Algemene Doopsgezinde Sociëteit (Allgemeine Sozietät der Mennoniten)

1. Entstehung

Am 25. Oktober 1735 berieten sieben Vertreter mennonitischer Gemeinden in den Niederlanden, angeregt von der Gemeinde zum Lamm in →Amsterdam, über die Bildung einer Allgemeinen Taufgesinnten Sozietät (ADS). Sie wollten die von der Gemeinde gegründete Ausbildungsstätte für den Predigtdienst zu einem allgemeinen Seminar ausbauen (→Doopsgezind Seminarium). Allerdings gelang es nicht, Einigkeit über die Zuständigkeiten des Präsidiums und die Befugnis der Sozietät zu erzielen, Prediger in den Gemeinden zu ernennen. Erst 1811 war das gelungen.

Die erste Sitzung des Leitungsgremiums der Algemene Doopsgezinde Sociëteit fand am 21. und 22. August 1811 unter dem Vorsitz des Predigers Samuel Muller in Zaandam statt. 1827 wurde er ein einflussreicher Hochschullehrer am Seminar. Während der Gründung der Sozietät erklärten 50 der damals 132 Mennonitengemeinden ihren Beitritt. Der Begriff „Soziëtät“ wurde bewusst gewählt, um jeder Gemeinde ihre Eigenständigkeit zu belassen. Das Adjektiv „algemene“ sollte die Teilnahmemöglichkeit aller Gemeinden offen halten. Die einzige Bedingung für einen Beitritt war, dass die Taufe in den Gemeinden nur an Erwachsenen vollzogen wird (→Taufe). Im Laufe der Zeit entschlossen sich immer mehr mennonitische Gemeinden zum Beitritt, erst 1923 aber hatten sich alle niederländischen Gemeinden der ADS angeschlossen.

2. Ziel, Organisation und Veröffentlichungen

Die Allgemeine Mennonitische Sozietät hat zum Ziel, das Seminar zu erhalten und weniger finanzstarke Gemeinden zu unterstützen. Jede Gemeinde, die einen Predigtamtskandidaten berufen wollte, doch dafür nicht genug Geld hatte, konnte sich an die Sozietät wenden. Diese beiden Aufgaben gehören bis heute zu den Hauptaufgaben der ADS. Später kam noch die Verwaltung der Pensionsgelder für die Prediger hinzu. Im Laufe des 20. Jahrhunderts, als die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Kirchen zunahm, ging die ADS auch mehr und mehr dazu über, die mennonitischen Gemeinden der Niederlande insgesamt in nationalen und internationalen Organisationen zu vertreten. So vertritt die ADS die niederländischen Mennoniten als Gründungsmitglied im Kirchenrat der Niederlande und im Ökumenischen Rat der Kirchen, ebenso in der →Mennonitischen Weltkonferenz. Inzwischen zählen zu ihren Aufgaben auch die Unterstützung der nationalen Jugendarbeit, die Beratung und Unterstützung beim Gemeindeaufbau und die Unterstützung bei der Verwaltung der Gemeinden.

Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts hat die ADS auch Zeitschriften herausgegeben. De Zondagsbode, der 1887 zu erscheinen begann, wurde 1926 zur offiziellen Veröffentlichung der ADS, bis sie 1942 von der deutschen Besatzungsmacht eingestellt wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg erschien ein neues Wochenblatt: Das Algemeen Doopsgezind Weekblad (ADW). Zu Beginn des 21. Jahrhunderts wurde dieses Wochenblatt vom Doopsgezind NL abgelöst, das zehn Mal im Jahr erscheint. Daneben gibt es einen digitalen Nachrichtenbrief und eine Website, die mit den Websites einzelner Gemeinden verbunden ist. Im →Doopsgezinde Seminarium und dem Beirat für Geistliche Fragen der ADS sind mehrere Bücher geschrieben worden, die von der ADS zur Verstärkung des Glaubenslebens in den Gemeinden herausgegeben wurden, z. B. Geloven Vragenderwijs (Glauben in Fragen) und Aangeraakt door de Eeuwige ( Vom Ewigen berührt). Zum Gebrauch der Liturgie wurden 1948 das Kanselboek herausgegeben und fünfzig Jahre später das Buch für liturgische Dienste De Gemeente komt samen, dazwischen noch das Arbeitsbuch Liturgie. Seit 1901 erschien jedes Jahr ein Doopsgezind Jaarboekje. Dieses Jahrbuch enthält Angaben über die Gemeinden, die Nachrufe für gestorbene Prediger und Artikel allgemein historischer Art. So ist die ADS zu einer Dachorganisation aller niederländischen Mennonitengemeinden geworden.

3. Innere Struktur und Mitgliederzahl

Die ADS beansprucht keinerlei synodale Autorität und unterhält keine hierarchisch strukturierten Beziehungen zu den Gemeinden. Auch wurde zu keiner Zeit ein allgemeines Glaubensbekenntnis von der ADS angenommen. Der Vorstand, „Bruderschaftsrat“, äußert sich nur in besonderen Situationen öffentlich zu gesellschaftlichen Entwicklungen. Mit der „Bruderschaftsversammlung“, der Zusammenkunft der Vertreter aller Mitgliedsgemeinden, wurde vereinbart, dass nur in bestimmten Fällen im Namen der Mennoniten gesprochen werden soll.

Seit dem Zweiten Weltkrieg hat die Zahl der Mennoniten abgenommen, von damals 40.000 auf mehr als 7.000 zum jetzigen Zeitpunkt (→Niederlande). Auch die Anzahl der Gemeinden ist inzwischen auf hat auf 110 Gemeinden zurückgegangen (2015). Die schrumpfenden Mitgliederzahlen der Gemeinden und die wachsende Anzahl älterer Gemeindemitglieder haben zur Folge, dass die Gesuche um Unterstützung an die ADS zunimmt und bei ihrer angestrengten Haushaltslage zu neuen Problemen führt.

Seit der Gründung der ADS im Jahre 1811 sind unter den Mennoniten in den Niederlanden keine Spaltungen mehr aufgetreten. So hat die ADS ihre Aufgabe als einheitsstiftende und -erhaltende Institution unter den niederländischen Mennonitengemeinden erfüllt.

Literatur (Auswahl)

J. Brüsewitz, „Tot de aankweek van leeraren“. De predikantsopleidingen van de Doopsgezinden, ca. 1680-1811, in: Doopsgezinde Bijdragen, nieuwe reeks 11,1985, S. 11-43. - E. I. T. Brussee-van der Zee, De Doopsgezinde Broederschap en het nationaal socialisme, 1933-1940, in: Doopsgezinde Bijdragen, nieuwe reeks 11,1985, S.118-129. - S. Cramer, Rede, gehouden bij de plechtige viering van het honderdjarige bestaan der Algemeene Doopsgezinde Sociëteit op 28 september 1911, in: Doopsgzinde Bijdragen, 51. Jg., Leiden 1911, S. 123-151. - Samuel Muller, De Geschiedenis van het ontstaan en de vestiging der A.D.S., Amsterdam 1861. - P. van der Meulen, De wording der Algemeene Doopsgezinde Societeit, Wormerveer 1947. - F. H. Pasma, Doopsgezind Handboek, Amsterdam 1954. - Pieter Post, Geschiedenis van het doopsgezinde kerklied (1793-1973). Van particularisme naar oecumeniciteit, Hilversum 2010, S. 30-39; S. 148-160; S. 240-258; S. 338-346. - Annelies Verbeek, ‚Menniste Paus‘. Samuel Muller (1785-1875) en zijn netwerken, Hilversum 2005. - S. L. Verheus, Naarstig en Vroom. Doopsgezinden in Haarlem 1530-1930, Haarlem 1993, S. 217-249. - Sjouke Voolstra, „The Hymn to Freedom“. The redefinition of Dutch Mennonite identity in the Restoration and Romantic Period (ca. 1810-1850), in: Alastair Hamilton, Sjouke Voolstra and Piet Visser (Hg.), From Martyr to Muppy. A historical introduction to cultural assimilation processes of a religious minority in the Netherlands: the Mennonites, Amsterdam 1994, S. 187-202 . - J.M. Welcker, De Doopsgezinde Kweekschool tot 1940‘, in: Doopsgezinde Bijdragen, nieuwe reeks 14, 1988, S. 11-53. - Nanne van der Zijpp, De eeuw van het Modernisme‘, in: Geschiedenis der Doopsgezinden in Nederland, Arnhem 1952 (Nachdr. 1980), S. 192-217.

Homepage: www.doopsgezind.nl

Henk Stenvers

 
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