Schweizer Brüder

1. Die Sammlungsbewegung der Schweizer Brüder

Unter „Schweizer“ Brüdern ist eine konfessionelle Gruppierung der Täufer zu verstehen, die um 1540 in der Pfalz greifbar wird. In den folgenden Jahrzehnten integrierten die Schweizer Brüder als eine mit Pilgram →Marpecks Bundesgenossen-Gemeinden und mit der hutterischen Mission konkurrierende Sammlungsbewegung täuferische Restgruppen in Süddeutschland, im Elsass, der Schweiz, den Rheinlanden, Hessen und Mähren.

Die Schweizer Brüder waren die einzige täuferische Gruppierung, die sich im südwestdeutschen Raum über das letzte Drittel des 16. Jahrhunderts hinaus als mikrokonfessionelle Struktur mit organisierten Gemeinden, Ältesten und übergemeindlichen Kommunikations- und Entscheidungsstrukturen behaupten konnte. Eine Delegation von Ältesten und Lehrern der Schweizer Brüder nahm 1571 am Frankenthaler Gespräch mit den reformierten Theologen des Kurfürsten Friedrich III. von der Pfalz teil. Die Schweizer Brüder werden traditionell mit jenen „hochdeutschen“ Täufern identifiziert, die 1555 in Straßburg und 1591 in Köln Einigungen in Fragen der Lehre und der Disziplin mit Vertretern niederländischer Täufergemeinden anstrebten. Von den Schweizer Brüdern spalteten sich 1693 unter der Führung von Jakob →Amman die nach diesem benannten →Amischen ab. Zur gemeinsamen Tradition der Schweizer Brüder und Amischen gehören zwei oft nachgedruckte und teilweise bis in die Gegenwart benutzte Werke, deren Ursprung in die Entstehungszeit der Schweizer Brüder als Gruppe zwischen 1535 und 1540 zurückreicht: das Liederbuch Ausbund (Erstdruck, o. O. 1564, →Lieder der Täufer) und die thematisch geordnete Concordantz und zeyger der namhafftigsten Sprüch aller Biblischen bücher (Erstdruck, Worms ca. 1542-1552, →Konkordanz).

2. Bedeutung und Verwendung der Bezeichnung „Schweizer Brüder"

Der Gruppenname „Schweizer Brüder“ ist in Analogie zu anderen seit den 1530er Jahren entstehenden täuferischen Gruppenbezeichnungen gebildet (z.B. Austerlitzer Brüder, Hutterische Brüder, Philipper-Brüder, Gabrieler-Brüder; später auch Polnische Brüder als Bezeichnung der täuferisch-antitrinitarischen „Ecclesia minor“ in Polen). Der Ursprung dieses Typs von Gruppennamen weist nach Mähren, wo entsprechend dem tschechischen Sprachgebrauchs die Bezeichnung „Brüder“ für separatistische Gruppierungen unterschiedlicher theologischer Prägung üblich war (z.B. Böhmische Brüder, Habrovaner Brüder).

In Nordamerika werden die seit 1708 nach Pennsylvania eingewanderten Täufer Pfälzer und oberdeutschen Ursprungs zur Unterscheidung von den niederländischen und norddeutschen Mennoniten als Schweizer Brüder bezeichnet. Durch Publikationen von John →Horsch (1932) und Harold S. →Bender (1950), die den Namen Schweizer Brüder unzutreffend im Sinne der geographisch-ethnischen Herkunft der Gruppe verstanden, wurde es üblich, den Gruppennamen Schweizer Brüder in die Entstehungszeit der frühesten Täufergemeinden in Zürich und in der Schweiz zurückzuprojizieren. Durch Benders Interpretation der Person Konrad →Grebels als „Gründer der Schweizer Brüder“ wurde das Konstrukt einer kontinuierlichen konfessionellen Identität mit einem klar umrissenen, pazifistischen und „evangelischen“ theologischen Profil von der Frühzeit der Reformation bis zur Gegenwart unter den nordamerikanischen „Schweizer“ Mennoniten popularisiert.

Nachdem bereits James M. Stayer (1977, 1978) Benders Konstrukt kritisch hinterfragt hatte, arbeitete Werner O. Packull (1995) heraus, dass die Gruppierung der Schweizer Brüder nicht 1525 in der Schweiz, sondern in den späten 1530ern oder frühen 1540ern in der Pfalz entstanden sei. Die frühesten Belege für den Gruppennamen stammen aus hutterischen Quellen. Sie stehen im Zusammenhang mit einer Gruppe von Rückwanderern aus Mähren, die dort einer Flüchtlingsgemeinde unter der Führung von Philipp Plener gen. Blauärmel, den sog. Philipper-Brüdern, angehört hatten. Als die Philipper nach mehrjährigem Aufenthalt 1535 aus →Mähren ausgewiesen wurden und in ihre süddeutsche Heimat zurückzogen, wurde ein Teil von ihnen in Passau inhaftiert. Ein anderer Teil der Philipper entkam der Gefangennahme und schloss sich vor 1542 in der Pfalz den dort offenbar bereits als Gruppe etablierten Schweizer Brüdern an.

3. Differenzpunkte gegenüber anderen täuferischen Gruppen

Die spezifischen Lehren und Praktiken der Schweizer Brüder, in denen sie sich von konkurrierenden täuferischen Gruppen unterschieden, wurden in zeitgenössischen innertäuferischen Polemiken und Fremdberichten über die verschiedenen Gruppierungen der Täufer und ihre jeweiligen Unterschiede benannt. In der um 1542 einsetzenden Polemik gegen die Schweizer Brüder in den Briefen und Schriften Pilgram →Marpecks und seiner Mitarbeiter im Gemeindenetzwerk der „Bundesgenossen“ wurde den Schweizer Brüdern vor allem Gesetzlichkeit, übereilter Gebrauch des Banns und mangelnde Verbindlichkeit bei der Ausübung des Ältestenamtes vorgeworfen. Die →Hutterer warfen den Schweizer Brüdern das Festhalten am Privateigentum, Zahlung von Kriegssteuern, mangelnden Respekt vor dem Ältestenamt und eingebildete Sündlosigkeit vor.

Die spärlich überlieferten Quellen über die Gemeinden der Schweizer Brüder in Mähren enthalten einige auffällige Einzelheiten. So heißt es in einem Bericht aus dem Jahr 1555 von den Schweizer Brüdern, sie hätten ihren Namen nach einem Vorsteher, der aus der Schweiz „herabgekommen“ sei. Sie versammelten sich in ihren Häusern und beträten keinerlei Kirchen, da diese Götzentempel seien. Sie hielten keine Gemeinschaft mit den Austerlitzer Brüdern oder Bundesgenossen, da bei diesen der Bann nicht streng genug gehandhabt werde (Regensburg, Stadtarchiv, Eccl. I, Nr. 58-33, 35021-35028). Etwa aus derselben Zeit stammt ein Bericht, wonach die Schweizer Brüder in Mähren „die tauff und sacrament gar nichts nutz zur seelen seligkheit“ hielten, „sagen, eß wer alle menschen selig, die den namen deß Herrn anruffen (Regensburg, Stadtarchiv, Eccl. I, Nr. 43c, 10, 25187-25227). Ein Augenzeuge der Zeit kurz vor dem Ende des Täufertums in Mähren (1622) brachte in Erfahrung, dass die Schweizer Brüder Privateigentum hätten, aber Gemeindehäuser unterhielten, in denen die Prediger wohnten und in denen Versammlungen abgehalten wurden und durchreisende Glaubensgenossen Aufnahme fanden. Ferner sei bei ihnen die Taufe außer Gebrauch geraten, was um so bemerkenswerter ist, da die „Wiedertaufe“ in Mähren de facto keine Strafverfolgung nach sich zog und ohne Gefahr vollzogen werden konnte: „Diese Leut wurden auch ihr Leben lang nicht getaufft, trugen keine Wehren und hielten ihr Brodbrechen oder das Abendmahl jährlich allwegen auff Pfingsten“ (Martin Zeiller, Topographia Bohemiae, Moraviae et Silesiae, Frankfurt a. M. 1650, 96). Ein (erst 1627 niedergeschriebener) Bericht über den Besuch einer Gruppe von Täufern aus Griechenland bei einer Gemeinde der Schweizer Brüder in Mähren im Jahr 1540 behauptet, die namengebende Gründergestalt habe „Hans Schweizer“ geheißen (Het Brilleken, Harlem 1630, 44 f; vgl. Thieleman Jansz van Braght, Het Bloedigh Tooneel of Martelaers Spiegel der Doopsgesinde of Weereloose Christenen, Amsterdam 1685, II, 400-402).

4. Aufgaben der Forschung

Die Schweizer Brüder sind daher als eine von der Pfalz ausgehende Sammlungsbewegung oder mikrokonfessionelle Gruppierung im Kontext des in den 1530er Jahren einsetzenden Prozesses der „Konfessionsbildung“ innerhalb des oberdeutschen Täufertums zu charakterisieren, die in Konkurrenz zu Marpecks Bundesgenossen und zu den Hutterischen Brüdern stand. Die undifferenzierte Verwendung des Begriffs „Schweizer Brüder“ für Täufer im geographischen und politischen Bereich der Schweizer Eidgenossenschaft, die sich auch noch in neueren Publikationen findet, ist zurückzuweisen. Wann und unter welchen Umständen Täufergemeinden in der Schweiz Anschluss an das mikrokonfessionelle Gemeindenetzwerk der Schweizer Brüder fanden, muss von der Forschung präzisiert werden. Ferner wäre die Identität der bisher nicht näher greifbaren Gründergestalt zu klären und der Frage nachzugehen, ob die Gemeinden der Schweizer Brüder auch außerhalb Mährens ungetaufte Personen umfassten.

Literatur

John Horsch, The Rise and Early History of the Swiss Brethren Church, in: MQR 6 (1932), 169-191, 227-249. - Harold S. Bender: Conrad Grebel, ca. 1498 - 1526. The Founder of the Swiss Brethren, Sometimes called Anabaptists, Goshen 1950. - James M. Stayer, Die Schweizer Brüder. Versuch einer historischen Definition, in: Mennonitische Geschichtsblätter, 1977, 7-34. - Ders., The Swiss Brethren: An Exercise in Historical Definition, in: Church History 47, 1978, 174-195. - Werner O. Packull, Hutterite Beginnings. Communitarian Experiments during the Reformation, Baltimore und London 1995. - Ders., Research Note: The Context of the Swiss Brethren Confession of Faith in Hesse (1578), in: Mennonite Quarterly Review 80, 2006, 249-260. - John D. Roth, Marpeck and the Later Swiss Brethren, in: James M. Stayer und John D. Roth (Hg.), A Companion to Anabaptism and Spiritualism, 1521-1700, Leiden und Boston 2007, 347-388. - Martin Rothkegel, Pilgram Marpeck and the Fellows of the Covenant: The Short History of the Rise and Decline of an Anabaptist Denominational Network, in: Mennonite Quarterly Review 85, 2011, 7-36.

Martin Rothkegel

 
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