Frauen

1. Frauen und Reformation

Die reformatorische Botschaft wurde nicht nur von Männern, sondern auch von Frauen aufgenommen, weiter getragen und umgesetzt, wenn auch nicht immer in einem befürwortenden Sinn (→Reformation). Es gab Kritikerinnen, die der neuen Lehre ablehnend gegenüberstanden und sie bekämpften. Dies gilt beispielsweise für Nonnen, die ihr Klosterleben vehement verteidigten, während andere ihr Heil in der Flucht suchten und heirateten. Ins Auge fallen seit jeher zumeist jene weiblichen Gestalten, die sich als hervorragende Individuen im Kontext des reformatorischen Geschehens einen Namen gemacht haben und im 19. Jahrhundert als „edle Frauen“ der Reformation in historische Darstellungen Einzug hielten. Dazu gehörten die Ehefrauen einflussreicher Reformatoren wie Katharina von Bora, Katharina Zell oder Wibrandis Rosenblatt, aber auch Verfasserinnen von Flugschriften wie Argula von Grumbach oder Herrscherinnen, die sich wie Elisabeth von Braunschweig-Lüneburg bewusst und unabhängig von männlicher Meinung für die von ihnen favorisierte neue Glaubensrichtung entschieden. Dahinter stand ursprünglich der in der heutigen Geschlechterforschung nicht mehr dominierende Ansatz, „großen Männern“ einige bedeutsame Frauen zur Seite zu stellen. Von zeitgenössischen Künstlern und Literaten wie Nikolaus Manuel Deutsch, Lukas Cranach und Hans Sachs wurden Frauen als Teil der reformatorischen Öffentlichkeit und Anhängerinnen der neuen Lehre wahrgenommen und dargestellt. Gezeigt wird, wie sie Predigern lauschen, auf der Basis des Priestertums aller Gläubigen diskutieren und gegenüber Vertretern des altgläubigen Klerus handgreiflich werden. Über diese fiktiven Szenarien hinaus gibt es hinreichend Belege dafür, dass Frauen als Befürworterinnen der neuen Lehre tatsächlich aktiv an antiklerikalen Aktionen teilnahmen, indem sie Predigten störten, radikale Prediger in Schutz nahmen oder sich an Klosterplünderungen beteiligten, um nur einige Aktivitäten dieser Art zu nennen. Der reformatorische Antiklerikalismus, der auch im Bauernkrieg weiter wirkte und das Geschehen begleitend prägte, wurde nicht nur von Männern, sondern auch von Frauen getragen und in Szene gesetzt. Die Problematik besteht generell darin, in den Handlungen des „gemeinen Mannes“ auch jene weibliche Beteiligung zu erkennen, die der vieldeutige Begriff nahe legt (s. hierzu den Artikel „gemeiner Mann“ in Grimms Deutschem Wörterbuch). Erst ganz allmählich wird von der Forschung wahrgenommen, dass unter dem nicht allein auf die Gemeinde fixierten Begriff des „gemeinen Mannes“ auch Frauen zu subsumieren sind.

2. Frauen im Täufertum

Den Ergebnissen der neueren Täuferforschung folgend, bildeten Reformation und speziell der Bauernkrieg jenen Nährboden, aus dem die täuferischen Bewegungen erwuchsen. Auf dieser Grundlage gehörten Frauen von Anfang an dazu. Als Anhängerinnen der ersten Stunde, die das radikalisierte reformatorische Gedankengut verinnerlicht hatten, zählen sie mit zu den Begründern der täuferischen Bewegungen, wenn auch nicht als theologische Führergestalten. Die Darstellungen zum Täufertum (Täufer) sind nach wie vor primär an theologischen Leitfiguren bzw. Führergestalten und nicht geschlechtergeschichtlich orientiert. Dies hängt auch mit der Quellenlage zusammen. Öffentliche Streitgespräche und Disputationen fanden zwischen Männern statt, die als tonangebende Leitfiguren richtungweisend wirkten. Wenn beispielsweise Wilhelm Reublin im Frühjahr 1524 in Wittikon dazu aufrief, die Säuglingstaufe zu verweigern und Eltern seinem Aufruf folgten und ihre Kinder am Ostersonntag nicht taufen ließen, so war dies eine Aktion, die letztlich sowohl von Männern als auch Frauen getragen wurde. Ob Männer im Zuge dieser elterlichen Verweigerungsgeste tonangebend waren oder die Frauen, lässt sich kaum klären. Die von Georg Blaurock an Konrad Grebel vollzogene erste Glaubenstaufe (→Taufe II), die zum markanten Merkmal täuferischer Identität werden sollte, war zwar als konstituierender Akt eine rein männliche Angelegenheit, die jedoch den geschlechtsspezifischen Charakter bald verlieren sollte. Die edierten Täuferakten enthalten eine Vielzahl von Taufen, die von männlichen Täuferführern an Männern und Frauen vollzogen wurden. Durch dieses von weiblicher Seite eher passiv empfangene als aktiv vollzogene Ritual der Glaubenstaufe könnte der Eindruck entstehen, als seien die meisten Frauen nur Mitläuferinnen, die ihren Männern auf der Grundlage eines patriarchalischen Eheverständnisses und des paulinischen Schweigegebots folgten, ohne sich mit den neuen täuferischen Glaubenslehren bewusst auseinanderzusetzen und zu identifizieren. Dieser Eindruck täuscht. Es gab Frauen, die ihren Ehemännern, Vätern oder Dienstherren im Glauben folgten, es gab aber auch genügend eigenständige Entscheidungen, wobei den Quellen nicht immer klar zu entnehmen ist, wie einzelne Individuen beiderlei Geschlechts zum täuferischen Glauben gekommen waren. Auch dürfte eine scharfe Trennung zwischen wenigen männlichen Führergestalten auf der einen und einer großen Zahl an Anhängern auf der anderen Seite den tatsächlichen Gegebenheiten nicht gerecht werden. In den Täuferakten finden sich Hinweise darauf, dass auch Frauen die täuferischen Glaubensvorstellungen verbreiteten und für sie warben, ihre Häuser für Versammlungen zur Verfügung stellten, mit Männern gemeinsam in der Bibel lasen und sich für ihre Glaubensüberzeugung aus ehelichen und familiären Bindungen lösten und gelegentlich neue Formen der → Ehe praktizierten. Wenn Täuferinnen ihren andersgläubigen Ehemann eigenmächtig verließen, so kam dieser selbstbewusste Schritt einer Ehescheidung gleich, der allen geltenden Gesetzen widersprach. Ob Frauen tatsächlich auch getauft haben, lässt sich den Quellen nicht eindeutig entnehmen, obwohl es Gerüchte gab und Experimente dieser Art auf der Grundlage des Priestertums aller Gläubigen in einer Situation des Aufbruchs durchaus vorstellbar sind, zumal die Täufer Ämter und mit ihnen verbundene Befugnisse zunächst ablehnten. Es ist davon auszugehen, dass Ehefrauen bedeutender Täuferführer wie Balthasar Hubmaier oder Melchior Rinck, die mit ihren Männern den Märtyrertod erlitten, Gesprächspartnerinnen und Ratgeberinnen waren.

Unter den Täuferinnen gab es einige markante Gestalten, die als einflussreiche Individuen in die Täufergeschichte eingegangen sind. Damit überragen sie all jene weiblichen Beteiligten, die sporadisch auftauchen und nicht immer namentlich bekannt sind. So wird das eine oder andere verdächtige „Weib“ im Rahmen eines Verhörs erwähnt, widerruft vielleicht und verschwindet für immer oder nach einer erneuten kurzen Erwähnung endgültig im Dunkel der Geschichte. Zu jenen Täuferinnen, die hingegen längerfristig im Rampenlicht standen, gehörte beispielsweise die Tiroler Adlige Helena von Freyberg, die sich für die täuferische Sache engagierte und es an ihrem Lebensende zutiefst bedauerte, ihrem Glauben einst abgeschworen zu haben. Unter den Frauen, die aus dem Kreis der „Straßburger Propheten“ Einfluss auf den Straßburger Täuferführer Melchior Hoffman ausübten, ragt die Täuferin und Prophetin Ursula Jost hervor, deren Prophetische gesicht und Offenbarung 1530 von Hoffman herausgegeben wurden. Spirituelle Botschaften, die Gott den Frauen persönlich übermittelte, ermöglichten es ihnen immer wieder, männliche Barrieren zu überwinden und sich aus hierarchischen Strukturen zu befreien. In diesem Zusammenhang ist die Münsteraner Täuferin Hille Feicken zu erwähnen, die auf der Grundlage göttlicher Inspiration die Tat der alttestamentlichen Judith noch einmal vollbringen und Münster durch einen göttlich legitimierten Mord befreien wollte. Das Münsteraner Täuferreich (→Münster) ist ein Beispiel für die mögliche Heterogenität weiblichen Rollenverhaltens innerhalb einer täuferischen Gemeinschaft, die hier 1534/36 existierte. Die Frauen trugen das System mit, wenn auch nicht ohne Widerstand. Sie arbeiteten an den Wällen, liefen als Prophetinnen durch die Straßen, ein Teil fügte sich der im Juli 1534 verkündeten neuen Eheordnung, andere widersetzten sich und wurden mit der Todesstrafe bedroht. Jan van Leiden selbst ehelichte mehrere Frauen, unter ihnen die von Chronisten als äußerst schön beschriebene Diewer , die zuvor mit dem getöteten Propheten Jan Matthijs verheiratet war und die selbstbewusste Elisabeth Wandscherer, die er angeblich eigenhändig ermordete. Andererseits zeigt sich am festen Gefüge der Münsteraner Täufergemeinschaft, dass Frauen von Männern auf der Grundlage biblischer Vorgaben wieder in ihre traditionell untergeordnete Stellung gedrängt wurden, sobald eine täuferische Gemeinschaft sich fest zu etablieren begann. Interessante Frauengestalten wie Hille Feicken, Divara oder Elisabeth Wandscherer sind auch in die → Literatur eingegangen, die die Ereignisse des Münsteraner Täuferreichs in Romanen, Erzählungen und dramatischen Werken verarbeitet.

3. Vom obrigkeitlichen Umgang mit Täuferinnen

Was über Täuferinnen, ihr Leben, ihre Taufe und ihren Glauben bekannt ist, entstammt oft Verhören. Frauen antworteten auf Fragen, die ihnen von obrigkeitlicher Seite gestellt wurden und gerieten durch die mit ihnen praktizierte Art des Umgangs in ein bestimmtes Licht, das nicht unbedingt das Selbstverständnis dieser Frauen widerspiegelte. Gelegentliche Kommentare wie „halsstarriges“ oder „verstocktes“ Weib zeugen vom ungebrochenen Willen, sich vom täuferischen Glauben nicht abbringen zu lassen. Die Antworten der verhörten Frauen verdeutlichen, dass der „gemeine Täufer“ beiderlei Geschlechts theologische Gedankengänge, wenn überhaupt, nur sehr fragmentarisch verinnerlichte und eher im Stil der Schwarz-Weiß-Malerei nachvollzog. Viele Verhörte waren sich sicher, nunmehr zum rechten Glauben gefunden zu haben. Andererseits gab es auch wankelmütige und unentschlossene Kandidaten und Kandidatinnen oder auch solche, die widerriefen. Attraktiv dürfte der zumeist volksnahe und Gemeinschaft stiftende Charakter der Bewegungen (Bewegungen) gewesen sein. Hier wurden Laien beiderlei Geschlechts wahr- und ernst genommen. Dass Frauen von obrigkeitlicher Seite genauso als Bedrohung wahrgenommen wurden wie die Männer, zeigt sich an bestimmten Formulierungen, die gelegentlich in Mandaten und Erlassen auftauchen: „es seien mans- oder weibspersonen“. Im Rahmen des zu bekämpfenden täuferischen Unwesens schien alles möglich zu sein. Ungeachtet ihres Geschlechts wurden Männer und Frauen nicht nur als Verführte, Mitläufer und Rückfällige, sondern auch als Aufwiegler angesprochen.

Die Strafen für Täuferinnen und Täufer fielen nicht immer gleich aus. Vieles hing vom individuellen Fall und der regional und herrschaftlich gängigen Praxis ab. Zumindest ist nicht davon auszugehen, dass allein die Geschlechtszugehörigkeit das Strafmaß bestimmte, vielmehr konnten auch Alter, Gesundheitszustand, die geistige Verfassung sowie die sozialen und familiären Gegebenheiten mit ausschlaggebend sein. Hinrichtungen wurden vor allem in katholischen Territorien vollzogen, wobei Frauen oft ertränkt wurden (Verfolgung). Während sie grundsätzlich nicht damit rechnen mussten, gleich Männern auf eine Galeere geschickt zu werden, drohte ihnen beispielsweise in Württemberg, im Haus angekettet zu werden. Diese Maßnahme griff aber nur, wenn der Mann als rechtgläubig eingestuft wurde und seine Frau beaufsichtigen konnte. Zu beobachten ist allerdings, dass die Männer sich gemeinhin nicht mit der Obrigkeit, sondern mit ihren Frauen solidarisierten und sie heimlich von der Kette befreiten. Exemplarisch deutet dieses „Hausgefängnis“ auf grundsätzliche Probleme hin, die sich bei der Bestrafung von Frauen ergaben. Inhaftierte Mütter bescherten der Obrigkeit neue Probleme, wenn sie ihre Familien und speziell die Kinder nicht mehr versorgen konnten. Schwangere Frauen durften damit rechnen, eventuell in ein etwas „komfortableres“ Gefängnis gesteckt zu werden als Männer, was gefangene Täuferinnen dazu verleiten konnte, sich als schwanger auszugeben. Auch wurde der Vollzug der Todesstrafe im Falle einer Schwangerschaft bis nach der Entbindung hinausgezögert. Der Märtyrerspiegel enthält eine Fülle ergreifender Fälle, in denen Mütter sich von ihren Familien und speziell ihren Kindern verabschiedeten. Die von Frauen im Angesicht der zu erwartenden Todesstrafe verfassten und hinterlassenen Zeugnisse umfassen Testamente, Briefe und Lieder.

4. Hutterinnen, Mennonitinnen und Amische

Sobald die täuferische Aufbruchstimmung in geordnete Gemeinschaften überging, wurden geschlechterspezifische Verhaltensweisen und Aufgaben wieder festgeschrieben. Dies zeigte sich zunächst bei den Hutterischen Gemeinschaften (→Hutterische Bruderhöfe), die in Mähren ihren Anfang nahmen und nach überstandenen Überlebenskämpfen und einer Jahrhunderte umfassenden Odyssee ihren Weg nach Nordamerika fanden. In Peter Riedemanns 1556 verfasster Rechenschaft, die in den Bruderhöfen heute noch Gültigkeit besitzt, wird die untergeordnete Stellung der Frau innerhalb der ehelichen Gemeinschaft auf biblischer Grundlage festgeschrieben. Die Ehefrau müsse alles mit dem Rat des Ehemannes, ihres Herren, tun. Geschehe dies nicht, widersetze sich die Frau der gottgewollten Ordnung bzw. dem Gebot des Schöpfers. Ob diese hierarchischen Vorstellungen in der Ehe tatsächlich zum Tragen kamen und die Macht allein bei den Männern lag, lässt sich allein auf der Grundlage theoretischer Forderungen kaum beurteilen. Letztlich hängt vieles vom Miteinander des Ehepaares selbst und dem mehr oder weniger konservativen Charakter ihrer Kolonie ab, der sich bis heute u. a. an den gültigen Kleidervorschriften ablesen lässt. Sichtbar werden geschlechterspezifische Trennungen bei den heutigen Hutterern in der Sitzordnung bei den Mahlzeiten und in der Kirche. Zu dem, was Gott der Frau in den Hutterischen Gemeinschaften zugesteht, gehörten neben Näh-, Garten- und Küchenarbeit erzieherische Aufgaben. Junge Mädchen (Sorgelas) kümmern sich um die Säuglinge, wenn die Mutter sich wieder in die Gemeinschaftsarbeit integriert, während Lehrerinnen (Kinderangelas) sich in der „kleinen Schule“ um Jungen und Mädchen im Kleinkindalter kümmern. Moderne Hutterinnen fahren Auto, kaufen auch einmal im Supermarkt ein und entbinden im Krankenhaus. Die Zahl der Kinder ist überschaubar geworden, was, anders als in früheren Jahrhunderten, auf gezielte Familienplanung hindeutet. Die enge Eingebundenheit in die Gemeinschaft schützt nicht vor Animositäten und Unzufriedenheit, die im Extremfall dazu führt, dass einzelne Personen oder Ehepaare die Kolonie verlassen. Die Tatsache, dass Frauen innerhalb der Kolonie keine nach außen wirkenden Führungsaufgaben übernehmen, darf nicht dazu verleiten, sie vorschnell als unterdrückt und schwach zu betrachten. Es ist bemerkenswert, wie reibungslos das alltägliche Kolonieleben funktioniert, das zum großen Teil von Frauen selbstständig organisiert wird. Diese weibliche Stärke zeigt sich auch bei den →Amischen, die gelegentlich kleine Geschäfte betreiben, in denen sie hauseigene Produkte, Puppen und vor allem handgearbeitete Quilts verkaufen. Andere Frauen betätigen sich künstlerisch, wie die zu den Old Order Amish gehörende Barbara Ebersol (1846-1922), die nicht nur als Näherin männlicher Sonntagskleidung von einer Amischen Farm zur anderen zog, sondern auch über einhundert Bucheignerzeichen (marking books) gestaltete. Einige heutige Hutterinnen haben neben ihrer Arbeit in der Kolonie Bilderbücher verfasst und illustriert, wie Rachel Maendel und Hannah Marsden oder Linda und Sonia Maendel.

Während Hutterinnen im Rahmen ihrer Kolonie zusammenarbeiten, haben sich Mennonitinnen über engere Zirkel hinaus zu Organisationen zusammengeschlossen, die sich bestimmten karitativen und missionarischen Aufgaben widmen, wie beispielsweise die 1942 gegründete Manitoba Frauenkonferenz oder Nähzirkel mennonitischer Frauen in Ontario. Organisationen dieser Art machen Frauen sichtbar, was in der Geschichte der Mennoniten nach dem Ende des Münsteraner Täuferreichs und der unter Menno Simons einsetzenden Sammlung von Täufern, die sich zu friedfertigen Gemeinden zusammenschlossen, nicht immer der Fall war. Die täuferisch-mennonitischen Gemeinden boten Frauen kaum neue Perspektiven, die über das traditionelle Rollenverständnis hinausreichten. Allerdings gibt es auch hier wieder Ausnahmen. Zu den herausragenden Frauengestalten des 19. Jahrhunderts gehören die Mennonitin Antje Brons, die u. a. die erste Geschichte der Täufer und Mennoniten verfasste. Frauen widmeten sich der Familienforschung, sie veröffentlichten Beiträge und übernahmen Aufgaben in mennonitischen Publikationsorganen. Weltweit bis ins 20. Jahrhundert hinein durften Mennonitinnen jedoch kein geistliches Amt übernehmen. Allen voran wurde Anne Zernike 1911 die erste mennonitische Pastorin in den Niederlanden, während Emma Sommers Richards als erste ordinierte Pastorin der Mennonitischen Kirche Nordamerikas (1973) in die Geschichte einging. 2003 belief sich die Zahl von Pastorinnen der Mennonitischen Kirche Ontarios auf 50, die erste mennonitische Pastorin in Deutschland wurde 1981 ordiniert. Charakteristisch ist die oft enge Zusammenarbeit mit dem Ehemann, dies gilt auch für missionarische Aufgaben, die Ehepaare übernahmen. Hohe Anforderungen wurden an Mennonitinnen gestellt, die sich wie im Zweiten Weltkrieg auf der Flucht befanden und ohne ihre inhaftierten oder getöteten Männer für das weitere Überleben der Familie zu sorgen hatten.

5. Forschungsperspektiven

Hinsichtlich der Frauen- und Geschlechterthematik liegt der bisherige Forschungsschwerpunkt eindeutig bei den Täuferinnen des 16. Jahrhunderts. Vor allem die Märtyrerinnen (→Martyrium) stoßen seit jeher auf großes Interesse, dies gilt auch für hervorragende Einzelgestalten. Schlechter ist es um das 17. und 18. Jahrhundert bestellt, hier mangelt es an geschlechtergeschichtlichen Untersuchungen, obwohl Darstellungen über diesen Zeitraum zumeist Hinweise auf Frauen und weibliche Aktivitäten enthalten. Das Problem liegt immer noch darin, dass Frauen in Überblicksdarstellungen zwar wahrgenommen werden, jedoch nach wie vor primär als ergänzendes Kapitel zu einer von Männern dominierten Geschichte. Eine weitere Problematik besteht in sprachlichen Barrieren. Die intensive Täufer- und Mennonitenforschung in den USA und Kanada nimmt deutschsprachige Publikationen zur Frauen- und Geschlechtergeschichte nicht immer hinreichend zur Kenntnis, dies gilt umgekehrt für den deutschsprachigen Raum. Von Interesse für zukünftige Forschungen dürften auch Übergänge sein, Mennonitinnen, die u. a. mit Hugenotten, Pietisten und Templern in Berührung kamen und vor Glaubensentscheidungen standen. Die Anfänge sind gemacht, auch lange tabuisierte Themen wie Selbstmord, Alkoholismus, Abtreibung und Homosexualität werden verstärkt Gegenstand zukünftiger Forschungen sein. Obwohl die Genderforschung mit ihrer Unterscheidung zwischen Sex (biologischem Geschlecht) und Gender (sozial verhandeltem Geschlecht) über ein umfangreiches Repertoire an theoretischen Ansätzen verfügt (s. die Publikationen von Bea Lundt, Claudia Opitz-Belakhal und Christina von Braun/ Inge Stephan), halten sich genderorientierte Untersuchungen im Rahmen der Täufer- und Mennonitenforschung bislang in Grenzen. Dabei geht es nicht nur um Status und Rolle der Frauen in ihren Beziehungen zu den Männern, sondern auch um Männerforschung und gleichgeschlechtliche Beziehungen.

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Marion Kobelt-Groch

 
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