Apokalyptik

s. auch Eschatologie

1. Endzeitstimmung in der Reformationszeit

Mit Ausnahme weniger Humanisten waren die meisten Europäer zwischen 1520 und 1530 davon überzeugt, dass die Welt alt geworden und ihr Ende nahe herbeigekommen sei. Die Reformbewegung, die sich damals gerade zu formieren begann, wurde mit Begeisterung begrüßt. Diese Bewegung aber wurde nicht als Anfang eines neuen Zeitalters betrachtet, sondern als das wichtigste Zeichen vom nahenden Ende der Welt. Martin Luthers Verkündigung des reinen Evangeliums wurde als Erfüllung der Verheißung Jesu angesehen: „Und es wird gepredigt werden das Evangelium vom Reich in der ganzen Welt zu einem Zeugnis über alle Völker, und dann wird das Ende kommen“ (Matth. 24, 14). Michael Stiefel, ein Anhänger Luthers, sah in Luther den Engel mit dem ewigen Evangelium aus Offbg. 14, 6. In der Einleitung zu seiner Übersetzung des Buches Daniel schloss Luther aus den Vorhersagen des Propheten, dass der Letzte Tag auf der Erde in Kürze anbrechen wird. Immer hat es Zeichen am Himmel und schreckliche Ereignisse auf der Erde gegeben, aber jetzt, sprach Luther in beschwörendem Ton, kämen sie alle auf einmal. Zahlreiche volkstümliche →Flugschriften der Zeit sagten die Nähe des Weltendes voraus. Besonders populär waren diejenigen, die von dem Antichrist berichteten.

2. Apokalyptik im Täufertum

Die →Täufer aller Richtungen waren der Ansicht, dass die Christen jetzt in den „letzten und gefährlichen Zeiten“ lebten. Solche Vorstellungen wurden nicht nur von jenen Täufern vertreten, die das Erbe Thomas Müntzers in den Jahren nach dem Bauernkrieg 1525 angetreten hatten, und von denjenigen, die an den Ereignissen in Münster um 1535 beteiligt waren. Das Bewusstsein von der Nähe des Weltendes findet sich vielmehr in den Schriften aller täuferischen Gruppen.

Grob gesprochen gab es zwei Zugänge zur Apokalyptik unter den Täufern, einen passiven und einen aktiven Zugang. Beide wurden aus der Heiligen Schrift herausgelesen, denn die Schrift sagte ein Ende der Geschichte ebenso voraus, wie sie die Ereignisse beschrieb, die am Ende über alle kommen würden.

3. Der passive Zugang zur Apokalyptik

Der passive Zugang nahm die Sprache der Apokalyptik und die Bilder auf, die vor allem aus 4. Esra, Daniel und der Offenbarung des Johannes stammen, um anzuzeigen, welche besonderen Vorhersagen sich gerade vollzogen und welche noch auf ihre Erfüllung warteten. Im Gefolge Martin Luthers glaubten sie alle, dass die Römische Kirche die „Hure Babylons“ sei, der Papst der Antichrist und die Türken die Rute des göttlichen Zorns in den Letzten Tagen. Konrad Grebel schrieb an Thomas Müntzer über den päpstlichen Antichrist und seine Gräuel. Die Täufer in Zollikon zogen nach Zürich und nannten den Reformator Ulrich Zwingli den großen Drachen aus der Offbg. 12. Michael Sattler, einst Prior in einem Schwarzwälder Benediktinerkloster, äußerte 1527 in einem Brief aus dem Gefängnis die Überzeugung, dass das Ende der Welt über die Menschen mit den Gräueln der Verheerung kommen werde (Dan. 12), der Antichrist inmitten der Kirche säße, die Auserwählten auf der Stirn vor dem Gericht versiegelt und das Evangelium vor dem Ende gepredigt werden sollten. Sattler brachte die Anschauung der Täufer zum Ausdruck, dass die Verfolgung, der sie ausgesetzt waren, selbst schon ein Zeichen der Endzeit sei. Balthasar Hubmaier fand einen Zugang zur Apokalyptik, der Luther ähnlich war: Die Papstkirche war dem Antichrist willfährig, indem sie das Abendmahl verunstaltete und Kinder taufte; außerdem verglich er diese Kirche mit dem großen Drachen aus der Offenbarung 13, der darauf wartete, die kleine Gemeinschaft der Glaubenszeugen zu verschlingen. Hubmaier sah wie Sattler keinen Anlass, die vorausgesagten Ereignisse genau zu datieren; eine Ausnahme war nur seine hinter vorgehaltener Hand geäußerte Widerlegung der endzeitlichen Berechnungen Hans Huts in Nikolsburg (Mähren).

Oberdeutsche Täufer wie Leonhard Schiemer und Jacob Huter waren ebenso davon überzeugt, dass sie inmitten der Endzeit lebten. Schiemer schrieb in einem seiner Briefe aus dem Gefängnis 1527 über die schändliche Abschaffung des täglichen Opfers (Dan. 12), die er auf die Tötung der wahren Christen durch Verfolgung bezog. Er rechnete aus, dass die erste Verfolgungswelle 1525 der Anfang der letzten dreieinhalb Jahre der Wirren und Trübsale vor dem Ende der Welt war. Jacob Huter schrieb, nach 4. Esra und Daniel 12 „ macht sich der Adler gar bald auf und nimmt den Wolf, den Löwen und den Bären mit sich, um das Werk des Herrn zu zerstören, die Schäflein Christi zu zerreissen“ (Die hutterischen Episteln, S. 10). Seine Sendschreiben ermutigten die Gemeinden, bis zum Ende auszuharren, um dann mit ewiger Ruhe belohnt zu werden. Auch Pilgram Marpeck übernahm die übliche Sprache der Apokalyptik seiner Zeit, ließ sich aber zu keinerlei Spekulationen hinreißen, auch wenn er das baldige Ende der Welt erwartete. Er war der Täufer, der die biblische Apokalypse am deutlichsten im Sinne der symbolischen Interpretation deutete, wie sie im Mittelalter üblich war. Ebenso glaubte Menno Simons, der in den Niederlanden wirkte, an das nahe Ende der Welt: „Jesus Christus, den wir auch zusammen mit euch täglich erwarten“, schrieb er 1557. Die Zeichen der Zeit seien überall zu sehen, Zerfall der Familien, Zeichen am Himmel, Verfolgung, Krieg usw. Er bemühte sich, Distanz zu den Täufern von Münster zu halten, indem er alle Hinweise auf das ewige Königreich Jesu Christi spiritualisierte, ebenso den Brauch, alle Gläubigen, die zum wiederhergestellten Jerusalem gehörten, mit dem Thau-Zeichen zu versiegeln. Wie Marpeck erstellte auch Menno Simons keine Chronologie der Endzeitereignisse. Beiden lag mehr daran, ihre Gemeinden darauf vorzubereiten, die göttliche Rache unbeschadet zu überstehen, die mit Sicherheit am Ende der Tage geübt werde. Alle diese Täufer lebten im wachen Bewusstsein der Naherwartung, waren aber bereit, in aller Ruhe auf die Erlösung zu warten, die ihnen verheißen worden war.

4. Aktiver Zugang zur Apokalyptik

Das war in der Gruppe derjenigen, die einen aktiven Zugang zur Apokalyptik suchten, anders: vor allem bei Hans Hut, Melchior Hoffman und den Täufern in Münster. Sie verstanden sich selbst als Akteure, die an den Ereignissen der Endzeit mitzuwirken hatten. Hans Hut kündigte das Ende für Pfingsten 1528 an. Er war ein Anhänger Thomas Müntzers und teilte mit diesem die Erwartung, dass die Armen der Erde Gott rächen und die Gottlosen, die geistlichen und weltlichen Herrscher, vernichten würden. Da das Ende der Welt unmittelbar bevorstand, taufte er fieberhaft die Menschen, indem er sie mit dem Thau-Zeichen versiegelte (Hes. 9,4) und sie - von Augsburg bis Mähren - als Vollstrecker des göttlichen Zorns in allerletzter Zeit kennzeichnete. Er hatte angeordnet, das Schwert zunächst in der Scheide zu lassen und es erst ganz zum Schluss im Kampf gegen die Gottlosen zu ziehen. Melchior Hoffman, einst Parteigänger Martin Luthers, beschäftigte sich auf leidenschaftliche Weise mit dem unentrinnbaren Ende, das er für das Jahr 1533 vorhersagte. Er schrieb Kommentare zu Daniel 12 und zur Offenbarung des Johannes, um die Täufer in den Niederlanden und in Straßburg auf das einzustellen, was bald kommen werde. Er forderte den Rat der Stadt Straßburg auf, die Einwohner zu bewaffnen und die Stadt für die letzte Schlacht zu befestigen. Wie Luther fand auch Hoffman in der Johannesoffenbarung die Geschichte der Kirche, wie sie vom Anfang bis zum Ende erzählt wurde. Sein Kommentar zeigt auch, dass er sich selbst als Akteur in den Endereignissen verstand, besonders als geistbegabter Interpret der biblischen Lehren vom Ende der Welt. Seine niederländischen Anhänger, die von seiner Predigt und seinen Schriften angespornt worden waren, nannten ihn den zweiten Elia, einen der zwei Zeugen aus Offbg. 11. Hoffman hatte zwar stets darauf bestanden, dass die Täufer unbewaffnet in den letzten Kampf gehen sollten, ungewollt aber hatte er den Boden für die teilweise militanten Ereignisse in Münster 1534 und 1535 vorbereitet. Das täuferisch gewordene →Münster wurde zum herausragenden Beispiel eines aktiven apokalyptischen Engagements. Jan Mattijs, ein Bäcker, Jan van Leiden, ein Volksschauspieler, und Bernd Rothmann, ein Theologe, wurden die Anführer der Theokratie in Münster und sahen darin den unmittelbaren Vorläufer des universalen Königreichs Jesu Christi. Die Belagerung der Stadt durch katholische und protestantische Reichsstände verstärkte ihre Überzeugung, Gottes letzte Werkzeuge im Vergeltungskampf gegen die böse und verdorbene Welt zu sein. Das Streben nach Vollkommenheit, das von ihrer göttlichen Berufung gefordert wurde, schloss blutige, drakonische Maßnahmen ein, um die Menschen zur Taufe zu zwingen, die Absage an das private Eigentum und erzwungene Gütergemeinschaft, das Verbrennen aller Bücher, außer der Heiligen Schrift, um falsches Lehren zu unterbinden, und die Einführung der Polygamie, um das mögliche sexuelle Chaos unter Kontrolle zu bringen. Als biblischer Beleg für die Anwendung von Gewalt wurde hauptsächlich Psalm 149 genutzt. Das Gerücht von Münster legte sich wie Mehltau über Europa und tauchte alle Täufer in die dunkle Farbe der Gewalt für die nächsten 150 Jahre.

5. Nachlassende Endzeiterwartung im Mennonitentum

Die Erwartung des Weltendes blieb ein Bestandteil des mennonitischen Glaubens in den folgenden Jahrhunderten trotz der Gewaltgeschichte von Münster, aber sie wurde zurück gehalten und nicht öffentlich propagiert. Sogar der Treck der Mennoniten nach Zentralasien 1880 unter Klaas Epp, um dort einen sicheren Hafen während der kommenden Trübsale am Ende der Zeit zu finden, blieb ohne größere Gefolgschaft. Schließlich hat John Nelson Darby aber mit seiner Lehre von der Allversöhnung der Menschen nach dem Jüngsten Gericht auch Mennoniten in Nordamerika beeinflusst und Auseinandersetzungen um die Apokalyptik ausgelöst. In neuerer Zeit hat John Howard Yoder apokalyptisches Gedankengut im Neuen Testament als Argument für seine Theologie des Friedens in Politik Jesu (1972) neu gedeutet.

Bibliographie (Auswahl)

Quellen

Balthasar Hubmaier, Schriften, hg. von Gunnar Westin und Torsten Bergsten, Gütersloh 1962. - Melchior Hoffman, Das XII. Capitel des propheten Danielis außgelegt, Stockholm 1526. - Ders., Auslegung der heimlichen Offenbarung Joannis, Straßburg 1530. - Zu Hans Hut: Glaubenszeugnisse oberdeutscher Taufgesinnter, Bd. 1, hg. von Lydia Müller, Leipzig 1938. - Zu Jacob Huter: Die hutterischen Epistel 1525-1767. Bd. 2, Elie, MB, 1987. - (Pilgram Marpeck), Aufdeckung der Babylonischen Hurn, in: Hans Joachim Hilllerbrand, An Early Anabaptist Treatise on the Christian and the State, in: Mennonite Quarterly Review 32, 1958, 28-47. - Menno Simons, Opera Omnia Theologica, Amsterdam 1681.

Literatur

Willem de Bakker, Michael Driedger und James Stayer, Bernhard Rothmann and the Reformation in Münster, 1530-35, Kitchener, Ont., 2009. - Fritz Blanke, Brüder in Christo, Zürich 1955. - Klaus Deppermann. Melchior Hoffman. Soziale Unruhen und apokalyptische Visionen im Zeitalter der Reformation. Göttingen 1979. - Hans-Jürgen Goertz (Hg.), Radikale Reformatoren. 21 biographische Skizzen von Thomas Müntzer bis Paracelsus. München 1978. - Ders., Thomas Müntzer. Mystiker, Apokalyptiker, Revolutionär. München 1989. - Ders., Ende der Welt und Beginn der Neuzeit. Modernes Zeitverständnis im „apokalyptischen Saeculum“. Thomas Müntzer und Martin Luther. Veröffentlichungen der Thomas-Müntzer-Gesellschaft 3, Mühlhausen 2001. - Ders., Apokalyptik in Thüringen. Thomas Müntzer - Bauernkrieg - Täufer. In: Günter Vogler (Hg.), Bauernkrieg zwischen Harz und Thüringer Wald, Stuttgart 2008, 329-346. - Walter Klassen, Investigation into the Authorship and the Historical Background ot the Anabaptist Tract ‚Aufdeckung der Babylonischen Hurn‘, in: Mennoite Quarterly Review 61, 1987, 251-261. - Ders., Living at the End of the Ages. Apocalyptic Expectations in the Radical Reformation, Lanham, MY, New York, London 1992 (Lit.). - Ders. Visions of the End in Reformation Europe, in: Visons and Realities, hg. von Harry Loewen und Al Reimer, Winnipeg 1985, 13-57. - Walter Klaassen und William Klassen, Marpeck. A Life of Dissent and Conformity. Waterloo, Ont., und Scottdale, Pa., 2008. - Ralf Klötzer, Die Täuferherrschaft von Münster. Stadtreformation und Welterneuerung. Münster 1992. - Günther List, Chiliastische Utopie und Radikale Reformation. Die Erneuerung der Idee vom tausendjährigen Reich im 16. Jahrhundert. München 1973. - Bernhard McGinn, Visions of the End: Apocalyptic Traditions in the Middle Ages. New York 1979. - Werner O. Packull, The Sign Thau: The Changing Conception of the Seal of God´s Elect in Early Anabaptist Thought, in: Mennonite Quarterly Review 61, 1987, 363-374. - Anselm Schubert, Täufertum und Kabbalah. Augustin Bader und die Grenzen der Radikalen Reformation. Gütersloh 2008. - Gottfried Seebaß, Müntzers Erbe. Werk, Leben und Theologie des Hans Hut. Gütersloh 2002. - James M. Stayer, Vielweiberei und ‚innerweltliche Askese‘: Neue Eheauffassungen in der Reformationszeit, in: Mennonitische Geschichtsblätter 1980, 24-41. - John Howard Yoder, The Politics of Jesus, 2. Aufl., Grand Rapids, Mich., 1994 (dt. 1981).

Walter Klaassen

 
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