Demokratie (im mennonitischen Kontext)

Die wichtige Frage ist nicht, ob Demokratie (griech. Herrschaft des Volkes) einfach nur Herrschaft der Mehrheit, sondern ob sie eine Verfassung sei, die religiöse Freiheit und Menschenrechte für jedermann sichert, andernfalls könnte sie den Beschluss der Mehrheit einschließen, Menschen zu verfolgen, die religiösen Minderheiten oder ethnischen Gruppen angehören.

1. Demokratische Ansätze im Täufertum und in der puritanischen Revolution

Hans Hillerbrand zeigt, dass alle täuferischen Autoren die Autorität der Obrigkeit als von Gott eingesetzte Ordnung anerkannten, auch wenn sie deren Herrschaft über Kirche und Glauben ablehnten. Mit ihrer Theologie, die auf eine Zwei-Reiche-Lehre hinauslief, wollten die schweizerischen und oberdeutschen Täufer ihre Obrigkeiten nicht davon überzeugen, sich in demokratische Gemeinwesen umzuwandeln, wohl aber forderten sie ein Ende der religiösen Verfolgung und eine gerechte Behandlung vor Gericht (→Brüderliche Vereinigung). Alles andere, als der Obrigkeit das Interesse zu entziehen und sie auf dualistische Weise in einen Bereich zu verweisen, in dem Christus irrelevant ist, lehrte Menno →Simons, dass Christus Herr über alles Leben sei:

Die Regierenden sind berufen, die Bösen zu züchtigen und zu bestrafen, Gerechtigkeit walten zu lassen, die Unterdrückten aus den Händen ihrer Unterdrücker zu befreien und „ohne Tyrannei und Blutvergießen offensichtliche Betrüger mit Liebe in ihre Schranken zu verweisen, ohne Macht, Gewalt und Blutvergießen“ (Menno Simons, Fundamentbuch). Wiederholt ermahnte er die Herrscher, Rechtschaffenheit zu lieben und Witwen und Waisen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, auf gerechte Weise Streit unter Nachbarn zu schlichten, Strafen mit Augenmaß festzusetzen und das Wort Gottes frei verkündigen zu lassen, schließlich die Ohnmächtigen und Unterdrückten gerecht zu behandeln.

Die Täufer verfuhren in ihren Gemeinden nach demokratischen Regeln. Schon im 16. Jahrhundert setzten sie sich 1. für Demokratie in der Leitung der Kirche mit der Wahl der Prediger und Ältesten und der Ausübung der Banngewalt durch die Gemeinde ein, 2. richteten sie ihre gemeindlichen Ordnungen (Taufe, Abendmahl) nach dem biblischen Bundesgedanken aus, 3. forderten sie religiöse Freiheit, 4. setzten sie sich auch für die freie Religionsausübung der „Türken“ ein, 5. warben sie um neue Anhänger (Jünger), wie es im Aussendungsbefehl Jesu heißt, ohne sie zu nötigen oder zu zwingen, 6. ließen sie nach der Lehre Jesu Unkraut und Weizen miteinander hoch wachsen, 7. unterstützten sie die Bedürftigen gemeinsam und 8. widersetzten sie sich jeglicher Gewalt gegenüber religiösen Minderheiten.

Alle acht Themen waren mit ihrer besonderen Sprache („Türken“ für Muslims) und ihrer spezifischen biblischen Grundlage Teil des Einsatzes für Demokratie im Zusammenhang mit der Forderung nach Religionsfreiheit, wie sie von den Baptisten in England 1608 von Anfang an vertreten wurde. Die Gruppe um John Smyth, ungefähr die Hälfte dieser ersten Gemeinde, schloss sich der Waterländischen Gemeinde der Taufgesinnten in den Niederlanden an, zu der sie sich ihrer Herkunft nach hingezogen fühlte. Einer dieser Baptisten oder Taufgesinnten, der sich den Waterländern angeschlossen hatte, war Richard Overton; er schrieb später die erste umfassende Abhandlung über die Menschenrechte überhaupt (in England 1647). Overton begründete seinen Einsatz für die Menschenrechte mit eben den acht Kennzeichen der täuferischen Lehre und fügte Gerechtigkeit im Umgang mit Bedürftigen und zahlreiche Schriftbelege hinzu. Diese Themen und Schlüsselbegriffe wurden unter den ersten Baptisten im England des frühen 17. Jahrhunderts verbreitet, die sie zunächst in der demokratischen Revolution der Puritaner in England und dann in den dreizehn Kolonien Nordamerikas vertraten. So fanden täuferische Ideen, zumeist in den Gemeinden, Verbreitung und ließen bereits zu Beginn der puritanischen Revolution und danach Demokratie im Zusammenhang mit der Forderung nach Menschenrechten entstehen.

Deutschland wurde im 18., 19. und frühen 20. Jahrhundert von französischer Kultur beeinflusst, nicht der britischen, und hing deshalb dem irrigen Eindruck nach, dass die Menschenrechte und das Demokratieverständnis von der säkularisierten französischen Aufklärung her stammten, so dass die meisten Theologen und Kirchenführer sich den Menschenrechten widersetzten. Das untergrub ihr Vermögen, die erste Anstrengung Deutschlands für die Demokratie in der Weimarer Republik zu unterstützen, ebenso ihr Vermögen, sich den massiven Verletzungen der Menschenrechte durch Hitler zu widersetzen. Ausnahmen waren Dietrich Bonhoeffer und Karl Barth; sie setzten sich für theologisch begründete Menschenrechte ein und führten den Widerstand der Bekennenden Kirchen gegen Hitler und das Dritte Reich. Wolfgang Huber und Heinz Eduard Tödt zeigen sehr deutlich, dass Georg Jellinek es war, der entdeckt hatte, dass die Menschenrechte tatsächlich von den freikirchlichen Glaubensgemeinschaften der Puritaner im 17. Jahrhunderts entwickelt worden seien, ein Jahrhundert vor der Französischen Revolution (von einem täuferischen Baptisten). Inzwischen hat Peter Blickle in einer umfassenden Untersuchung allerdings behauptet, dass die Befreiung von der mittelalterlichen Leibeigenschaft eher Grund und Anlass war, die Menschenrechte durchzusetzen, als die theoretischen Überlegungen der revolutionären Geschichte Englands im 17. Jahrhundert oder der französischen Aufklärung im 18. Jahrhundert. So gelingt es ihm, auch Deutschland in die frühe Geschichte der Menschenrechte einzuordnen und der englischen und französischen Geschichte auch einen alltagspraktischen Zug zu verleihen (Peter Blickle, Von der Leibeigenschaft zu den Menschenrechten, 2003). Andere haben auf andere Quellen aus dem Mittelalter hingewiesen, doch fest steht, dass die erste umfassende Abhandlung über die Menschenrechte von dem Mennoniten und Baptisten Richard Overton geschrieben wurde - mit biblisch belegten Erörterungen, mit Argumenten aus der historischen Erfahrung mit Folter und Religionskriegen und mit Vorstellungen, die im Mittelalter entwickelt worden waren.

Deutsche Theologen und die deutsche Gesellschaft haben seit 1945 aus ihrem Irrtum gelernt und darauf hin gewirkt, die Demokratie und die Menschenrechte mit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland in ihrem Grundgesetz fest zu verankern. Von diesem Sinneswandel zeugen auch zahlreiche Veröffentlichungen jener Zeit.

2. Theologische Befürwortung der Demokratie

In allen Bewegungen der frühen Täufer spielte die Vorstellung von Neuen Bund in Jesus Christus eine große Rolle. Die Praxis, Kirchen im Sinne dieser Bundesvorstellung zu gestalten, spielte auch in der Entwicklung der Demokratie in den nordamerikanischen Kolonien eine wichtige Rolle. Die lokalen Obrigkeiten suchten nach einem Weg, sich selbst zu formieren. Sie folgten dem Modell der freikirchlichen Glaubensgemeinschaften, die Gestalt annahmen, indem sie kirchliche Bündnisse ins Auge fassten, ihre Gründung sorgfältig berieten und als Basis für Gemeinschaft und gemeinsame Aktion einführten.

John Howard →Yoder, der mit anderen Mennoniten die Verwüstungen des Zweiten Weltkriegs in Europa gesehen hatte und beim Wiederaufbau nach dem Krieg in freiwilligem Einsatz half, hat die Mennoniten stark beeinflusst, Demokratie und Menschenrechte als Alternative zu den Verwüstungen des Faschismus, des Totalitarismus und des Kriegs, den sie erlebt hatten, zu unterstützen. Yoder stand seit seinem Studium unter dem Einfluss von Oskar Cullmann und Karl Barth und übernahm von ihnen die Vorstellung von der Königsherrschaft Christi über alles Leben, ganz im Sinne von Menno Simons. Seinen Aufsatz Christian Case for Democracy (John Howard Yoder, Priestley Kingdom, S. 151-171) beginnt Yoder mit dem Hinweis dem Realismus Jesu: „ Die weltlichen Könige herrschen, und die Gewaltigen heißt man gnädige Herren. Ihr aber nicht also! Sondern der Größte unter euch soll sein wie der Jüngste, und der Vornehmste wie ein Diener“ (Lk. 22, 25 f.). Wegen der realistischen Einschätzung der menschlichen Sünde, andere zu beherrschen, schreibt Yoder, dass wir eine Obrigkeit haben müssen, die im Falle von Machtkonzentrationen für Kontrollmechanismen sorgt. „Of all our forms of oligarchy, democracy is the least oppressive, since it provides the strongest language of justification and therefore of critique which the subjects may use to mitigate its oppressivness“ (ebd., S. 158 f.). In einer Demokratie können wir den Anspruch der Herrschenden, dass sie zum Guten wirken, nutzen, um von ihnen einzufordern, was sie selbst für sich in Anspruch nehmen. Aber Yoder warnt folgerichtig vor dem Konstantinismus (Einheit von Kirche und Staat seit dem 4. Jahrhundert), in dem Christen manipuliert werden, dem Ethos des Staates anstatt dem Weg Jesu zu folgen (→ Konstantinische Wende).

Yoder befürwortet Demokratie und Religionsfreiheit unter Hinweis auf 1. Kor. 14, 26-33. Hier wird von der respektvollen Diskussion in den christlichen Gemeinden berichtet, an denen teilzunehmen, jedes Gemeindeglied ermuntert wird, mit anderen einvernehmliche Lösungen zu suchen. Das ist „ein theologisch notwendiges Einwerben des Rechts auf Widerspruch“ (John Howard Yoder, Priestley Kingdom, S. 168). Demokratie gründet auf dem Respekt vor der Würde der Minderheit, des Dissenters und des Gegners. Darin unterscheidet sie sich von der Idee der Aufklärung, dass die Mehrheit die Stimme Gottes sei. Eine solche Demokratie ist realistischer gegenüber der Neigung der Menschen zu herrschen und baut Schutz für Minderheitsrechte in ihre Verfassung ein. „Von dieser Grundlage her können Elemente der Aufklärungskritik an autoritärem Verhalten zugegebenermaßen wieder entdeckt werden, sofern sie als Übernahme eines ursprünglich christlichen Zeugnisses angesehen werden können. „ For such reasons, Stanley Hauerwas’s characterization of English-speaking justice as a set of ‚bad ideas‘ strikes me as too simple“ (John Howard Yoder, Meaning After Babble: With Jeffrey Stout beyond Relativism, S. 135).

Duane Friesen weist auf die grundlegende Spannung hin, die zwischen der Zugehörigkeit zum Staat bzw. der Nation und zur Kirche in dem Modell der radikalreformatorischen Freikirche des 16. Jahrhunderts und der separatistischen Richtung des Puritanismus (Baptisten und Quäker) im 17. Jahrhundert bestand (Duane Friesen, Artists, Citizens, Philosophers, 2000). Friesen warnt davor, die Verantwortung nur auf das Wählen zu reduzieren oder nur darauf, den eigenen Geschäften nachzugehen. Der Christ hat vielmehr Verantwortung für das Gemeinwohl und soll die Regierung drängen, für das Gemeinwohl zu wirken. Wie Yoder in seiner Abhandlung zu Body Politics vertritt auch Friesen eine Ethik der Analogie, nämlich von der Praxis in der Kirche auf analoge Weise zur Praxis in der weiteren Gesellschaft überzugehen. Wie Michael Walzer in Revolution of the Saints und Elie Halevy in seiner Geschichte Englands so hat auch Friesen gemeint, dass täuferische (mennonitische) und dann baptistische, kongregationalistische und quäkerische Praxis freiwilliger Mitgliedschaft und gemeinsame Wahrheitsfindung in der Gemeinde die Freikirchen in England beeinflusst hat, in sich in der weiteren Gesellschaft für Religionsfreiheit und Demokratie einzusetzen, und die Puritanische Revolution, so dass diese weitaus weniger militant und dialogbereiter war als die spätere Französische Revolution. Friesen lenkt die Aufmerksamkeit auf Richard Overton und dessen Herleitung der Menschenrechte aus der biblischen Ethik, der sie in eine Sprache übersetzt hat, wie in einer pluralistischen Gesellschaft verstanden werden kann. Wie Overton sehr stark den Einsatz Jesu und der Bibel, unterstrich, den Armen und denjenigen, die keine Stimme in der Gesellschaft haben, Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, so sollten auch Kirchen vor allem ihre Stimme für die schwächsten und am meisten verletzbaren Mitglieder der Gesellschaft erheben.

3. Demokratie, Menschenrechte und gerechter Frieden

Duane Friesen und Ted Koontz haben viel zur Konzeption von „just peacemaking“ (einen gerechten Frieden zu schaffen) beigetragen. Dazu gehört auch, Demokratie zu fördern, indem Religionsfreiheit und Menschenrechte gefordert werden. Auf diese Weise ist die Demokratie in fast allen lateinamerikanischen und osteuropäischen Staaten eingeführt worden. Das Buch Just Peacemaking: The New Paradigm for the Ethics of Peace and War (Glen H. Stassen (Hg.), Just Peacemaking, 2008) wendet sich ausgesprochenermaßen gegen den Versuch, Demokratie mit dem Mittel des Krieges zu verbreiten. Eine solche kriegerisch erzwungene Demokratie endet gewöhnlich in einer Gesellschaft mit gewaltbereiter Kultur. Gerechten Frieden zu schaffen, weist schließlich darauf hin, dass die Ausbreitung der Demokratie auf effektive Weise Kriege zu vermindern vermag: im ganzen 20. Jahrhundert erklärte kein demokratischer, von den Menschenrechten geleiteter Staat einem anderen demokratischen Staat den Krieg. Das wurde offensichtlich von den Menschenrechten, die in diesen Staaten galten, verhindert. Auf diese Weise konnten die Kriegsopfer in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts drastisch vermindert werden.

Die Täufer spielten eine bedeutende Rolle bei der Ausbreitung der Glaubensüberzeugungen und Praktiken, die zur Demokratie auf der Grundlage der Menschenrechte führten und in hohem Maße die Anzahl der Kriege reduzierten. Für pazifistische Christen, die sich öffentlich gegen den Krieg und seine verheerende Zerstörung einsetzen, kann eine Demokratie auf der Grundlage der Menschenrechte glaubwürdiger unterstützt werden als Monarchie, Diktatur oder Plutokratie.

Bibliografie (Auswahl)

Harold S. Bender, The Anabaptists and Religious Liberty in the Sixteenth Century, Philadelphia 1970. - Peter Blickle, Von der Leibeigenschaft zu den Menschenrechten. Eine Geschichte der Freiheit in Deutschland. München 2003. - Perry Bush, Two Kingdoms, Two Loyalties: Mennnonite Pacifism in Modern America, Baltimore and London 1998. - Leo Driedger and Donald B. Kraybill, Mennonite Peacemaking: From Quietism to Activism, Scottdale, Pa., und Waterloo, Ont., 1993. - Duane Friesen, Artists, Citizens, Philosophers: Seeking the Peace of the City: An Anabaptist Theology of Culture, Scottdale and Waterloo 2000. - Hans-Jürgen Goertz, The Anabaptists, London and New York 1996. - Elie Halevy, History of the English People, London 1924. - Hans J. Hillerbrand, The Anabaptist View of the State, in: Mennonite Quarterly Review 32, 1958, 83-110. - Irvin B. Horst, The Radical Brethren: Anabaptism and the English Reformation to 1558, Nieuwkoop 1972. - Wolfgang Huber und Heinz Eduard Tödt, Menschenrechte: Perspektiven einer menschlichen Welt, München 1988. - Franklin H. Littell, The Origins of Sectarian Protestantism: A Study of the Anabaptist Theory of the Church, New York 1964. - Keith Graber Miller, Wise as Serpents, Innocent as Doves: American Mennonites Engage Washington, Knoxville 1996. - Glen H. Stassen, The Christian Origin of Human Rights, in: Glen H. Stassen, Just Peacemaking: Transforming Initiatives for Justice and Peace, Philadelphia 1992, 137-163. - Glen H. Stassen (Hg.), Just Peacemaking: The New Paradigm for the Ethics of Peace and War, Cleveland 2008. - Ervin R. Stutzman, From Nonresistance to Justice: The Transformation of Mennonite Church Peace Rhetoric 1908-2008, Waterloo, Ont., und Scottdale., Pa., 2011. - Michael Walzer, Revolution of the Saints, New York 1974. - David A. Weir, Early New England: A Covenanted Society, Grand Rapids, Mich., 2005. - George Hunston Williams, The Radical Reformation, Philadelphia, Pa., 1962. - John Howard Yoder, The Christian Case for Democracy, in: John Howard Yoder, Priestly Kingdom: Social Ethics as Gospel, Notre Dame, Ind., 1984, 151-71. - Ders., Meaning After Babble: With Jeffrey Stout beyond Relativism, in: Journal of Religious Ethics 24, 1, 1996, 125-139. - Ders., Body Politics, Scottdale, Pa., and Waterloo, Ont., 2001.

Glen H. Stassen

 
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