Wedel/Holst.

1. Zur Vorgeschichte

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurden auch viele Mennoniten aus Ost- und Westpreußen vertrieben und kamen als Flüchtlinge entweder direkt oder über die Lager in Dänemark nach Schleswig-Holstein und Hamburg. Um Not abzuwenden, gründete die →Vereinigung der Deutschen Mennonitengemeinden (VDM) auf den beiden Göttinger Konferenzen vom 25. April 1946 und vom 15. Januar 1947 einen „Hilfsausschuss in der britischen Zone“, der dann zum →Hilfswerk der Vereinigung der Deutschen Mennonitengemeinden wurde. Zunächst bestand die Aufgabe vor allem darin, die Hilfsgüter (Care-Pakete) des →Mennonite Central Committee (MCC) aus Nordamerika zu verteilen, bald übernahm das Hilfswerk zunehmend auch andere Aufgaben. So wurde 1953 die so genannte Mennonitische Siedlungshilfe e.V. gegründet, die sich um die Neuansiedlung von Flüchtlingen kümmerte. Einige Siedlungen waren bereits entstanden, andere kamen dazu: →Backnang, →Neuwied-Torney, →Bechterdissen, →Espelkamp, →Enkenbach, Lübeck-Dornbreite und auch Wedel in Schleswig-Holstein an der westlichen Grenze Hamburgs.

2. Bau der Siedlung

Der Flüchtlingsstrom erreichte auch die Mennonitengemeinde →Hamburg und Altona, hatte diese Gemeinde vor dem Krieg etwa 300 - 350 Mitglieder, so wuchs die Zahl zeitweise auf über 900 Mitglieder an. Otto Regier, Oberamtmann in der Kreisverwaltung Bad Segeberg, selbst Flüchtling und Gemeindemitglied in Hamburg, sowie andere aktive Hamburger Gemeindemitglieder, vor allem auch das Pastorenehepaar Otto und Gertrud →Schowalter, kümmerten sich besonders intensiv um die Flüchtlinge. Bauland wurde gefunden, Verhandlungen wurden geführt, und so konnten am Rande Wedels in drei Bauabschnitten Siedlungshäuser errichtet werden (s. den Vortrag „Gemeinde und Siedlung“ von Otto Regier, 1954).

Als letztes Haus in Wedel konnte am 10. August 1958 das Gemeindehaus im Menno-Simons-Weg 8 mit einer kleinen Wohnung im ersten Stockwerk für eine Hausmeisterfamilie eingeweiht werden. „Paxboys“, das sind meist nordamerikanische Friedensfreiwillige des MCC, halfen beim Bau der Häuser. Zunächst kamen sie alleine, später wurden sie von Netty Redekopp unterstützt. Sie brachte ihr Mennonite Community Cookbook mit und versorgte die jungen Männer. Es entstanden enge Kontakte zwischen den Paxboys, Netty Redekopp, später verheiratete Baer, und den Bewohnern der Wedler Siedlung.

3. Gemeindeleben

Neben dem Siedlungsbau brachten die Paxboys und das MCC mennonitische Theologie und Vorstellungen vom Gemeindeleben aus Nordamerika mit, die für die Flüchtlinge sehr hilfreich waren. Erste Andachten fanden in Wedel schon seit dem 20. Februar 1955 sehr provisorisch in einer Baracke statt. Der Prediger Arthur Goetzke wurde am 15. August 1954 in der Mennonitenkirche in Altona zum Ältesten eingesetzt. Er war bereits Beauftragter für einen der elf nach dem Krieg unter den Flüchtlingen eingerichteten Gemeindebezirke (Burg in Dithmarschen) und wurde um 1952 vom HVDM hauptamtlich für die seelsorgerliche Betreuung unter den Flüchtlingen angestellt. Er zog mit seiner Familie nach Wedel in den Menno-Simons-Weg 1. Hier übernahm er pastorale und seelsorgerliche Verpflichtungen, vor allem auch die Leitung der mittlerweile vierzehntägig stattfindenden Gottesdienste. Unterstützt wurde er durch die jeweiligen Hamburger Pastoren. Am 17. Mai 1967 starb Arthur Goetzke im Alter von 70 Jahren. Die Gottesdienste werden seither ganz von Hamburg aus betreut, zunächst durch die hauptamtlichen Pastoren, ab 1978 auch von ehrenamtlichen Predigerinnen und Predigern.

Bereits von Beginn an gibt es wöchentlich Sonntagsschule für Kinder von 3 - 15 Jahren. Ein Jahresbericht der Hamburger Gemeinde spricht von 25-30 Kindern, die jeden Sonntag von drei ehrenamtlichen Helferinnen betreut wurden. Auch die Jugendstunde fand seit 1955 wöchentlich statt, zunächst von amerikanischen Mennoniten geleitet, dann von Ehrenamtlichen aus der Hamburger Mennonitengemeinde, bis schließlich mit der Gemeindehelferin Mechthild van der Smissen, später verheiratete Schulz, ab 1. Januar 1966 und dann mit Vikar Peter J. →Foth ab 1. Oktober 1967 Hauptamtliche die Jugendarbeit übernahmen.

Im Herbst 1970 wurde tageweise ein von der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde im Gemeinderaum betriebener Kindergarten mit zwei Gruppen zu je 20 Kindern eingerichtet. In dieser Zeit fand eine rege Zusammenarbeit mit der evangelisch-lutherischen Kirche in gemeinsamen Kinderbibelwochen und ökumenischen Gottesdiensten statt.

4. Organisation und Ausblick

Die Gemeindegruppe Wedel gehörte zwar immer zur Mennonitengemeinde Hamburg Altona, war aber im Wesentlichen sehr eigenständig. Sie hatte einen Siedlungsvorstand, der vom Hamburger Kirchenrat bestätigt wurde. Neben anderen war jahrzehntelang Hans Neufeld, der im Menno-Simons-Weg wohnte, für die Gemeindegruppe verantwortlich. Inzwischen hat Angelika Peemöller die Verantwortung von ihm übernommen und ist auch in den Hamburger Kirchenrat gewählt worden. So ist nun eine direkte Verbindung zwischen Kirchenrat und Gemeindegruppe Wedel entstanden.

Nachdem zu Beginn 120 Personen in der Siedlung wohnten, nimmt die Zahl beständig ab. Immer wieder werden durch Wegzug oder Sterbefälle Häuser an Nichtmennoniten verkauft. Die örtliche Jugendarbeit wurde eingestellt, und auch die Gottesdienste, bis 2015 noch vierzehntägig, sind im Wesentlichen auf einen Gottesdienst im Monat reduziert worden. Es gibt zurzeit neben den Gottesdiensten und Trauerfeiern noch drei besondere Veranstaltungen im Jahr: den Sommergemeindenachmittag, den Adventsnachmittag und den Gottesdienst an Heiligabend. Allerdings ist der Altersdurchschnitt der regelmäßigen Gottesdienstbesucher und -besucherinnen recht hoch.

Das Gemeindehaus befindet sich baulich in einem bedenklichen Zustand und steht auf einem Erbpachtgrundstück. Die Aussichten für das Weiterbestehen dieser Gemeindegruppe sind alles andere als günstig und geben zur Sorge Anlass. Ein großer Aufbruch ist nötig, damit wieder Hoffnung wächst.

Literatur

Gemeindebriefe der Mennonitengemeinde zu Hamburg uns Altona. - Erica Jantzen (Hg.), Nettie’s Story, The PAX Years, Feb. 1954 - Nov. 1956 Nettie (Redekopp) Baer, Kitchener, Ontario, 2011 - „Aufruf an alle Mennoniten in Norddeutschland“ vom Gemeindeausschuß in Norddeutschland (o. genaues Datum, etwa 1952), Hinweis im Gemeindebrief Nr. 9, Hamburg, Februar 1952. - Otto Regier, Gemeinde und Siedlung (Vortrag, gehalten auf dem Mennonitentag am 2. Mai 1954 in Hamburg-Altona), abgedruckt in: Gemeindebrief der Mennonitengemeinde zu Hamburg und Altona, Nr. 17, vom Mai 1954.

Bernhard Thiessen

 
www.mennlex.de - MennLex V :: loc/wedel.txt · Zuletzt geändert: 2016/01/22 10:56 von bw     Nach oben
© 2010 - 2016 Mennonitischer Geschichtsverein e.V. | Impressum | Kontakt: webmaster@mennlex.de | Umsetzung: Benji Wiebe, mennox.de |
Artikel drucken
| ODT Export | PDF Export