Mennonitische Forschungsstelle

1. Sammlungen in Göttingen und Krefeld

Die Mennonitische Forschungsstelle (MFSt) ist Bibliothek und Archiv des →Mennonitischen Geschichtsvereins (MGV) in Deutschland und versteht sich als „Gedächtnisspeicher“ der deutschen Mennoniten. Der Beschluss, eine Sammlung anzulegen, stammt aus dem Jahr 1948; unter der Leitung von Dr. Ernst →Crous und seiner Frau Rose aus Göttingen wurde dieser in die Tat umgesetzt. Von einem kleinen Anfang, als alle Bestände in der Privatwohnung der Familie Crous untergebracht waren, wuchs die Sammlung langsam, aber stetig und hat sich bald einen guten Ruf als wissenschaftliche Sammlung im In- und Ausland erworben.

Als die Familie Crous 1963 in ein Seniorenheim nach Krefeld übersiedelte, wurde die Sammlung nach Krefeld in das ehemalige Flor’sche Schloss verlegt. Dort wurde die Sammlung mit Hilfe Irmgard von Beckeraths ergänzt und ausgebaut. Nach dem Tod des Gründerehepaars 1968 und 1969 hat der Mennonitische Geschichtsverein die Bibliothek und das Archiv auf den Weierhof (Pfalz) verlegt.

2. Unter dem Dach des Gymnasiums auf dem Weierhof

Paul →Schowalter, Gerhard →Hein und Horst →Penner kümmerten sich um die Forschungsstelle, die nun im obersten Geschoss des Gymnasiums Weierhof untergebracht war. 1972 musste jedoch eine Neuregelung für die Betreuung der Forschungsstelle gefunden werden. Nelson Springer, Bibliothekar der Mennonitischen Bibliothek am Goshen College, Indiana, USA, bot sich an, die Bibliothek in seinem Sabbatjahr zu ordnen. Dank der finanziellen Unterstützung durch das →Mennonite Central Committee (MCC) konnte die Bibliothek nach einem eigens dafür geschaffenen System katalogisiert, Archivalien konnten gesichtet und die Sammlung nach modernen bibliothekarischen und archivalischen Gesichtspunkten geordnet werden. Danach wurde Gary Waltner 1976 vom Mennonitischen Geschichtsverein gebeten, die Leitung der Bibliothek neben seiner beruflichen Tätigkeit als Schulleiter zu übernehmen.

3. Bibliothek und Archiv im eigenen Haus

Im Laufe der nächsten zwanzig Jahre hat die Sammlung stark zugenommen, so dass im Vorstand des Geschichtsvereins die Überlegung diskutiert wurde, entweder neue Räume zu mieten oder einen Neubau zu errichten. Schließlich wurde beschlossen, einen Neubau auf dem Weierhof in Angriff zu nehmen. Eine landwirtschaftlich genutzte Scheune, Eigentum der Weierhöfer Landwirte, wurde dem MGV geschenkt. An ihrer Stelle wurde durch Eigenleistung in zweijähriger Bautätigkeit unter Leitung Eckbert Driedger, des damaligen Vorsitzenden des Geschichtsvereins, ein neues Haus errichtet und am 5. September 1998 eingeweiht. Dank vieler Spenden war es möglich, die Schulden für den Bau bis zum Jahr 2000 zu tilgen.

4. Ziele und Aufgaben der Forschungsstelle

Die Forschungsstelle, ihre Ziele und ihre Aufgaben, sind durch den Neubau in den Gemeinden stärker ins Bewusstsein gerückt. Dazu kommt die Tatsache, dass der Leiter der Forschungsstelle, Gary Waltner, 1997 in Pension ging und so vollzeitig die Sammlung betreuen konnte. Nach vierzigjähriger ehrenamtlicher Tätigkeit hat Gary Waltner die Leitung im Oktober 2016 an Dr. Astrid von Schlachta abgegeben. Die Finanzierung sichert ein Freundeskreis, der sich aus Mitgliedern des MGV zusammensetzt.

Zur Zeit (2017) arbeiten Ortwin Driedger, Uschi Foth, Ernst Christian Gallé, Jürgen Haury, Michael Hornick, Erdmute Rummer, Astrid von Schlachta, Dieter Schlosser, Jochen Schowalter, Hans-Joachim Wiens und Gary Waltner in der Forschungsstelle - manche zeitweise, andere häufiger, die meisten ehrenamtlich. Weitere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen waren Siegfried Dehmelt, Christine Neff, Alan Thomson, Inge Steele und August T. Moussault. Die Forschungsstelle verfügt über eine eigene Buchbinderwerkstatt. Auch der Mennonitische Buchversand ist auf dem Weierhof angesiedelt. Seit 2017 wird der restliche Bestand des Mennonitischen Buchversands über die MFSt zum Verkauf angeboten. Darüber hinaus werden Doubletten von Büchern, die durch Schenkungen und Nachlässe in die Forschungsstelle kommen, gesammelt und zum Verkauf angeboten.

Neuanschaffungen, Schenkungen und Nachlässe ließen die Bibliothek und das Archiv anwachsen. Die Hauptaufgabe im Archiv besteht darin, persönliche und auch institutionelle Sammlungen zu sichten, zu ordnen und zu beschriften, damit der Inhalt für Forschende zugänglich wird. Mittlerweile sind viele Bestände auch bereits über die Datenverarbeitung aufzufinden. Die Kirchenbücher, die in der Sammlung der Mennonitischen Forschungsstelle vorhanden waren, sowie weitere Kirchenbücher, die sich noch in den Gemeinden befanden, wurden von zwei Jugendlichen aus der Mennonitengemeinde Weierhof digitalisiert und für Familienforscher zugänglich gemacht. Die digitalisierten Kirchenbücher sind über das Kirchenbuchportal „Archion“ einsehbar. Einzelne Bücher sind auch als CDs in der Forschungsstelle erhältlich.

Im Bereich der Bibliothek sind die Bücher mittlerweile systematisch katalogisiert und in eine Datenbank aufgenommen, um alte Bestände und Neuzugänge durch Nachlässe oder Ankäufe den Benutzern zugänglich zu machen. Aus Platzgründen folgt die Aufstellung einem gemischten System der Ordnung - einerseits nach Größe, aber innerhalb der Größen nach Sachgebieten. Zur Zeit beträgt die Anzahl der Titel in der Bibliothek etwa 30.000 Bände. Außer gebundenen Büchern gibt es viele Sonderdrucke und Broschüren.

Neben Büchern werden auch Zeitschriften gesammelt, die von Konferenzen, von Verbänden oder Vereinen herausgegeben werden. Heute (Stand 2017) werden etwa 60 verschiedene →Zeitschriften aus Europa, Nord- und Südamerika, die einen Überblick über die Arbeit der entsprechenden Organisationen vermittelt, in der Forschungsstelle archiviert und für den Gebrauch gebunden.

5. Erweiterte Schwerpunkte: Genealogie und Materielle Kultur

Die Aufgabenbereiche in der MFSt sind also vielfältig. Zum archivalischen und bibliothekarischen Alltagsgeschäft kommen viele Anfragen aus der ganzen Welt. Etwa 40% der Anfragen befassen sich mit Genealogie. Glücklicherweise gibt es im Bereich der mennonitischen Forschung viele Spezialisten für die verschiedenen Familien, Regionen oder Gemeinden. Um das wieder zunehmende Interesse an Familiengeschichte weiter zu fördern, sieht sich die Mennonitische Forschungsstelle auch als geeignete Institution, Interessierte bei ihren Arbeiten und die Vernetzung der Forschenden zu unterstützen. 2017 fand ein Workshop für Familienforscher statt, auf dem der wachsende Einsatz von Internet und Datenbanken im Mittelpunkt stand. Als Ziel wurde formuliert, in einer Datenbank möglichst viele mennonitische Genealogien zu erfassen.

Nicht nur das geschriebene oder gedruckte Wort wird in der Mennonitischen Forschungsstelle gesammelt. Eine umfangreiche Trachtensammlung von verschiedenen mennonitischen Gruppen, von den Amischen und von hutterischen Gruppen, wird aufbewahrt und teilweise ausgestellt. Gegenstände, wie Abendmahlsgeschirr oder andere Gegenstände aus mennonitischen Gemeinden oder Familien, sowie eine Anzahl neuerer Kopien hutterischer Fayancen aus dem 17. und 18. Jahrhundert ist zu finden. Eine umfangreiche Fotosammlung, eine Gemäldesammlung, Karten, Familienstammbäume und Kunstgegenstände gehören ebenfalls dazu.

Keine Woche vergeht, ohne dass jemand angemeldet oder unangemeldet in die MFSt kommt. Manche suchen ihre Familienwurzeln, andere suchen Information zu bestimmten historischen Themen, sei es für das Studium und Qualifikationsarbeiten, als Heimatforscher und interessierte „Laien“.

Ein weiterer wichtiger Aufgabenbereich der MFSt ist die Ausleihe von Exponaten − Büchern, Dokumenten, Bildern und Gegenständen - für Ausstellungen. Im Jahr 2017 gingen Exponate in die Ausstellungen, die sich dem Reformationsjubiläum widmeten, beispielsweise nach Zweibrücken, Kaiserslautern, Stuttgart, Ulm und Frankenthal. So deckt die MFSt viele Facetten der täuferischen und mennonitischen Geschichte ab.

Literatur

Eckbert Driedger, Wie der Neubau der Mennonitischen Forschungsstelle entstand. Bericht, gegeben bei der Einweihungsfeier am 5. September 1998, in: Mennonitische Geschichtsblätter 1998, S. 148-151. - Paul Schowalter, 25 Jahre Mennonitische Forschungsstelle, in: Mennonitische Geschichtsblätter 1973, S. 80-90. - Gary Waltner, Vergangenheit und Zukunft der Mennonitischen Forschungsstelle, in: Mennonitische Geschichtsblätter 1998, S. 141-147. - Ders., Die Mennonitische Forschungsstelle, in: Bolander Heimatverein (Hg.), Bolanden. Geschichte und Geschichten, Kirchheimbolanden 2002, S. 377-381. - Hans-Jürgen Goertz, Ein mennonitisches Haus der Geschichte, in: ders., Das schwierige Erbe der Mennoniten, Leipzig 2002, S. 167-174. - Marion Kobelt-Groch, Gary Waltner und die wechselvolle Geschichte der Mennonitischen Forschungsstelle, in: Mennonitische Geschichtsblätter 2017, S. 176-182.

Gary Waltner

 
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