Inhaltsverzeichnis

Widmer, Pierre

geb. am 28. Juli 1912 in Brognard (Doubs), Frankreich, gest. am 17. Februar 1999 in Montbéliard (Doubs), Frankreich; Ältester der Mennonitengemeinde in Montbéliard, Frankreich, Schriftleiter der Zeitschrift Christ Seul, Vorsitzender des Comité de Mission Mennonite Francais (CMMF).

Pierre Widmer wurde in eine mennonitische Familie hineingeboren, die damals in Brognard (Doubs) lebte. Schon in jungen Jahren hatte er sich vorgenommen, das Werk des Gemeindeältesten ⇒ Pierre Sommer fortzuführen, der die Gemeindezeitschrift Christ Seul gegründet hatte und als Erweckungsprediger durch die französischen Mennonitengemeinden gezogen war. 1936 heiratete Widmer eine Tochter des Ältesten, Hélène Sommer.

Nach einer Ausbildung an der École Normale in Besancon (Doubs) und an der École d´Officiers de Réserve in Saint Maixent (Deux-Sèvres) nahm er seine berufliche Laufbahn als Lehrer einer Grundschule in Laviron (Doubs) auf. Mit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurde er 1939 zum Kriegsdienst im Elsass einberufen. Als Leutnant geriet er im Juni 1940 bei Masevaux (Haute Rhin) in deutsche Gefangenschaft und verbrachte die nächsten fünf Jahre in einem Gefangenenlager für Offiziere. Während dieser Gefangenschaftsjahre in Deutschland wurde sein Glaube durch gemeinsame Erfahrungen mit anderen Christen gestärkt. Als er nach dem Krieg in die Mennonitengemeinde von Montbéliard zurückkehrte, wurde er zum Ältesten ordiniert und mit der Verantwortung für Christ Seul betraut. In den weiteren vierzig Jahren sollte diese Zeitschrift als sein Sprachrohr dienen.

Auf Einladung ⇒ Harold S. Benders (Goshen College), den Widmer bei der Hilfswerksarbeit des →Mennonite Central Committee im Osten Frankreichs kennen gelernt hatte, besuchte er die →Mennonitische Weltkonferenz in den USA 1948. Inspiriert von der Kraft und dem Schwung der nordamerikanischen Mennoniten, kehrte Widmer nach Frankreich zurück und setzte eine größere Anzahl von Einrichtungen in Gang: Missions-, Erziehungs-, Jugend- und Sozialarbeitsprojekte. Bis zu seiner Pensionierung 1980 war er Vorsitzender der CMMF, einer Kommission, die er 1950 nach dem Modell des Mennonite Board of Missions and Charities ins Leben zu rufen half. Er leitete diese Kommission, aus der sich später die Association Fraternelle Mennonite entwickeln sollte und 1951 die Leitung der Kinderheime in Valdoie (Territoire de Belfort) und in Wissembourg (Bas Rhin) übernahm.

Als Lehrer hatte Widmer ein besonderes Interesse an Programmen christlicher Erziehung. 1949 brachte er ein Sommerlager für Kinder auf den Weg, zunächst in einem Kinderheim in Laxon (Meurthe-et-Moselle) und dann im mennonitischen Heim in Valdoie. Gemeinsam mit Harold S. Bender und anderen war Widmer auch Mitbegründer einer Bibelschule in Basel (Schweiz), woraus später das Centre de Formation et Rencontre auf dem Bienenberg bei Basel wurde. Dort übernahm er auch einen Kursus für christliche Ethik. Er entwickelte ein Katechismusprogramm für die Jugend als regelmäßige Folge in Christ Seul und schrieb einen Führer für die Praxis kirchlicher Dienste (1961). Seit ihrer Gründung 1965 war Widmer nebenher auch Vorstandsmitglied der Faculté Libre de Théologie Évangélique in Vaux-sur-Seine (Yvelines). Das Valdoie-Bekenntnis, das von den französischen Mennoniten im Mai 1969 angenommen wurde, war hauptsächlich von ihm geschrieben worden.

Ereignisse im Algerien-Krieg der fünfziger Jahre ließen die Frage nach der mennonitischen Beteiligung in der bewaffneten Armee zu einer heiß geführten Diskussion unter den Mennoniten in Frankreich werden. Pierre Widmer setzte sich besonders für die jungen Männer ein, die sich aus religiösen Gründen weigerten, den Kriegsdienst zu leisten, eine Haltung, die die französischen Mennoniten seit der Mitte des 19. Jahrhunderts aufgegeben hatten. Er war der Autor von zwei erfolglosen Petitionen, die im Namen der französischen Mennoniten an die Regierung Frankreichs 1951 und 1952 geschickt wurden, um eine Legalisierung der Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgründen zu erreichen.

Viele Initiativen Widmers haben den Grund für eine engere Zusammenarbeit der Mennoniten mit anderen christlichen Kirchen in Frankreich gelegt. Als Evangelist predigte er auch oft in anderen protestantischen Kirchen. Er wurde zum Begründer und Vorsitzenden (1967 - 1980) der Sektion der Französischen Evangelischen Allianz in Montbéliard, ebenso Mitglied im Vorstand der Association des Églises de Professants de langue Francaise. Als Vorsitzender der CMMF arbeitete er eng mit protestantischen Missionsgesellschaften in Algerien und im Tschad zusammen und ermutigte zahlreiche mennonitische Jugendliche, hier einen missionarischen Dienst zu versehen. Aus Anlass der 450jährigen Jubiläums der →Confessio Augustana wurde Widmer von den lutherischen Kirchen (Alsace-Moselle) eingeladen. An Round-table-Gesprächen teilzunehmen, um die Relevanz der Verdammungsurteile gegen die Täufer zu überprüfen. Diese Gespräche, die zu einer Erklärung der Versöhnung führten, wurden zu Meilensteinen im lutherisch-mennonitischen Dialog.

Die theologische Position Widmers lässt sich so beschreiben: Er war „evangelikal“, sofern er enge Beziehungen zu anderen evangelikalen Kirchen unterhielt und mit ihnen die Bedenken gegenüber jeder Form von moderner Theologie teilte. Er war „biblisch“ ausgerichtet, vor allem wenn es galt, junge Menschen für den Dienst in der Kirche vorzubereiten. Die Herausforderungen einer historisch-kritischen Bibelexegese lehnte er ab. Schließlich war er „erwecklich“, sofern es ihm darum ging, die Gottesdienste durch das persönliche Glaubenszeugnis der Gemeindeglieder zu verlebendigen. Verbunden hat er diese theologischen Akzente mit dem täuferischen Friedenszeugnis, wie es unter nordamerikanischen Mennoniten nach dem Zweiten Weltkrieg wieder entdeckt worden war.

Als die körperlichen Kräfte nachließen, zog sich Pierre Widmer allmählich von seiner Arbeit zurück. 1980 übergab er den Vorsitz des CMMF an Eric Hege und 1985 den Vorsitz der Editions Mennonites, in denen Christ Seul verlegt wurde, an Daniel Muller. Widmer starb 1999 in Montbéliard, wo er solange für die französischen Mennoniten gewirkt hatte.

Werke

Pierre Widmer (Hg.), Pages Choisies de Pierre Sommer, Montbéliard 1955.- Ders. (Hg.), Nouveau Manuel d´Instruction à l´usage des Églises Évangeliques Mennonite et de tous ceux qui cherchent d´un coeur sincère le Seigneur Jésus-Christ, Montbéliard 1956. - Guide Pratique pur la vie dans L´Assemblée, Grand-Charmont 1961. - Ce Que Croient Les Mennonites, Montbéliard 1981.- Marc Lienhard und Pierre Widmer, Les Entretiens Luthéro-Mennonites, Montbéliard 1984. - Ombres et Lumière, Choix de Poèmes 1929 - 1987, Montbéliard 1987. - Vivre Pleinement : Principes de la Vie Chrétienne, Flavion 2001.

Literatur

Neal Blough Harold Bender, « La vision anabaptiste » et les Mennonites de France, in : Bulletin de la Société d´Histoire Francais, 2002, 151 - 208. - Alex Neff, Une clarté bien franche, Pierre Widmer, une vie dans l´église mennonite francaise, Montbéliard 2006.

Alex Neff

 
www.mennlex.de - MennLex V :: art/widmer_pierre.txt · Zuletzt geändert: 2013/03/05 22:03 (Externe Bearbeitung)     Nach oben
© 2010 - 2016 Mennonitischer Geschichtsverein e.V. | Impressum | Kontakt: webmaster@mennlex.de | Umsetzung: Benji Wiebe, mennox.de |
Artikel drucken
| ODT Export | PDF Export