Postma, Johan S.

geb. am 22. 11. 1910 in Emmen, gest. am 24. 6. 1995 in Appelscha, Niederlande; Pfarrer und Historiker.

In Emmen besuchte Johann S. Postma die Volksschule und anschließend die höhere Schule in Ter Apel. Nachdem er noch Ergänzungsprüfungen in Latein und Griechisch abgelegt hatte, studierte er ab 1929 Theologie an den Universitäten in Groningen und Amsterdam. Die kirchlichen Prüfungen legte er 1935/36 am Seminar der Taufgesinnten in Amsterdam ab. Am 4. 4. 1937 wurde er zum Prediger der taufgesinnten Gemeinde Den Horn (Provinz Groningen) und zum Hilfsprediger der taufgesinnten Gemeinde Groningen (Stadt) berufen. In dieser Funktion gründete er Gemeindekreise in Haren und Roden. Sein Professor am Seminar in Amsterdam, Dr. W. J. Kuehler, der 1930 in Danzig am 2. Mennonitischen Weltkongress teilgenommen hatte, beauftragte ihn und ⇒ Horst Quiring ab 1934 mit Forschungen über die Mennoniten, ausgelöst durch eine Anfrage des Friedenspalastes in Den Haag zum Thema der Wehrlosigkeit. Da bald darauf der Zweite Weltkrieg ausbrach, konnte Postma seine geplante Philosophiepromotion nicht mehr durchführen, auch sein gesammeltes Material wurde 1945 zerstört.

Nach der Reichskristallnacht verhalf er einem jüdischen Ehepaar aus Deutschland zur Übersiedlung in die Niederlande, betreute sie bei der Arbeitssuche und bei ihrer späteren Ausreise in die USA. Im darauf folgenden Jahr erkrankte er an Tuberkulose. Er wurde ins Niederländische Sanatorium Davos verbracht, aus dem er fast drei Jahre später entlassen wurde. Inzwischen war der Zweite Weltkrieg ausgebrochen. Seine Predigerstelle war wieder besetzt. Daher wandte er sich erneut seiner Forschungsarbeit zu, und bereiste dazu die Mennonitengemeinden im Weichseldelta.

Postma sprach ausgezeichnet Deutsch und kannte sich in der deutschen Geschichte gut aus. Seine Sympathie für die deutsche Kultur und den Nationalsozialismus wurde ihm aber zum Verhängnis. Er wurde im Mai 1945 in Roden festgenommen und in das Lager Veenhuizen verbracht. Als er gegen das über ihn gesprochene Urteil in die Berufung gegangen und eine kurze Zeit in Freiheit war, floh er nach Deutschland und fuhr im April 1948 unter dem falschen Namen Heinz Wiebe mit einer Flüchtlingsgruppe auf dem Schiff Charlton Monarch nach Südamerika. Hier war er ein bereitwilliger Helfer und Ratgeber Elfrieda →Dycks, die im Auftrag des →Mennonite Central Committee die Flüchtlingsgruppe allein begleitete.

In →Paraguay arbeitete er an den Zentralschulen und in der Lehrerausbildung in Fernheim und Volendam. 1953 zog er nach Witmarsum, Brasilien, wo er zusammen mit ⇒ Fritz →Kliewer an der Schule arbeitete. Kliewer hatte er bereits in Asunción kennen gelernt und in seinem Auftrag eine Materialsammlung über die deutsch-völkische Zeit zusammengestellt und eine erste Manuskriptfassung geschrieben, die aber nicht für die Öffentlichkeit bestimmt war.

1957 kehrte er nach Europa zurück, um als Abgeordneter der südamerikanischen Mennonitengemeinden an der →Mennonitischen Weltkonferenz in Karlsruhe teilzunehmen, auch um das gegen ihn gesprochene Urteil anzuerkennen und seine Haftzeit abzusitzen. Gleichzeitig richtete er ein Gnadengesuch an die Königin der Niederlande. Dem Gnadengesuch wurde stattgegeben. Postma wurde zum Prediger der Mennonitengemeinde Warns gewählt und konnte 1958 an der Universität Marburg mit der Dissertation Das niederländische Erbe der preußisch-rußländischen Mennoniten in Europa, Asien und Amerika promovieren.

Von 1963 bis 1967 war Postma in Sembach, Enkenbach und Neudorferhof (Pfalz) als Pastor tätig. Danach war er Prediger der Gemeinden Warns und Koudum in den Niederlanden bis zum 22. 11. 1975. Nach seinem Ruhestand unterrichtete er noch in der Bibelschule auf dem →Bienenberg in der Schweiz und nahm die Vertretung der Pfarrstellen Wolvega und Giethoorn wahr.

Postma war ein ausgesprochen gebildeter Mann, kannte sich in der Mennonitengeschichte hervorragend aus und hatte seine besondere Sprachbegabung nutzen können, um unter falschem Namen ⇒ Peter J. Dyck zu täuschen, dessen Aufgabe es war, durch ein Interview festzustellen, ob der Antragsteller ein Mennonit aus Russland gewesen sei oder nicht, denn nur mennonitische Flüchtlinge aus dem Osten wurden damals vom →Mennonite Central Committee auf mehreren Schiffen nach Südamerika gebracht. Viele Jahre später haben Dyck und Postma den Sachverhalt untereinander geklärt und sind nach einem ernsthaften Vergebungsprozess gute Freunde geworden.

Bibliographie

Johan S. Postma, Das niederländische Erbe der preußisch-rußländischen Mennoniten in Europa, Asien und Amerika. Inauguraldissertation zur Erlangung der Würde eines Doktors der Theologie der Theologischen Fakultät der Philipps-Universität Marburg/Lahn, 1959; Artikel im Mennonitischen Lexikon zu Warns und Wehrlosigkeit.

Literatur

Peter J. Dyck, He Said he was Heinz Wiebe, in: Festival Quarterly. - [Ich danke Frau Anneke Postma für ergänzende Auskünfte zum Leben ihres Mannes].

Jakob Warkentin

 
www.mennlex.de - MennLex V :: art/postma_johan_s.txt · Zuletzt geändert: 2013/03/05 22:02 (Externe Bearbeitung)     Nach oben
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