Kleintal (Schweiz)

1. Geschichtlicher Abriss

Das Gebiet der Mennonitengemeinde Kleintal mit den politischen Gemeinden Saicourt, Châtelat, Monible, Sornetan, Souboz, und Rebévelier sowie Münsterberg und Chaluet sind die ersten Juralandschaften, die durch verfolgte →Täufer besiedelt wurden. Es liegen jedoch kaum Quellen vor. Münsterberg und Chaluet waren das eigentliche Zentrum der Mennonitengemeinde Kleintal. Nachdem in den Jahren 1852 und 1875 viele Täufer von Münsterberg und Chaluet nach Nordamerika ausgewandert waren, wurde das Zentrum in die Gegend von Moron verlegt. Für die Gottesdienstbesuche nahmen die Täufer jeweils lange Wege in Kauf. So trafen sie sich zu Versammlungen etwa im „Geisskirchlein“, einer natürlichen Felsenhöhle oberhalb der Pichoux Schlucht oder in Wäldern. Später versammelten sie sich zu Stubenversammlungen da und dort in ihren Häusern. Im Jahre 1881 stellte Christian Gerber der Kleintalgemeinde in Bellelay ein Versammlungslokal zur Verfügung und gründete dort eine Täuferschule. Doch der Wunsch nach einer Kapelle war stets vorhanden. Während einer Versammlungswoche 1889 beschlossen die „Brüder“ den Bau einer Kapelle, welcher 1892 realisiert wurde. 1893 wurde die Schule von Bellelay nach Moron in das Untergeschoss der Kapelle verlegt. Nach den Kapellenrenovationen in den Jahren 1921, 1942 und 1975 durfte die Gemeinde Kleintal 1992 „Hundert Jahre Kapelle Moron“ mit einer Jubiläumsausstellung feiern. Die Schule Moron musste 1996 wegen gesunkener Schülerzahlen geschlossen werden. Die Kapellenrenovation von 2007/2008 schenkte dem Versammlungshaus durch ein angebautes Treppenhaus mit einem Personenlift und einer künstlerischen Gestaltung ein neues Gesicht. Eine Glaswand mit den griechischen Buchstaben A und O im Eingangsbereich, die aufgebrochene Kreuzskulptur und die beiden Farbfenster zu den Themen Luft, Wasser, Feuer und Erde vorne verleihen dem Saal ein festliches Aussehen und weisen über den Alltag hinaus.

2. Theologische Orientierung

„Einen andren Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus“ (1. Kor. 3, 10) zierte während mehr als sechzig Jahren eine Wand in der Kapelle und dient der Gemeinde Kleintal auch heute noch als Anleitung zum Leben im Diesseits. Die Grundlage der Verkündigung ist das Alte wie auch das Neue Testament. Mit Jesus Christus ist Gottes Reich angebrochen. Die Gemeinde Christi ist Teil des neuen Reiches. Die Gemeindeglieder haben den Auftrag, Vorbilder zu sein, Gastfreundschaft zu pflegen und dementsprechend Zeugnis abzulegen im Sein und im Tun; Jesus ermahnt zu Feindesliebe und Gewaltfreiheit ganz im Sinne der Nächstenliebe, die Jesus Christus vorlebt und durch seinen Heiligen Geist wachsen lässt.

3. Merkmale des Gemeindelebens und Organisationen

Ein besonderes Merkmal der Gemeinde Kleintal ist ihre Zweisprachigkeit. In Moron werden monatlich zwei Gottesdienste in deutscher Sprache durchgeführt, einer in französischer Sprache; alle Feste werden zweisprachig gefeiert. Neben dem Gemeindezentrum in Moron gehören noch zwei weitere Versammlungsplätze zur Mennonitengemeinde Kleintal. In Le Perceux, wo seit 1920 das ehemalige Schulhaus als Gottesdienstlokal dient, finden ein bis zwei Gottesdienste pro Monat in deutscher Sprache statt, das Jahresfest ist zweisprachig. In Moutier konnte die Gemeinde 1967 ein Versammlungslokal erwerben, wo monatlich zwei Gottesdienste in französischer Sprache und alle zwei Monate einer in deutscher Sprache durchgeführt werden. Die Jugendarbeit hat in der Gemeinde Kleintal mit zwei Sonntagschulen, eine Jungschar und zwei Jugendgruppen, welche sich aktiv am Gemeindeleben beteiligen, einen wichtigen Stellenwert. Eine Lobpreisgruppe und zwei gemischte Chöre bereichern mit ihren Beiträgen die Gemeindeanlässe. Im „Träff ab 60“ werden Ausflüge und Themennachmittage für die älteren Gemeindeglieder veranstaltet. Letztere werden auch durch einen organisierten Besuchsdienst betreut. An den monatlichen Gemeindeessen während der Winterzeit wird die hohe Wertschätzung der Gemeinschaft sichtbar.

Die Mennonitengemeinde Kleintal ist Mitglied der →Konferenz der Mennoniten der Schweiz (KMS) und profitiert von ihren Diensten. Die Jugend beteiligt sich aktiv am Programm der Mennonitischen Jugendkommission der Schweiz (MJKS). Die Gemeinde engagiert sich auch für die weltweite Missionsarbeit und unterstützt die →Schweizerische Mennonitische Mission (SMM). Die Missionskonferenz im Frühjahr dient dazu, die Missionare während ihres Heimaturlaubs einzuladen, über ihre Missionsarbeit informiert zu werden und diese an ihrem Arbeitsort finanziell zu unterstützen. Die Arbeitsgruppe für Mission (AGM) ist das Bindeglied zwischen der Gemeinde und der SMM. Im Herbst organisiert die Arbeitsgruppe jeweils einen Missionsgottesdienst mit Mittagessen, gibt Berichte von Missionsstationen weiter und sammelt Geld für die Mission.

4. Beziehungen der Gemeinden untereinander und zu anderen Kirchen

Der Glaubensunterricht wird mit den Nachbargemeinden Bassecourt, Courgenay, Sonnenberg und Vallon de St-Imier organisiert. Die Gemeinde ist durch ein Mitglied im KMS-Vorstand vertreten und nimmt mit Delegierten an den Delegiertenversammlungen teil. An den Versammlungen der →Mennonitischen Weltkonferenz beteiligen sich jeweils auch Mitglieder der Gemeinde. Auch der Weltgemeinschaftssonntag wird mitgefeiert und jährlich wird je ein gemeinsamer Gottesdienst mit der Reformierten Kirchgemeinde Sornetan und der Deutschen Reformierten Kirche Berner Jura in Moutier. Zudem arbeitet die Gemeinde in der „Entente Evangélique Moutier“ mit sechs anderen Gemeinden in Form gemeinsamer Gottesdienste, einer Evangelisationsarbeit unter Kindern und der Allianzgebetswoche zusammen. Die Jugendlichen nehmen regelmäßig an übergemeindlichen Veranstaltungen teil (rj espoir, soirées de louange etc.).

5. Verhältnis zu Staat und Gesellschaft

Auch wenn nach mennonitischer Überzeugung →Staat und Kirche getrennt sein sollten, engagieren sich Mennoniten für den Staat, sofern sie nicht mit ihrer Überzeugung der Gewaltfreiheit im Sinne der Bibel in Konflikt geraten. So nehmen auch mehrere Mitglieder der Gemeinde Kleintal politische Ämter mit der Überzeugung wahr, dass Nachfolge Christi mit dem Blick für den Nächsten etwas mit Politik zu tun hat. Sie fördern so ein besseres Verständnis zwischen Mennoniten und Nichtmennoniten, wobei ihnen viel Vertrauen entgegengebracht wird.

Literatur

Theo Loosli, 100 Jahre Kapelle Moron (Festschrift, 1992)

Anschrift der Gemeinde

Evangelische Mennonitengemeinde Kleintal (Eglise Evangélique Mennonite du Petit Val), Moron, CH 2712 Le Fuet, Schweiz, E-Mail: moron@bluewin.ch

Paul Loosli

 
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