Lieder der Hutterer

1. Definition, Quellen und Forschungsstand

Schon die Gegner der Hutterer wie Christoph Erhardt und Christoph Andreas Fischer verwiesen Ende des 16. Jahrhunderts auf die große Anzahl hutterischer Liederbücher (Rudolf Wolkan, Lieder der Wiedertäufer, S. I-VII). Die Erforschung der hutterischen Lieder steht im Kontext der Sammelleidenschaft des ausgehenden 19. Jahrhunderts, insbesondere der Hinwendung zu sogenannter volkstümlicher Literatur. Dazu zählte in besonderer Weise das Kirchenlied. Dies führte zur Entdeckung vieler bis daher unbekannter Quellen. Philipp Wackernagel nahm in sein Sammelwerk zum Kirchenlied auch Lieder der Täufer (→Liederdrucke der Täufer) auf. Beda Dudík, Josef v. Beck und Grete Mecenseffy verwiesen auf hutterische Liedercodices (Ursula Lieseberg, Riedemann, S. 18). Intensiviert wurden diese Forschungen um die Jahrhundertwende durch die Werke Rudolf Wolkans. In seinem Buch Die Lieder der Wiedertäufer beschreibt er nicht nur die von ihm neu in Europa entdeckten Liederhandschriften. Eine große Anzahl von Liedern druckt er auch ab (Rudolf Wolkan, Lieder der Wiedertäufer, 1903). Ergänzt werden diese Forschungen durch seine Studie über die Hutterer (Rudolf Wolkan, Die Hutterer, 1965). In ihr standen ihm nun auch die in Nordamerika befindlichen Liederhandschriften zur Verfügung. Wolkan ist ebenso einer der ersten, der zu definieren versucht, was als hutterische Lieder zu gelten habe. Von hutterischen Liedern ist nach Wolkan erst ab 1535 zu sprechen, also nach der Trennung der verschiedenen in →Mähren lebenden Täufergemeinschaften (Wolkan, Hutterer, S. 112). 1914 stellt Elias Walter auf der Basis in Amerika vorhandener Liedhandschriften ein gedrucktes Liederbuch zusammen, das neben den eigentlichen Liedern der Hutterer auch sogenannte vorhutterische Lieder enthält. Die Nachdrucke dieser Liedersammlung machen die Lieder der Hutterer nun auch Außenstehenden leichter zugänglich, allerdings handelt es sich hierbei nicht um eine wissenschaftlich edierte Ausgabe (Hutterische Brüder, Lieder, 2007). Andreas J. Friedrich Zieglschmid stellt auf der Grundlage der ihm nun auch in Nordamerika bekannten Codices (I-VI) das Liederbuch der Hutterischen Brüder zusammen, das er als Vorläufer einer auch wissenschaftlichen Ansprüchen genügenden Veröffentlichung der Lieder der Hutterer betrachtete (Andreas J. Friedrich Zieglschmid, Liederbuch, 1948). Bis heute liegt dieses Buch lediglich im Typoskript vor. 1965 veröffentlichte Robert Friedmann unter Mitarbeit von Adolf Mais einen Gesamtkatalog der Schriften der Hutterer. In ihm beschreibt er die ihm bekannten Liederhandschriften aus Europa und Amerika. Damit kommt wieder neuer Schwung in die Erforschung hutterischen Liedgutes (Friedmann, Schriften, 1965). 1972 erscheint im Typoskript die Dissertation Václav Boks über die Hauptmerkmale der Hutterischen Lieder, 1998 die Studie Ursula Liesebergs über die Lieder Peter →Riedemanns (Bok, Hauptmerkmale, 1972; Lieseberg, Riedemann, 1998). Rosella Reimer Duerksen und Helen Martens widmeten sich den Liedern unter vorwiegend hymnologischen Gesichtspunkten. Die Arbeiten Rolf Wilhelm Brednichs beziehen empirische Feldforschung mit ein. Werner O. Packull weist auf das Erbe der in Passau inhaftierten, sich später den Schweizer Täufern anschließenden Philipper hin, deren Lieder 1564 erstmals gedruckt wurden. Sowohl die Hutterer als auch die Schweizer Täufer hätten sich auf dieses ursprünglich in Mähren verbreitete und dann, nach der Trennung der Philipper von den Hutterern, in die Schweiz überbrachte Repertoire bezogen, das in die Druckausgaben des Ausbund (→Liederdrucke der Täufer) übernommen wurde (Werner O. Packull, Hutterite Beginnings, S. 89 ff.). Neue Erkenntnisse bezüglich der Überlieferungsgeschichte des hutterischen Liedguts dürfte der von Gottfried Seebaß herausgegebene, von Martin Rothkegel und Matthias H. Rauert erarbeitete Katalog der Hutterischen Handschriften und der Drucke in Europa hervorbringen (Seebaß, Katalog, 2011).

2. Entstehung der Lieder, Charakteristika, Intentionen

Die Liedercodices der Hutterer sind oft aufwändig gestaltet und verziert, viele weisen „ein kleines, handliches Format“ auf (Bok, Hauptmerkmale, S. 19). Möglicherweise hängt dies mit ihrer Entstehung und Verwendung zusammen, wurden sie doch auf Missionsreisen und in Gefangenschaft mitgeführt. So schickte der 1540 in Hessen einsitzende Peter Riedemann sein Gesangbüchlein als Abschiedsgeschenk an seine Frau in Mähren (Hutterische Episteln I, S. 237). Doch auch einzelne Lieder wurden weitergegeben. Als tröstendes Abschiedsgeschenk sandte Jeronimus Käls ein Lied an seine Ehefrau Treindl. Sie möge dieses Lied zur Erinnerung an ihn singen (Adolf Mais, Wiedertäufer, S. 127). Auch die Gemeinde in Mähren scheint ihre Gefangenen mit Liedern unterstützt zu haben. Viele Lieder werden also wohl erst im Kontext von unmittelbarer Verfolgung, nämlich im Gefängnis und sogar auf dem Weg zur Hinrichtung entstanden sein. Andere wiederum in Mähren oder auf Missionsreisen (Bok, Hauptmerkmale, S. 105-113).

Entsprechend vielfältige Liedformen lassen sich feststellen: Václav Bok unterscheidet dogmatische Lieder, die die Hauptlehren der Hutterer thematisieren (Gemeinschaft, Taufe und Abendmahl, Glaube und Werke), Missionslieder, Lieder über biblische Stoffe, Psalmenlieder, Reflexive Lieder allgemeinen Inhalts und sogenannte Historische Lieder, die das Schicksal der Gemeinde besingen. Zu letzteren gehören auch die weit verbreiteten Märtyrerlieder (→Martyrium). Bok weist darauf hin, dass sich die epischen Liedformen (Lieder über die Gefangenschaft, Märtyrerlieder, aber auch Erzähllieder biblischen Inhalts) besonders häufig in der Überlieferung finden (Bok, Hauptmerkmale, S. 281-291). Diese Lieder dürften wahrscheinlich weniger im Gottesdienst als vielmehr auf Missionsreisen oder vielleicht wie heute in Amerika während der eher informellen Zusammenkünfte, vielleicht sogar während der Arbeit gesungen worden sein (Hecht, Women in the Hutterite Song Book, S. 224 f.).

Zu den inhaltlichen Charakteristika zählen nach Bok die Kritik an der als feindlich erlebten Welt außerhalb der Gemeinde, die Klagen über Verfolgung, Naherwartung bzw. Messianismus, der das Auserwähltsein der Frommen und ihre Rettung im bevorstehenden Gericht betont, aber auch apokalyptisch gefärbte Rachegedanken, die das gerechte Ende der Verfolger besingen (Bok, Hauptmerkmale, S. 246-280).

Je nach Liedform verfolgen die Lieder unterschiedliche Intentionen: Sie verbreiten die Lehren der Hutterer weiter innen und außen. Sie trösten und ermutigen, in schwierigen Zeiten der Verfolgung durchzuhalten. Insbesondere die Märtyrerlieder haben die Funktion, nachahmenswerte Beispiele wahrer Christlichkeit und Treue zum Glauben aufzuzeigen (Bok, Hauptmerkmale, S. 278). Riedemann betont die nützliche Funktion geistlicher Lieder: Im Geiste Christi und in wahrer Gottesfurcht gesungen, dienen sie der Erlangung des Heils und der Gottseligkeit. Im Zentrum steht für ihn die „Besserung“ des Menschen durch geistlichen Gesang. Darüber hinaus haben die Lieder durch ihre oft präzise Nacherzählung der Umstände von Gefangenschaft und Hinrichtung durchaus unterhaltenden Charakter. Sie sind auch Zeichen des Protests gegen eine feindliche, vom Verfall gezeichnete christliche Umwelt (Chudaska, Identität, S. 132-136; Bok, Hauptmerkmale, S. 106 f.). In einer von mündlicher Kommunikation geprägten Welt stiften sie so Identität: Selbstvergewisserung im Glauben und Leben angesichts der →Verfolgung (Chudaska, Identität, S. 144-145).

Literatur (Auswahl)

Quellen

Christoph Erhard, Gründliche kurtz verfasste Historia von Münsterischen Widertauffern, 1589 (Mikrofiche-Ausg. München). - Robert Friedmann, Die Schriften der Huterischen Täufergemeinschaften. Gesamtkatalog ihrer Manuskriptbücher, ihrer Schreiber und ihrer Literatur 1529-1667, unter Mitarbeit von Adolf Mais, Wien 1965. - Hutterische Brüder (Hg.), Geschicht-Buch der Hutterischen Brüder, Cayley, Alberta, Canada, 1974. - Dies. (Hg.), Die Lieder der Hutterischen Brüder. Gesangbuch darinnen viel u. mancherlei schöne Betrachtungen Lehren Vermahnungen Lobgesänge u. Glaubensbekenntnisse von vielen Liebhabern Gottes gedichtet u. aus vielen Gesch. u. Hist. d. heil. Schrift zsgetr. allen frommen Liebhabern Gottes sehr nützlich zu singen u. zu lesen. 7. Aufl., Fahler und Bassano, Alberta, 2007.- Dies. (Hg.), (1995): Gesang-Büchlein. Lieder für Schulen und häuslichen Gebrauch, 1. Aufl. 1919, 13. Aufl., Hawley, MN, 1995. - Gottfried Seebaß (Hg.), Katalog der hutterischen Handschriften und der Drucke aus hutterischem Besitz in Europa, 2 Teilbde. Unter Mitarbeit von Matthias H. Rauert und Martin Rothkegel, Gütersloh 2011. - Philipp Wackernagel, Bibliographie zur Geschichte des deutschen Kirchenliedes im 16. Jahrhundert. Frankfurt/M 1855 (Reprint 1961) - Andreas J. Zieglschmid, (Hg.), Liederbuch der Hutterischen Brüder. Unveröffentlichtes Typoskript von 1948, Mennonite Historical Library Goshen, Ind., 1948; Kopie: Mennonitische Forschungsstelle Weierhof; UB Marburg.

Literatur

Hugo Alker, Glaube und Lied: Drei Lieder von Hieronymus Käls, in: Jahrbuch (der Gesellschaft) für die Geschichte des Protestantismus in Österreich (JGPÖ) 72, 1956, 3-23. - Václav Bok, Hauptmerkmale der huterischen Lieder, masch. Diss. Universität Prag 1972. - Rolf Wilhelm Brednich, Beharrung und Wandel im Liedgut der hutterischen Brüder. Ein Beitrag zur empirischen Hymnologie. In: Jahrbuch für Volksliedforschung (JbfVlf) 26, 1982, 44-60. - Ders.,Erziehung durch Gesang. Zur Funktion von Zeitungsliedern bei den Hutterern, in: JbfVlf 27/28,1982/83, 109-133. - Ders.(Hg.), 11. Arbeitstagung über Probleme der europäischen Volksballade vom 22. - 24. August 1980 in Jannina/Griechenland. Tagungsprotokoll, hg. v. Rolf Wilhelm Brednich, Janina 1981. - Ders., Die Funktion von religiösen Erzählliedern bei den hutterischen Wiedertäufern in Kanada. In: Rolf Wilhelm Brednich (Hg.), 11. Arbeitstagung 105-121. - W. Brückner, Peter Blickle und D. Breuer (Hg.), Literatur und Volk im 17. Jahrhundert, Teil II, Wiesbaden 1985. - Andrea Chudaska, Die Lieder der Täufer - Spuren- und Identitätssuche am Beispiel des ersten Gesangbuches der „Schweizer Brüder“ (1564), in: Freikirchenforschung 9, 1999, 124-145. - Rosella Reimer Duerksen, Anabaptist Hymnody of the Sixteenth Century. A study of its Marked Individuality Coupled with a Dependence upon Contemporary Secular and Sacred Musical Style and Form. Diss. theol. Union Theological Seminary, New York 1956 (Masch.). - Robert Friedmann, Art. Artikel Singing, Hutterite Worship, in: Mennonite Encyclopedia, Bd. 4, 531f. - Linda A. Hubert Hecht, Women in the Hutterite Song Book , in: C. Arnold Snyder (Hg.), Profiles of Anabaptist Women: Waterloo, Ont., 1998, 222-243. - Bernd G. Längin, Die Hutterer, Hamburg 1986. - Ursula Lieseberg, Studien zum Märtyrerlied der Täufer im 16. Jahrhundert, Frankfurt/M. 1991. - Dies., Die Lieder des Peter Riedemann. Studien zum Liedgut der Täufer im 16. Jahrhundert. Frankfurt/M u.a. 1998. - Johann Losert, Aus dem Liederschatz der Mährischen Wiedertäufer, in: Zeitschrift des deutschen Vereins für die Geschichte Mährens und Schlesiens 27, 1925, 46-51. - Adolf Mais, Die Liederhandschrift des Andreas Ehrenpreis. In: Jahrbuch des österreichischen Volksliedwerkes 11, 1962, 58-105. - Ders., Die Bedeutung der Liederhandschrift des Andreas Ehrenpreis. In: JGPÖ 78/79, 1963, 65-89. - Helen Martens, Hutterite Songs: The Origins and Aural Transmission of their Melodies from the Sixteenth Century. Diss. Columbia University, New York 1979. - Dies., Hutterite Melodies from the Strassburg Psalter. In: Mennonite Quarterly Review 48, 1974, 201-214 . - Dies., Die Lieder der Hutterer und ihre Verbindung zum Meistergesang im 16. Jahrhundert. In: JbfVlf 26,1981, 31-43. - John Oyer, Michael Schneider: Anabaptist Leader, Hymnist, Recanter, in: Mennonite Quarterly Review 65, 1991, 256-286. - Werner O. Packull, The Trial and Martyrdom of the Hutterite Hans Pürchner. In: Fides et Historica 22, 1990, 18-24. - Ders., Hutterite Beginnings. Communitarian Experiments during the Reformation. Baltimore und London 1995. - Martin Rothkegel, The Hutterian Brethren and the Printed Book: A Contribution to Anabaptist Bibliography, in: Mennonite Quarterly Review 74, 1, 2000, 51-85. - C. Arnold Snyder (Hg.), Profiles of Anabaptist Women, Waterloo, Ont., 1998. - Gerd Ströhmann, Erziehungsrituale der Hutterischen Täufergemeinschaft. Gemeindepädagogik im Kontext verschiedener Zeiten und Kulturen, Münster 1999. - Margarete Wagner, Hänsel Taurer. Aus dem Leben eines huterischen „Liedermachers“, in: JGPÖ 116, 2000, 53-63. - Rudolf Wolkan, Die Lieder der Wiedertäufer, Berlin 1903. - Ders., Die Hutterer. Nieuwkoop 1965. - Andreas J. Friedrich Zieglschmid, A Song of the Persecution of the Hutterites in Velke Levary: Ein draurigs Lied von einer Vervulckhung, in: Mennonite Quarterly Review 17, 1943, 151-164.

Andrea Chudaska

 
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