Reuter, Daniel

geb. am 28. Oktober 1904 in Mönchen-Gladbach, gest. am 23. Juli 1989 in Krefeld, Deutschland; Pfarrer.

Daniel Reuter wurde als Sohn des Prokuristen Karl Reuter und seiner Frau Auguste, geborene von Eicken, in Mönchen-Gladbach geboren. Verheiratet war er mit der Pfarrerstochter Anna Johanna Hußmann (1907-1987), das Ehepaar hatte eine Tochter und einen Sohn. Von März 1951 bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand 1973 war Daniel Reuter Pfarrer der Mennonitengemeinde →Krefeld.

Reuter studierte in Göttingen, Rostock, Halle und Bonn Evangelische Theologie, unter dem Einfluss der liberalen Theologie löste er sich im Laufe des Studiums von der starken pietistischen Prägung durch sein Elternhaus und zeigte sich religionsgeschichtlich interessiert. Er wurde dann Hilfsprediger in Saarbrücken, Rosbach, Essen, Gelsenkirchen und Warendorf (Westfalen). In Warendorf trat er 1933 seine erste Pfarrstelle an, 1938 wechselte er zur Pfarrstelle VII in der Altstadtgemeinde Mülheim an der Ruhr.

Reuter war von der Liberalen Theologie geprägt. Er wandte sich stets gegen Bekenntnisse sowie dagegen, bestimmte dogmatische Auslegungen traditioneller Aussagen der christlichen Tradition wie Auferstehung Jesu Christi, Jungfrauengeburt Jesu usw. zur Glaubensnorm zu erheben. Diese Haltung teilte er mit vielen evangelischen Pfarrern seiner Zeit, und sie war der Grund für Reuters Distanz gegenüber der Bekennenden Kirche (BK), die sich in ihrem Kampf gegen den Nationalsozialismus (NS) auf Schrift und Bekenntnis stützte (→Drittes Reich). Die Abgrenzung von der neuen Orthodoxie, die er in der BK erblickte, war ihm wichtiger als die Abgrenzung von nationalsozialistischem Gedankengut. Er wurde zwar weder Mitglied einer NS-Organisation noch der „Deutschen Christen“ (DC), zeigte in seinem Verhalten und in seinen Äußerungen jedoch eine sehr große Nähe zu ihnen. Er äußerte sich positiv zum Nationalsozialismus und bekannte sich 1936 in einem Schreiben an den Schriftleiter der „Kommenden Kirche“, DC-Pfarrer Heinz Dungs, zu den gemeinsamen Zielen. Anfang 1943 stellte Reuter sich dem Arbeitsamt zur Verfügung und nahm eine vormittägliche Tätigkeit in einem Rüstungsbetrieb auf, ohne die Kirchenleitung zu fragen oder zu informieren. Erst am 18. März 1943 teilte er es in einem Schreiben dem Evangelischen Konsistorium in Düsseldorf mit, berief sich für sein Verhalten auf eine Verordnung Hitlers und machte geltend, seinen Pfarrdienst nachmittags und abends fast ohne Einschränkung ausüben zu können.

Gegen die Übernahme des Arierparagraphen in der Kirche formierte sich 1933 der Pfarrernotbund. Reuter gehörte ihm zunächst an. Er war dazu eingeladen worden, hatte aber nur eine Beitrittserklärung unterschrieben, nicht das „Bielefelder Bekenntnis“, mit dem im Juni 1933 westfälische Pfarrer gegen die Einsetzung August Jägers zum Staatskommissar in Preußen protestiert hatten. Im Februar 1934 wurde Reuter, der eine Kasse des Pfarrernotbundes führte, nahegelegt, wegen inhaltlicher Differenzen den Pfarrernotbund zu verlassen, wogegen er protestierte.

Mülheim an der Ruhr war während der nationalsozialistischen Zeit eine Hochburg der Deutschen Christen. Die Neubesetzung der Pfarrstelle VII in der Altstadtgemeinde wurde Mitte der 1930er Jahre zu einer Zerreißprobe für die Gemeinde. Von den sieben Pfarrstellen waren vier mit Pfarrern der DC besetzt, ihnen standen zwei der BK angehörende Pfarrer sowie ein neutraler gegenüber, für den ein Nachfolger gefunden werden musste. Das Konsistorium der Gemeinde war mehrheitlich deutschchristlich. Die inhaltliche Auseinandersetzung wurde von kirchenpolitischen und juristischen Fragen überlagert. In den Jahren zuvor waren bereits drei DC-Pfarrer auf juristisch umstrittene Weise gewählt worden, und auch die Wahl Reuters, der von Seiten der DC als „neutral“ vorgestellt wurde, war juristisch fragwürdig. Damit wurde der Grund für den Streit in den frühen Nachkriegsjahren gelegt, bei dem die Rechtmäßigkeit der Wahlen bzw. der Berufungen ins Pfarramt strittig war.

Tatsächlich arbeitete Reuter in Mülheim eng mit den DC-Pfarrern zusammen. Nach dem Ende des Dritten Reichs wurde er deswegen in der Annahme, er sei Mitglied der DC gewesen, vom Amt suspendiert. Zusammen mit zwei anderen Pfarrern setzte Reuter sich über die Amtsenthebung hinweg. Im Mai 1946 wurde ein kirchengerichtliches Verfahren auf der Grundlage neuer Argumente gegen Reuter eröffnet. Die Spruchkammer kam im Oktober 1946 zu dem Urteil, Reuter sei aus dem Dienst der Kirche zu entlassen. Ausschlaggebend war nun, dass er sein Amt nicht so gestaltet habe, wie es die im September 1945 erlassene Kirchenordnung vorsah, nämlich „gebunden an Schrift und Bekenntnis“. Als Begründung wurde genannt, dass Reuter von Beginn seiner Tätigkeit an „eine abweichende Stellung gegenüber dem Bekenntnis der Kirche eingenommen“ habe. Tatsächlich hatte er bei seiner Ordination in der westfälischen Kirche kein Gelübde auf ein Bekenntnis ablegen müssen, worauf er sich berief. Ferner wurde Reuter vorgeworfen, während der Zeit des Nationalsozialismus habe er „die bekenntniswidrige Haltung des Staates und des damaligen Kirchenregiments bejaht“ und sich als Sprecher und Vertreter des das Bekenntnis ablehnenden Kirchenvolkes gesehen. Er trage „durch seine das Bekenntnis ablehnende Haltung dasselbe Maß an Verantwortung“ wie eingeschriebene DC-Mitglieder. Andererseits wurden Reuters Hilfsbereitschaft sowie ansprechende, menschliche Qualitäten hervorgehoben.

Wie andere betroffene Pfarrer auch erkannte Reuter die neue Kirchenleitung und ihre Beschlüsse nicht an und setzte sich über die Anordnung, sein Amt nicht weiter auszuüben, hinweg. Er empfand sich als rechtmäßiger Pfarrer seiner Gemeinde und erfuhr darin Unterstützung. Im Februar 1948 gründete Reuter zusammen mit den beiden früheren Mülheimer DC-Pfarrern Karl Tiesler und Paul Aufderhaar die „Protestantische Vereinigung“. Aus ihrer Sicht ging es um die Verteidigung evangelischer Freiheit und evangelischen Glaubens gegen die neue, dogmatische Auslegung von Bibel und Bekenntnis, ebenso um die Verteidigung des allgemeinen Priestertums und des Selbstbestimmungsrechts der Gemeinden gegen Hierarchie und Klerikalismus.

Auf einer Gegenversammlung im März 1948 wurde insbesondere Reuter von Vertretern der Kirchenleitung und von anderen Pfarrern angegriffen. Ihm wurde vorgehalten, die leibliche Auferstehung Jesu Christi zu leugnen, nicht zu verkündigen, „daß Christus unsere Sünde getragen hat am Kreuz“, das Apostolische Glaubensbekenntnis nicht zu bekennen, das Abendmahl nicht zu feiern, ein abweichendes Taufverständnis zu vertreten und der Ordnung der Kirche gegenüber gleichgültig zu sein. In den folgenden Jahren ging die Auseinandersetzung weiter. Die „Protestantische Vereinigung“ erhielt beachtlichen Zulauf und umfasste mehrere tausend Mitglieder. Sie suchte Anschluss an den Deutschen Bund für freies Christentum und bestand bis Anfang der 1990er Jahre. Während die Vorgänge einerseits über Mühlheim hinaus für Unruhe sorgten - so verwandte sich beispielsweise der Bund für freies Christentum für Reuter -, wurden andererseits mit den drei Pfarrern Gespräche geführt und nach einverständlichen Lösungen gesucht. Im Dezember 1949 akzeptierte Reuter einen Vergleich und zog eine bereits eingereichte Zivilklage zurück. Karl Tiesler wechselte auf eine Pfarrstelle nach Bielefeld, Paul Aufderhaar nach Uerdingen, und Daniel Reuter kam 1951 zur Mennonitengemeinde Krefeld, blieb dabei formalrechtlich wegen seiner Pensionsansprüche aber Mitglied und Angestellter der Evangelischen Kirche.

In die Mennonitengemeinde Krefeld kam Reuter in eine schwierige und belastete Situation: Pfarrer ⇒ Dirk Cattepoel hatte aufgrund einer persönlichen Krise, die seine Ehe betraf, und nach wiederholter Kritik an seinem Verständnis des christlichen Glaubens und seinem Engagement in der Krefelder Öffentlichkeit sein Amt im Oktober 1950 kurzfristig niedergelegt. Cattepoels Versuch, auf die geistige Situation der Nachkriegszeit und unter dem Eindruck des Versagens der Vertreter der liberalen Theologie im Nationalsozialismus mit einer theologischen Neuorientierung zu antworten, wie sie auch im Protestantismus allgemein gesucht wurde, war in führenden Kreisen der Gemeinde umstritten. 1949 hatte die Amtszeit des Cattepoel vertrauten Ältesten Kurt von Beckerath mit dessen Rücktritt geendet, und der Cattepoel gegenüber sehr kritisch eingestellte Heinz von Beckerath spielte eine immer stärkere Rolle. Nach Cattepoels Amtsniederlegung wurde Reuter von Heinz von Beckerath als Nachfolger vorgeschlagen. ⇒ Abraham Fast aus Emden hatte Reuter ins Gespräch gebracht und sich für ihn ausgesprochen. In Teilen der Gemeinde und auch von Mennoniten von außerhalb wurden dagegen Bedenken gegen Reuter vorgebracht, denn Reuter stand mit seiner liberalen Auffassung für eine Rückkehr zu vertrauten Positionen, wie sie von Pfarrer ⇒ Gustav Kraemer vertreten worden waren. Die Auseinandersetzung um die Neubesetzung der Krefelder Pfarrstelle wurde von etlichen als programmatischer „Richtungsstreit“ (Benjamin H. Unruh) wahrgenommen. Zwischen der Amtsniederlegung Cattepoels und dem Dienstbeginn Reuters war es zu einer Reihe von Rücktritten und Neuwahlen im Konsistorium gekommen, was auf Konflikte in der Gemeindeleitung hindeutet.

Zu diesen Auseinandersetzungen in der Gemeindeleitung kamen die Probleme, die sich aus der großen Zahl mennonitischer Flüchtlinge aus den deutschen Ostgebieten und aus der Sowjetunion ergaben. Und auch die Tatsache, dass in übergemeindlichen mennonitischen Organisationen Vorbehalte gegen Reuter als einem Nicht-Mennoniten bestanden, erleichterte Reuter seine Aufgabe nicht.

Reuter versuchte, integrierend zu wirken, Brücken zu bauen und die verschiedenen Gruppen der Gemeinde zusammenzuführen. Der persönliche Kontakt zu vielen Gemeindemitgliedern und eine intensive Besuchstätigkeit kennzeichneten seine Amtstätigkei. Bei zahlreichen Gemeindemitgliedern ist er vor allem wegen seiner Besuche und seinen Predigten in Erinnerung geblieben. Die öffentliche Wirksamkeit trat demgegenüber stark zurück, und obwohl Reuter von 1955 bis 1973 drei Wahlperioden hintereinander Mitglied im Vorstand der →Vereinigung der Deutschen Mennonitengemeinden war, bildete diese überregionale Tätigkeit keinen Schwerpunkt seiner pastoralen Tätigkeit.

Für Reuters Verkündigung in der Krefelder Gemeinde blieben die Themen bestimmend, die schon vorher für sein von der liberalen Theologie geprägtes Verständnis des christlichen Glaubens maßgebend gewesen waren, ergänzt durch traditionelle mennonitische Elemente wie die Wehrlosigkeit oder die Eidesverweigerung. In gewisser Weise kann man in seiner immer wieder durchbrechenden antidogmatischen, gegen Bekenntnisse gerichteten Polemik eine fortwährende Verarbeitung seiner eigenen Lebensgeschichte erblicken. Er wandte sich gegen Heuchelei und oberflächliches Nachsprechen tradierter Glaubensaussagen und betonte die Bildhaftigkeit biblischer Aussagen, die nicht wörtlich zu verstehen seien. Vehement trat er dafür ein, dass Glaubensaussagen persönlich zu verantworten seien. Weniger deutlich war Reuter, wenn es um positive Aussagen dazu ging, welcher Sinn in den bildhaften biblischen und traditionell christlichen Glaubensaussagen liegt. Gott war für Reuter Geheimnis, entsprechende Formulierungen lassen sich bis in seine Studentenzeit hinein belegen. Gott war unhinterfragbar und unergründbar, was Reuter partiell zur Sprachlosigkeit führte, vor allem im Hinblick auf Fragen, die sich aus der Sterblichkeit des Menschen ergeben. Wichtiger war für Reuter die Bewährung des Glaubens in einem christlichen Leben, das sich in tätiger Nächstenliebe äußert, im Sinne des von ihm gern zitierten Albert Schweitzer: „Was nicht zur Tat wird, hat keinen Wert.“ Der aufrüttelnde Ernst seiner Predigten wurde einerseits von vielen geschätzt, andererseits erregte Reuter immer wieder bewusst Anstoß mit schroffen Äußerungen gegen überlieferte Glaubensvorstellungen.

In die Amtszeit Reuters fielen wichtige Entscheidungen und Entwicklungen, die bis heute das Gemeindeleben prägen, so vor allem die weitgehende Integration der Heimatvertriebenen und Weltkriegsflüchtlinge. Das geschah nicht nur durch ein Zusammenwachsen der Gemeinde in Krefeld, sondern auch durch die Aufnahme der Mitglieder der Flüchtlingsgemeinde Bergisches Land mit ihren Predigtorten in Düsseldorf, Köln, Bonn/Bad Godesberg, Gummersbach/Niederseßmar, Dortmund und Hagen. Die erhebliche Ausweitung des Gemeindegebietes in der Neufassung der Gemeindesatzung von 1962 hat darin ihren Grund. In Reuters Zeit fiel auch der Wiederaufbau des Gemeindehauses in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre.

Einige Jahre nach seiner Pensionierung 1973 übernahm Reuter aushilfsweise erneut pfarrdienstliche Aufgaben in der Gemeinde, insbesondere die Durchführung von Gottesdiensten in den verschiedenen Außengruppen; Grund dafür war eine Erkrankung seines Nachfolgers. Diese Tätigkeit endete erst, als 1979 eine zweite Pfarrstelle eingerichtet wurde.

In den darauf folgenden Lebensjahren wurden die Fürsorge und Pflege seiner kranken Frau eine Aufgabe, der sich Daniel Reuter mit großer Geduld und liebevoller Hinwendung widmete. Die Trauerfeier für ihn fand auf seinen eigenen Wunsch im engsten Familienkreis statt.

Veröffentlichungen

Das von Daniel Reuter zusammengestellte Material für die Glaubensunterweisung: Handbuch für die Krefelder Mennonitengemeinde (ein Versuch). - Veröffentlichungen in Der Mennonit: Gedenkrede bei der Trauerfeier für Abraham Fast, in: 15, 1962, 132. - Die Friedensbrücke wird gebaut, in: 20., 1967, 161f. - Was bedeutet uns Ostern?, in: 19, 1966, 51 und 60. - Zum Tode Albert Schweitzers 1875-1965, in: 18, 1965, 145.

Archivalien

Archiv der Mennonitengemeinde Krefeld im Stadtarchiv Krefeld . - Landeskirchliches Archiv der Evangelischen Kirche im Rheinland, Düsseldorf: Pfarrerdatenbank sowie im Bestand 1 OB 009 (Personalakten der Pfarrer) die Akte R 157 zur Person Daniel Reuters; im Bestand 1 OB 008 (Ortsakten) die Akte zu Mülheim an der Ruhr 5/6. - Unterlagen im Privatbesitz des Sohnes Klaus Reuter, Krefeld.

Literatur

Barbara Kaufhold, Glauben unter dem Nationalsozialismus in Mülheim an der Ruhr, hg. v. Salomon Ludwig Steinheim-Institut für deutsch-jüdische Geschichte, mit einem Beitrag von Gerhard Bennertz, Essen 2006. - Gerhard Bennertz, Nach Kriegsende noch kein Ende im Mülheimer Kirchenkampf, in: Kaufhold, Glauben, 351-366. - Hertha Sagebiel, Wiederaufbau und Neuorientierung. Die Krefelder Mennoniten in der Nachkriegszeit (1945-1962), in: Wolfgang Froese (Hg.), Sie kamen als Fremde. Die Mennoniten in Krefeld von den Anfängen bis zur Gegenwart (Krefelder Studien 8), Krefeld 1995, 251-282. - Lydie Hege und Christoph Wiebe, Die Mennonitengemeinde Krefeld von 1963 bis zur Gegenwart, in: Froese (Hg.), Sie kamen als Fremde, 283-313. - Hans Adolf Hertzler, Rede zur Trauerfeier für Pastor Reuter, in: Gemeindebrief der Mennonitengemeinde Krefeld, September 1989, 3-5. - Hans Adolf Hertzler, Nachruf für Pastor Daniel Reuter, in: Die Brücke. Mennonitisches Gemeindeblatt, 4, 1989, 153f.

Christoph Wiebe

 
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