Tavannes (Église évangélique mennonite im Berner Jura)

1. Die historischen Anfänge

Die Täufer waren als ein radikaler Flügel der Reformation im 16. Jahrhundert entstanden (1525). Bald sind viele, die in der Schweiz verfolgt wurden, in die Berge des Bistums Basel geflohen. In dieser Zeit herrschte im südlichen Teil dieser Region, dem heutigen Berner Jura (→Bernbiet), eine unruhige und aufrührerische Atmosphäre, die es den Täufern erleichterte, wieder Fuß zu fassen. Die Berner Obrigkeit bat den Bischof von Basel, die Verfolgung der Täufer auch auf das Juragebiet auszudehnen, doch hier gingen die Behörden nur halbherzig vor, so dass sich der Konflikt zwischen den Gegnern der Täufer und denjenigen, die sie duldeten, auf Dauer zum Vorteil der Verfolgten ausschlug. Während einer Periode von dreihundert Jahren (17. bis Anfang des 20. Jahrhunderts) erlebten die Täufer eine bewegte Zeit. In unterschiedlichen Schüben zogen Familien, die im Berner Gebiet verfolgt worden waren, hinzu, andere wanderten ins Elsass, die Pfalz oder in die Vereinigten Staaten von Amerika aus. Nur eine verschwindende Minderheit blieb. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren die meisten Täufer oder Mennoniten in der Region von Tavannes Mitglied der Gemeinde → Kleintal (Moron) oder der Gemeinde Sonnenberg (Tramelan).

Die Geschichte der Église évangélique mennonite de Tavannes (EEMT) begann ca. 20 Jahre vor ihrer Gründung, als drei visionäre Ehepaare sich entschieden, einen Gemeindesaal für einhundert Personen neben einem Familienhaus zu bauen. Der Bau begann mit vielen Freiwilligen im August 1967 und wurde im November 1969 beendet. Die beiden Mennonitengemeinden Kleintal und Sonnenberg wurden Eigentümer des Saals. Am 14. Dezember 1969 fand die Einweihung statt.

Zu Beginn fand der Gottesdient vierzehntäglich statt, abwechselnd mit der Sonntagschule. Die Sprache war Deutsch. Bald wurde den Personen, die sich in Tavannes versammelten, bewusst, dass ein Wechsel zur französischen Sprache wegen der Jugendlichen und der Bewohner des Ortes notwendig wurde. Ab 1985 wurden zwei Gottesdienste im Monat auf Französisch und einer auf Deutsch gefeiert, der Gottesdienst am vierten Sonntag war zweisprachig.

2. Gemeindegründung 1989

Ab 1983 wurde in verschiedenen Gremien darüber diskutiert, eine unabhängige Gemeinde in Tavannes zu gründen. Dies erleichterte der Arbeitsgruppe den Vorstoß für die notwendig gewordene Erweiterung des Gebäudes. Die beiden Muttergemeinden Kleintal und Sonnenberg unterstützten den Prozess der Gründung einer selbstständigen Gemeinde, und die →Konferenz der Mennoniten der Schweiz (KSM) hat ihn begleitet. Am 25. August 1989 haben 38 Personen die Gemeinde EEMT gegründet. Einige Wochen später haben 71 Personen den Antrag auf Mitgliedschaft gestellt und 21 Personen gesellten sich der Gemeinde als Freunde hinzu. Der feierliche Einweihungsgottesdienst fand am 26. November 1989 statt. Zu diesem Anlass wurde eine Broschüre Der Weg zur Gemeindegründung herausgegeben.

Die Gemeindegründung löste eine positive Dynamik aus, und die Gemeinde wuchs weiter. Das führte dazu, dass das Gottesdienstgebäude vergrössert und neue Räume für die Kinder- und Jugendarbeit gebaut werden mussten. Die Einweihungsfeier des neuen Gebäudes fand am 29. August 1993 statt.

3. Weitere Entwicklungen

Laufend wurden Änderungen in der Gemeinde vorgenommen. Seit ihrer Gründung werden alle Veranstaltungen in französischer Sprache durchgeführt, mit Ausnahme der alle vierzehn Tage stattfindenden Bibel- und Gebetsstunde in Deutsch. Sie findet immer noch statt. Verändert wurde auch der Gesang in der Gemeinde. Die alten Gesangbücher wurden durch neues Liedgut ersetzt. Viele Lieder wurden von Personen aus der Region und sogar aus der Gemeinde komponiert. Auch musste das Harmonium dem Klavier und anderen Instrumenten weichen.

Die Kinder- und Jugendarbeit war schon vor der Gemeindegründung wichtig. Um 2000 wurde sie neu durchdacht und ein aktualisiertes und klares pädagogisches Konzept erarbeitet, welches eine kontinuierliche und altersgerechte Fortsetzung gewährleistet. An diesem Projekt (Ministère Jeunesse, MJ) sind ca. vierzig mitarbeitende Personen beteiligt.

Die Gemeinde legt Wert auf einen Gemeinschaftsstil, der die Evangelisation begünstigt: Alphalivekurse, Berufsbeziehungen, spontanes Gebet nach jedem Gottesdienst, monatliche Aperitifs und Seelsorge. Es geht darum, Beziehungsbrücken zu Menschen zu bauen, die sich Gott nähern, manchmal schließen sich einige auch der Gemeinde an.

Seit in den arabischen Ländern um die Einführung der Demokratie gekämpft wird, kommt eine neue Welle von Flüchtlingen in die Schweiz. Die Regierung schickte seit 2012 viele christliche und muslimische Familien aus Ägypten und Syrien in das Juragebiet. Gemeindeglieder, die persönliche Kontakte zu diesen arabischen Flüchtlingen pflegen, machten die Gemeinde auf diese Menschen aufmerksam. So begann die EEMT, alle zwei bis drei Monate besondere Gottesdienste, verbunden mit einer Mahlzeit, zu organisieren. Unterstützt wird die Gemeinde von anderen arabischen Kirchen, vor allem von der Kirche in Bern. Seit 2013 werden alle sonntäglichen Gottesdienste simultan ins Arabische übersetzt.

4. Gemeindeleben

In der Gemeinde sind alle Altersgruppen wichtig, darin spiegelt sich auch die Vielfalt der Veranstaltungen wider. Die Beiträge in den Gottesdiensten und den verschiedenen Gruppen verbinden die aktuellen Bedürfnisse der Gemeindemitglieder mit der Verkündigung des Evangeliums. Bewusst bietet die EEMT wenig Aktivitäten während der Woche an, um auf diese Weise das Familienleben, das Engagement im Berufsleben sowie die Hauskreise und die Pflege eigener Interessen zu fördern.

Um dem sich intensivierenden Gemeindeleben Rechnung zu tragen, suchte die Gemeinde neue Räumlichkeiten. 2013 hat sich die EEMT entschieden, ein altes Zeughaus für die Erweiterung ihrer Aktivitäten zu kaufen. Der Umzug ist für 2018 geplant. Hier soll ebenfalls eine Sozialarbeit für benachteiligte Personen in der Region ermöglicht werden.

5. Pastoraldienste

Die Gemeinde ermutigt ihre Mitglieder, aktiv am Gemeindeleben mitzuwirken und in verschiedenen Gruppen mitzuarbeiten, die sich um die Zurüstung und Ausbildung weiterer Personen bemühen. Die Hauptorgane, die von der Gemeindeversammlung gewählt werden, sind: Der Vorstand (ausführendes Organ) und die Pastoralgruppe, zu der die Ältesten, die Diakone, die Pastoren sowie der verantwortliche Kreis für den Lobpreis und die Verantwortlichen der Jugendgruppe gehören. Ungefähr vierzig Personen kümmern sich um die Kinder- und Jugendarbeit und fünf Personen um die Aufgaben der Mission im Ausland.

Seit ihrer Gründung hat die Gemeinde einen Pastor angestellt, zunächst teilzeitig (60 %) und seit 1993 vollzeitig. Ab 1998 hat sie einen zweiten Pastor halbzeitig und später vollzeitig angestellt. Diese werden auch anderen Organisationen oder Institutionen (Konferenz der Mennoniten der Schweiz, Evangelische Allianz, andere Freikirchen, Familien und Glauben, Fürbitte Kreis im Bundeshaus in Bern) zur Verfügung gestellt. Mehrere Praktikanten konnten in der EEMT wichtige Erfahrungen sammeln.

6. Theologische Orientierung

Die Gemeinde orientiert sich theologisch klar an der Bibel, dem Wort Gottes, und ist im täuferisch-mennonitischen Erbe verwurzelt, ohne jedoch den täuferischen Ursprung zu idealisieren. Auch verfolgt sie die Absicht, eine offene und gastfreundliche Gemeinde zu sein, in welcher Personen mit einem anderen geistlichen Hintergrund willkommen sind. Der allgemeine Frömmigkeitsstil ist klassisch evangelikal und charismatisch ausgerichtet.

7. Beziehungen zu Staat und Gesellschaft

Als Gemeinde, die aus der täuferischen Bewegung stammt, ist sie unabhängig vom Staat, sie wird jedoch als gemeinnützige Organisation anerkannt. Die Gemeindemitglieder werden ermutigt, sich in der Gesellschaft und verschiedenen sozialen Einrichtungen zu engagieren. Mehrere Gemeindemitglieder gehören Exekutivräten politischer Kommunen in der Umgebung an.

8. Lokale, regionale und nationale Zusammenarbeit

Die Zusammenarbeit erfolgt auf allen Ebenen und in vielen Bereichen. Das gemeinsame christliche Zeugnis ist wichtig, das Verbindende und nicht das Trennende.

Auf lokaler Ebene treffen sich die Pastoren der EEMT, der anderen Freikirchen, der evangelisch-reformierten und der römisch-katholischen Kirche zu gegenseitigem Austausch. Ein bis zweimal jährlich finden gemeinsame Gottesdienste oder Begegnungen statt (Gottesdienst zu Beginn des Jahres, eine gemeinsame Suppenmahlzeit in der Passionszeit). Die Kirchen, welche sich auf ihren Ursprung in der Reformation berufen, unterhalten gemeinsam einen christlichen Bücher- und Musikladen in Tavannes.

Regional beteiligt sich die EEMT an den Aktivitäten des französisch sprechenden mennonitischen Pastorenkreises und - zusammen mit anderen Freikirchen - an verschiedenen Projekten in der Kinder- und Jugendarbeit sowie ebenfalls im sozialen Bereich.

Auf nationaler Ebene ist die EEMT Mitglied der Konferenz der Mennoniten der Schweiz (KMS) und auf diese Weise an den Projekten der Konferenz beteiligt (Mission, Hilfswerk, Publikation). Sie ist Mitglied im Réseau évangélique suisse (RES),welche die Aktivitäten der Evangelikalen in der Öffentlichkeit koordiniert.

Literatur

Zur Einweihung der Gemeinde wurde eine zweisprachige Broschüre erstellt: „Genèse de l’Eglise locale - Der Weg zur Gemeindegründung“ (1989). Seit mehreren Jahren gibt die EEMT alle zwei Monate das Bulletin „Belf’onde“ für Gemeindemitglieder und Freunde heraus (Programme, Rückblicke, Interviews mit Gemeindemitgliedern, usw.).

Anschrift der Gemeinde

Eglise Évangélique Mennonite de Tavannes (EEMT), Chemin de Belfond 37, CH-2710 Tavannes (Schweiz).

Website : www.eemt.ch.

Ernest Geiser

 
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