Scheidegger-Gerber, Ulrich

geb. am 13. März 1945 à la Rochette in Villeret, Berner Jura, gestorben am 29. Juni 2017 in Villeret; er war Ältester und angestellter Pastor der Mennonitengemeinde Sonnenberg (Schweiz).

Ulrich Scheidegger hatte einen Doppelnamen Johann-Ulrich, aber er war nur unter dem Vornamen Ulrich bekannt. Er ist das älteste Kind des mennonitischen Landwirtschaftsehepaars Walter Scheidegger und Adélaïde, geb. Gerber. Er hat eine jüngere Schwester und genoss eine freie, lockere Erziehung und eine glückliche Kindheit und Jugend auf dem elterlichen Hof. Die Schule verbrachte er in der kleinen Dorfschule in Villeret mit nur fünf Schülern. Obwohl ihm diese Zeit in guter Erinnerung blieb, wurde er von einer reformierten Kameradin als «Stündelibock» beschimpft, weil er ihrer Ansicht nach einer Sekte angehörte. Bis zur Aufnahme seines Studiums arbeitete er mit auf dem Hof.

Die Eltern waren Mitglieder der Mennonitengemeinde →Sonnenberg. Er besuchte den Katechismusunterricht dieser Gemeinde und ließ sich an Ostern 1960 in Les Mottes taufen. Kurz darauf gründete er eine Jugendgruppe im Vallon de Saint-Imier, in Corgémont, wo er auch im Chor mitsang. Schon früh entschied er sich für ein Theologiestudium. Er besuchte drei Winterkurse der Mennonitischen Bibelschule Bienenberg und anschließend vier Jahre lang das Predigerseminar auf Sankt Chrischona bei Basel, wo er am 7. Juli 1968 ordiniert wurde.

Nach dem Studium heiratete er 1968 Annie Gerber von La Vauche, Reconvilier. Auch sie gehörte zur Gemeinde Sonnenberg. Zusammen richteten sie sich auf dem elterlichen Hof, La Rochette in Villeret, ein, den sie im Jahr 1974 übernahmen und 1975 durch einen Neubau erweiterten. Sie waren Eltern von vier Kindern. Im Dezember 1968 wurde er von der Sonnenberggemeinde zum Prediger eingesetzt und am 2. Juni 1974 zum Ältesten. 1983 gehörte er zu den Gründern der Mennonitengemeinde Cormoret im Saint-Imiertal, in der er mehrere Jahre Ältester war, bis er sich wieder stärker in der Sonnenberggemeinde engagierte. 1983 wurde der Ältestenrat gegründet, um intensiver als bisher theologische Themen miteinander zu besprechen. Ulrich Scheidegger führte den Vorsitz bis 2008. Er war auch Vorsitzender der Pastorale Mennonite Romande (PMR), die 1996 gegründet wurde. Viele Jahre vertrat er die →Konferenz der Mennoniten in der Schweiz (KMS) und die PMR in der ökumenischen Arbeit im Jura, genannt Communauté de travail des Églises Chrétiennes (CTEC) sowie im Verband Evangelischer der Freikirchen und Gemeinden in der Schweiz (VFG). Er war der Vorsitzender des Programmkomitees für die →Mennonitische Europäische Regionalkonferenz (MERK), die 1988 in Tramelan stattfand.

1996 übergab Ulrich Scheidegger den Hof an seinen Sohn und wurde von der Gemeinde Sonnenberg vollzeitlich als Pastor angestellt. Jetzt konnte er sich stärker theologischen Fragen und Themen widmen. und sich kritische, sozialpolitische Positionen erarbeiten, ohne die seelsorgerliche Praxis zu vernachlässigen. In einem Vortrag zum Thema «Das Wohl der Stadt suchen» (Recherche le bien de la cité) stellte er seine Reflexionen über sein politisches Engagement dar. Sie standen unter dem Einfluss des algerisch-französischen Politikwissenschaftler Raphaël Draï und des französischen Soziologen und Theologen Jacques Ellul.

Von 1974 bis 1990 gehörte er dem kommunalen Gemeinderat an, davon zehn Jahre als Bürgermeister. Bis zu seinem Tod war er Sekretär der Milchgenossenschaft (Société de Laiterie) in Villeret, wo er für seine Talente als Vermittler zwischen den Landwirten und Käsern geachtet war.

Nach seiner Pensionierung hat er seinen Großkindern die Liebe zur Landschaft, zu den Bergen, die Leidenschaft zum Lesen, wie auch die Liebe zu Gott vermittelt. Er hat auch immer wieder einige pastorale Dienste, besonders bei Trauerfeiern, übernommen. Am 29. Juni 2017 hat ein Herzinfarkt sein irdisches Leben völlig unerwartet beendet. Eine große Trauerversammlung nahm am 4. Juli 2017 in Villeret Abschied von ihm.

Bibliografie

Elisabeth Baecher, Französischer Nachruf in: PERSPECTIVE 9, 2017, S. 7. - La Famille, Französische Biografie, wie sie anlässlich der Trauerfeier am 4. Juli 2017 in der reformierten Kirche Villeret, verlesen wurde. - Pierre und Lydia Zürcher, Altevangelische Taufgesinnte Gemeinde Sonnenberg - 100 Jahre Kapelle Jeanguisboden: Ulrich Scheidegger, Jeanbrenin 1999, S. 35. - Ulrich Scheidegger, L’architecture d’un engagement politique, in: PERSPECTIVE 7/8, 2009, S. 16 f. - Ulrich Scheidegger, «Stündelibock» in: PERSPEKTIVE 1, 2006, S. 22.

Daniel Geiser-Oppliger

 
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