Zwickauer Propheten

Neuere Forschungsergebnisse sind von grundlegender Bedeutung: 1. „Zwickauer Propheten“ ist eine polemische Fremdbezeichnung, die zuerst Luther in Briefen von der Wartburg 1521 verwendet. 2. Eine direkte Verbindung zur Geschichte der Täufer ist nicht nachzuweisen. Sie wird vor allem in der Polemik Philipp →Melanchthons (um 1530) und Heinrich →Bullingers (1560) folgenreich behauptet. 3. Die 1521 während Thomas →Müntzers Tätigkeit als Prediger in Zwickau entstandene frühreformatorische Laiengruppe hat nur kurze Zeit bestanden. Die Quellenüberlieferung ist zum großen Teil unsicher, zumal eigene belastbare Zeugnisse kaum vorhanden sind. 4. Alle Angaben in den historischen Darstellungen sind an diesen Ergebnissen zu überprüfen.

1. Thomas Müntzer und die Laiengruppe um Nikolaus Storch in Zwickau

Als Thomas Müntzer auf Martin →Luthers Empfehlung im Frühjahr 1520 als Vertreter des zu einer Gelehrtenreise beurlaubten Predigers Johannes Wildenauer aus Eger (Egranus) an die Marienkirche der bedeutenden kursächsischen Stadt Zwickau berufen wurde, nahm er sofort die Auseinandersetzung mit den ortsansässigen Franziskanern auf. Rat und alle Kreise der Bevölkerung unterstützen seine engagierte frühreformatorische Verkündigung des Priestertums aller Gläubigen und seine Orientierung an der Heiligen Schrift sowie an der apostolischen Kirche. Nach der Rückkehr Egrans erhielt Müntzer die Predigerstelle an der Katharinenkirche, die vor allem für das Tuchmacherviertel zuständig war und zugleich als Schlosskirche fungierte. Bald sah sich Müntzer durch die erasmischen Reformpredigten Egrans herausgefordert, die Erkenntnisse der Reformation mit der Forderung einer persönlichen Bereitschaft zur Christusnachfolge unter der Leitung des Heiligen Geistes zu verteidigen. Die wachsende Überzeugung, dass das Gericht Gottes nahe, verschärfte den Druck: jeder wahrhaft Glaubende habe sich zu entscheiden. Im Konflikt mit Egranus hat sich das Profil klarer ausgeprägt.

Vermutlich waren daran auch die Erfahrungen mit einer Gruppe von bibelorientierten Laien um den Tuchmacher Nikolaus Storch maßgeblich beteiligt, die ihre kritische Einstellung zur traditionellen Kirche mit einer ernsten Glaubenspraxis unter Führung des Heiligen Geistes verbanden und sich angesichts des nahenden göttlichen Gerichts zum öffentlichen Zeugnis berufen sahen. Wann sich diese Gruppe von Auserwählten formiert hat, ist genauso unbekannt wie die Antwort auf die Frage, ob diese Konventikelfrömmigkeit schon an latente vorreformatorische Wurzeln anknüpfen konnte. Müntzer akzeptierte diese Gruppe als Zeichen für den Beginn einer neuen apostolischen Gemeinde von Auserwählten, deren Verkündigung genauso zu hören sei wie die der berufenen Prediger. Die Größe der Gruppe ist nicht bekannt, auch nicht, ob in der gegnerischen Spottbezeichnung „12 Apostel und 72 Jünger“ (Luk. 10, 1) ein wahrer Kern steckt. Die bekannten Namen belegen, dass die Gruppe nicht homogen zusammengesetzt war. Männer gehörten genauso dazu wie Frauen, einheimische Bürger wie Zugereiste, Handwerker wie einzelne Gebildete, auch Vertreter der Oberschicht bis in den Kreis der Ratsherren. Außer Müntzer scheinen Geistliche kaum in Kontakt zu ihnen gestanden zu haben. Gegen Ende von 1520 hat sich das Verhältnis zu Müntzer gefestigt. Bei einer Protestaktion nach der Entlassung Müntzers durch den Rat sind sie vermutlich erstmalig deutlicher den Ratsorganen ins Visier gekommen.

2. Das Vorgehen gegen die Propheten in Zwickau

Das Ende der Tätigkeit Müntzers bedeutete nicht zugleich das vollständige Ende der Zwickauer Laiengruppe. Einzelne (u. a. der Sohn eines Badestubenbesitzer in Elsterberg/Vogtland Markus Thomas, genannt Stübner) begleiteten Müntzer auf seiner Missionsreise nach Böhmen. Storch und wenige andere sahen sich zum eigenständigen Wanderapostolat berufen. Die Mehrzahl blieb in Zwickau und scheint sich auch ohne dominante Führungspersönlichkeit konsolidiert zu haben. Kontakte zu Müntzer in Böhmen blieben erhalten. Wenn auch eine neue Untersuchung der lokalen Situation fehlt, dürfte feststehen, dass die ersten Warnungen der Landesherren von Reformationsgegnern kamen, bei denen auch der eng mit Luther verbundene Pfarrer Nikolaus Hausmann verdächtigt wurde. Dieser wehrte sich und bemühte sich, mit Hilfe von Bürgermeister Hermann Mühlpfordt gegen die enthusiastische Laienbewegung vorzugehen. Da sich der Rat nicht einig war, gelang es erst am 16. Dezember 1521 16 Verdächtigte, darunter zwei Frauen, zu einer Untersuchung vorzuladen. Bei diesem Verhör wurden vier abweichende Glaubensüberzeugungen bekannt: Ablehnung des stellvertretenden Patenglaubens bei der Kindertaufe und die Notwendigkeit der Taufe zur Seligkeit, Glaubenserkenntnis geschieht allein durch den Heiligen Geist und nicht durch die Heilige Schrift, Fürbitte für die Toten ist zu verwerfen. Nur zwei aus Österreich stammende Tuchknappen wurden in Haft genommen und nach 14 Tagen gegen Urfehde der Stadt verwiesen. Die beschuldigten Zwickauer blieben unbehelligt. Daraufhin wandte sich die gesamte Geistlichkeit mit Hausmann und den beiden Predigern an der Spitze an den Kurfürsten mit der Bitte, einzugreifen und einen möglichen Aufruhr zu verhindern. Der Landesherr hielt sich jedoch zurück, weil es im Kern um theologische Fragen ging.

3. Die Zwickauer Propheten in Wittenberg

Nur reichlich eine Woche später, am 27. Dezember 1521 suchten Markus Thomas und Storch mit einem weiteren Begleiter Melanchthon in Wittenberg auf. Thomas war nach einem Studium in Leipzig 1518 an die Wittenberger Universität gewechselt und kannte ihn. In der Stadt herrschte reformerische Aufbruchstimmung (Wittenberger Bewegung um Andreas Bodenstein von →Karlstadt). Anders als Melanchthon den Studenten in Erinnerung hatte, trat ihm dieser, assistiert von Storch, mit einem prophetischen und apostolischen Sendungsbewusstsein entgegen, das sich auf persönliche Offenbarungen berief, gute Bibelkenntnisse aufwies und Kritik an der Kindertaufe übte. Beeindruckt und verunsichert wandte sich Melanchthon umgehend an den Kurfürsten mit der dringenden Bitte, Luther von der Wartburg kommen zu lassen, um diese Sendboten zu prüfen. Der Kurfürst lehnte es ab, sich in theologischen Fragen zu engagieren, solange sie die weltliche Ordnung nicht gefährden. Während Storch und sein Begleiter Wittenberg wieder verließen, blieb Thomas im Gespräch mit Melanchthon, der vor allem durch die fehlende biblische Begründung der Kindertaufe (→Taufe II) verunsichert war. Er soll Thomas sogar bei sich aufgenommen haben. Nur aus anderen Wittenberger Quellen ist überliefert, Thomas habe auch apokalyptische Auffassungen vertreten, die bereits durch Müntzer bekannt waren: Das bevorstehende Gericht durch die Türken, die Tötung der Pfaffen im Geiste des Elia, eine kommende Weltveränderung und einen einheitlichen Glauben nach dem Tod der Sünder. Thomas gelang es, aus dem Umkreis Melanchthons vor allem Martin Borrhaus (→Cellarius) zu überzeugen. Zu Karlstadt soll er ebenfalls in Beziehungen gestanden haben. Nach Luthers Rückkehr und dem Beginn der Invokavitpredigten am 9. März 1522 soll Thomas Wittenberg verlassen haben. Einen Monat später kehrte er mit Cellarius und weiteren Anhängern noch einmal zurück, um kurz vor dem 12. April doch noch Luther aufzusuchen. Diesmal waren die Fragen der direkten göttlichen Berufung und der visionären Fähigkeiten vor allem Gesprächsgegenstand. Da Luther die göttliche Legitimation seiner Gesprächspartner bezweifelte, trennten sich diese im Zorn von ihm. Nur noch einmal kam es zu einer Begegnung Luthers mit Vertretern der Zwickauer Laienfrömmigkeit, als ihn Storch in Landsknechtskleidung in Begleitung des Gelehrten Dr. Gerhard →Westerburg vor dem 4. September 1522 aufsuchte. Storch bezweifelte die sakramentale Kraft der Taufe grundsätzlich und soll in militanter Weise vom kommenden Gottesgericht und seiner Rolle dabei gesprochen haben. Eventuell wollte er mit seinem Wechsel von der Handwerker- zur Landsknechtskleidung auch seinen neuen Auftrag andeuten. Die Wittenberger Reformatoren haben die apokalyptischen Ankündigungen später auf den Bauernkrieg gedeutet, doch die Quellen über Storchs Rolle bei dem Aufstand sind ungesichert. Während Thomas schon 1523 nicht mehr nachzuweisen ist, stammt die letzte verbürgte Erwähnung Storchs vom 26. Januar 1525 (vor dem Thüringer Aufstand !), als der Zwickauer Rat sein Rückkehrgesuch ablehnte.

4. Fortbestand und Ende der Zwickauer Laienfrömmigkeit

Die Zwickauer Gruppe praktizierte auch nach den Gegenmaßnahmen von Geistlichkeit und Rat im Dezember 1521 eine alternative reformatorische Laienfrömmigkeit mit Kritik an den Sakramenten Taufe und Abendmahl sowie am Eheverständnis, mit Betonung von Offenbarungen durch den Heiligen Geist und Verpflichtung zum Glaubenszeugnis, auch durch Predigten von Frauen. Fortbestehende Kontakte zu Storch und Thomas sind nicht bezeugt, auch nicht der Aufbau einer Organisationsstruktur. Luthers Predigtreise 1522 erreichte bei dieser Gruppe nichts, die sich bald auch den Einflüssen anderer heterogener reformatorischer Gedanken (Karlstadt) öffneten. Einzelne flüchtige österreichische Täufer fanden Zugang und eine Anstellung als Tuchknappen. Erst nach dem kurfürstlichen Mandat gegen „Wiedertäufer, Sakramentierer und Schwärmerei“ vom 17. Januar 1528 und der Visitation vom Januar 1529 kam es zu konsequenten obrigkeitlichen Maßnahmen. Ein öffentliches Wirken von Vertretern der alternativen Laienfrömmigkeit war nun nicht mehr möglich. Später fanden missionierende Täufer in diesen Kreisen auch weiterhin ein positives Echo.

5. Wirkung der Zwickauer Propheten auf Luther und die Täufer

Auf die lokalen Ansatzpunkte für eine alternative reformatorische Laienfrömmigkeit beschränkte sich die Bedeutung der „Zwickauer Propheten“ für das Täufertum nicht. Der Einfluss ihrer beiden Führungspersonen auf gelehrte Taufkritiker (Cellarius, Westerburg) wirkte ebenfalls weiter. Nicht auszuschließen ist außerdem, dass auch Hans →Hut ihnen begegnet und von ihrem apostolischen Sendungsbewusstsein und ihren apokalyptischen Gedanken angeregt worden ist. Die wichtigsten Folgen hatte ihr Wirken für Luther, der die Begegnung mit ihnen exemplarisch verstand und für den das Problem des Täufertums damit ein für allemal erledigt war. In der Entfaltung seiner Theologie gab es nun eine Akzentverlagerung. Das Wirken des Heiligen Geistes war künftig an das biblische Wort gebunden, die Verkündigung an den berufenen Amtsträger, die Gemeinde an das landesherrliche Kirchenregiment.

Bibliografie (Auswahl)

Quellen

D. Martin Luthers Werke. Briefwechsel. Bd. 2 und 3. Weimar 1931/ 1933. - Melanchthons Briefwechsel. Bd. T 1. Stuttgart-Bad Cannstatt 1991. - Thomas-Müntzer-Ausgabe. Bd. 2 und 3, Leipzig 2010 und 2004. - Siegfried Bräuer (Hg.), Historien von Thomas Müntzer. Leipzig 1989. - Nikolaus Müller, Die Wittenberger Bewegung 1521 und 1522. Die Vorgänge in und um Wittenberg während Luthers Wartburgaufenthalt, 2. Aufl., Leipzig 1911.

Literatur

Thomas Kaufmann, Thomas Müntzer, „Zwickauer Propheten“ und sächsische Radikale. Mühlhausen 2010 - Paul Wappler, Thomas Müntzer in Zwickau und die „Zwickauer Propheten“. Überarb. Neudruck Gütersloh 1960. - Ders., Inquisition und Ketzerprozesse in Zwickau zur Reformationszeit, Leipzig 1908. - Max Steinmetz, Das Müntzerbild von Martin Luther und Friedrich Engels. Berlin 1971. - Siegfried Hoyer, Die Zwickauer Storchianer - Vorläufer der Täufer? Jahrbuch für Regionalgeschichte 13, 1986, 60-78. - Siegfried Bräuer, Spottgedichte, Träume und Polemik in den frühen Jahren der Reformation, Leipzig 2000.

Siegfried Bräuer

 
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