Kliewer, Friedrich (Fritz)

geb. am 29. Mai 1905 in Deutsch-Wymysle, Polen, gest. am 7. Mai 1956 in Witmarsum, Brasilien; Lehrer.

In Polen hatte er seine Lehrerausbildung erhalten, kam dann aber Anfang der dreißiger Jahre in die Kolonie →Fernheim, wo er zunächst in der Dorfschule in Lichtfelde und später in der Sekundarschule in Schönwiese unterrichtet hat.

1934 fuhr er auf Empfehlung der Fernheimer Kolonieverwaltung nach Deutschland, wo er mit finanzieller Unterstützung des Vereins für das Deutschtum im Ausland (VDA) zunächst in Marburg/L. und dann in Berlin studierte. 1939 schloss er sein Studium mit der Dissertation Die deutsche Volksgruppe in Paraguay. Eine siedlungsgeschichtliche, volkskundliche und volkspolitische Untersuchung ab. Obwohl er die Promotion erfolgreich abgeschlossen hatte, bekam er noch nicht das Doktordiplom, das in Deutschland damals nur nach der Veröffentlichung der Dissertation vergeben wurde. Zwar wurde sie im Kriegsjahr 1941 veröffentlicht, doch wegen der widrigen Postverhältnisse erfuhr Kliewer in Paraguay davon nichts. Nach dem Krieg weigerte sich die Humboldt-Universität, eine während der NS-Zeit geschriebene Dissertation mit dem oben genannten Titel anzuerkennen.

Fritz Kliewer war ein begabter und überzeugter Pädagoge, der seine Fähigkeiten ganz in den Dienst der Kolonie →Fernheim stellte. So wurde er bereits 1939 Leiter der >Zentralschule. 1940 gründete er zusammen mit seiner Frau Margarete den „Pädagogischen Kursus“ und begann damit die Lehrerausbildung im →Chaco. Anfänglich war Kliewer überzeugt, dass die Mennoniten im paraguayischen Chaco eine religiöse und kulturpolitische Aufgabe hätten. Während seines Deutschlandaufenthaltes änderte er seine Meinung, da er nun überzeugt war, dass die Europäer aus klimatischen und anderen Gründen sich auf Dauer nicht im Chaco würden behaupten können. In Deutschland war seine Sympathie für Adolf Hitler und den Nationalsozialismus gewachsen. Daher griff er Hitlers Parole „Heim ins Reich“ freudig auf und machte große Anstrengungen, die Fernheimer Bürger auf die Rückkehr nach Deutschland vorzubereiten. Als Vorsitzender der Bundes Deutscher Mennoniten in Paraguay (BDMP) förderte er die völkische Arbeit in der Kolonie, um die russlanddeutschen Mennoniten wieder in die deutsche Volksgemeinschaft zurückführen. Das brachte ihm auf der einen Seite viele Sympathisanten, auf der anderen Seite aber auch erbitterte Gegner ein. Vor allem verübelte man ihm, dass er mit seiner Werbung für Deutschland gegen das Missionsgebot und gegen die mennonitische Wehrlosigkeit verstieß, da es auf der Hand lag, dass die Mennoniten in Deutschland auf jeden Fall zum Waffendienst herangezogen werden würden. Die Auseinandersetzung zwischen der so genannten „deutsch-völkischen Bewegung“ und den „Wehrlosen“ eskalierte dermaßen, dass er nicht nur seines Amtes enthoben wurde, sondern gezwungen wurde, die Kolonie zu verlassen. Das war für ihn besonders schmerzlich, zumal seine Frau inzwischen verstorben war und er mehrere kleine Kinder zu versorgen hatte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war er zeitweilig Leiter des mennonitischen Schülerheims in Asunción und ging dann mit seiner zweiten Frau Melita, geb. Legiehn, nach Witmarsum, Brasilien, um dort für sich und seine Familie eine neue Existenz aufzubauen. Auch dort war er pädagogisch unermüdlich tätig. „Die Fritz-Kliewer-Schule“ in Witmarsum erinnert noch heute an seinen bildungspolitischen Einsatz. Er war auch ein begabter Schriftsteller. Das zeigen seine vielen Aufsätze und Artikel, die nicht nur in mennonitischen Zeitschriften erschienen. Im Auftrag des mennonitischen Lehrerverbandes in Paraguay hat er auch ein Lesebuch herausgegeben, das noch heute lesenswerte Lesestücke enthält.

Inmitten seiner rastlosen Arbeit für die Gemeinschaft der Mennoniten ist er bereits 1956 an Herzversagen gestorben. Er hinterließ im Bildungs- und Kulturbereich eine große Lücke, doch seine ehemaligen Schüler und Studenten haben seine pädagogischen Zielsetzungen in Schule und Kolonie auf ihre eigene Weise umgesetzt. Kliewer stand zeitlebens zu seinen Überzeugungen. Wie viele andere hatte er sich in seinem Engagement für den Nationalsozialismus geirrt, seine christlich-mennonitische Überzeugung ließ er sich jedoch von niemandem absprechen.

Literatur

Friedrich Kliewer, Die deutsche Volksgruppe in Paraguay. Eine Siedlungsgeschichtliche, volkskundliche und volkspolitische Untersuchung. Hamburg 1941. - Peter P. Klassen, Die deutsch-völkische Zeit in der Kolonie Fernheim, Chaco, Paraguay 1933-1945. Bolanden-Weierhof 1990. - Jakob Warkentin, Die deutschsprachigen Siedlerschulen in Paraguay im Spannungsfeld staatlicher Kultur- und Entwicklungspolitik, Münster u. a. 1998.

Lexikonartikel: Elfter März (Peter P. Klassen), in: Lexikon der Mennoniten in Paraguay, Asuncion 2009, 120.

Jakob Warkentin

 
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