Mellink, Albert Frederik

geb. am 4. Dezember 1915 in Amsterdam, gest. am 22. September 1987 in Groningen, Niederlande; Historiker, speziell Täuferforscher, Professor an der Rijksuniversiteit Groningen für soziale Religionsgeschichte.

Albert Mellink besuchte das altsprachliche Vossiusgymnasium, studierte an der Universität von Amsterdam Geschichte und soziale Geographie. 1941 schloss er sein Studium der Geschichte ab. Er war u. a. aktiv im antifaschistischen Studentencomité und dem „Comité Wachsamkeit“, als nur wenige die Gefahren des aufkeimenden Faschismus in Europa erkannten. Er wurde in den dreißiger Jahren Mitglied der CPN (Kommunistischen Partei der Niederlande), war Redakteur der Zeitschrift Het vrije Katheder und übte redaktionelle Tätigkeiten beim Verlagshaus Pegasus aus. Dort wurde er 1947 entlassen. Er arbeitete dann von 1984 bis 1964 als Lehrer in Winschoten. Danach war er an der Universität Groningen tätig, zunächst als Mitarbeiter, dann als Lektor und schließlich als Hochschullehrer bis zu seinem unerwartet plötzlichen Tod am 22. September 1987. Er starb „in den Sielen“, während er als Redakteur die Druckfahnen für den zweiten Teil des Biografisch woordenboek van het socialisme en de arbeidersbeweging in Nederland (BWSA) korrigierte. Sein Tod bedeutete einen empfindlichen Verlust für das Biographische Wörterbuch. Seine dort erschienenen Biographien bestechen durch ihre schlichte und treffende Art der Beschreibung. Er beschrieb nicht nur Vordenker aus der sozialdemokratischen, sondern auch aus der kommunistischen Bewegung. Es war für ihn eine Selbstverständlichkeit, die radikale Reformation (insbesondere die täuferische Variante) in seine Forschungen zum frühen Sozialismus mit aufzunehmen, ohne dabei der religiösen Komponente dieser Reformationsbewegung Abbruch zu tun. Er machte damit auch mennonitischen Historikern den Weg frei, ihre historische Arbeit zu überdenken und die so notwendigen neuen, sozialgeschichtlich orientierten Wege der Täuferforschung einzuschlagen. In diesem Sinne gehört er zu den Vorreitern der sogenannten revisionistischen Täuferforschung, die in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts einsetzte (→Täuferforschung).

Sein bekanntester Beitrag zur Täuferforschung war seine Dissertation aus dem Jahre 1953 De wederdopers in de Noordelijke Nederlanden, 1531-1544, als Nachdruck erschienen in Leeuwarden 1981. Grundlage dieser Studie waren Gerichtsquellen, die der Vergangenheit Farbe und Leben verliehen und außerdem ein anderes Bild als das im Mennonitentum übliche zeichnen ließen. Die Bedeutung des revolutionären Täuferreichs zu →Münster 1534/35 erfuhr eine tiefgreifende Veränderung, so dass sich auch das Gesamtbild von der frühen Täuferbewegung zu wandeln begann. Die „offizielle“ Geschichtsschreibung wurde ja von der Sichtweise W. J. Kühlers bestimmt, dessen Sympathie für das Königreich Gottes in Münster sich in engen Grenzen hielt, wie seinem Aufsatz über Die Vorstellung des Täuferreiches in Münster - früher und heute (Doopsgezinde Bijdragen (1984, S. 45-60) zu entnehmen ist. Religiöse Ideen, die aus sich selbst heraus interpretiert werden, sind nur selten Ideen, deren Sinn sich eigentlich nur aus ihrem Bedingungsgeflecht und Wirkungszusammenhang erschließt. So verwundert es nicht, wenn die sozialrevolutionäre Agitation der Täufer hier und da in ein neues Licht treten. Das zeigt sich besonders deutlich auch in Mellinks Amsterdam en de Wederdopers in de zestiende Eeuw, ein Buch, das in einem Sozialistischen Verlag in Nijmegen 1978 erschien. Mellinks Bedeutung für die täuferische Quellenforschung erhielt noch eine besondere Bedeutung durch seine Mitarbeit an der Edition der Bände 1, 2, 5 und 7 der Documenta Anabaptistica Neerlandica, die von der CUDAN (Commissie tot uitgave van Documenta Anabaptistica Neerlandica) herausgegeben wurden. Wegen seines plötzlichen Todes musste die von ihm schon vorbereitete Quellensammlung für Band 7 im Jahre 1997 durch ⇒ Samme Zijlstra zu Ende geführt werden.

Albert Mellink wurde 1983 emeritiert, und Freunde, Kollegen und Schüler überreichten ihm eine Festschrift zum Abschied: Historisch bewogen. Opstellen over de radicale reformatie in de 16e en 17e eeuw (1984). Sie enthält auch die von Th. S. H. Bos zusammengestellte Bibliographie seiner Schriften (S. 159-188). Eine Anzahl dieser Beiträge deuten den Übergang der Historiographie von einer eher kulturhistorischen Herangehensweise hin zur sogenannten Mentalitätsgeschichte, einer wahren Fundgrube, von der spätere Täuferforscher dankbar Gebrauch machten.

Seine bescheidene Persönlichkeit und sein Interesse an den Mitmenschen in der Vergangenheit und in der Gegenwart machten seinen Verlust für die Wissenschaft und die Gesellschaft auf besonders schmerzliche Weise deutlich. Er vermochte eine große, stetig wachsende Zuhörerschaft unter den Studierenden in seinen Vorlesungen Ende der siebziger Jahre in Groningen zu erreichen. Als Hochschullehrer wurde er ebenso vermisst wie als Täuferforscher, der als Nichtmennonit mit den taufgesinnten Täuferforschern in den Niederlanden und darüber hinaus in einem intensiven Gedankenaustausch stand.

Schriften (Auswahl)

De wederdopers in de Noordelijke Nederlanden, 1531-1544, Groningen 1953, als Nachdruck erschienen in Leeuwarden 1981 (Dissertation 1953). - Hg. von Documenta Anabaptistica Neerlandica I. Friesland en Groningen (1530- 1550), Leiden 1975. - Hg. von Documenta Anabaptistica Neerlandica II. Amsterdam (1536-1578), Leiden, 1980. - Hg. von Documenta Anabaptistica Neerlandica V. Amsterdam (1531-1536), Leiden 1985. - Hg. von Documenta Anabaptistica Neerlandica VII. Friesland (1551-1601) and Groningen (1538-1601), Leiden 1995. - Amsterdam en de wederdopers in de zestiende eeuw, Nijmegen 1978.

Festschrift und Bibliographie

M. G. Buist e.a., Hg., Historisch bewogen. Opstellen over de radicale reformatie in de 16e en 17e eeuw. Opstellen aangeboden aan prof. dr. H.F. Mellink bij zijn afscheid als hoogleraar in de sociaal-religieuze geschiedenis aan de Rijksuniversiteit te Groningen. Groningen 1984 (mit Bibliographie der Schriften A. F. Mellinks, zusammengestellt von Th. S. H. Bos, 159-188).

Archivalien

Archivalien zu A. F. Mellink wurden vom International Institute of Social History 1978 zusammengestellt und von Cees Smit (1990) und Houwe Hijma (2007) ergänzt: www. iisg.nl/archives/files/m10764210.full.php.

Nachrufe

Bij het onverwachte overlijden van redacteur Albert Mellink (1987), in: Biografisch woordenboek van het socialisme en de arbeidersbeweging in Nederland (BWSA) 2,1987, IX. - Johan Frieswijk, In memoriam Albert Mellink, in: Leeuwarder Courant, 9. Oktober 1987. - S. Zijlstra, Mellink, Albert Fredrik, in: Biografisch lexicon voor de geschiedenis van het Nederlands protestantisme, V, 2001, 366 - 367 (Lit.).

Bonny Rademaker-Helfferich

 
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