergemeinschaft im mährischen Austerlitz und Auspitz. Bis 1534 war die Gütergemeinschaft ein universales Ideal unter verschiedenen täuferischen Gruppen, obwohl sie die Hauswirtschaft der einzelnen Gemeindemitglieder nicht verdrängt oder die totale Gleichheit unter den Gemeindemitgliedern hergestellt hatte. Diese Situation scheint sich vor allem im Zuge des berüchtigten Regimes der Täufer in Münster zwischen Februar 1534 und Juni 1535 geändert zu haben, wo versucht wurde, die Gemeinschaft der Güter zu praktizieren und die Geldwirtschaft durch eine Tauschwirtschaft zu ersetzen - eine Kombination aus religiösem Idealismus und den Erfordernissen, die sich aus dem Widerstand gegen die Belagerungstruppen ergaben. Die Ereignisse in Münster wurden genutzt, um eine weit angelegte Verfolgung der Täufer zu rechtfertigen, besonders in Mähren. Gruppen, die sich selbst Schweizer Brüder, Austerlitzer Brüder und Hutterer nannten, überlebten die Verfolgung, doch die Schweizer und Austerlitzer Brüder gaben die Gütergemeinschaft als normative Forderung auf, wie sie mit Apg. 2 und 4 begründet worden war. Sie hatten bemerkt, dass die Praxis der Urgemeinde in Jerusalem nur eine Entwicklungsstufe im Leben der neutestamentlichen Kirche gewesen sei. Ähnlich hatten sich Menno Simons und seine Anhänger in Norddeutschland und den Niederlanden geäußert.

Nach 1535 wurde die Gütergemeinschaft nur noch von den Hutterern praktiziert. Von 1540 bis 1600 wuchs die Gemeinschaft der Hutterer von eintausend auf zwanzigtausend Mitglieder an. Die Grundlage für diese Entwicklung war intensive Missionsarbeit in Süddeutschland, der Schweiz und im nördlichen Italien. Sie entwickelten einen Konsumptions- ebenso wie einen Produktionskommunismus und spezialisierten sich im handwerklichen Gewerbe. Sie lebten auf sogenannten Bruderhöfen zusammen, führten ein religiös motiviertes Gemeinschaftsleben (vita communis) und konnten durch Arbeitsteilung in der Produktion und in der Reproduktion die Effizienz ihrer ökonomischen Produktivkraft gegenüber familiären Handwerks- bzw. Zunfbetrieben ihrer Umgebung erheblich steigern und auf diese Weise zu wirtschaftlichem Erfolg und Wohlstand gelangen. Für den Adel, der sie frei siedeln und arbeiten ließ und gegen Verfolgungsmaßnahme der habsburgischen Krone in Schutz nahm, waren sie in der Entwicklungsphase des modernen merkantilistischen bzw. kammeralistischen Kapitalismus ein ausgesprochener Gewinn. Hier haben zwei Formen des frühmodernen Kapitalismus zueinander gefunden: der Merkantilkapitalismus und ein Kapitalismus, der aus dem Geist kommunalistischer Tradition und radikalreformatorischer Bewegung entstanden war (Hans-Jürgen Goertz, Religiöser Nonkonformismus und wirtschaftlicher Erfolg, S. 350-362). Vieles von ihrer wirtschaftlichen Errungenschaft ist durch die Gegenreformation und den Dreißigjährigen Krieg zerstört worden, die zur Vertreibung der Hutterer 1622 aus Mähren und den anschließenden Wanderungen in die Slowakei, Transsylvanien, Russland und Nordamerika führten (Astrid von Schlachta, Hutterische Konfession und Tradition, 2003).

Je mehr der radikale Elan des täuferischen Aufbruchs erlahmte, um so mehr bemühten sich die Täufer, vor allem aber die Mennoniten im nördlichen Teil Europas, in den Niederlanden und an der Nord- und Ostseeküste, darum, sich nicht nur religiös, sondern auch wirtschaftlich in ihrer jeweiligen Umgebung einzurichten und zu behaupten (→Konfessionalisierung). Da die Mennoniten keine Bürgerrechte in den Städten erlangen konnten und deshalb auch nicht Zugang zu den Zünften hatten, auf dem Lande in obrigkeitlich privilegierten Gemeinden zurückgezogen lebten, sahen sie sich gezwungen, außerhalb des Zunftgewerbes und der lokalen Usancen zu wirtschaften, auf dem Lande oft als Pächter, und sich Nischen wirtschaftlicher Innovationen zu suchen und zu blühenden Wirtschaftszweigen zu entwickeln. Ein besonders spektakuläres Beispiel war die Erzeugung von Branntwein (Danziger Goldwasser, Stobbes Machandel und Doornkaat). Ein anderes Beispiel war der Schiffbau und die Handelsschifffahrt, z. B. der Walfang vor Grönland (Hamburg und Altona) oder der Deichbau und die Trockenlegung des Weichseldeltas (Karl-Heinz Ludwig, Zur Besiedlung des Weichseldeltas, 1961), die Steigerung der Ernteerträge durch Verbesserung des Bodens auf unkonventionelle Art in der Pfalz (David →Möllinger) oder die Errichtung einer Seidenmanufaktur am Niederrhein (z.B. Krefeld). Der fehlende Schutz der Zünfte und Gilden wurde durch besonderen Fleiß, aus den Niederlanden mitgebrachtes Know-How und den Zwang, in fremder Umgebung überleben zu müssen, kompensiert. Es war wohl weniger der Zusammenhang von Religiosität und Wirtschaft, wie Max Weber ihn in Protestantische Ethik und Geist des Kapitalismus beschrieb, als vielmehr die Überzeugung, den Glauben im praktischen Vollzug des Lebens zu bewähren, oder die Nötigung, in der Fremde nach Möglichkeiten zu suchen, überleben zu können (vgl. die so genannte Fremdenthese Werner Sombarts). Die wirtschaftlichen Errungenschaften der Mennoniten sind in der Forschungsliteratur unterschiedlich beurteilt worden. Im Kontext der allgemeinen historischen Entwicklung konnten sie als Beitrag zur Entstehung des modernen Kapitalismus gewertet werden (Max Weber, Werner Sombart), als Stütze des entstehenden Merkantilismus im Zeitalter des Absolutismus (z. B. Ernst W. Schepansky, diverse Forscher zur Gütergemeinschaft der Hutterer), als vormodernen Kommunismus (so die Hutterer bei Robert W. Scribner) oder als eigene Form des frühneuzeitlichen Kapitalismus aus dem Geist des Kommunalismus (so die Hutterer bei Hans-Jürgen Goertz) oder als protoindustrielle Wirtschaftsform aus einer eigenen „mennonitischen Sozialgestalt“ entwickelt (so die Krefelder Seidenmanufaktur bei Peter Kriedte).

Tendenziell lebten die meisten Mennoniten einst in landwirtschaftlich orientierten Gemeinden abseits der städtischen Bevölkerung. Ihnen war das Wirtschaftsleben auf lokaler Ebene vertraut, wie es vom Kleinhandel, Dienstleistungsbetrieben und handwerklichem Gewerbe bestimmt war. Seit den 1980er Jahren haben sich die Einflüsse der globalen wirtschaftlichen Integration und der großen Märkte im Gefolge des entstandenen freien Handels und der neuen Möglichkeiten der Geldanlage in vielen westlichen Ländern sowie nach dem Fall des Eisernen Vorhangs zwischen Ost und West in Europa weltweit ausgebreitet. Das hat Mauern geographischer Trennungen niedergebrochen und selbst die ländlich entlegensten mennonitischen Gemeinschaften in die neue wirtschaftliche Wirklichkeit hineingezogen, die zunehmend von den Kräften des globalen Marktsystems bestimmt und beherrscht wird. Sogar solche mennonitischen Gruppen wie die →Amischen, wo starke Gemeinschaftsbindungen für eine Art wirtschaftlicher Stabilität und Sicherheit sorgen, sind bis zu einem gewissen Grade gezwungen worden, ihre wirtschaftlichen Strategien als Antwort auf die neuen wirtschaftlichen Faktoren auszurichten.

Wie die Ölförderung im Mittleren Osten das Erstarken des institutionalisierten Islam heute beschleunigt hat, könnte die erfolgreiche Entwicklung der mennonitischen Institutionen in Europa und besonders in Nordamerika in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg auch teilweise von den herrschenden Positionen ihrer nationalen wirtschaftlichen Umgebung zu ihrer Zeit beschleunigt worden sein. Ebenso muss auch die Verbindung zwischen der nationalen wirtschaftlichen Erfahrung der Mennoniten und dem Wachstum wie der Entwicklung (oder in einigen Fällen auch dem Zerfall) ihrer bestehenden Kirchen und kirchlichen Einrichtungen erkannt werden (James M. Harder, Church-Related Institutions, S. 377- 394).

3. Die mennonitische Beschäftigung mit wirtschaftlichen Fragen

Sofern Mennoniten diese Zeiten der globalen wirtschaftlichen Integration und die immer stärker werdenden Kräfte des Marktes, wie sie sich auf ihr Leben auswirkten, zu spüren bekamen, ist es nicht nur akzeptiert worden, über Wirtschaft im Rahmen der Gemeinden zu diskutieren, sondern eine wachsende Zahl von Gemeindemitgliedern glaubt auch, dass über wirtschaftliche Fragen unbedingt diskutiert werden sollte, wenn die Kirche ihrer Berufung weiterhin treu bleiben will (James M. Harder, The ‚Anabaptist School‘ of Economics, S. 129).

Darüber hinaus ist der Wechsel des thematischen Aspektes, über den diskutiert wird, von einigen beobachtet worden. In der Vergangenheit richteten die Mennoniten ihr Augenmerk besonders auf Fragen, die sich mit der Verantwortung des Einzelnen im Umgang mit Geld und Beruf befassten: Können Christen reich sein? Inwiefern kann ihnen persönlicher Reichtum anvertraut werden? Können „gute“ Christen eine Karriere in der Welt der Wirtschaft anstreben und darin erfolgreich sein? (Carl Kreider, The Christian Entrepreneur, 1980). Neuerdings fügt sich ein weiteres Anliegen hinzu: Es wird nämlich über die kollektive Verantwortung in Bezug auf die systemischen Kräfte diskutiert, die in der globalen Wirtschaft wirksam sind, wo mehr und mehr Aspekte des Lebens unter die Entscheidungslogik der Marktmechanismen geraten sind (James M. Harder, The ‚Anabaptist School‘ of Economics, S. 135 f.).

Wie anderswo dokumentiert wurde, hängen Mennoniten in Europa, Nordamerika und sonst in der Welt nicht ein und derselben politischen Überzeugung an (J. Howard Kaufman und Leo Driedger, The Mennonite Mosaic, Identity and Modernization, 1991). In Anbetracht der ideologischen Grundlage wichtiger Teile der Wirtschaftspolitik legt sich vielmehr der Gedanke nahe, dass Mennoniten (und andere christliche Gruppen auch) aus verschiedenen Perspektiven wirtschaftliche Themen in Augenschein nehmen. Craig M. Gay hat diese Vielfalt der Perspektiven unter evangelikalen Christen beschrieben. Er bemerkt zwar, dass alle darin übereinstimmen, „dass Unterdrückung und Ausbeutung vom Übel sind, dass Gerechtigkeit das Ziel sozialer und wirtschaftlicher Politik sein sollte, dass die Freiheit es wert ist, bewahrt zu werden, und die Probleme der Armut gelöst werden sollten“. Er beobachtet aber auch, dass Meinungsverschiedenheiten darüber bestehen, ob das kapitalistische Marktsystem „die Verwirklichung der Normen und Werte, die unter ihnen allgemein gelten, fördert oder verhindert (Craig M. Gay, With Liberty and Justice for Whom?, S. 166).

Diejenigen, die sich der religiösen Linken zurechnen, darunter auch einige Mennoniten, machen den Kapitalismus für viele wirtschaftliche, politische, kulturelle und ökologische Missstände verantwortlich, wie sie in der modernen Welt beobachtet werden können. Dementsprechend sind die Linken kritisch gegenüber den Kräften eingestellt, die sich als Kern des kapitalistischen Problems erweisen: die Förderung individueller Gier, verschwenderischer wirtschaftlicher Überfluss in den Händen weniger und geistige Unterernährung. Im Vergleich dazu sehen diejenigen, die religiös rechts stehen, darunter auch Mennoniten, den Kapitalismus als eine effektive Methode an, Reichtum anzuhäufen, der genutzt werden könne, um die Welt und das Leben der Menschen zu verbessern. Darüber hinaus meinen sie, dass der Kapitalismus jetzt schon ungeahnte Möglichkeiten wirtschaftlichen Fortschritts für alle Klassen eröffnet habe. Unmoralisches Verhalten auf dem Markt, meinen sie, habe seinen Ursprung in der Sündhaftigkeit der Menschen, die im Marktgeschehen aktiv sind, nicht aber im kapitalistischen System selbst (James M. Harder, The ‚Anabaptist School‘ of Economics, S. 135).

4. Analyse der weltwirtschaftlichen Situation

Angesichts der nahezu universalen Lebenserfahrung der Mennoniten unter den Kräften des herrschenden globalen Marktsystems soll dieses System jetzt noch detaillierter beschrieben und dann gefragt werden, wie mennonitische Theologie darauf antworten könnte. Es ist unumstritten, dass eine unterschiedliche nationale Regierungspolitik einige Variationen hervorbringt, wie Mennoniten in verschiedenen Ländern das ganze Gewicht des Marktkapitalismus jeweils anders erfahren - beispielsweise im Hinblick auf die Rolle der Regierung im Gesundheitswesen und andere Aspekte der sozialen Sicherheit und der Arbeitsmarktpolitik. Allerdings sind keine Mennoniten in irgendeinem Land dagegen immun, in irgendeiner Weise mit der ansteigenden Flut des globalen Systems freier Marktwirtschaft zu tun haben zu müssen.

Die klassische Beschreibung des freien Handelskapitalismus geht auf Adam Smiths Wealth of the Nations (1776) zurück. Smith nahm an, dass Märkte von zahlreichen Unternehmen bedient werden, von denen jedes nur einen kleinen Anteil an dem Gesamtprodukt hat. Alle Unternehmen sind einem Preis des Marktes unterworfen, der von niemandem kontrolliert wird. Ein möglicher Missbrauch der Arbeiter oder Verbraucher durch gewissenlose Geschäftsleute wurde durch das System des Wettbewerbs in Schach gehalten, das den einzelnen Verbrauchern oder Arbeitern alternative Wahlmöglichkeiten gewährt. Einzelne, die ihr Einkommen aus ihren eigenen Aktivitäten in der Produktion beziehen, bringen ihre Bedürfnisse durch die Art und Weise zum Ausdruck, wie sie dieses Einkommen auf die verschiedenen Güter und Dienstleistungen verteilen, die für sie auf dem Markt zur Verfügung stehen. Das beeinflusst die Nachfrage und das Angebot, sofern die Preise für die Produkte nach oben oder nach unten getrieben werden. Der Markt urteilt nicht darüber, ob die Bedürfnisse des Einzelnen gut oder schlecht sind. Der Produzent ist nur auf Profit aus. Die Produzenten können die Produktion nur ausweiten oder einschränken je nach den Bedürfnissen der Verbraucher. Andere können in das Geschäft eintreten oder es aufgeben, um sicherzugehen, dass die Produktion letztlich dem individuellen Verbraucher zur Verfügung steht, und um nicht auszuschließen, dass im System der Marktwirtschaft das meiste, was die Leute wollen, auch geliefert wird. Wirtschaftliches Wachstum und Innovation werden über die Zeiten sicher gestellt, wenn Veränderungen in den technischen Produktionsbedingungen die Kosten senken und die Grenze des Profits für den Erzeuger wachsen lassen (John Kenneth Galbraith, Economics and Public Purpose, S. 3-12). Kein anderes Wirtschaftsystem ist in der Geschichte so produktiv gewesen, was entstehenden Wachstum und die Schaffung von totalem Reichtum anbetrifft, als das kapitalistische Wirtschaftssystem.

Im Gegensatz zu dieser idealisierten Version des Kapitalismus stehen viele Abweichungen, wie sie in der realen Wirtschaft des Weltmarktes zu beobachten sind. Immer weniger Erzeugermärkte werden von sehr vielen Unternehmen bedient, es kommt vielmehr zu einer Konzentration der Unternehmen. Vorteile von Größe und Ausmaß sowohl in der Effektivität der Produktion als auch der Werbung und die Erfindung der beschränkten Haftung von Unternehmen mit mehreren Gesellschaftern haben eine kleinere Zahl globaler Riesen nicht mehr angehalten, sich dem gesunden System des Wettbewerbs zu unterwerfen, das den Missbrauch verhindert, wie Smith es sich vorstellte. Das macht es den einzelnen Arbeitern oder kleinen, lokal kontrollierten Unternehmen in einigen Industriebereichen so gut wie unmöglich zu überleben. Einige Unternehmen sind so groß geworden, dass sie ihrerseits die politischen oder regulierenden Prozesse beeinflussen und Zugang zu den öffentlichen Ressourcen für sich selbst mit Hilfe ihrer korporativen Macht gewinnen können, was nicht notwendigerweise im besten Interesse der Gesellschaft geschieht.

Während Smith vorsah, dass Verbraucher und Erzeuger miteinander als Mitglieder derselben lokalen Gemeinden verbunden sein sollten, bedeutet die Kontrolle der wirtschaftlichen Aktivität über lange Strecken hin in der globalen Wirtschaft, dass die wichtigeren Entscheidungen für die Produktion oft nicht mehr von den Leuten gefällt werden, die jemals die Bedeutung solcher Entscheidungen sehen oder erfahren werden. Einige meinen erkennen zu können, dass die Verbraucher selbst in dem System nicht mehr „souverän“ sind; ausgetüftelte Marktstrategien gestalten das Verbraucherverhalten zugunsten des Nutzens und der Absichten der Unternehmen eher, als die Gesellschaft es zu tun vermag (z. B. indem sie den Verkauf von Alkohol, Tabakwaren oder statusrelevante Produkte hochtreiben). Andere haben die Aufmerksamkeit auf die Umwelt zerstörende Bedeutung eines wachstumsorientierten Wirtschaftssystems gelenkt, dessen treibende Kräfte kontinuierlich steigende Profite und die nie endende Expansion wirtschaftlicher Aktivität verlangen - in einer Welt mit begrenzten natürlichen Ressourcen. Schließlich wächst die Einsicht, dass Nationen mit Märkten, die das höchste Maß an Freiheit aufweisen, auch die größte wirtschaftliche Ungleichheit in ihrer Bevölkerung hervorbringen, da Einkommen, Reichtum und die Kontrolle der Wirtschaft im Laufe der Zeit in immer weniger Händen konzentriert wird.

5. Mennonitische Antworten auf das globale Marktsystem

Die Auseinandersetzungen um das gegenwärtige globale Wirtschaftssystem sehen selten eine gangbare, nicht am Markt ausgerichtete Alternative vor. Vielmehr schließen die Themen der Auseinandersetzungen die regulierende Rolle des Staates ein, einige Typen der Marktaktivität einzuschränken oder stärkere Sicherheitsnetze für den Markterfolg zu errichten. Der Historiker Arnold Snyder hat gemeint, dass die frühen Täufer sich „nicht hätten wiedergeborene und erneuerte Christen, in den einen Leib Christi getauft, vorstellen können, die sich eines notleidenden Glaubensgenossen in der Gemeinde annähmen, solange sie selber noch an Überfluss und Reichtum hängen würden“ (Arnold Snyder, Anabaptist Spirituality and Economics, S. 7). Während diese Beobachtung heute noch auf viele mennonitische Gemeinden zutreffen mag, herrscht wohl doch mehr Uneinigkeit unter den Mennoniten darüber, wie am besten der Not derer, die außerhalb der Kirche leben, zu begegnen sei. Mennoniten, die persönlich andere soziale und wirtschaftliche Situationen erlebt haben als ihre eigenen, bereichern oft die gemeindlichen Diskussionen über wirtschaftliche Probleme mit wertvollen Einsichten. Oft sind sie zu solchen Einsichten in der Missions- und Hilfswerksarbeit in Ländern des globalen Südens oder in Gegenden mit geringerem Einkommen der Bevölkerung in ihren eigenen Ländern gekommen, wohin sie von Organisationen wie dem Mennonite Central Committee (MCC), Mennonite Economic Development Associates (MEDA) oder ihren nationalen Missions- und Hilfsorganisationen entsandt worden sind.

Der mennonitische Wirtschaftswissenschaftler James Halteman hat beobachtet, „dass der Marktkapitalismus zwar Güter und Dienstleistungen in erstaunlicher Qualität hervorbringen, aber nicht für Gemeinden einstehen kann, Körper und Geist erhalten“ (James Halteman, The Clashing Worlds of Economics, S. 11). Dieser Kapitalismus nährt und belohnt die Instinkte des Individualismus, während er Gespräche über die Grenzen des Materialismus und ein gemeindliches Ethos gegenseitiger Hilfe entmutigt. An anderer Stelle trägt Halteman vier Prinzipien vor, die auf mennonitischen Überzeugungen ruhen und dazu anleiten könnten, Mängel des globalen Marktsystems zu bekämpfen: (1) das Gemeindekonzept sozialer Organisation entspricht der Absicht Gottes Absicht, dass Menschen sich miteinander verbinden, um für andere optimal zu sorgen und ihnen zu dienen. (2) Aufmerksamkeit muss sich entwickelnden realistischen Erwartungen im Hinblick auf Konsum und christlichen Lebensstil entgegengebracht werden. (3) Das biblische Verständnis von Schöpfung und Haushalterschaft sollte die Gläubigen zu Vorkämpfern für ökologische Belange werden lassen. (4) Diejenigen, die an das Königreich Gottes glauben, müssen mit den Benachteiligten in der Gesellschaft identifiziert werden (James Halteman, The Clashing World of Economics, S. 331).

Damit das geschieht, müssen Größe und Kontrolle aus der Distanz gegen überschaubares Ausmaß und lokale Kontrolle ausgetauscht werden. Das wird angemessene Zonen gegenseitiger Zuständigkeit und Verantwortung für sich selbst, für andere und die natürliche Umgebung schaffen. Nur selten wird Armut dort auftreten, wo diese Bedingungen erfüllt sind - ganz gleich, wo auf dieser Welt. In den Gemeinden befreit ein Verständnis für Ort und Besitz die Individuen dazu, ein eng definiertes Selbstinteresse zugunsten des Bemühens um weitere gesellschaftliche Ziele aufzugeben. Das Leben nimmt eine neue, tiefere Bedeutung an, fördert eine Ethik innerer Entwicklung und freiwilligen materiellen Verzichts. Ein Geist gegenseitiger Hilfe und erhöhter Sorge um die Umwelt entsteht im Leben der Gemeinde, wo erwartet wird, dass zukünftige Generationen über lange Zeiten hin mit den Konsequenzen gegenwärtiger Entscheidungen leben werden (James M. Harder und Karen Klassen Harder, Economics, Development and Creation, S. 25 f.).

Schließlich ist ein authentischer mennonitischer Zugang zu Wirtschaftsproblemen, wo er sich am deutlichsten zeigt, stark von Erfahrungen geprägt. Hier werden die Stichworte dem Beispiel Jesu entnommen, und sie bewegen sich über Diskussionen und Worte hinaus in den Bereich der Tat und Aktion. So erreichen sie die wirkliche Welt da, wo die menschliche Not am größten ist (James M. Harder, The ‚Anabaptist School‘ of Economics, S. 138).

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James M. Harder

 
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