Schänzli (Evangelische Mennonitengemeinde Schänzli in Muttenz bei Basel)

1. Die Vorgeschichte: Das Täufertum in der Region Basel

Nur wenige Monate nach den Anfängen des Zürcher Täuferkreises im Januar 1525 (→Täufer) gab es auch in der Stadt Basel eine täuferische Gemeinde, welche trotz Repression rasch anwuchs. Mit dem Durchbruch der Reforma­tion im Jahr 1529 setzte allerdings eine systematische Ver­folgung ein, die auch vor Hinrichtungen nicht zurück­schreck­te. So wurde das einheimische Täufertum weitgehend einge­dämmt und in ländli­che Randregionen abge­drängt.

Nach einem er­neuten Aufblühen der Bewegung um die Mitte des 16. Jahrhunderts, wich die in Basel verhältnismäßig offene Atmosphäre gegen das 17. Jahrhundert hin wieder einer re­pres­sive­ren Politik. Versammlungs- und Redeverbote, lange Ge­fan­genschaften und Folter, Güterkonfiskationen und Ausweisun­gen trieben auch hier eine große Zahl von Taufgesinnten zur Flucht ins Ausland. Asylorte waren vor allem Mähren, das Elsass und die Pfalz. Wichtige täuferi­sche Zentren befanden sich bis 1700 im Leimen­tal und am Blauen im Süden und Südwesten der Stadt, sodann jenseits des Rheins im Nordosten bei Riehen, Lörrach und Grenzach, ferner im Südosten in Buus, Maisprach und Tecknau, vor allem aber in Thürnen und Rothen­fluh.

Um 1700 schien das Rückgrat des einheimi­schen Täufertums weitge­hend gebrochen zu sein. Wohl kam es im Umfeld des radi­kalen →Pietismus zu Beginn des 18. Jahrhunderts zu erweckli­chen Aufbrüchen mit täuferischen Bezügen in Pratteln, Frenken­dorf, Diegten und Langenbruck. Ein erneutes Aufblühen täuferischer Gemeinden im Raum Basel erfolgte allerdings erst ab 1750 durch die Zuwanderung von meist deutsch-bernischen Täuferinnen und Täufern aus dem Jura und Elsass, später auch direkt aus dem Emmental. Wachsende Einflüsse aus Pietismus und Aufklärung hatten frühere Diskriminierungen abgebaut und diese Neuansiedelung ermöglicht. Einzige beruf­liche Tätigkeit stellte für diese Taufgesinn­ten vorerst die Bewirtschaftung von teils abgelege­nen, später aber auch zunehmend bevorzugt liegenden Sennhö­fen dar wie St.Romai, Arxhof, Wildenstein, Dietisberg, Witwald, Schillingsrain oder Alt-Schauenburg. Bald kamen aber auch grosse Höfe in Stadtnähe hinzu wie Brüglingen, St.Jakob, Rothaus, Schloss­gut Binningen oder der Wenkenhof.

2. Entstehung und Entwicklung der Schänzli-Gemeinde

Mit der täuferischen Zuwanderung in den Raum Basel bildete sich gegen 1780 ei­ne „obere“ und eine „untere“ Gemeinde heraus. Aus der in ami­scher Tradition ste­henden und als „fein und streng“ bezeich­neten Unteren Gemeinde entwickelte sich die heutige Basler Holee-Gemeinde, aus der „grob und gelinden“ Oberen Gemeinde die Schänzli-Gemeinde in Muttenz. Die 1847 gebaute Kapelle der Unteren Gemeinde an der Basler Holeestrasse stellt dabei das älteste nicht-landeskirchliche Kirchengebäude in der Schweiz dar. Den Na­men erhielt die Muttenzer Gemeinde vom lang­jäh­rigen Versammlungslokal auf dem Schänzli beim heutigen Reitsport­zentrum in St. Jakob. Der gegenwärtige Standort an der Pestalozzistrasse wurde im Jahre 1903 bezo­gen.

Wirtschaftliche Probleme, vor allem aber auch die allmähliche Einführung der Allgemeinen Wehrpflicht (→Wehrlosigkeit) in der Schweiz ließen im Verlauf des 19. Jahrhunderts eine große Zahl von Täuferinnen und Täufern nach Nordamerika auswandern - auch aus dem Baselbiet. Dieser kontinuierliche Aderlass riss erhebliche Lücken in die täuferischen Gemeinden, zumal es oft die leitenden und prägenden Personen waren, welche der Heimat den Rücken kehrten. Die Folge waren ein kirchlich-geistlicher Niedergang und eine theologische Erstarrung.

Neue Aufbrüche erlebten Taufgesinnten-Gemeinden, die sich im 19. Jahrhundert zur Konferenz der Altevangelischen Taufgesinnten-Gemeinden der Schweiz verbunden hatten, erst gegen 1900 durch Einflüsse aus der spätpietistisch-erwecklichen Gemeinschafts- und Heiligungsbewegung. Für die Basler Gemeinden war es die geographische Nähe zur Pilgermission St. Chrischona (in den 1840er Jahren) und zur Evangelischen Predigerschule Basel (1876-1915), zwei Institutionen mit europaweiter Ausstrahlung, die sie besonders stark prägte.

Eine Wiederentdeckung und -aneignung des täuferisch-mennonitischen Erbes bahnte sich seit den 1920er Jahren durch zunehmende Kontakte und Zusammenarbeit mit nordamerikanischen Glaubensgeschwistern an. Gerade die Basler Gemeinden erfuhren diese Prägung sehr intensiv durch die Organisation und Durchführung von zwei Vollversammlungen der →Mennonitischen Weltkonferenz in ihrer Stadt (1925 und 1952) sowie durch die zeitweise Verlegung des Europa-Büros des →Mennonite Central Committee der nordamerikanischen Mennoniten nach Basel (seit 1946).

Wichtige Impulse für die Mennonitengemeinden der Agglomera­tion Basel und darüber hinaus sind 1950 von der seit 1957 auf dem →Bienenberg bei Liestal befindli­chen Europäischen Mennonitischen Bibelschule (heute: Ausbildungs- und Tagungszentrum Bienenberg bzw. Theologisches Seminar Bienenberg) aus­gegan­gen. Das gilt nicht zuletzt für die Schänzli-Gemeinde, wo Anregungen im Bereich von Gemeindebau und Sozialdiakonie, Friedens- und Versöhnungsdienst oder durch die Beteiligung von Frauen an allen Formen der Leitung etc. oft rascher als anderswo aufgegriffen und umgesetzt worden sind.

Wegen der erwähnten zahlreichen Auswanderungen ist die Mitgliederzahl der Schänzli-Gemeinde in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis auf 30 Personen um 1850 gesunken, sodann kontinuierlich ge­stiegen auf 120 um 1910 und auf 150 um 1950. Infolge von Zu­wanderung, zahlrei­chem eigenem Nachwuchs und Neu­eintritten aus nicht-menno­nitischem Kontext ist die Gemeinde bis in die 1980er Jahre auf 350 Mitglieder angewachsen. Trotz der Neu­gründung zweier eigenständiger Tochter-Gemeinden in Liestal (1975-1997) und in Münchenstein (seit 1991) ist dieser Bestand gehalten worden (2013 sind es 374 Mitglieder).

Weit über den Raum der eigenen Gemeinde hinaus prägende Älteste der neueren Zeit waren Samuel Nussbaumer (1866-1944), Samuel →Gerber (1920-2006), Helmut →Doerksen (1937-2010) und Paul Hofer (geb. 1935).

Bis heute wird das Gemeindeleben der Mehrgenerationengemeinde von zahlreichen freiwilligen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen getragen. Unterstützt wird die Gemeinde von einem Team Angestellter mit verschiedenen Funktionen. Die Vielfalt an Frömmigkeit, Liedgut, Persönlichkeiten und theologischen Akzenten hat zur Folge, dass fortwährend um die Einheit der Gemeinde gerungen werden muss, was nur in gegenseitiger Wertschätzung fruchtbar zu werden verspricht.

3. Beziehungen der Gemeinde zu Mennoniten weltweit und zu anderen Kirchen

Die Evangelische Mennonitengemeinde Schänzli ist Mitglied der →Konferenz der Mennoniten der Schweiz (KMS) und dadurch auch mit der Mennonitischen Weltkonferenz (MWK) verbunden. Über die täuferisch-mennonitischen Gemeinden hinaus arbeitet die Gemeinde auf verschiedene Weise mit ande­ren Christen und Kirchen der Region zusammen. In Muttenz geschieht dies vor allem auf der Ebene der Evangelischen Allianz, sowie in einem gemeinsam von allen Muttenzer Kirchen getragenen und von lokalen Künstlern realisierten Skulpturenweg, dem „Weg der Hoffnung“. Darüber hinaus sind die Baselbieter Mennonitengemeinden Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen beider Basel. Weitere Vernetzungen in der Region bestehen mit dem Leitertreffen Riehen-Basel und werden durch persönliche Kontakte zu befreundeten Gemeinden und Werken hergestellt.

4. Verhältnis zu Staat und Gesamtgesellschaft

Wenngleich die Geschichte der Täuferbewegung immer wieder mit Phasen des Rückzugs und der Absonderung von der Gesellschaft verbunden war, so gab es andererseits von Zeit zu Zeit auch Aufbrüche und das Bemühen, den Glauben mit anderen Menschen zu teilen. Biblische Motive dazu finden sich z. B. in Jeremia 29 („Suchet der Stadt Bestes“) oder in Matth. 5 („Licht und Salz“ zu sein). Dies geschah und geschieht bei aller Bruchstückhaftigkeit auf vielfältige Weise, z. B. im politischen Engagement, in der Mitgestaltung des öffentlichen Lebens, in Bildung, Kultur und Vereinsleben, in Freizeitangeboten wie Jungschar-Lager oder Kinderwochen, Konzerten oder unterstützenden Angeboten für Partnerschaft und Erziehung. Auch das Bemühen um Integration von Menschen mit Migrationshintergrund oder praktische Einsätze im Sinne der „Nachbarschaftshilfe“ sind konkrete Schritte, um Gottes Liebe mit anderen Menschen zu teilen.

Bibliografie

Jecker, Hanspeter, Ketzer, Rebellen, Heilige. Das Basler Täufertum von 1580-1700. (Quellen und Forschungen zur Geschichte und Landeskunde des Kantons Basel-Landschaft, Band 64), Liestal 1998. - Ders., Von Pietisten, Separatisten und Wiedertäufern. Ungereimte Geschichte aus dem Baselbiet, Basel 2003. - Ders., „Und ob es schon nicht in Kana wäre“ - Die Rückkehr des Täufertums nach Basel und die Anfänge einer ‚unteren‘ und einer ‚oberen‘ Gemeinde 1770-1800“, in: Mennonitica Helvetica 26/27, 2003-2004, 7-91.

Website der Evangelischen Mennonitengemeinde Schänzli: http://www.menno-schaenzli.ch/

Hanspeter Jecker und Emanuel Neufeld

 
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