Bielefeld und Umgebung

Die Stadt Bielefeld in Westfalen zählt elf mennonitische Gemeinden unterschiedlicher Ausrichtung. Dazu kommen weitere sieben in der näheren Umgebung. Damit weist der Raum Bielefeld die höchste Konzentration und Vielfalt der Mennoniten im Bundesgebiet auf, obwohl alle ihre Gemeinden erst nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden sind. Grund dafür war vor allem die über mehrere Generationen anhaltende Flucht aus der Sowjetunion (→Russland) gepaart mit Vertreibung aus Westpreußen nach dem Zweiten Weltkrieg. Viele russlanddeutsche Mennoniten kamen nach Bielefeld nach einem längeren Aufenthalt in Südamerika (→Lateinamerika), noch mehr direkt aus der UdSSR bzw. dessen Nachfolgestaaten (→Aussiedler). Die Vielfalt in der Ausrichtung rührt sowohl von den theologischen Entwicklungen in Russland und in der UdSSR her als auch von den unterschiedlichen Erfahrungen und Frömmigkeitstraditionen in den verschiedenen kulturellen Umgebungen der Herkunftsländer.

1. Mennonitengemeinden

Den Anfang der mennonitischen Präsenz in Bielefeld und Umgebung legte die Mennonitengemeinde Bechterdissen. Heute gehört sie dem WEBB, einer losen Kooperation der Mennonitengemeinden in Wolfsburg, Espelkamp, Bielefeld, Bechterdissen und Niedergörsdorf (→Deutschland) an. Durch Flucht und Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg gelangen die Familien Wilhelm Wiebe und Lothar Hein aus Westpreußen in den Raum Bielefeld. Über diese Familien wurde Hilfsgüter verteilt, als 1945-46 die Betreuung der mennonitischen Flüchtlinge durch das →Mennonite Central Committee (MCC) und andere Organisationen angelaufen war. So fanden die wenigen mennonitischen Flüchtlinge in der Gegend allmählich zueinander. 1946 riefen beide Familien zum ersten Mal 28 russländische und eine größere Gruppe von westpreußischen mennonitischen Flüchtlingen zu einer Andacht zusammen. Für die folgenden Veranstaltungen stellte die Pauluskirche in Bielefeld ihre geräumige Sakristei zur Verfügung. Die Andachten hielt in regelmäßigen Abständen Ältester Dr. Ernst →Crous aus Göttingen. Bald darauf schlossen sich die Bielefelder als eine selbstständige Gruppe der Mennonitengemeinde in Göttingen an. Zum Predigtdienst wurde Ältester Helmut Wiens bestellt, den einige Jahre später Gerhard →Hildebrandt aus Göttingen ablöste. Zwischen 1949 und 1950 kamen viele Familien hinzu.

Mit Unterstützung der mennonitischen Siedlungshilfe aus Süddeutschland gelang es H. Wiebe und L. Hein, eine Mennonitensiedlung in der Nähe des Dorfes Bechterdissen zu gründen, an deren Aufbau →Pax-Boys aus den USA mithalfen. Eine Einweihung der Siedlung sowie die Gründung einer selbstständigen Mennonitengemeinde mit sechzig Mitgliedern fanden am 6. 10. 1956 statt. Sie wurde von dem hauptamtlichen Prediger Helmut Funck geleitet, den am 2. 8. 1959 Johann Plett ablöste. Am 6. 11. 1960 feierte die Gemeinde die Einweihung eines neu errichteten Gotteshauses. Davor versammelte sie sich in den Räumen der evangelisch-reformierten Gemeinde am Ort.

Seit Mitte der 1950er Jahre wuchs die Gemeinde durch Rückkehr von russlanddeutschen Mennoniten aus →Paraguay stark an, die kurz nach dem Zweiten Weltkrieg aus Deutschland dorthin geflohen waren. Bechterdissen zog auch deren Verwandte aus anderen Teilen Deutschlands an. 1962 kam dazu die erste Familie direkt aus der UdSSR. Ende der 1960er Jahre wurde die Zuwanderung aus dem kommunistischen Land intensiver, was 1978 eine Erweiterung des Gemeindehauses erforderte. Anfang 1980 zählte die Gemeinde 1060 Mitglieder.

Die Zahl der Gemeindemitglieder im nahe gelegenen Bielefeld wuchs überaus stark. Im April 1974 wurde in der Beckhausstraße eine Werkskantine für Versammlungen gemietet, die bald parallel zu denen in Bechterdissen stattfanden. Nach kurzer Zeit mussten sie in angemietete Räume in der Verse-Blusen-Fabrik verlegt werden. Schließlich wurde ein neues Gemeindehaus im Stadtteil Baumheide errichtet und am 17. 12. 1978 eingeweiht. Zum 1. 4. 1980 teilte sich die Gemeinde in Bechterdissen in zwei Gemeinden auf.

Damit erreichte die Mennonitengemeinde in Bielefeld mit 350 Mitgliedern einen selbstständigen Status. Die Leitung der Gemeinde wurde dem Prediger Bernhard Harder übertragen. Im November 1983 wurde Peter Rempel zum Ältesten der Gemeinde ordiniert. Er blieb Leitender Ältester bis 2011. Ihn löste in seinem Dienst Franz Peters jun. ab.

Anfang der 1980er Jahre kamen weitere mennonitische Familien nach Bielefeld, und so wurde die Kirche in Baumheide bald zu klein. 1985 wurde die Entscheidung getroffen, ein zweites Kirchengebäude zu bauen, aber trotzdem eine Gemeinde zu bleiben. Das bedeutete, dass die Mitarbeiter auf zwei sogenannte Stellen aufgeteilt wurden, die Mitglieder aber sich selbst einer Stelle zuordnen durften. Die gemeinsame Gemeindeleitung sorgte für beide Stellen. Im Oktober 1987 wurde die zweite Kirche der Mennonitengemeinde Bielefeld im Stadtteil Sieker eingeweiht.

Am 1.1.1987 liberalisierte die UdSSR ihre Ausreisebedingungen und initiierte damit eine riesige Ausreisewelle von Russlanddeutschen in die Bundesrepublik Deutschland und auch die wohl größte Migration von Mennoniten in ihrer gesamten Geschichte. Sofern von der Regierung gestattet, versuchten die Neuangekommenen zu ihren Verwandten zu ziehen oder wählten ihren Wohnsitz in der Nähe von bestehenden Gemeinden. Bielefeld und Umgebung wurde zu ihrem größten Anziehungspunkt in der Bundesrepublik. Hier schlossen sich die mennonitisch geprägten Einwanderer der Mennonitengemeinde an. Zum lebendigen Glauben und zur Gemeinde kamen auch viele neueingewanderte Russlanddeutsche, die in der atheistischen Sowjetunion entkirchlicht waren. Bald war auch die zweite Gemeindestelle überfüllt. Nun wurden nach gleichem Prinzip (eine Gemeinde in mehreren Häusern) weitere Stellen in verschiedenen Ortsteilen und Nachbarorten gegründet: im Februar 1989 Milse (Einweihung der neu erbauten Kirche am 5. 3. 2000), im November 1989 Sennestadt (Einweihung der neu erbauten Kirche im September 1993), im September 1993 Dingerdissen in einer zu einer neuen Kirche umgebauten ehemaligen Gaststätte, im März 1998 Babenhausen (Einweihung der neu erbauten Kirche im Mai 2001), im Dezember 2001 Schloß Holte-Stuckenbrock (Einweihung der neu erbauten Kirche im Februar 2007), im März 2004 Leopoldshöhe (Einweihung im September 2004), im Januar 2011 Rheda-Wiedenbrück in einer zur Kirche umgebauten ehemaligen Firma, im September 2012 Altenhagen in einem ebenfalls zur Kirche umfunktionierten ehemaligen Firmengebäude. Jede der zehn Gemeindestellen hat eine eigene Leitung. Sie besteht aus Ältesten, Predigern und Diakonen, die von der jeweiligen Gemeindestelle gewählt werden. Geleitet wird die Gesamtgemeinde von gemeinsamen Ältesten- und Kirchenräten. Alle Stellen arbeiten eng zusammen. Die Mitarbeiter der Gemeinde werden größtenteils in der gemeindeeigenen Gemeinde-Bibel-Schule ausgebildet, die sich in einen zweijährigen Grundkurs, einen etwa zweieinhalbjährigen Aufbaukurs und ein Predigerseminar gliedert. Die Gemeinde besitzt einen eigenen Verlag (Christlicher Missions-Verlag; CMV e.V.) und eine Christliche Missions-Buchhandlung Oase GmbH. Die Gesamtgemeinde veranstaltet jährlich Großevangelisationen mit bekannten Evangelisten und betreibt eigenverantwortlich oder in Zusammenarbeit mit anderen befreundeten mennonitischen Gemeinden Gemeindegründungsarbeit in Deutschland und Missionsarbeit in verschiedenen Ländern der Welt. Mit zehn Gemeindestellen und etwa 2800 getauften Mitgliedern (2016) zählt die Gemeinde zu den größten Mennonitengemeinden in Deutschland und Europa. Sie ist Mitglied der Arbeitsgemeinschaft zur geistlichen Unterstützung in Mennonitengemeinden (AGUM e.V.).

1992 löste sich von der Mennonitengemeinde Bielefeld eine Gruppe von meist jungen Leuten, die sich in der durch Neuangekommene stark gewachsenen Gemeinde nicht mehr wohl fühlten, und gründete die Evangelisch-Mennonitische Freikirche Bielefeld. Zunächst versammelte sich diese Gruppe in Privaträumen, dann in einer Friedhofskapelle. 1997 erwarb die auf 77 Mitglieder gewachsene Gemeinde ein altes Gebäude und begann mit dessen Umbau. Am Heiligabend 1999 gab es im neuen Gemeindehaus die erste Gemeindeveranstaltung, obwohl es erst zehn Jahre später ganz fertig wurde. Durch das stetige Gemeindewachstum wurden auch dessen räumliche Möglichkeiten ausgeschöpft, und 2014 wurde mit dem Umbau eines alten Firmengebäudes im Stadtteil Hillegossen begonnen. 2015 zählte die Gemeinde knapp zweihundert Mitglieder. Sie hat sich dem WEBB angeschlossen.

Am 7. 11. 1984 wurde im Stadtteil Sennestadt die Mennoniten-Kirchengemeinde Bielefeld mit dem Ältesten Heinrich Pätkau gegründet. 1987 ist sie dem →VDM und der →AMG beigetreten. Durch den Zuzug aus der UdSSR wuchs die Gemeinde bis auf 120 Mitglieder; danach sanken die Mitgliederzahlen auf etwa dreißig Personen (2016). Gegenwärtig (2016) versammelt sich die Gemeinde in gemieteten Räumen und wird von Jakob Günter geleitet.

2. Mennoniten-Brüdergemeinden in der Arbeitsgemeinschaft der Mennoniten-Brüdergemeinden in Deutschland

Die Anfänge der →Mennoniten-Brüdergemeinde (MBG) im Bielefelder Raum gehen auf das Jahr 1954 zurück, als sich die ersten Rückwanderer dieser Glaubensrichtung aus Südamerika in der Stadt Lage unweit von Bielefeld niederließen. In den nächsten Jahren folgten ihnen weitere MBG-Mitglieder. Einige schlossen sich der MBG in →Neuwied an, die anderen trafen sich in Hauskreisen ohne Gemeindeanschluss. Sie wurden von dem Prediger Jacob Vogt und dem Pastor der Gemeinde in Neuwied Hugo Jantz betreut. Am 23. 9. 1962 wurde in Lage eine MBG-Gruppe gegründet, die zwei Monate später bereits 23 Erwachsene und 15 Kinder zählte. 1963 übernahm die Leitung dieser Gruppe der Lehrer der Bibelschule Brake George Jantzen. Im September 1965 entsandte die Missionsbehörde der MBG in Nordamerika nach Lage für Gemeindegründungsarbeit das Ehepaar Jacob und Martha Vogt. Im Herbst 1965 begannen sie mit sonntäglichen Gottesdiensten in gemieteten Räumen. Am 1. 5. 1966 fand in der Bibelschule Brake der Gründungsgottesdienst der MBG Lage statt, und im selben Monat schloss sich die Gemeinde der Konferenz der Mennonitischen Brüdergemeinden in Deutschland an.

Anfang 1969 berief die Gemeinde zum Pastorendienst John Klassen aus Kanada und seine Ehefrau Mary. Die Gemeinde wuchs stetig, und in ihr wuchsen die Ströme der deutschen Rückwanderer aus Südamerika, der einheimischen Neubekehrten und schließlich der Umsiedler aus der UdSSR zusammen. Am 12. 10. 1975 wurde das neue Gemeindezentrum eingeweiht, das mit Hilfe aus Kanada und USA errichtet wurde. Zehn Jahre nach der Gründung zählte die Gemeinde 240 Mitglieder. Im folgenden Jahrzehnt wuchs sie durch die Sammlung der Umsiedler aus der UdSSR und nicht zuletzt durch die Missionsarbeit. 1982 wurde Johann Wiebe aus eigenen Reihen zum Pastor bestellt; auf ihn folgte u. a. 1999-2009 der Lehrer der Bibelschule Brake Walter Fast. 2008 erreichte die Gemeinde ihren statistischen Höhepunkt von 360 Mitgliedern. Die MBG Lage zusammen mit den aus ihrer Mitte hervorgegangenen Gemeinden gehören allesamt zur Arbeitsgemeinschaft der Mennoniten-Brüdergemeinden in Deutschland (AMBD e.V.).

Als Mittel für die Konsolidierung der unterschiedlichen Strömungen in der MBG Lage wurde Mission gewählt. Ein großer Teil der Gemeindemitglieder wohnte im Großraum Bielefeld, und so kam es 1977 zur Gründung der ersten Tochtergemeinde Bielefeld-Brackwede mit anfänglich 35 Mitgliedern. Diese Gemeinde wuchs und gab in späteren Jahren Impulse zur Gründung weiterer MBG-Gemeinden in Bielefeld und Umgebung.

1979 gründeten 54 Geschwister aus der MBG Lage eine weitere Tochtergemeinde in Bielefeld-Stieghorst. Seit 1998 nutzt die Gemeinde für ihre Zwecke das ehemalige Offizierskasino im Stadtteil Sieker, was ihr den gegenwärtigen Namen Casino Gemeinde - Evangelische Freikirche Sieker eingebracht hat. 2016 zählt die Gemeinde ca. 160 Mitglieder.

Anfang 1980er Jahre begann eine weitere Gruppe aus der MBG Lage mit Bibel- und Jugendstunden in einer Garage in Bielefeld-Hillegossen. 1982 wurde hier zusammen mit der Jugendmissionsgesellschaft Operation Mobilisation eine Teestubenarbeit begonnen, durch die Menschen zum Glauben kamen. Nach einer zweijährigen Vorbereitungszeit wurde eine weitere Mennoniten-Brüdergemeinde gegründet, die heute den Namen Evangelische Freikirche Immanuel trägt und über ein Gemeindehaus mit anspruchsvoller Architektur verfügt.

Von der MBG in Bielefeld-Brackwede kamen entscheidende Impulse zur Gründung einer Gemeinde im Bielefelder Nachbarort Schloß Holte-Stuckenbrock. Am 19. 11. 1990 fand die Gründungsversammlung statt. Ein Teil der Gründungsmitglieder kam aus Südamerika, der andere aus Deutschland. Das Gemeindegründerehepaar Reinhold und Ruthilde Plocher wurden bald von einem Team abgelöst. Zunächst wurde für Versammlungen eine ehemalige Videothek gemietet; 2005 erwarb die Gemeinde das Grundstück mit den Räumlichkeiten. Bis 2016 wuchs sie auf 71 Mitglieder an.

Aus einem Hauskreis der MBG in Bielefeld-Brackwede entstand 1993 die Glaubensgemeinde der evangelischen Freikirche Bielefeld Mitte (Mennonitenbrüdergemeinde) e.V. Von Beginn an gehörten zu ihr vor allem gebürtige Deutsche und Rückwanderer aus Südamerika. 2016 zählte die Gemeinde 38 Mitglieder; sie versammelt sich in gemieteten Räumen.

Zur AMBD gehört auch die Evangelische Freikirche Steinhagen mit vierzig Mitgliedern (2014).

3. Mennoniten-Brüdergemeinden im Bund Taufgesinnter Gemeinden

Im Zuge der Auswanderung aus der UdSSR in den frühen 1970er Jahren kamen einige wenige Familien auch nach Bielefeld. Im Sommer 1974 einigten sich sieben Familien in einer Notwohnung darauf, eine Gemeinde zu gründen. Zunächst versammelte sie sich in Kindergartenräumen, danach in der Aula der Krankenanstalt „Bethel“. Stabilisierung der Gemeindearbeit, Zuzug und Erfolge in der Evangelisation unter Russlanddeutschen ließen die Zahl der Mitglieder stetig wachsen. 1980 bauten die inzwischen 180 Mitglieder unter vielen Opfern finanzieller und physischer Art ein ehemaliges Kühlhaus im Stadtteil Heepen zu einem Gottesdienstsaal mit 800 Sitzplätzen um. Mit dem Anstieg der Einwanderungszahlen Ende der 1980er Jahre wurde der Raum voll. 1989-1990 fand der Wechsel in der Leitung der Gemeinde von Peter Wiebe über Johann Richert zu Heinrich Klassen statt. Im Herbst 1989 zählte die Gemeinde zu den sieben Mitbegründern des Bundes der Taufgesinnten Gemeinden. Nach dem Abklingen der Immigration aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion zur Mitte der 1990er Jahre setzte sich das Wachstum dank Evangelisationen und effizienter Kinder- und Jugendarbeit fort. Die Raumnot wurde 2000 durch den Bau eines zweiten Gemeindehauses im Stadtteil Oldentrup gelindert. Seitdem heißt die Gemeinde Mennoniten-Brüdergemeinde Heepen/Oldentrup.

1994 gründete die MBG Heepen eine Tochergemeinde im Stadtteil Brackwede, die den Namen Mennonitische Christusgemeinde Bielefeld-Brackwede trägt, 2016 weit über 100 Mitglieder zählt und über ein eigenes Gemeindehaus verfügt.

Die MBG Oerlinghausen / Kachtenhausen fing als Tochtergemeinde der MBG Bielefeld-Heepen an. Nach einer Vorbereitungsphase von eineinhalb Jahren fand der Eröffnungsgottesdienst am 5. 5. 1989 in gemieteten Räumen statt. Ein Jahr später, am 5. 5. 1990, wurde die Gemeinde in einem feierlichen Gottesdienst in der Muttergemeinde in die Selbstständigkeit entlassen. Ende 1990 zählte die Gemeinde 131 Mitglieder und wuchs ständig durch Evangelisation und Zuzug aus der UdSSR sowie Uruguay und Brasilien. Im Juli 1995 weihte die Gemeinde ihr neues, in knapp drei Jahren erbautes Gemeindehaus ein. In demselben Jahr verzeichnete sie die höchste Zahl an getauften Geschwistern: 42. Die Gemeinde wurde von Beginn an von Johann Richert geleitet, den 2007 David Wiebe ablöste. Im Oktober 2009 erfolgte eine Gemeindeerweiterung nach Kachtenhausen, einem Vorort der Stadt Lage. Hier wurde ein weiteres Gemeindehaus erworben. Beide Teile der Gemeinde verbindet ein gemeinsamer Ältesten- und Bruderrat. Am 1. 1. 2016 zählte die Gemeinde 480 Mitglieder.

1998 gründete die MBG Oerlinghausen die Tochtergemeinde MBG Oerlinghausen-Helpup, die von Arthur Rempel geleitet wird, 2016 weit über 100 Mitglieder zählt und inzwischen über ein eigenes Gemeindehaus verfügt.

4. Weitere Mennoniten-Brüdergemeinden

Im Dezember 1987 wurde in einer Gebetswoche in den Räumen des städtischen Krankenhauses eine weitere Mennoniten-Brüdergemeinde gegründet, die nach dem Bau ihres Gemeindehauses den Namen MBG Bielefeld-Schillerstraße erhielt. Die Einweihung des Gemeindehauses fand im Dezember 1992 statt. Die Gemeinde wurde von den ehemaligen Predigern der MBG Nowo-Pawlowka in Kirgisistan Peter Regehr und Heinrich Krahn sowie dem ehemaligen Ältesten der Evangeliumschristen-Baptistengemeinde Kant in Kirgisistan Gerhard Dürksen gegründet. Dürksen übernahm die Gesamtleitung der Gemeinde; Regehr leitete den Bau des Gemeindehauses. Die Gemeinde erlebte ein starkes Wachstum durch Zuzug aus der UdSSR und ihrer Nachfolgestaaten. In den ersten drei Jahren wurden jede Woche neue zugezogene Mitglieder in die Gemeinde aufgenommen. Beim Beginn des Gemeindebaus im Herbst 1991 zählte sie bereits 600 Mitglieder. 2006 wurde Gerhard Dürksen von Andreas Epp abgelöst. 2016 zählt die Gemeinde trotz der Gründung einiger Tochtergemeinden weiterhin 600 Mitglieder. Die Gemeinde ist Mitglied in der Bruderschaft der Christengemeinden in Deutschland (BCD).

Nach der Vollendung des Baus in der Schillerstraße wurde von einigen Mitgliedern dieser Gemeinde die MBG Bielefeld-Brake, benannt nach einem Stadtteil in Bielefeld, gegründet. Die erste Gemeindestunde mit 27 Mitgliedern fand am 22. 11. 1994 statt. Mit der Gemeindeleitung wurden die bereits erwähnten Peter Regehr und Heinrich Krahn beauftragt. Schon ein Jahr später, am 10. 12. 1995, weihte die Gemeinde ihr eigenes Bethaus, ein ehemaliges Firmengebäude, ein. Zur Einweihung reiste aus Frankenthal der ehemalige Älteste der MBG in Karaganda (Kasachstan) Heinrich Wölk an. Damit brachte die Gemeinde ihre besondere Verbundenheit mit der Tradition der Mennoniten-Brüdergemeinde in der Sowjetunion zum Ausdruck. Die MBG Bielefeld-Brake pflegt enge Gemeinschaft mit einem Kreis von Mennoniten-Brüdergemeinden, der sich um die MBG Frankenthal gebildet hat.

Etwa 150 Mitglieder der MBG Bielefeld-Schillerstraße unter der Leitung von Johann Block gründeten etwa 2010 die MBG Bielefeld-Senne. Sie versammelt sich in gemieteten Räumen.

Die MBG in Halle, einem Nachbarort von Bielefeld, wurde im November 1989 von Auswanderern aus der UdSSR, vornehmlich Zentralasien, gegründet. Die Leitung übernahm Johann Ens. Die ersten elf Jahre versammelten sich die Gemeindemitglieder in einer Friedhofskapelle, bis am 17. 2. 2002 ein eigenes neu erbautes Gemeindehaus eingeweiht wurde. 2014 war die Gemeinde, die bis 1998 Mitglied im BCD war, auf 304 Mitglieder angewachsen.

5. Frömmigkeitsgeschichtliche Akzente

Die Frömmigkeit der mennonitischen Gemeinden russlanddeutschen Ursprungs ist stark von der Erweckung pietistischer Art nach dem Zweiten Weltkrieg in der Sowjetunion geprägt. Nach Deutschland wurde von vielen auch der neue Aufschwung der Absonderung von der Welt mitgebracht, der sich als Reaktion auf Verfolgungen und ideologische Indoktrination etabliert hatte. Gleichzeitig erhielt auch die Tradition der Heiligungsbewegung in der UdSSR neue Impulse, denen viele Gemeinden ihre Treue bewahren.

Die meisten Mennonitengemeinden russlanddeutschen Ursprungs sind in ihren Kontakten zu alteingesessenen Mennoniten sowie internationalen mennonitischen Organisationen zurückhaltend. Sie wirken entweder in einer Vielzahl russlanddeutscher Gemeindeverbände mit oder pflegen lediglich sporadische Kontakte zu anderen russlanddeutschen Gemeinden. Eine gewisse Offenheit für Zusammenarbeit zeigen der Bund Täuferischer Gemeinden und noch mehr die Arbeitsgemeinschaft Mennonitischer Brüdergemeinden in Deutschland.

Quellen

 
www.mennlex.de - MennLex V :: loc/bielefeld.txt · Zuletzt geändert: 2016/10/08 20:18 von bw     Nach oben
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