Preußisch Litauen

Die Region „Preußisch Litauen“ umfasst den nördlichen Teil der ehemaligen preußischen Provinz Ostpreußen, in etwa identisch mit dem Regierungsbezirk Gumbinnen. Sie ist also nicht mit dem Gebiet des heutigen Staates Litauen zu verwechseln. Am nördlichen Rand dieser Region, in der Memelniederung, vor allem in den Kreisen Tilsit und (Elch-)Niederung, bestand zwischen 1713 und 1945 eine Mennonitengemeinde, die um 1900 über 700 getaufte Mitglieder hatte. Da ab 1788 zahlreiche Gemeindeglieder nach Russland auswanderten, ist diese Gemeinde − ähnlich wie die Gemeinden in →Westpreußen − Ursprung zahlreicher Mennonitenfamilien in →Russland und später in den USA und Kanada.

1. Ansiedlung mennonitischer Familien ab 1713

Die ersten mennonitischen Siedler kamen 1713 in das nördliche Ostpreußen − angeworben durch Sendboten des preußischen Königs Friedrich I. Denn aufgrund der „großen Pest“ von 1709 bis 1711 war insbesondere das nördliche Ostpreußen über weite Strecken entvölkert, und der König betrieb gezielt die Wiederbesiedlung des Landes. Auch die Mennoniten in Westpreußen und in der Pfalz wurden zur Umsiedlung nach Ostpreußen eingeladen, denn die Mennoniten galten als besonders tüchtige und fleißige Bauern, die brachliegende, oft feuchte Ländereien in fruchtbares Land verwandelten. Bei den Mennoniten im überbevölkerten Westpreußen stieß die Einladung des Königs auf großes Interesse. Aus dem Weichseltal (friesische Gemeinden Schönsee, Montau und Thorn sowie die alt-flämische Gemeinde Przechowka), aber auch aus den Weichselwerdern zogen ganze Familienverbände in die Memelniederung. Die Regierung siedelte sie in geschlossenen Siedlungsgebieten an, in der Gilge-Memel-Niederung zwischen Kaukehmen (heute Jasnoje) und Tilsit (heute Sowetsk) mit dem Zentrum Bogdahnen; einige Dörfer, z. B. Jedwilleiten, waren rein mennonitisch. Im Vertrag werden ihnen weitgehende Rechte zugestanden: freie Religionsausübung, Freiheit von jeder Werbung zum Kriegsdienst und Einquartierung sowie weiterer Wehrlasten für sich, ihre Nachkömmlinge und ihr Gesinde. Der erste Kontrakt 1713 wurde mit 42 Pächtern auf dreißig Jahre geschlossen. Ein Jahr später hatten sich bereits hundert Mennonitenfamilien angesiedelt.

Eine ganz eigene Periode erlebte die neue Gemeinde 1717. Es entstand im direkten Umfeld der Mennoniten, vor allem unter den Knechten und Mägden auf den Mennonitenhöfen, eine „Erweckung“. Beeindruckt durch die echte Frömmigkeit der Mennoniten gingen viele in die „Schule“ der Mennoniten und erbaten die Taufe − insgesamt über vierzig Personen. Wohl handelte es sich dabei um einen echten geistlichen Aufbruch (Sündenerkenntnis, Buße), dem aber einige fragwürdige, für Mennoniten untypische Phänomene beigemischt waren: apokalyptische Visionen, Ekstase, starker Spiritualismus − Tendenzen, die sonst nur aus einigen süddeutschen Täufergruppierungen bekannt waren. Eine staatliche Kommission, die die Vorfälle untersuchte, untersagte strikt das „Werben“ unter Mitgliedern der Kirchen, bestätigte aber ansonsten die Glaubensfreiheit für Mennoniten.

2. Vertreibung und Asyl in Westpreußen und in den Niederlanden

Allerdings machte sich seit der Thronbesteigung Friedrich Wilhelms I. im Jahr 1713 zunehmend ein Wandel in der Politik gegenüber den Mennoniten bemerkbar. Der „Soldatenkönig“ wollte in seinem Reich keine Untertanen dulden, die − wie die Mennoniten − den Wehrdienst ablehnten. Als es 1723 mehrfach zu gewaltsamen Rekrutierungen von Mennonitensöhnen kam, drohten die mennonitischen Siedler mit der Kündigung der Pachtverträge. Daraufhin verwies der König sämtliche Mennoniten im Frühjahr 1724 des Landes. 400 Personen mussten innerhalb weniger Wochen Preußen verlassen. Einzelne gingen wohl nach Holland, die weit überwiegende Zahl der Siedler fand Unterbringung in mennonitischen Gemeinden im Kleinen und Großen Werder, in Schönsee und in Danzig. Im November 1724 kauften zwei geflüchtete Mennoniten Ländereien an der Weichsel im Kreis Stuhm. Durch Zuwanderung weiterer Flüchtlingsfamilien aus Preußisch Litauen entstand eine neue Gemeinde, die sich „die Litauische Gemeinde in der Schweingrube“ nannte, später Tragheimerweide.

Im Herbst und Winter 1726/27 konnten vierzig mittelose Familien als Pächter nach Ostpreußen zurückkehren, auf die Rautenburgischen Güter des Grafen Truchsess zu Waldburg (bei Seckenburg). Aber 1732 wurden auch sie erneut zur Ausreise gezwungen. Die Hälfte der Familien ging ins polnische Westpreußen zurück, die andere Hälfte konnte sich in den Niederlanden (in Wageningen und auf der Insel Walcheren) niederlassen, unterstützt durch Gelder des Mennonitischen Hilfsfonds. Allerdings scheiterte dieser Ansiedlungsversuch nach wenigen Jahren; zwischen 1736 und 1739 begaben sich auch diese Familien zurück nach Westpreußen.

3. Dauerhafte Ansiedlung ab 1740

Eine erneute Wende trat mit dem Regierungsantritt Friedrichs II. (1740-1783) ein: Die Mennoniten wurden per Dekret zur Rückkehr nach Ostpreußen eingeladen. Im März 1741 kehrten 32 Familien zurück und übernahmen Höfe im Amt Friedrichsgraben (Kreis Niederung). Bedeutsam war die Übernahme des Vorwerks Plauschwarren (nördlich von Tilsit) im Jahre 1758 durch zwölf Mennoniten-Familien: Hier bildete sich für die folgenden Jahrzehnte des Zentrums der jungen Gemeinde mit eigenem Gotteshaus. Außerdem wurde 1776 im westlichen Teil des Siedlungsgebietes in Grigolienen eine „Predigtstube“ eingerichtet. 1831 wurde das Gutshaus in Adlig Pokraken als neues Zentrum hergerichtet. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zogen nach und nach weitere Mennonitenfamilien aus Westpreußen in die Memelniederung, so dass im Jahr 1785 bereits 117 Familien und 17 Witwen zur Gemeinde gehörten.

4. Auswanderungen nach Russland ab 1789

Allerdings war in Preußen der Landerwerb für Mennoniten stark eingeschränkt. Daher suchten viele nach neuen Siedlungsgebieten. Das Angebot der russischen Zarin Katharina I., sich in Süd-Russland im Gebiet von Chortitza anzusiedeln, wurde daher auch in Preußisch Litauen von vielen Familien dankbar aufgenommen. Aus der Gemeinde „Preußisch Litauen“ verließen allein zwischen 1789 und 1793 mindestens vierzig Familien ihre Heimat und siedelten sich in der Region Chortitza an. Die Gemeinde verlor innerhalb von vier Jahren rund ein Drittel ihrer erwachsenen Mitglieder, vor allem junge Familien. Einige der typischen Familiennamen der Memelniederung fehlen seitdem im Kirchenbuch der Gemeinde (ab 1769 geführt): Funk, Kettler, Kruse/Krause, Leucke, Neufeld, Ziemes/ Ziemer/ Siemens. Auch in folgenden Familien gab es Auswanderer: Arend, Banmann, Ewert, Falk, Frantz, Görtzen, Harms, Hiebert, Jantzen, Küchen, Martens, Pauls, Schütz, Schepansky, Vogt.

5. Weitere Entwicklung bis zur Vertreibung

In den Folgejahren wuchs die Gemeinde und stabilisierte sich zunehmend. Leichte Rückgänge in der Zahl der Gemeindeglieder ergaben sich durch die steigende Tendenz zur Mischehe. Auch Übertritte zur evangelischen Kirche waren zu verzeichnen. In den Befreiungskriegen gegen Napoleon griffen einige der jungen Mennoniten freiwillig zu den Waffen und wurden daraufhin von der Gemeinde ausgeschlossen. Mit der preußischen Gesetzgebung von 1869 wurde das mennonitische Privileg der „Wehrfreiheit“ aufgehoben.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts strebte die Gemeinde die Anstellung eines theologisch ausgebildeten hauptamtlichen Predigers an. Nach Einrichtung eines Fonds konnte kurz nach Ende des Ersten Weltkrieges Heinrich Pauls aus Galizien angestellt werden. Allerdings zwangen wirtschaftliche Turbulenzen die Gemeinde einige Jahre später, wieder zum Laienpredigertum zurückzukehren.

Über das Verhalten im →Dritten Reich liegen nur einzelne Berichte vor. Sie zeigen, dass auch in dieser Gemeinde etliche Gemeindemitglieder dem Geist des Nationalsozialismus verfallen waren. Mit der Besetzung Ostpreußens durch die Rote Armee im Herbst 1944 und der Evakuierung der deutschen Bevölkerung endete die Geschichte der Mennoniten in Ostpreußen − rund zweihundert Jahre nach der dauerhaften Etablierung der Gemeinde. Letzter Prediger und Ältester war seit 1932/33 Bruno →Götzke.

Bibliografie (Auswahl)

Jacob Gijsbert de Hoop Scheffer: Verzeichnis der Archivalien im Gemeentearchief Amsterdam, Amsterdam 1884. - A. van Gulik, De mislukte kolonisatie te Wageningen, in: Doopsgezinde Bijdragen, S. 111-168; 1905. - Heinrich Pauls, Geschichte unserer Gemeinde adl. Pokraken in Ostpreußen, in: Mennonitischer Gemeindekalender 1921, S. 76-83; auch: Privatdruck, 1921. - Horst Penner, Die ost- und westpreußischen Mennoniten, Bd. 1, Weierhof 1978. - Ders., Die ost- und westpreußischen Mennoniten, Bd. 2, Kirchheimbolanden 1987. - Johann S. Postma: Das niederländische Erbe der preußisch-russischen Mennoniten in Europa, Asien und Amerika, Marburg/Lahn 1958. - Erich Randt, Die Mennoniten in Ostpreußen und Litauen bis zum Jahre 1772, Königsberg 1912

Manuel Janz und Erwin Wittenberg

 
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