Leeuwarden

1. Anfänge und Entwicklung der Gemeinde seit dem 17. Jahrhundert

Das Kirchengebäude der Mennoniten befindet sich in Leeuwarden am „Wirdumerdijk 18“. Hier finden seit 1630 ihre Gottesdienste statt. Zunächst stand hier eine kleine hölzerne Kirche, etwa 1630 gebaut, die 1680 durch ein Gebäude aus Stein ersetzt wurde. 1850 wurde das Gebäude seitlich erweitert und mit vier korinthischen Säulen versehen. Erste Täufer sind in Leeuwarden 1530 nachweisbar, einer der ersten Prediger dort war Obbe →Philips. Es gab in Leeuwarden mehrere Strömungen unter den Täufern: die Waterländer (am Wirdumerdijk), Jan Jacobsgesinnte und (alte) Flamen am Zwitserswaltje und die Flamen bei der alten Waage. Später verschmolzen diese Gruppen zu zwei getrennten Richtungen: zu den Zonisten und den Lamisten (→Amsterdam). Seit 1758 trafen sich alle Leeuwarder Gruppen dann in der Kirche am Wirdumerdijk.

Um 1579, als die reformierte Kirche zur Staatskirche der Niederlande erklärt wurde, waren die Verfolgungen der Täufer zwar beendet, dennoch hielten die Schikanen gegen sie an, z.B. die Störungen ihrer Gottesdienste oder die widerrechtliche Aneignung von Vermächtnissen, die mennonitischen Gemeinden zugedacht waren, bis in die Franzosenzeit um 1815. Noch im 20. Jahrhundert muteten reformierte Pfarrer ihrem mennonitischen Kollegen zu, auf dessen Rechtgläubigkeit hin überprüft zu werden. Mennonitenkirchen durften zunächst nicht als Kirchen erkennbar sein, sie waren versteckte Kirchen. Auch die Leeuwarder „Ermahnung“ war in einem Innenhof erbaut worden und nur durch schmale Gassen erreichbar. Eine dieser Gassen besteht noch und könnte im Notfall als Fluchtweg dienen. Wie in einigen anderen Gemeinden, z. B. Leiden, wurde im 18. Jahrhundert auch in Leeuwarden die Taufe auf Ersuchen des Täuflings durch Untertauchen vollzogen (zwischen 1715 und 1720). Zu diesem Zweck wurde in der Kirche ein Taufbecken aus Stein eingebaut. Vermutlich wurde diese Taufpraxis aus einer pietistischen Strömung in Deutschland übernommen und unter dem Einfluss der Collegianten auch bei den Taufgesinnten eingeführt. Das Taufbecken wurde bald zum Anlass für heftige Auseinandersetzungen in der Gemeinde und 1750 wieder entfernt.

Die monumentale Orgel, ebenso wie die Kanzel, wurde aus der „Kirche bei der Sonne“ übernommen, nachdem sich die Zonisten und Lamisten in Amsterdam zusammengeschlossen hatten (1801), und 1812 in Leeuwarden installiert. Sie war 1782 von Johan Strumphler gebaut worden und wurde 1858 von dem Orgelbauer Lambertus van Dam aus Leeuwarden auf den neuesten Stand gebracht. Damals erhielt die Orgel ihren heutigen Klang. An beiden Seiten der Orgel befinden sich bunte Glasfenster, die von Joep Nicolas (1897-1972) geschaffen wurden. Sie stammen aus dem Jahre 1954 und wurden von Menschen aus der Provinz Limburg als Dank für die Hilfe gestiftet, die sie während des Zweiten Weltkrieges in Friesland erfuhren. Die Fenster stellen den Wunderbaren Fischzug (Luk. 5, 1-11) und die Fußwaschung der Jünger durch Jesus (Joh. 13, 1 - 20) dar.

2015 wurde die Kirche restauriert, wobei einige historische Elemente wiederhergestellt wurden, und zwar die Wandtäfelungen und der Lichteinfall in den Kirchenraum.

2. Das Gemeindeleben der Mennoniten

Die Leeuwarder Gemeinde zählt zwei Einrichtungen, mit denen sie der Gesellschaft und den Menschen dient: seit 1658 mit dem Marcelis Goverts Gasthuis (Spital), einer Unterbringung mit medizinischer Betreuung für ältere Menschen. Heute dient dieses Haus als Hospiz. Und seit 1832 gibt es das Klaas-Tigler-Darlehen, mit dem Theologiestudenten unterstützt werden.

In den sechziger bis neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts wurde die Zusammenarbeit mit den →Remonstranten in Leeuwarden verstärkt. Auch die offene Jugendarbeit wurde intensiviert. Es hat sich im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts eine enge Zusammenarbeit zwischen Mennoniten, Remonstranten und Lutheranern entwickelt, vor allem auf dem Gebiet der Diakonie. Gewachsen ist die Zusammenarbeit auch mit anderen Kirchen im Rahmen der Ökumene, u. a. im so genannten Anlaufhaus.

Die Mennonitengemeinde Leeuwarden zählt etwa 300 Mitglieder, Freunde und Interessierte, und hat zwei Prediger. Das Gemeindeleben strahlt Frohsinn aus: im sonntäglichen Gottesdienst, Bibelkreis, in Gesprächsgruppen, zwei Schwesternkreisen, einem Bruderkreis, in der Kleinkindbetreuung, Sonntagschule, einem Ad-hoc-Chor, in der Jugendarbeit und Veranstaltungen für junge Erwachsene.

3. Akzente der Gemeindeaktivitäten

Diakonisches Engagement zeigt sich im Anlaufhaus und bei der Lebensmittelhilfe. Zusammen mit den Vereinigten Protestanten der Niederlande engagiert sich die Gemeinde bei einem Projekt in Kolumbien, getragen von Mennoniten, Calvinisten und Katholiken vor Ort, zum Thema Versöhnung zwischen Mördern und Familienmitgliedern von ermordeten Menschen.

Es gibt eine ganze Bandbreite an Aktivitäten, für Mitglieder wie für Nicht-Mitglieder: Vorträge, Nachmittage mit Liedern aus Iona, Taizé-Feiern. An jedem Samstagnachmittag ist die Kirche für Besucher geöffnet.

„De Oergong“ - der Übergang neben der Kirche funktioniert mit den dort stattfindenden Aktivitäten als Haus zur Förderung der Spiritualität. Besinnung und Meditation sind dort zentral. Im Kirchenratszimmer befindet sich eine Bibliothek aus Büchern zu Theologie und Mennonitentum.

Die Liturgie in den Gottesdiensten ist vielgestaltig, vor allem in der Passions- und Adventszeit. Manchmal gibt es Gottesdienste in friesischer Sprache, öfter sind friesische Elemente in den niederländischen Gottesdienst eingebettet: die Schriftlesung, ein Gebet, ein Lied, ein Gedicht. Regelmäßig wird auch von verschiedenen Medien, wie Filmausschnitten oder Musik von Disketten, Gebrauch gemacht. An der Orgel wird der Gottesdienst schon seit fünfzig Jahren von Gerben Bergstra begleitet.

Literatur

Daden gaan woorden te boven - Doopsgezind in woord en daad, Leeuwarden 2014 (mit zahlr. Abb.). - Tjeerd Nielsen, Van het Menniste Erf. 400 jaar Doopsgezind Leeuwarden, Leeuwarden 2016. - Nanne van der Zijpp, Geschiedenis der Doopsgezinden in Nederland, Arnhem 1952, Nachdr. 1980. - Stadswandeling door Leeuwarden met een Dopers tintje, Leeuwarden 2011. - Wy, dy’t bidde, Leeuwarden 2014 (Tien gebeden van Anselm Grün vertaald in Nederlands en Fries met bijpassende foto’s van gemeenteleden, gemaakt door zr. Nienke van der Meer). - Samme Zijlstra, Om de ware gemeente en de oude gronden. Geschiedenis van de dopersen in den Nederlanden 1531 - 1675, Hilversum 2000.

Homepage: www.doopsgezindenleeuwarden.nl

Harmen Thieden Ament

 
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