Doopsgezind Seminarium (Amsterdam)

1. Die Vorgeschichte des Seminars

Das Mennonitische Seminar, wie es heute genannt wird, ist 1811 mit der Gründung der →Algemene Doopsgezinde Sociëteit (ADS) entstanden, mit dem alleinigen Ziel der „Förderung des Predigtdienstes“. Das Seminarium, damals noch Ausbildungsstätte für Lehrer (wie die Prediger zu jener Zeit benannt wurden), hatte einen Vorläufer. Schon 1735 entschlossen sich die Amsterdamer Gemeinden „zum Lamm“ und zum „Turm“, eine eigene Ausbildungsstätte für zukünftige Lehrer (Prediger) zu eröffnen, nachdem eine Zusammenarbeit mit einigen Gemeinden andernorts und in Amsterdam aus finanziellen und ideologischen Gründen nicht zustande gekommen war (→Amsterdam). Die Amsterdamer Mennoniten, die der sonnistischen Richtung angehörten (Gemeinde „zur Sonne“), verlangten von einem jeweils einzustellenden Hochschullehrer ein festes Bekenntnis, die Gruppe die sich zur lammistischen Richtung zählte (der Gemeinde „zum Lamm“), wollten sich jedoch nicht auf ein Bekenntnis festlegen. Andere Gemeinden außerhalb Amsterdams klinkten sich aus finanziellen Gründen aus. Sie fürchteten neben der finanziellen Belastung einen zu starken Einfluss der Amsterdamer, da die Verwaltungstätigkeiten direkt an die finanziellen Einlagen gebunden sein sollten. Im Jahre 1801 vereinigten sich die „Sonnisten“ mit den „Lammisten“ zur Vereinigten Mennonitengemeinde Amsterdam (VDGA), so dass das Lehrerseminar fortan von der VDGA betrieben wurde. Die Zusammenarbeit mit dem Athenäum Illustre, aus dem die Universität von Amsterdam hervorging, und dem Seminarium der Remonstranten war gut. Die naturwissenschaftlichen Einrichtungen des Lehrerseminars wurden auch von den Studenten des Athenäums genutzt. Neben Vorlesungen der Theologie wurden die Studenten ebenfalls in Philosophie unterrichtet. Der Unterricht war von den Gedanken der Aufklärung getragen. Naturkunde (als Teil angewandter Philosophie) bildete einen wichtigen Teil des Curriculums. Sie sollte die Menschen der göttlichen Vollkommenheit näherbringen (Physicotheologie).

Vor der Zulassung zur Lehrerfortbildung mussten sich die Studenten Prüfungen in Griechisch und Latein unterziehen. Die meisten Studenten erhielten ein Stipendium, sie studierten auf Kosten der Amsterdamer Gemeinde. Die Abschlussprüfung (das sogenannte Proponentenexamen) bestand aus einer Predigt und einer Befragung zu „Lehre, Leben und Gaben“. Die Lehre war im Regelwerk des Seminars festgelegt und enthielt u. a. Artikel über die Erwachsenentaufe, die Eidesleistung, das Verbot der Rache und die Autorität der Bibel. Die Bruderschaft (Brüder aus der VDGA) bestätigte schließlich die „Proponentenschaft“ (die Eignung als Anwärter auf eine Predigtstelle in einer mennonitischen Gemeinde). Gerrit Jakob Hesselink (1755-1811) war in jenen Jahren der einzige Professor (hoogleraar) an dem Lehrerseminar von 1786 bis1811.

2. Seminargründung durch die Algemene Doopsgezinde Sociëteit

Im Jahre 1811 wurde, auch durch die Initiative Gerrit Hesselinks, die „Allgemeine Doopsgezinde Sozietät zur Förderung des Predigtdienstes“ gegründet. Die Gemeinde Amsterdam sah sich nicht mehr in der Lage, die Kosten alleine zu erbringen. Die Niederlande waren durch die napoleonischen Kriege sichtlich verarmt, davon war auch die Amsterdamer Gemeinde betroffen. Nur wenn alle Gemeinden die Verantwortung übernehmen würden, konnte die Ausbildung für akademische Prediger erhalten werden. Auch deutsche Gemeinden (Norden, Krefeld, Emden, Leer, Emmerich und Kleve) unterstützten die ADS und das Seminar.

Rinse Koopmans (1770-1826) wurde der Nachfolger Hesselinks nach dessen Ableben. Er war Professor von 1812 bis 1826. Koopmans setzte die Lehre Hesselinks fort. 1826 entschied der Vorstand, das Curriculum zu erneuern, ehe ein neuer Hochschullehrer eingestellt werden sollte.

Praktische Fächer bekamen einen höheren Stellenwert in der Lehre. Die Ausbildung zum „Hirtenamt“ (einer Art Pastoralseelsorge) sollte den Amsterdamer Predigern anvertraut werden. Der Professor sollte Theologie (Gottesgelehrsamkeit), christliche Sittenlehre (Moraltheologie), Exegese und Allgemeine Kirchengeschichte auf Latein lehren, und, in freier Wahl auf Latein oder Niederländisch, „Geschichte und die kennzeichnenden Empfindungen der niederländischen Taufgesinnten“. Dadurch würden sich die mennonitischen Prediger − auch praktisch gut ausgebildet - dauerhaft von reformierten Theologen unterscheiden. Übrigens schlossen sich nicht alle Gemeinden sofort der ADS an, aus finanziellen und ebenfalls aus theologischen oder weltanschaulichen Gründen.

Von 1827 bis 1836 wurde das Seminar von zwei Teilzeit-Professoren betreut, die gleichzeitig als Prediger für die Gemeinde tätig waren. Nach 1836 waren die Professoren in Vollzeit für das Seminar angestellt, allerdings waren sie verpflichtet, sechsmal im Jahr einen Predigtdienst in der VDGA wahrzunehmen.

3. Auf dem Weg zum Modernismus

Samuel Muller (1785-1875), ursprünglich aus Krefeld in Deutschland, war als Professor von 1827 bis 1856 tätig, ihm standen nacheinander Wopko Cnoop Koopmans (1800-1849), Jan van Gilse (1810-1859) und Sytze Hoekstra (1822-1898) zur Seite. Muller setzte sich für die praktische Seite der Ausbildung ein. Van Gilse (angestellt von 1849-1859) und Hoekstra (Dienstverband 1857-1892) bauten den wissenschaftlichen Schwerpunkt der Ausbildung weiter aus. Unter Hoekstra und dem zweiten akademischen Lehrer Gijsbert Jakob de Hoop Scheffer (1819-1894; als Professor tätig 1860-1890) zog der sogenannte Modernismus in das Seminar ein, im Gegenzug zu S. Muller, der der supranaturalistischen Lehre folgte. De Hoop Scheffer hat u. a. den Katalog der mennonitischen Bibliothek erstellt (noch bis ins 21. Jahrhundert im Gebrauch) und sich vor allem einen Namen auf dem Gebiet der mennonitischen Kirchengeschichte gemacht. 1874 und 1877 erfolgten einige Änderungen im Lehrplan, z. B. wurde die individuelle Prüfungsabnahme eingeführt. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgten weitere Veränderungen in der Ausbildung.

Im 20. Jahrhundert war bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges das Seminarium in all seiner freiheitlichen Gesinnung und Liberalität auf die Wahl einer richtigen Position peinlichst bedacht, ob durch das Sprachrohr der offiziellen Vertreter oder anderer. Vor allem war man apolitisch. In den Gemeinden waren alle politischen Richtungen willkommen, denn da ging es ja nicht um weltliche, sondern um göttliche Dinge. Im Seminar wurde versucht, die Lehrtätigkeit fortzusetzen, was bis 1943 auch mehr oder weniger gelang (s. Alex Noord).

4. Entwicklungen nach dem Zweiten Weltkrieg

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts war die Haltung des Seminars weniger „geschlossen“ als zuvor. Die Aufmerksamkeit war stark auf die Ökumene gerichtet, und man war vollständig in die „Kirchenlehre“ der Universität von Amsterdam eingebettet. Seit der Gesetzgebung von 1876 war es möglich, kirchliche Hochschullehrer an einer staatlichen Universität einzustellen. Die Hochschullehrer, unterstützt von Dozenten, drückten ihren Studenten einen eigenen Stempel auf, der die Entwicklung und Richtung der Studenten prägte. Johannes A. → Oosterbaan hat den Anschluss des Seminars an die Beschäftigung mit den Problemen der neueren Theologie seit der Wende zur Dialektischen Theologie bewerkstelligt und Willem F. Golterman die Praktische Theologie in ökumenischer Ausrichtung vertreten. Nanne van der Ziipp und Hendrik W. →Meihuizen haben sich in die neuere Erforschung des Täufertums und der Mennoniten eingeschaltet, mit und nach ihnen auch S. L. Verheus und Sjouke Voolstra. Voolstra war Oosterbaans Nachfolger von 1984 bis 2002. Seit 1988 hat er neben der Christlichen Sittenlehre auch Mennonitica gelehrt. Besonders bemüht hat er sich um die Gestaltung der Doopsgezinde Bijdragen Nieuwe Reeks (seit 1974). Wie seine akademische Tätigkeit insgesamt dient auch seine Darstellung Menno Simons: His Image and Message (Kansas, 1997) seinem Bemühen, die niederländische Bruderschaft wieder stärker an die Heilige Schrift zu binden und im Umgang mit ihr neuen Zusammenhalt zu finden. Sein Nachfolger im Fach der Mennonitica war Piet Visser. Er lehrte an der Vrije(n) Universiteit nach der Verlegung des Seminars dorthin. Zum Abschied ist er mit einer Festschrift unter dem Titel Religious Minorities and Cultural Diversity in the Dutch Republic (2014) geehrt worden, die von August den Hollander u. a. herausgegeben wurde. Wichtige Impulse zu Mission und Ökumene sind von Alle Hoekema in Forschung und Lehre (1989 bis 2002) ausgegangen.

5. Von der Universiteit Amsterdam zur Vrije(n) Universiteit von Amsterdam

Von Anfang an arbeitete das Seminar eng mit dem Athenäum Illustre (ab 1877 Universität der Gemeinde Amsterdam, später Universität von Amsterdam) sowie mit den in sie eingebundenen Remonstranten (die 1873 nach Leiden zogen) und den Lutheranern zusammen. Es war bis 2001 ein Teil der theologischen Ausbildung der Universität von Amsterdam (gemeinsam mit den Reformierten und den Lutheranern) 2003 wurde das Seminar an die Theologische Fakultät der Freien Universität (Universität der reformierten Kirchen) verlagert, wo ebenfalls andere Kirchen ihre Ausbildung anbieten. Mit der Berufung von Fernando Enns (2011) hat das Seminar ein ausdrücklich internationales Profil erhalten, besonders mit dem Schwerpunkt, der auf die Friedenstheologie gelegt wird. Das Seminar, das Alex Noord leitet, stellt sich heute als ein internationales Wissenschaftszentrum dar, das enge Kontakte zu anderen europäischen Ländern, vor allem zu Deutschland, unterhält.

Bibliografie (Auswahl)

Alex Noord, Den meest bewogen tijd van zijn geheele bestaan, in: Doopsgezinde Bijdragen 41, 2015, S. 247-267. Annelies Verbeek, Menniste Paus. Samuel Muller (1785-1875) en zijn netwerken, Hilversum 2004. - J.M. Welcker, Een eeuw Doopsgezinde Kweekschool, 1811-1914, in: Doopsgezinde Bijdragen 11 (1985), S. 44-86. - Anna Voolstra, Alle Hoekema, Piet Visser (Hg): Beeldenstormer uit bewogenheid. Verzamelde opstellen van Sjouke Voolstra, Hilversum 2005. - Lies Brussee-van der Zee, Annelies Verbeek, Piet Visser, Ruth Winsemius (Hg): Balanceren op de smalle weg. Liber Amicorum voor Kees van Duin, Alle Hoekema en Sjouke Voolstra, Zoermeer 2002. - Fernando Enns und Annette Mosher (Hg.), Just Peace. Ecumenical, Intercultural and Interdisciplinary Perspectives, Oregon 2013.

Annelies Vugts-Verbeek

 
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