Meserete Kristos Kirche (Äthiopien)

Die Meserete Kristos Kirche (MKK) in Äthiopien, deren Name in der Verkehrssprache des Landes auf Christus als Fundament der Kirche (1. Kor. 3, 11) hinweist, ist schnell zu einer der größten mennonitischen Gemeinschaften weltweit mit 310.877 getauften Mitgliedern und über zweitausend Gemeinden mit 1126 Zentren herangewachsen, in denen weitere Gemeindegründungen vorbereitet werden. Sie ist Teil einer evangelikalen Bewegung, die sich von weniger als einem Prozent der Bevölkerung in den 1960er Jahren zu ungefähr neunzehn Prozent heute entwickelt hat.

1. Mennonitische Mission und die Entstehung der Meserete Kristos Kirche

Die mennonitische Missionsarbeit in Äthiopien begann 1946. Sie wurde von dem nordamerikanischen Relief und Services Committee des Mennonite Board of Missions (→Mission) eingeleitet. Die Missionsarbeit erfolgte im Rahmen der vom Staat begrenzten Möglichkeiten für evangelistische Dienste und konzentrierte sich auf die Sorge um medizinische Versorgung und Ausbildung der Bevölkerung in der Stadt Nazareth (Adama). Zwischen 1948 und 1951 wurde die Verantwortung für die Missionsarbeit dem Eastern Board of Missions (EMM) übertragen, der seinen Auftrag auf die Bereiche von Kliniken, Grundschulen und ein Krankenhaus in östlichen Äthiopien, eine Schule für Blinde in Addis Abeba, eine Bibel-Akademie in Nazareth und christliche Buchhandlungen in verschiedenen Städten ausdehnte. Während die früheren protestantischen Missionsbemühungen sich in Äthiopien vor allem auf ländliche Gebiete konzentrierten, wandte sich die mennonitische Missionsarbeit städtischen Bezirken zu und legte besonders auf die Ausbildung Wert, um junge Menschen für die Nachfolge Jesu Christi auszurüsten, Aufgaben in der Leitung der Gemeinden und in der Gesellschaft allgemein zu übernehmen.

Äthiopier aus der Orthodoxen Tewahendo Kirche (EOTC) und aus einem evangelikal geprägten christlichen Frömmigkeitshintergrund begannen während der 1950er Jahre, Missionare in deren gottesdienstlichen Verpflichtungen zu begleiten. Am 16. Juni 1951 wurden zehn Äthiopier von mennonitischen Missionaren getauft. Damit war der Anfang der Meserete Kristos Kirche gelegt. Die Getauften legten Zeugnis für Jesus Christus ab und zogen den Unmut des Gouverneurs von Nazareth und Kaiser Haile Selassies darüber auf sich, dass zahlreiche Angehörige der EOTC sich von Missionaren haben taufen lassen. Fortan gingen äthiopische Laienprediger dazu über, die Gläubigen nachts heimlich in Häusern zu taufen. Die Missionare halfen ihnen zwar dabei, die Täuflinge zu unterweisen, besuchten aber nicht die Taufgottesdienste. So wurden äthiopische Gemeindemitglieder instandgesetzt, gleich nach ihrer Taufe selbst Taufhandlungen zu übernehmen und Gemeinden zu gründen.

2. Die Entwicklung eines einheimischen Leitungsdienstes in den Gemeinden

Die Missionare stützen sich auf biblisch fundiertes Ausbildungsmaterial und überzeugten junge Äthiopier, ihre Ausbildung als Berufung zu begreifen, indem sie sich in das Evangelium einführen und sich für den Leitungsdienst in den Gemeinden ausrüsten ließen. An der Nazareth Dresser Bible School boten Missionare seit 1952 gemeinsam mit dem biblischen Unterricht auch Kurse in Medizin an. Studierende, die dem evangelischen Glauben anhingen, nahmen daran mit anderen teil, die vor allem in der nahegelegenen Wonji Zuckerplantage arbeiteten. Dort wurden biblische Literatur verteilt und kleine Hauskreise unter den Wanderarbeitern eingerichtet. Seit 1958 war die Nazareth-Gemeinde auf 150 Mitglieder angewachsen. Auch waren kleine Gemeinden an vier anderen Missionsstationen entstanden.

Die Nazareth Bibel Academy, die 1959 ihren Betrieb aufgenommen hatte, wurde als eine hervorragende Sekundarschule bekannt, zog Schüler von weither an, und viele fanden hier zu einem persönlich ausgerichteten Glauben an Jesus Christus. In diesem Jahr begannen Missionare und einheimische Gemeindemitglieder, den Aufbau einer nationalen Kirche zu planen und die Leitung der Gemeinde den Einheimischen zu übertragen. 1965 bewarb sich die Kirche um ihre rechtliche Anerkennung seitens des Staates. Allerdings wurde dieser Antrag zurückgewiesen. Dennoch begann die MKK, einen eigenen Briefkopf zu führen, eröffnete Bankkonten und verhielt sich so, als sei ihre rechtliche Anerkennung erfolgt. Die EMM setzte 1969 damit aus, eigene Mitglieder ins Exekutivkomitee der MKK zu wählen; eine ähnliche Übertragung des Leitungsdienstes erfolgte auch in den Ortsgemeinden und missionarischen Werken.

3. Pfingstlerische Erneuerung

Unter Führung junger äthiopischer Christen wurde Nazareth zu einem einflussreichen Dreh- und Angelpunkt geistlicher Erneuerung in dem 1950 und 1960ger Jahren. Jährliche Erweckungskonferenzen in Verbindung mit den Krankenhausprojekten zog hunderte von Menschen an, die Bibel zu studieren, inspirierenden Predigten zuzuhören und sich in den entstehenden äthiopischen Gemeindegesang von der Addis Abeba School for Blind Choir einführen zu lassen.

Eine Bibelarbeitsgruppe für höhere Schüler und Schülerinnen - begonnen 1962 unter der Leitung des EMM - ließ in zahlreichen Jugendlichen aus Nazareth den Wunsch wachsen, durch Jesus Christus wiedergeboren zu werden. Als Teilnehmer dieser Konferenzen zu fasten begannen und für ein direkteres persönliches und machtvolles Gotteserlebnis zu beten, fühlten einige sich „von der Macht Gottes berührt“ und fingen an, in ekstatischem Ausbruch großer Freude in unbekannten Zungen zu reden. Diese Bewegung wurde als „Himmlischer Sonnenschein“ bekannt. Obwohl Missionaren und MKK-Leitern einige charismatische Ausdrucksformen befremdlich waren, stellten sie diesen Gruppen doch Versammlungsräume zur Verfügung und unterstützten ihre verfolgten Mitglieder mit Besuchen in den Gefängnissen, mit Nahrungsmitteln, geistlicher Betreuung und juristischem Beistand. Der Historiker Jörg Hauenstein identifizierte den „Himmlischen Sonnenschein“ als eine von fünf Strömungen der Erweckung, die in den 1960er Jahren entstanden waren und die Gestalt des äthiopischen Evangelikalismus zutiefst prägten. Obwohl sich viele dieser Erweckungsbewegungen zur Full Gospel Believer´s Church 1967 zusammenfanden, bewahrte sich der „Himmlische Sonnenschein“ bis 1973 seine Identität, bis er der MKK beitrat, die zu jener Zeit 800 Mitglieder in acht Gemeinden zählte.

4. Die äthiopische Revolution (1974 - 1991)

Als Kaiser Haile Selassie am 12. September 1974 entmachtet wurde, hofften viele pfingstlerische und evangelikale Christen, dass die Revolution auch für sie Freiheit einleiten würde. Bald führte jedoch die Konsolidierung der Macht um Mengistu Haile Mariam, die Übernahme marxistischer Ideologie und die Bereitschaft, traditionelle antireligiöse Polemik auszunutzen, zu weit ausgreifender Verfolgung der evangelikalen Christen.

Die MKK blieb ihrem ursprünglichen Auftrag treu, verhielt sich aber in den frühen Jahren des neuen Regimes vorsichtig, während Kirchenmitglieder gelegentlich bedroht und falschen Beschuldigungen ausgesetzt, wegen ihres Glaubens eingesperrt oder körperlich misshandelt wurden. Die Kirche war gerüstet, mit Hilfe ihrer Leitungsgremien ideologischen Druck und Verfolgung zu widerstehen. Hilfreich waren das Schrifttum, das verteilt wurde, Versammlungen in kleinen Gruppen, Bibelstudium, unablässiges Gebet und Kreativität, auch öffentliche evangelistische Veranstaltungen und wundersame Heilungen.

Regierungsbeamte wurden alarmiert, als gottesdienstliche Versammlungen auf eine Beteiligung von durchschnittlich 5000 Menschen anstiegen − zumeist Jugendlicher − in Gottesdiensten an den Wochenenden. Am 24. Januar 1982 erklärte das kommunistische Regime die MKK für illegal, ordnete die Inhaftierung von sechzig leitenden Personen an, fror Bankkonten der Kirche ein und brachte sie um ihr Eigentum. Die Kirche - etwa 5000 getaufte Mitglieder in vierzehn Gemeinden - reorganisierte sich als „Kirche im Untergrund“. Die Leiter dieser Kirche legten auf den persönlichen Glauben an Jesus Christus Wert, auf die Evangeliumsverkündigung, Stärkung des theologischen Fundaments und geistliche Vitalität der Kirche. So halfen sie denjenigen, die zum Glauben gekommen waren, in ihrem Glauben zu wachsen. Sie beriefen mehr Leiter als bisher und bildeten sie weiter aus. Die Mitglieder trafen sich regelmäßig heimlich in kleinen Gruppen von fünf bis sieben Personen zum Bibelstudium, zum Gebet und zu gegenseitiger Ermunterung. Unter Verfolgung waren viele in höchstem Maße Gott ergeben, sie waren persönlich integer, voll aufopfernde Liebe, innerhalb der Kirche, in der bürgerlichen Gemeinde und gegenüber ihren Verfolgern. Als die marxistische Regierung im Mai 1991 fiel, waren die Mitgliederzahlen der MKK auf 34.000 getaufte Mitglieder in 53 Gemeinden und 27 Zentren der Gemeindegründung angestiegen.

5. Dienst in der Bundesrepublik von Äthiopien (1991 bis zur Gegenwart)

Im Gefolge täuferischer evangelikaler und pfingstlerischer Strömungen legt die MKK ein Bekenntnis zu Jesus Christus in einer Na tion mt einer reichhaltigen christlichen Geschichte ab (43 Prozent der Bevölkerung gehört zur EOTC, 34 Prozent hängen dem Islam an), mit mehr als 80 kulturellen und, sind sprachlichen Gruppen, weitverbreiteter Armut, sehr schnell wachsender Wirtschaft und mit erheblichen ethnischen Spannungen. Obwohl die Verfassung des Staates allen Bürgern Religionsfreiheit garantiert, sind evangelikale Christen gelegentlich doch örtlichen Verfolgungen ausgesetzt. Das nationale Büro der MKK und 39 regionale Kirchen arbeiten in diakonischen Werken und in der Entwicklungspolitik zusammen, ebenso in der Ausbildung von Gemeindeleitern (auch des Meserete Kristo Colleges und neun Bible Colleges), bei Gemeindegründungen und Evangelisationen, in der Gefängnisseelsorge, bei der Übersetzung von Schulungsmaterial in verschiedenen lokalen Sprachen, im Dienst der Frauen, in Friedens- und Versöhnungsdiensten zusammen. MKK ist eine Gründung der Evangelical Churches Fellowship von Äthiopien, und ein aktives Mitglied der International Missions Association und der →Mennonitischen Weltkonferenz.

Bibliografie

Alemu Checole, assisted by Samuel Asefa, Mennonite Churches in Eastern Africa, in: Anabaptist Songs in African Hearts, hg. von John A. Lapp and C. Arnold Snyder (Intercourse, PA, 2006). - Tibebe Eshete, The Evangelical Movement in Ethiopia: Resistance and Resilience, Waco, Texas, 2009. - Carl Hansen, A Church on the Move: The Meserete Kristos Church in Ethiopia has shown great growth, in: The Mennonite, February 2012, S. 20-23. - Jörg Haustein, Writing Religious History: The Historiography of Ethiopian Pentecostalism, Wiesbaden 2011. - Nathan Hege, Beyond our Prayers: Anabaptist Church Growth in Ethiopia, 1948-1998, Scottdale, PA, 1998. - Brent Kipfer, Persecuted and Thriving: Meserete Kristos Church Leadership during the Ethiopian Revolution (1974-1991), D..Min. Diss., Gordon-Conwell Theological Seminary, 2017. - Gemechu Gebre Telila, History of the Meserete Kristos Church at Wonji Gefersa, Ethiopia during the Derg, 1974-1991. ‚God Works for Good‘, MA Thesis, Eastern Mennonite Seminary, Harrisonburg, VA, 2002.

Brent L. Kipfer

 
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