Sonnenberg (Schweiz) - (Evangelische Mennonitengemeinde Sonnenberg, Alttäufer in Tramelan und Umgebung)

1. Die Vorgeschichte: Das Täufertum in dem ehemaligen Fürstbistum Basel

Der heute noch sichtbare Dreiklang aus Bauernhof-Schule-Gottesdienstraum ist ein Symbol für die Präsenz der Täufer auf den Höhen des Juras. Vor dem Bau der Kapellen gab es ein ganzes Netz von Gottesdiensträumen und Begegnungsstätten unter den Mitgliedern der Gemeinde: ein Leben, das sich auf die landwirtschaftliche Arbeit, den Unterricht der Kinder und die Praxis des Glaubens konzentrierte. Neue Forschungen erlauben es, einen Teil des täglichen Lebens der Gemeinde im 18. Und 19. Jahrhundert zu rekonstruieren (vgl. Bibliografie). In diesem Zusammenhang sind die Untersuchungen zur Armenkasse der →Konferenz der Mennoniten der Schweiz (Pierre Zürcher, Le système d’entraide des premières communautés anabaptistes du Jura, 2010) und die Hinweise auf die Bedeutung der Vereinigungs-Urkunde des ehemaligen Bistums Basel im Kanton Bern von 1815, die den Täufern einen Sonderstatus einräumt, besonders wichtig.

2. Die Entstehung und Entwicklung der Sonnenberg-Gemeinde

Formal lässt sich die Gründung der Gemeinde auf das Jahr 1899 datieren, denn sie lässt sich mit dem Bau der zukünftigen Jean-Gui-Kapelle auf der Mont-Soleil-Kette (Sonnenberg) in demselben Jahr in Verbindung bringen. Bereits in den 1880er Jahren befand sich die Gemeinde in einer Kapelle in Cernil, nördlich des Dorfes Tramelan, und 1897 auf einem Bauernhof in Mont-Tramelan, einem kleinen Dorf westlich von Tramelan. 1928 wurde ein Haus in Les Mottes gekauft, um den Gottesdienstraum von Cernil zu ersetzen. Einige Aktivitäten fanden im Dorf Tramelan statt, 1936 wurde dort eine Sonntagsschule gegründet, 1941 begann eine Abendveranstaltung bei der Familie Jean Habegger.

Im Jahr 1960 wurden französische Gottesdienste eingeführt, und es wurde über den Bau eines Gemeindezentrums im Stadtteil Reussilles nördlich von Tramelan oder in Tramelan gesprochen. 1967, nach der Renovierung der Chapelle des Mottes, wurde beschlossen, dass die männlichen und weiblichen Gottesdienstbesucher während des Gottesdienstes nicht mehr getrennt sitzen sollten. 1969 konnte gleich neben der Kapelle in Zusammenarbeit mit der Mennonitischen Jugendkommission der Schweiz (MJKS) ein hölzernes Jugendhaus gebaut werden. Es handelte sich dabei um eine Baracke, die zuvor vorübergehend als Magazin gedient hatte. Bis zu ihrem Abriss 2003 fanden hier u. a. zahlreiche Jugendlager statt. 1969 ermöglichte eine knappe Abstimmung den Frauen, in den Gemeinderat gewählt zu werden, und 1970 hatte die Gemeinde sieben Gottesdienstorte: Jean Gui, Mont-Tramelan, Les Mottes, Tramelan, Les Reussilles, Corgémont und →Tavannes. 1972 wurde in Les Mottes ein Taufbecken für diejenigen eingerichtet, die sich durch Untertauchen (Immersion) taufen lassen wollten. Ernest Geiser wurde als permanenter Mitarbeiter angestellt, ein Novum in der Gemeinde. 1983 wurde die Gemeinde in Cormoret, Saint-Imier-Tal, gegründet. Die Gemeinde Sonnenberg unterstützte diese Gründung. Eine ehemalige Uhrenfabrik mit einem Gebäude wurde von der Gemeinde in Tramelan gekauft und 1984 eingeweiht. Einige sehen es als einen neuen Gottesdienstort im Dorf, andere als einen Ort für gemeinschaftliche Aktivitäten. Nach der Gemeindegründung in Cormoret wurde Tavannes 1989 nach einvernehmlichen Entscheidungen zu einer eigenständigen Gemeinde. Seit 1996 stehen die Ältesten- und Predigerdienste Männern und Frauen gleichermaßen offen. Nelly Gerber-Geiser wurde als Frau die erste Älteste und Marthe Brechbühler die erste Diakonin. Anlässlich des hundertjährigen Bestehens der Kapelle im Jahr 2000 wurde in Jean Gui ein Raum für die Jugendgruppe gebaut und im Jahr 2003 das Jugend- und Begegnungszentrum (Centre de rencontre et de jeunesse) in Les Mottes eingeweiht, das ein veraltetes Haus ersetzt. Die zweisprachige deutsch-französische Mont-Tramelan-Schule schloss 2013, und die Gemeinde verzichtete 2017 auf den Gottesdienstsaal in Mont-Tramelan. Sie trifft sich nun im Winter in der Chapelle des Mottes, im Sommer in der Chapelle du Jean Gui und seit Frühjahr 2018 zweimal im Monat in Tramelan. 1906 hatte die Gemeinde 230 Mitglieder, 1987 kam sie auf 684 und 2018 auf etwa 450 Mitglieder, von denen ungefähr ein Drittel unter vierzig Jahre alt ist.

Seit 1999 sind drei Älteste im Pensionsalter verstorben: Samuel →Gerber, Isaac Gerber und Ulrich →Scheidegger. Doris Willi-Gerber wurde 2017 als erste Frau zur Präsidentin der Gemeinde gewählt. Das Gehalt einer Pfarrstelle wird auf drei Mitarbeitende aufgeteilt; es gibt aber auch Freiwillige, die sich in den verschiedenen Aufgabenbereichen engagieren.

Besonders prekär für die Entwicklung der Gemeinde waren der Einfluss der Erweckungsbewegungen um 1900 und des Nationalsozialismus in mennonitischen Kreisen nach 1933 (vgl. Ulrich J. Gerber, Bibliografie). Der Bruch in den 70er Jahren mit einer ganzen Generation von Studenten wäre auch einer Untersuchung wert. Die Zweisprachigkeit, die verschiedenen Gottesdienstorte und die Vielfalt der theologischen Richtungen stellen einen Reichtum dar, aber auch eine Gefahr, die zu lähmenden Spannungen führen könnte.

3. Beziehung der Gemeinde zu Mennoniten weltweit und zu anderen Kirchen

Die Gemeinde ist mit Mennonitengemeinden sowohl in der Nähe als auch in der Ferne verbunden. Die Organisation der →Mennonitischen Europäischen Regionalkonferenz (MERK), die 1988 in Tramelan stattfand, stärkte die Beziehungen ebenso wie die Anwesenheit des europäischen Büros des →Mennonite Central Committees (MCC) in Tramelan (1990 bis Anfang 2000). Die Präsenz des ABCMS (Archiv und Bibliothek der Konferenz der Mennoniten der Schweiz) auf dem Jean Gui bringt Besucher aus aller Welt zusammen. Die verschiedenen Aktionen des MCC zur Unterstützung der Bedürftigsten weckten eine grosse Bewegung der Solidarität. Die Arbeit und die Kontakte zu den Schweizer Mennonitischen Missionsdiensten und dem Täuferischen Forum für Frieden und Gerechtigkeit (→Konferenz der Mennoniten der Schweiz) sind anregend. Der Mitgliederversammlung der KMS findet alle zwei Jahre im Herbst in Jean Gui statt. Der Katechismusunterricht wird mit sechs anderen mennonitischen Gemeinden in der Gegend zusammen organisiert.

In und um Tramelan pflegt die Gemeinde gute Beziehungen zu den Kirchen im Rahmen der Evangelischen Allianz der Schweiz wie auch auf ökumenischer Ebene. Die Konzentration der evangelischen Kirchen in der Region ist einzigartig in Europa. In und um das Dorf Tramelan gibt es acht Kirchen: Reformierte, Katholische, Heilsarmee, Baptisten, Freie Evangelische, Kirche für Christus, Pfingstgemeinde und Darbysten.

4. Verhältnis zu Staat und Gesamtgesellschaft

Im 21. Jahrhundert wird die Gemeinde von den Medien nicht mehr als „Sekte“ behandelt, sie ist Teil der kirchlichen Landschaft in der Region mit ihren Besonderheiten: Kirche unabhängig vom Staat, Kirche des Friedens. Der Bericht des Fotografen Xavier Voirol Sonnenberg (1999), der Dokumentarfilm von Peter von Gunten Ici-bas, au-delà (2005), die häufigen Kontakte mit den Medien, insbesondere wegen des Täuferweges, der an der Kapelle von Jean Gui vorbeiführt, und das ABCMS, sind Zeichen der mennonitischen Anwesenheit in der Region und haben dazu einen wesentlichen Beitrag geleistet. Der Adventsverkauf, ein jährliches Treffen im Dorfsaal in Tramelan, ermöglicht Hunderten von Menschen, sich gemeinsam zu treffen und Freundschaft miteinander zu schliessen.

5. Bibliografie

Pierre und Lydia Zürcher, L’Église évangélique mennonite du Sonnenberg, son histoire, Selbstverlag, 1999. - Michel Ummel, La présence d’anabaptistes dans les régions jurassiennes au début du 18e siècle: quelques causes et conséquences de leur implantation, in: L’anabaptisme en question, Institut jurassien des Sciences, des Lettres et des Arts, Nouveaux cahiers 4,2010, S. 30-48. - Pierre Zürcher, Le système d’entraide des premières communautés anabaptistes du Jura, Selbstverlag, 2010. - Ulrich J. Gerber, Die Erweckungszeit um 1900 und ihre Auswirkungen bei den Jura-Täufergemeinden und bei der reformierten Kirchgemeinde Oberbalm, in: Mennonitica Helvetica 37, 2014, S. 97-140. - Ulrich J. Gerber, Bewegte Jahre 1933-1945 auch in der Schweiz. Spuren des Nationalsozialismus und des Widerstandes bei den Schweizer Mennoniten bis in die eigene Familiengeschichte hinein, in: Mennonitica Helvetica 38, 2015, S. 45-83.

http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/f/F7399.php (consulté en avril 2018)

Michel Ummel

 
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