Abendmahl

1. Das Abendmahl in der christlichen Kirche

Das Abendmahl der christlichen Kirchen wurde nach neutestamentlicher Überlieferung von Jesus selbst am Abend vor seiner Gefangennahme bei seinem letzten Mahl mit seinen Jüngern eingesetzt. Wo Christen sich versammeln und bei Brot und Wein gemeinsam an Jesus denken, vollzieht sich die Gründung der Kirche immer wieder neu, und es entsteht eine Gemeinschaft, die aus der Gegenwart Jesu Christi lebt. Schon in der Apostelgeschichte wird berichtet, dass die Gläubigen im Brotbrechen ein Zeichen sahen, das die Identität ihrer christlichen Existenz zum Ausdruck bringt. Danach wurde die Feier des Abendmahls nach und nach auf eine Weise stilisiert, wie sie in der katholischen Kirche und in der Griechisch orthodoxen Kirche weiter entwickelt werden konnte. Überall glaubten die Christen daran, dass Jesus Christus im Abendmahl gegenwärtig sei, und berieten darüber, wie diese Gegenwart am besten zur Geltung gebracht werden könne. Schließlich wurde die Vorstellung von der Gegenwart Jesu Christi mit den Abendmahlselementen verbunden und die Lehre von der Wandlung der natürlichen Elemente Brot und Wein in Leib und Blut Christi entwickelt. Die Reformatoren des 16. Jahrhunderts verwarfen diese Transformationslehre. Sie nannten das Abendmahl nicht mehr das „Opfer des Herrn“, sondern schlicht das „Herrenmahl“ und legten den Akzent auf die Teilhabe der Gläubigen an Christus und auf die Gemeinschaft der Gläubigen untereinander. Brot und Wein wurden als das mit dem Wort des Evangeliums verbundene Medium oder als das Zeichen für die Teilhabe an Kreuz und Auferstehung Jesu Christi angesehen. Einige Kirchen haben ausgesprochen liturgische Formen der Abendmahlsfeier ausgebildet, andere haben sich für einfache und wechselnde Formen entschieden. Fast alle Konfessionen stimmen darüber überein, dass das Herzstück der Abendmahlsfeier die Einsetzungsworte Jesu sind. Sie erinnern an Leben, Tod und Auferstehung Jesu Christi, dazu gehört auch die Bitte an den Heiligen Geist, Christus in jedem Abendmahl der Gläubigen zu vergegenwärtigen.

2. Täuferisches Abendmahl im 16. Jahrhundert

Die Kirche der Täufer geht auf keine politische oder theologische Absichtserklärung zurück, sondern ist in einem liturgischen Akt entstanden: in einer abtrünnigen Taufpraxis (Glaubens- bzw. Erwachsenentaufe) und einer antizeremoniellen Feier des Abendmahls während der letzten Januartage 1525 in Zürich und im nahegelegenen Zollikon. Obwohl der Inhalt und die Form der Eucharistie neu interpretiert wurden, blieb sie auch für die Täufer das wesentliche Merkmal der Kirche.

Das frühe Täufertum repräsentiert einen charismatischen und kaum institutionalisierten Kirchentyp. Auch wenn seine Anfänge formal in Zürich liegen, brach es in vielen Regionen des deutschen und niederländischen Sprachgebiets in Europa fast gleichzeitig oder kurz nacheinander auf. Überall wies das Abendmahl hier gemeinsame und voneinander abweichende Züge auf.

Balthasar Hubmaier, der originellste Gelehrte, der mit den Schweizer Täufern in Verbindung stand, war einst ein katholischer Theologe mit großer liturgischer Kompetenz. Das kam in seinem Dienst für die Täufer zum Tragen, vor allem in den Ordnungen, die er für die Taufe, das Abendmahl und den Bann schrieb. Es überrascht nicht, dass einige seiner Anschauungen extreme Reaktionen auf die spätmittelalterliche Abendmahlspraxis darstellten. Um jede Vorstellung zu vermeiden, Christus könne in Brot und Wein auf leibhaftige Weise präsent sein, fasste er die Begegnung der Gemeinde mit Christus als ein inwendiges Geschehen auf, das der äußeren Handlung vorausgeht. In seinen Augen konzentrierte sich das Brotbrechen eher darauf, dass die versammelte Gemeinde als den Leib Christi zu erweisen, anstatt diesen Leib in den Abendmahlselementen zu empfangen. Ein „Pflichtzeichen der Liebe“, das auf vier Fragen antwortet, geht den Gebeten und den Einsetzungsworten des Abendmahls unmittelbar voran. Die zweite Frage beispielsweise fragt den Kommunikanten, ob er sein Leben für den Bruder und die Schwester, für den Nachbarn und den Feind lassen will, wie Jesus Christus sein Leben für die Welt ließ. Auch wenn sich die Begegnung des Gläubigen mit Christus vor dem Genuss des Abendmahls ereignet, wird die nachfolgende Handlung doch nicht spiritualisiert. Die Antwort auf Christus ist konkret und bringt eine moralische Verpflichtung zum Ausdruck.

In derselben Zeit war auch ein spiritualisiernder Impuls im Täufertum wirksam, der die äußeren Formen überhöhte und die geistliche Realität ganz und gar ins Innere des Menschen verlagerte. Gegen diese spiritualisierende Tendenz reagierte Pilgram Marpeck, der kreativste Anführer der Täufer in den oberdeutschen Städten. Wie die katholische Tradition bestand auch Marpeck auf der „sakramentalen Natur“ der Abendmahlsfeier. Damit meinte er, dass Gott die Materie nutze, um den Geist zur Wirkung zu bringen. Die Originalität Marpecks liegt hier in der Vorstellung von der Unzertrennbarkeit der göttlichen Initiative und der menschlichen Antwort. Er wollte die katholische Anschauung ex opere operato überwinden, nach der das Zeichen unabhängig von dem Glauben wirkt. In seinen Augen war das Abendmahl kein Gegenstand, sondern ein dynamisches Geschehen. Wenn Brot und Wein in der Kraft des Heiligen Geistes von denen genossen werden, die sich im Glauben und in der Liebe versammelt haben, sind sie mit Christus vereint und untereinander verbunden. Sobald der relationale Charakter der Kommunion sichergestellt war, konnte Marpeck freimütig von der sakramentalen Teilhabe der Kirche an Christus sprechen. So verteidigt er sich gegen eine spiritualistische Auslegung. „Und das ist auch der recht unterschaid des herren leibs, erstlich seiner ainigen person als dem haupt nach, welchs seines leibs fleisch und bluet als ein geistlich speiss und trank von allen andern naturlichen irdischen speiss und trank (…) weit zu underschaiden ist“ (Loserth, Pilgram Marbecks Antwort, S. 446). Marpeck teilte den Gedanken, der hinter Hubmaiers Aussage zur Menschwerdung Jesu Christi steht: „Dieser unser Freund (…) hat sein seel und leben in tod fuer uns geopfert dass wir aus gleicher lieb Christi zu warer danksagung unsere leib auch opfern“ (Loserth, Pilgram Marbecks Antwort, S. 446). In Marpecks Praxis wird dieses Gelöbnis, das der Heilstat Christi nachgestaltet ist, in der Fußwachung symbolisch zum Ausdruck gebracht. Dieses Ritual nennt Marpeck ein Modell der Liebe.

Menno Simons, der unerbittlich verfolgte Seelsorger der niederländischen und norddeutschen Täufergemeinden, führt vier Züge einer nützlichen Abendmahlsgemeinschaft auf. Erstens liegt ihm daran, deutlich zwischen dem Zeichen und der Realität dessen, was bezeichnet wird, zu unterscheiden, zweitens sich in Dankbarkeit an den Tod zu erinnern, den Jesus für uns erlitten hat, und ihm in der Liebe nachzueifern, die ihn an das Kreuz gebracht hat. Drittens erinnert er daran, die Einheit zu erleben, die das Abendmahl zum Ausdruck bringt: „Gleichwie nun ein natürliches Brot aus vielen Körnern besteht, die in der Mühle gebrochen, mit Wasser geknetet und von der Hitze des Feuers zu einem Brode gebacken worden; so auch wird die Gemeinde Christi aus vielen Gläubigen gebildet“ (Menno Simons, Die vollstaendigen Werke, S. 62). Viertens, so meint Menno Simons, sei „das Heilige Abendmahl eine Gemeinschaft des Leibes und Blutes Christi“ (ebd., S. 63). Diese Anschauungen werden in den Schriften seines engsten Mitarbeiters, Dirk Philips, umfassender und systematischer entwickelt. Menno bemühte sich, den passiven Sakramentalismus zu überwinden, in dem Gott allein wirksam ist, und kam zu dem Schluss, dass das Abendmahlsgeschehen im menschlichen Handeln konstituiert werde. Dirk Philips erweitert Mennos Aussagen im letzten Abendmahlstraktat und schafft Raum für eine mystische Begegnung zwischen Christus und dem Kommunikanten.

Dem täuferischen Abendmahlsverständnis lag ein neuer ekklesiologischer Ausgangspunkt zugrunde: In den Augen der Täufer besteht die Kirche aus Menschen, die Nachfolger Jesu geworden waren. Sie brechen das Brot wieder und immer wieder, um dem Heiligen Geist die Möglichkeit zu lassen, sie mehr und mehr Christus gleichförmig zu machen. In dem Prozess, in dem Behinderungen dieser frühchristlichen Einfachheit weggeräumt werden mussten, griffen die Täufer oft zu rationalen Argumenten gegen die katholische Abendmahlspraxis. So griff Peter Walpot in seiner Schrift Vom Abendmahl Christi das beharrliche Argument einiger Katholiken an, dass es der „natürliche“ Leib des Herrn sei, der von den Kommunikanten im Abendmahl empfangen werde. Sein Gegenargument ist eines auf demselben reduktionistischen Nieveau, wie die katholischen Argumente es sind: Der „natürliche“ Leib Christi befindet sich zur Rechten des Vaters; deshalb kann er nicht im Brot zu finden sein. Das machte es den Radikalen freilich schwer, ein Vokabular zur Beschreibung der transzendenten Dimension des Abendmahls zu finden.

Es dürfte nicht überraschen, dass diese Versuche, das Abendmahl zu erneuern, in verschiedene Richtungen führten, da ihre Autoren unterschiedlicher theologischer Herkunft waren. Gleichzeitig gab es auch gemeinsame Züge und Tendenzen, die abgestuft in den meisten frühtäuferischen Ansätzen des Abendmahlsverständnisses wirksam waren. Diese Gemeinsamkeiten gehen auf das patristische und spätmittelalterliche Erbe der Täufer zurück wie auch auf das neue Lesen der Heiligen Schrift aus einer erneuerten ekklesiologischen Sichtweise. So gelangten sie zu der Auffassung, dass „der Leib Christi“ nicht die historische Person Jesu und nicht nur auf das Brot und den Wein meint, sondern auch die Kirche. So waren es die Kommunikanten, die sich im Abendmahl veränderten und nicht die Elemente des Abendmahls. Darüber hinaus schenkten die Täufer der Dimension der Erinnerung des Abendmahls erhöhte Aufmerksamkeit, weil sie darin die Grundlage für ihre persönliche Erfahrung der Wiedergeburt sahen.

Ein weiterer charakteristischer Zug betraf die Teilhabe an der heilbringenden Präsenz Christi im Abendmahl. Wegen ihrer heftigen Reaktion auf die katholischen sakramentalen Prinzipien des ex opere operato und der leiblichen Präsenz Christi im Abendmahl, blieb das Täufertum geteilter Meinung darüber, ob es möglich sei, irgendeine Form der Realpräsenz in der Eucharistie zu bestätigen. Auf der einen Seite waren gewöhnliche Gläubige von ihrer bisherign religiösen Unterweisung so enttäuscht, dass sie katholische Aussagen über die Hostie als Leib Christi verhöhnten. Auf der anderen Seite stand Marpeck, dessen strenge Lehre von der Inkarnation Christi es ihm erlaubte, von der Vereinigung mit Jesus Christus und den Glaubensgenossen im gemeinsamen Genuss von Brot und Wein zu sprechen.

Der letzte gemeinsame Zug betraf das Ritual selbst. Die Praxis der Zürcher Täufer ist dafür typisch: Vorbereitung nach Matth. 18, Ermahnung, die Einsetzungsworte, kein Gebet zur Segnung von Brot und Wein (in Zürich überhaupt kein Gebet), das gemeinsame Essen des Brotes und Trinken des Weins (aus gemeinsamen Gefässen, nicht aus einem güldenen Kelch), häufige Teilnahme am Abendmahl.

Drei Tendenzen der Interpretation sind in den meisten Bewegungen der Täufer zu beobachten. 1. Die Beziehung zwischen Gott und Mensch wird durch den Heiligen Geist vermittelt. Gnade kann weder von materiellen Dingen vermittelt noch unmittelbar mitgeteilt werden. Nur das Werk des Hl. Geistes in der Antwort des Glaubens vereinigt die Gläubigen mit Christus. Brot und Wein bleiben äußere Zeichen einer inwendigen Beziehung. 2. Konsistenter mit der täuferischen Ekklesiologie ist, dass die Person Christi, mehr als die Einsetzungsworte, die Quelle des Verständnisses dessen ist, was im Abendmahl geschieht. Seit seiner Himmelfahrt ist der physische Leib des Herrn auf den Himmel beschränkt. Gegenwärtig ist er den Gläubigen jedoch als Person der Gottheit, wie Johannes das versteht. Manchmal wird seine Gegenwart sakramental verstanden, wie bei Marpeck, und manchmal mystisch, wie bei Dirk Philips. 3. Das Evangelium des Johannes ist eine vorrangige Quelle für das täuferische Abendmahlsverständnis. Aus ihr fließt die Vorstellung, dass Christus gen Himmel fuhr und der Heilige Geist vom Himmel hernieder gesandt wurde, die Vereinigung mit Christus, das Abendmahl als „Liebesmahl“ und die Fußwaschung als prototypisches Inkrafttreten dieser Liebe.

3. Mennonitische Abendmahlsordnungen im 17. Jahrhundert

Mit dem Beginn des 17. Jahrhunderts hatte sich das Täufertum vor allem in den Niederlanden, wo bereits Religionsfreiheit herrschte, größtenteils von einer Protestbewegung zu einer gefestigten Konfession gewandelt. Diese →Konfessionalisierung zeigt sich liturgisch darin, dass sich die Feier des Abendmahls von der Improvisation zu einer festen Gottesdienstordnung mit vorformulierten Gebeten gewandelt hat. Diese Neuordnung vermag aber nicht über die lang anhaltende Spannung zwischen spiritualisierenden und sakramentalen Impulsen im Täufertum und seinen nachfolgenden Gemeinschaften hinweg zu täuschen.

Hans de Ries war der herausragende Anführer der Waterländer, die als Altnative zur ethischen Strenge des niederländischen Täufertums in den 1550er Jahren entstanden waren und sich bemühten, die herkömmliche holländische Mystik mit dem Täufertum zu verbinden. Diese Fusion findet in einer Predigtsammlung von Jan Gerrits aus Amsterdam, der Predigten und eine detaillierte Abendmahlsordnung von Hans de Ries beigegeben wurden, ein deutliches Echo.

Einen länger währenden Einfluss auf die Praxis des Abendmahls übten die Gebetsvorlagen Leenhaerdt Clocks aus. Er war ein deutscher Ältester, der sehr erfolgreich in den flämischen Gemeinden der Niederlande gewirkt hat. Seine Gebete waren weniger spiritualistisch ausgerichtet als diejenigen von Hans de Ries. Sie skandierten den Ablauf der eucharistischen Feier und waren Jahrhunderte lang in den Mennonitengemeinden in Norden und im Süden, bis nach Russland hin, in Gebrauch.

Diese Gebetsbücher und Katechismen, in denen das Abendmahl der Taufgesinnten in diesem Gebiet beschrieben wird, betonen stets die Erinnerung an den Tod Jesu Christi und die Einheit der Kirche. Das Problem der Gegenwart Christi im Abendmahl wird unterschiedlich behandelt: Im Dordrechter Bekenntnis wird das Abendmahl rein symbolisch verstanden, im Bekenntnis der Hochdeutschen von 1660 ist ein mystisches Element zu erkennen („Christus vereinigt sich mit allen, die wahrhaft glauben“), und im Kurzen Bekenntnis von 1690, das in zahlreichen Mennonitengemeinden gebräuchlich war, deutet sich ein sakramentales Verständnis an („(Das Abendmahl) bewirkt durch den Glauben die Vereinigung mit dem Leib und Blut Christi“). Zahlreiche Predigtsammlungen, die auch Gebete enthalten, wurden im 18. Jahrhundert veröffentlicht. Reinhard Rahusen, der Älteste in Leer (Ostfriesland) und in Hamburg-Altona, war der produktivste Prediger damals, der auf deutsch und holländisch schrieb. Seine Sprache ist pietistisch geprägt und seine Gedanken konzentrieren sich auf die Vereinigung des einzelnen Gläubigen mit Jesus Christus.

Um diese Zeit kehrten die Mennoniten, die früher das Abendmahl häufiger gefeiert hatten, zum dem allgemeinen katholischen und protestantischen Brauch zurück und feierten das Abendmahl nur noch ein bis drei Mal im Jahr. Ein solcher Tag war gewöhnlich der Karfreitag, besonders in Norddeutschland. Der Abendmahlsfeier ging stets eine Vorbereitungszeit voraus, so dass Gemeindeglieder, die im Unfrieden miteinander oder mit Gott lebten, die Gelegenheit hatten, sich vor der Teilnahme am Abendmahl miteinander auszusöhnen. Themen der Predigten waren allgemein der Erlösungstod Jesu Christi und die Einheit seines Leibes. Psalmen und Kirchenlieder wurden während der Austeilung von Brot und Wein (entweder im Sitzen oder stehend vor dem Tisch des Herrn) gesungen. Geleitet wurde der Gottesdienst von einem Ältesten. Auf das Abendmahl folgte oft die Fußwaschung, gelegentlich erfolgte sie auch in Vorbereitung auf das gemeinsame Mahl.

4. Veränderungen im Abendmahlsverständnis seit dem 19. Jahrhundert

Im Jahr 1807 hat Valentin Dahlem, ein süddeutscher Prediger, ein umfangreiches Handbuch veröffentlicht, das auch Gebete und Gottesdienstordnungen für das Kirchenjahr und alle Kasualien enthielt, darunter auch zwei Abschnitte zum Abendmahl. Im ersten Teil dieser Abschnitte wurden ausgearbeitete Dank- und Einsegnungsgebete für die leitenden Ältesten als auch Gebete für die Gemeindeglieder zusammengestellt. Dieser Teil wurde mit geringfügigen Anpassungen von lutherischen Kirchenformularen übernommen, das ist um so verständlicher, als die Mennoniten damals dabei waren, sich der vorherrschenden Konfessionskultur anzugleichen. Es wurde aber auch ein Abschnitt für die traditionellen Gemeinden am Neckar aufgenommen, wo die herkömmliche Abendmahlspraxis vergangener Zeiten noch bewahrt wurde. Alte und neue Beschreibungen der Abendmahlsfeier stehen unverbunden nebeneinander. So wird das Abendmahl beispielsweise im Abschnitt mit den neuen Ordnungen ein „Gnadenmittel“ genannt, während im Abschnitt mit den älteren Bräuchen von einem „Friedensmahl“ gesprochen wird.

Neuerungen, die in eine andere Richtung führten, stellten sich ein, als sich die Mennoniten-Brüdergemeinden von der Mennonitenkirche 1860 in Russland trennten. Die Brüdergemeinden protestierten gegen den festgelegten Charakter der äußeren Abendmahlsordnungen und gegen die wahllose Zulassung aller getauften Gemeindemitglieder zum Abendmahl, also auch derjenigen, deren Lebenswandel nicht immer zufrieden stellend war. Im Hinblick auf ihr missionarisches Wirken vereinfachten die Mennoniten-Brüdergemeinden die Abendmahlsfeier, reichten Brot und Wein durch die Reihen, feierten das Abendmahl monatlich oder zweimonatlich und betonten mehr als sonst die Gnade und die Heilsgewissheit, die in der Kommunion vermittelt werden. Diese Entwicklung ging auf baptistische Einflüsse zurück.

Ein Wandel der Abendmahlspraxis in dieselbe Richtung ist auch in den größeren Konferenzen der Mennoniten in Nordamerika über das ganze 20. Jahrhundert hin zu beobachten. Nur die Old Order Mennonites, die an der traditionellen Praxis und dem herkömmlichen Abendmahlsverständnis festhielten, bildeten eine Ausnahme. Mennonitische Strömungen, die sich mehr an den Erweckungsbewegungen orientierten, neigten zu Anleihen bei den Baptisten und später den charismatischen Bewegungen. Diejenigen, die dem allgemeinen Protestantismus näher standen, lehnten sich an die Presbyterianer und später an die angloamerikanische Liturgiebewegung an. In beiden Fällen führte das zu Gewinn und Verlust. Positiv war, dass die Teilnahme am Abendmahl nun monatlich oder zweimonatlich erfolgte, gelegentlich auch wöchentlich. Negativ war, dass der Vorbereitungsprozess auf die Feier, damit auch die Kommunion als Vereinigung mit Christus und seinem Leib, wie auch die Praxis der Fußwaschung nur noch von wenigen Gemeinden befolgt wurden.

Auch außerhalb Nordamerikas sind ähnliche Anleihen bei charismatischen und liturgischen Bewegungen zu beobachten. In charismatischer Hinsicht wird beispielsweise in Äthiopien eine feierliche Vorbereitungszeit auf das Abendmahl mit einem ausdrucksstarken Brotbrechen verbunden. In liturgischer Hinsicht ist die Ordnung für das „Mahl des Herrn“ typisch, wie sie im neuen Handbuch für Prediger der Taufgesinnten in den Niederlanden veröffentlicht wurde. Prinzipiell sind keine vorgeschriebenen Gebete vorgesehen (nur die Stellen für die Gebete sind angegeben), so dass die Leiter der Abendmahlsfeiern frei sind, eigene Gebete zu sprechen. Die Feier wird mit den Einsetzungsworten des Abendmahls eröffnet, dann folgen eine Interpretation des Abendmahls, die Einladung zum Mahl, ein Gebet, die Austeilung von Brot und Wein und die Danksagung. Dem niederländischen Handbuch für Prediger gleicht das nordamerikanische Minister´s Manual, anders ist nur, dass einige Gebete aus der mennonitischen und ökumenischen Tradition aufgenommen wurden, ebenso zwei vollständige Muster für die Abendmahlsfeiern.

Seit den 1990er Jahren ist eine der wirklich anregenden Diskussionen in den größeren Konferenzen der nordamerikanischen Mennoniten um die Frage der Zulassung zum Tisch des Herrn geführt worden. Herkömmlicherweise war die Taufe die Voraussetzung für die Teilnahme am Abendmahl. Biblische Studien über die zentrale Stellung der Tischgemeinschaft mit Außenseitern, wie Jesus sie übte, haben zu Kommunionsmodellen über das Abendmahl hinaus geführt. Dem liegen konkurriende Forderungen zugrunde: Gnade und Heiligung, Inklusion und Exklusion. Diskutiert wird darüber, wie die Spannung zwischen beiden Polen erhalten werden könne. Sowohl die evangelikalen als auch die liberalen Stimmen vertreten die Meinung, dass die Annahme durch Gott an keine Voraussetzungen geknüpft sei und dass in der Gesellschaft Jesu und seiner Freunde, wie von gemeinsamen Mahlzeiten in den Evangelien berichtet wird, Suchende zum Glauben gelangen. Diejenigen, die sich intensiv auf die Täufer besinnen, befürchten aber, die kommunale Dimension von Bekehrung und Nachfolge Jesu könne verloren gehen, wenn die Taufe von der Zulassung zum Tisch des Herrn getrennt wird.

5. Ökumenische Entwicklungen

Die Forschungen zu Liturgie und Theologie des Abendmahls haben die mennonitische Abendmahlslehre und -praxis vor allem in Nordamerika geprägt. Alte liturgische Texte waren wieder entdeckt und übersetzt worden und regten zu neuen Handbüchern für den Gottesdienst in katholischen und protestantischen Kreisen an. Zwei Generationen später erreichten diese Texte auch die Mennonitengemeinden und andere Freikirchen. Sie weisen darauf hin, dass liturgische Ordnungen bereits seit dem zweiten Jahrhundert existieren und dass diese Ordnungen flexibel blieben und die Leiter der Abendmahlsfeier anregen konnten. In den 1950er Jahren brachen zwei reformierte Theologen, Oskar Cullmann und F. G. Leenhardt, den Grund noch einmal, indem sie die Transsubstantiationslehre der katholischen Kirche einer sympathischen Betrachtung unterzogen. Unmittelbar nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil antworte Edward Schillebeecx darauf mit der Bereitschaft, protestantische Gedanken zur neuen Formulierung der Realpräsenz Christi im Abendmahl hinzuzuziehen. Das war die Zeit, in der die meisten protestantischen Kirchen offizielle Vereinbarungen zwischen den Konfessionen schlossen und sich gegenseitig Kanzeltausch und Tischgemeinschaft anboten oder auch nur einfach getaufte Christen aus allen Konfessionen einluden an ihren Abendmahlsfeiern teilzunehmen. (Gruppen der Old Order Mennonites haben jedoch diese Praxis mit derselben Begründung abgelehnt wie die katholische Kirche. Der Grund war, dass es noch keine sichtbare Einheit der Kirche unter gemeinsam anerkannten Autorität gäbe). 1982 brachte die Kommission für Glauben und Kirchenverfassung des Ökumenischen Rates der Kirchen das Dokument Taufe, Abendmahl und Amt nach fünfjähriger Beratungszeit heraus und wies einen Weg, auf dem Abendmahlsglaube und die Praxis des Abendmahls in verschiedenen Konfessionen konvergieren könnten. In diesem Dokument fanden sich zahlreiche Anliegen der Östlichen Orthodoxen Kirche, der Römisch katholischen Kirche, der großen protestantischen Kirchen und der Freikirchen wieder. Zwei reformierte Theologen, Michael Welcker in Deutschland und George Hunsinger in den USA, trieben diesen Dialog mit vielen anderen gemeinsam voran. Hunsinger setzte sich für ein Abendmahl ein, was den Mennoniten sehr entgegenkommen musste, das gewaltfreie Nachfolge Christi nach sich zieht. Im Jahr 1994 wurde über das Abendmahl auf einer Believers Church Conference in Nordamerika beraten. Im vergangenen Jahrzehnt hat die britische „Baptist Sacramentalism“- Bewegung den traditionsbewussten Mennoniten vor Augen geführt, dass die Verbindung von freikirchlicher Ekklesiologie und Sacramentalismus durchaus Bestand haben könne. Andererseits haben Mennoniten, die sich vom Fundamentalismus und der Bewegung für eine große Einheitskirche angezogen fühlten, der Theologie und Praxis des Abendmahls nur wenig Bedeutsames abgewonnen.

Über die Jahrhunderte hin haben sich inmitten unterschiedlicher Anschauungen doch zwei charakteristische Züge der täuferischen Abendmahlslehre erhalten. Zunächst ist es die Untrennbarkeit der beiden Bedeutungen des „Leibes Christi“, des Leibes, den wir im Abendmahl empfangen, und des Leibes, der wir nach dem Genuss des Abendmahls immer wieder werden. Dann ist es die Verbindung zwischen Christus, der sich selbst für uns gegeben hat, und uns, die wir uns für Schwester, Bruder, Freund und Feinde geben. Beide Züge haben eine lange Geschichte in der Kirche, aber ihre Unzertrennbarkeit im Denken und in der Praxis der Mennoniten war wohl ein mennonitischer Beitrag zum universalen Leib Christi.

Bibliographie (Auswahl)

Quellen

Täuferquellen

Leonhard von Muralt und Walter Schmid (Hg.), Quellen zur Geschichte der Täufer in der Schweiz, Bd. 1: Zürich, Zürich 1952, 13-21 (Briefe des Grebelkreises an Thomas Müntzer). - Heinold Fast (Hg.), Quellen zur Geschichte der Täufer in der Schweiz, Bd. 2: Ostschweiz, Zürich 1973, 26-36 (Schleitheimer Bekenntnis, 1527, Abendmahl: 29). - Gunnar Westin und Torsten Bergsten (Hg.), Balthasar Hubmaier, Schriften, Gütersloh 1962, bes. 353-363 (Eine Form zu taufen, 1526/1527). - Pilgram Marbecks Antwort auf Kaspar Schwenckfelds Beurteilung des Buches der Bundesbezeugung von 1542, hg. von Johann Loserth, Wien 1929, 427-493. (Auszüge in englischer Übersetzung: Walter Klaassen (Hg.), Later Writings by Pilgram Marpeck and his Circle, Kitchener, 1999, 67-144. - Christian Hege, Pilgram Marbecks Vermahnung. Ein wiedergefundenes Buch. In: Christian Neff (Hg.), Gedenkschrift zum 400-jährigen Jubiläum der Mennoniten oder Taufgesinnten, Ludwigshafen 1925, 253-274. - Hendrik Rol, Die Slotel van dat secreet des Nachtmals, s´Gravenhage 1909. - Peter Walpot, Vom Abendmahl Christi, in: Robert Friedmann (Hg.), Glaubenszeugnisse oberdeutscher Taufgesinnter, Bd. 2, Gütersloh 1967, 125-170. - Menno Simons, Die vollstaendigen Werke, Arthur, Ill., 1926, 58-78.

Mennonitische Quellen

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Literatur

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John Rempel

 
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