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Kunstbuch

„Kunstbuch“ ist eine in der Täuferforschung eingebürgerte Bezeichnung für die Handschrift Codex 464 der Burgerbibliothek Bern (Schweiz).

Die Handschrift ist eine wichtige Quelle zur Geschichte und Lehre der „Bundesgenossen“, einer täuferischen Sammlungsbewegung der 1540er und 1550er Jahre, die von der Gemeinde der Austerlitzer Brüder in →Mähren ausgegangen war. Die Gemeinden der „Bundesgenossen“ waren meist nur kleine Konventikel, größere Gemeinden bestanden offenbar nur in Mähren. Das klandestine Netzwerk erstreckte sich über den gesamten oberdeutschen Raum und wurde von Pilgram →Marpeck und weiteren Ältesten durch pastorale Reisen, durch Sendbriefe (von denen mehr als zwei Dutzend im Kunstbuch überliefert sind) und durch die Distribution religiöser Schriften in Druck und Abschrift geleitet und betreut.

Die Handschrift umfasst 368 Blätter in 4° (215 x 160 mm). Sie wurde zwischen dem 4. März und dem 26. September 1561 von Jörg von Augsburg, d. i. Jörg Probst Rotenfelder genannt Maler, geschrieben. Der Entstehungsort ist vermutlich Malers Heimatstadt →Augsburg. Dort lebte Maler, nachdem der Rat am 20. Juli 1559 eine mehrjährige Verbannung aufgehoben hatte. Mit der Wiederzulassung Malers war die strenge Auflage verbunden, sich zu einem der beiden legalen Bekenntnisse der bikonfessionellen Reichsstadt zu halten und von aller „Irrlehre“ abzustehen. Es ist daher anzunehmen, dass Maler zur Zeit der Entstehung des Kunstbuchs nicht mehr der kleinen täuferischen Restgemeinde in Augsburg angehörte und dass die Handschrift heimlich entstand. Maler kopierte aus verschiedenen handschriftlichen und gedruckten Vorlagen jeweils eine oder mehrere Texteinheiten (Traktate, Briefe, Gedichte) in lose Hefte. Diese Hefte wurden anschließend nach Zürich verbracht und dort in der Werkstatt des Buchhändlers und Buchbinders Georg Mangold in zwei Teilen gebunden. Cod. 464 ist der erste der beiden Bände, der Verbleib des zweiten Teils ist unbekannt. Cod. 464 befand sich bis mindestens 1594 in täuferischem Besitz in der Schweiz und gelangte vor 1697 in die Burgerbibliothek Bern. Im Jahr 1955 wurden Delbert Gratz, Johann Friedrich Gerhard →Goeters und Heinold Fast auf die Handschrift aufmerksam. Ein 1956 von Fast veröffentlichter Fundbericht legte klarsichtig die herausragende Bedeutung der neu entdeckten Quellentexte für das Verständnis der Geschichte und Theologie des oberdeutschen Täufertums dar.

In einer von Maler verfassten Reimvorrede („Das Kunstbuch bin ich genannt“) heißt es, das Kunstbuch enthalte göttliche Geheimnisse, die den fleischlich Gesinnten unverständlich seien, die jedoch für die vom Geist Christi Erfüllten wertvoller als Silber und Gold seien. Der Buchtitel „Kunstbuch“ begegnet häufig im Fachschrifttum des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit und bezeichnet dort handschriftliche oder gedruckte Handbücher, in denen technologisches Fachwissen gesammelt ist, das erfahrene Handwerksmeister, Künstler oder Alchemisten bestimmten Adressaten überliefern oder durch den Druck einem weiteren Leserkreis zugänglich machen wollten. Bei der Textsammlung von Cod. 464 handelt es sich demnach um Malers geistliches Vermächtnis, das er nach seinem von den Behörden erzwungenen Rückzug aus der Täufergemeinde am Ende seines Lebens für die Nachwelt (konkret wohl für eine Täufergruppe in der Schweiz) kompilierte.

Die Handschrift enthält 42 Texte aus den Jahren 1527-1555. Dazu kommt eine Reihe von kurzen Zwischentexten verschiedener Herkunft, mit denen Maler frei gebliebene Seiten am Ende einiger Texteinheiten füllte. Die größte Gruppe unter den 42 Texten sind 16 Sendschreiben Pilgram Marpecks aus den Jahren 1540-1555. Von den übrigen Ältesten des Bundesgenossen-Netzwerks sind Leupolt Scharnschlager mit sechs Texten, Sigmund Bosch mit zwei sowie Hans Bichel (Büchel) und Cornelius Veh mit jeweils einem Schreiben vertreten. Offenbar gelangten diese Texte in Malers Besitz, da sie in mehreren Abschriften als Rundschreiben an die Gemeinden des Netzwerks verteilt wurden und Maler über viele Jahre hinweg an den dazu notwendigen Botenreisen beteiligt gewesen war. Charakteristisch für den Briefverkehr innerhalb des Netzwerks war die an Off. 1,9 angelehnte Selbstbezeichnung der Gemeindemitglieder als „Mitgenosse am Trübsal Christi“ (mit mehreren Varianten), die regelmäßig in Unterschrift und Anrede erscheint. Eine weitere Gruppe von Texten bilden sechs Texte von Hans Has von Hallstatt, Hans →Hut, Leonhard Schiemer und Hans Schlaffer von 1527, die auf die Wurzeln der Austerlitzer Brüder in der frühen österreichischen Täuferbewegung zurückweisen. Neben Texten, die in den Gemeinden des Netzwerks handschriftlich überliefert wurden, zog Maler auch gedruckte Texte als Vorlagen heran, wobei er Texte nicht-täuferischen Ursprungs teilweise stark überarbeitete, so ein Traktat des frühen Luther-Anhängers Hartmut von Cronberg von 1522, ein Traktat des Spiritualisten Christian Entfelder von 1530, eine 1533 von Caspar →Schwenckfeld veröffentlichte Trostschrift und die Reimdichtung Die Gelehrten, die Verkehrten des Schwenckfeld-Anhängers Valentin Ickelshamer, die dem Band als Vorrede vorangestellt ist (und die im Inneren des Bandes noch ein zweites Mal als Doublette enthalten ist). Von Maler selbst stammen sieben längere und kürzere Stücke, darunter auch Verse, die in der Tradition der spätmittelalterlichen Priameldichtung stehen, wie sie in städtischen Handwerkerkreisen gepflegt wurde. Aus Malers Umfeld stammt auch die das Kunstbuch abschließende Reimdichtung Von den zwei goldenen Kälbern und den zwei Tieren des Augsburger Buchhändlers Leonhard Schönherr (Schienherr), eines Verwandten Malers.

Abgesehen von der Rahmung des Bandes durch zwei Reimdichtungen (Ickelshamer am Anfang und Schönherr am Ende) ist in der Abfolge der Einzeltexte keine Absicht erkennbar. Die Texte sind weder nach ihren Verfassern noch nach ihrer Entstehungszeit geordnet, sondern offenbar durch Stichwortassoziationen miteinander verknüpft. Heinold Fast vermutete, dass die Aufnahme von Texten spiritualistischer Verfasser (Entfelder, Schwenckfeld, Ickelshamer) mit der Abkehr Malers vom Täufertum und einer Neuorientierung zu einem introvertierten Spiritualismus zusammenhänge. Dafür spricht die Beobachtung, dass sich in Schönherrs Von den zwei goldenen Kälbern eine Entwicklung vom Täufertum zu einem kryptotäuferischen Spiritualismus deutlich widerspiegelt. Andererseits ist jedoch damit zu rechnen, dass in den von Marpeck betreuten süddeutschen Gemeinden trotz Marpecks dezidiert antispiritualistischer Theologie der Übergang zwischen Täufertum und Spiritualismus fließend war und die Rezeption spiritualistischer Lesestoffe daher keineswegs als Indiz für eine Abkehr vom Täufertum gedeutet werden muss.

Handschrift

Burgerbibliothek Bern, Cod. 464. Edition: Heinold Fast, Gottfried Seebaß (Hg.), Briefe und Schriften oberdeutscher Täufer 1527-1555. Das „Kunstbuch“ des Jörg Probst Rotenfelder gen. Maler, Gütersloh 2007 (Quellen zur Geschichte der Täufer, 17). Englische Übersetzung: William Klassen, Walter Klaassen (Hg.), The Writings of Pilgram Marpeck, Kitchener, Ont., und Scottdale, PA, 1978 (Classics of the Radical Reformation, 2) [Auswahl]; John Rempel (Hg.), Jörg Maler’s Kunstbuch. Writings of the Pilgram Marpeck Circle, Kitchener , Ont., 2010 (Classics of the Radical Reformation, 12).

Literatur

Heinold Fast, Pilgram Marpeck und das oberdeutsche Täufertum. Ein neuer Handschriftenfund, in: Archiv für Reformationsgeschichte 47, 1956, 212-242 (Nachdruck in Fast / Seebaß 2007). - Ders., Vom Amt des „Lesers“ zum Kompilator des sogenannten Kunstbuches. Auf den Spuren Jörg Malers, in: Marion Kobelt-Grochund Norbert Fischer (Hg.), Außenseiter zwischen Mittelalter und Neuzeit. Festschrift für Hans-Jürgen Goertz zum 60. Geburtstag, Leiden, New York und Köln 1997 (Studies in Medieval and Reformation Thought, 61), 187-217 (Nachdruck in Fast / Seebaß 2007). - Martin Rothkegel, Randglossen zum Kunstbuch, in: Mennonitische Geschichtsblätter 2004, 49-64.

Martin Rothkegel

 
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