La Chaux-d'Abel

1. Entstehung und ältere Geschichte der Gemeinde

Um 1750 existierte in La Chaux-d’Abel/La Ferrière eine amische Gemeinde, die sich auf Bauernhöfen versammelte. Nachdem 1798 mit der helvetischen Verfassung die Religionsfreiheit einführt worden war, konnten die Täufer sich frei versammeln und ihre Kinder ausbilden. Angesichts ihres Glaubens und ihrer deutschen Sprache in einer französischsprachigen Region lag ihnen daran viel. 1836 wurde die deutschsprachige Schule La Chaux-d’Abel von der Berner Behörde offiziell anerkannt. Um 1850 versammelte sich die Gemeinde auf den Höfen und auch einmal im Monat im Haus der Witwe von Pfarrer Menzi in La Ferrière. 1887 wurde David Ummel Ältester der Gemeinde.

Im ersten Mennonitischen Jahrbuch von 1888 wurden neben den neuenburgischen Gemeinden auch die Gemeinde von Binningen/Basel und die Gemeinde von La Ferrière und La Chaux-d’Abel mit David Ummel (Vater und Sohn) als Älteste und Prediger unter den amischen Gemeinden aufgeführt.

Um die Jahrhundertwende erlebte das Jura eine starke religiöse Erweckung. In La Chaux-d’Abel prägten Lehrer Fritz Oderbolz und Evangelist Georg Steinberger aus Rämismühle diese Bewegung. 1903 wurde der Christliche Jünglingsverein gegründet und 1905 auch eine Kapelle gebaut. Ähnliche Bauvorhaben waren von anderen amischen bzw. täuferischen Gemeinden schon 1894 in Les Bulles und 1900 auf Jeangui verwirklicht worden. Das Grundstück für den Bau der Kapelle, die allen, nicht nur Taufgesinnten, offen stehen sollte, wurde von David Ummel zur Verfügung gestellt.

In La Chaux-d’Abel sorgte Lehrer Oderbolz für eine starke Verbindung von Schule, Jünglingsverein (später CVJM/Union Chrétienne) und Täufergemeinde. Häufiger Lehrerwechsel und der Brand der Schulhauses 1917 brachten bewegte Jahre mit sich. 1918 wurde Gottlieb Loosli, dessen Vater Lehrer und Ältester von Moron war, unmittelbar nach seiner Seminarausbildung zum Lehrer gewählt und prägte die Schule und Gemeinde von La Chaux-d’Abel bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein. Acht Jahre nach Looslis Amtsantritt, am 12. Juni 1926, riss ein gewaltiger Zyklon die Dächer der Kapelle und des Schulhauses weg und zerstörte mehrere Häuser. Eine große Hilfsaktion aus der ganzen Schweiz ermöglichte es, die Kapelle und das Schulhaus wieder instand zu setzen und auch Verbesserungen vorzunehmen.

2. Spaltung und neue Orientierung der Gemeinde nach 1930

Die Verflechtung von Chaux-d’Abelberg, La Ferrière und Les Bulles, von amischer, täuferischer und erwecklicher Frömmigkeit, brachte die Gemeinde in erhebliche Schwierigkeiten. Dies führte 1930 zur Trennung von La Chaux-d’Abel und →Chaux-d'Abel-Berg.

Die Gemeinde pflegte regen Kontakt mit der Evangelischen Gesellschaft, welche die Basis des CVJM bildete. Diese Verbindung ergab sich zum Teil durch die Schule und auch dadurch, dass deutsch-schweizerische Landwirte nicht täuferischer Herkunft in die Gegend gezogen waren. Doch auch zu den anderen Alttäufer-Gemeinden bestand eine enge Beziehung. 1968 formierte sich die Gemeinde vereinsrechtlich unter der Leitung von Paul Baumann, der einen Teil seiner Studienzeit am mennonitischen Seminar in Goshen (Indiana, USA) verbracht hatte, unter einer eigenen Verfassung und schloss sich der →Konferenz der Altevangelisch-Taufgesinnten Gemeinden der Schweiz an. Eine Begründung für diesen Schritt war, die Frauen der Gemeinde mit einbeziehen zu wollen, die im Verzeichnis des Jünglingsvereins nicht geführt wurden. Der Anschluss an die Konferenz der Mennoniten stieß aber nicht bei allen Familien auf freudige Zustimmung. Die täuferische Kultur und die Frömmigkeit der Evangelischen Gesellschaft hatten doch verschiedene historische, kirchliche und gesellschaftliche Wurzeln. Die Kapelle La Chaux-d’Abel blieb jedoch einer ganzen Generation als Ort der großen Allianz-Konferenzen der 60er Jahre in Erinnerung.

Die 1970er und 1980er Jahre brachten Veränderungen: Die Schule ging 1977 zur französischen Unterrichtssprache über, das war die Bedingung, um als öffentliche Schule anerkannt zu werden, und 1981 musste sie wegen der geringen Schülerzahl nach 155 Jahren geschlossen werden. Das Schulhaus, das die Konferenz der Mennoniten der Schweiz übernahm, wurde bis 2005 weiterhin für die Sonntagsschule und die Frauenarbeit genutzt, die auch Frauen aus nicht-mennonitischen Familien offen stand.

3. Lokale ökumenische Zusammenarbeit und Ausblick

Das Ende des 20. Jahrhunderts brachte manche Schwierigkeiten für die Gemeinde, der ungefähr 45 Mitglieder angehören, hinsichtlich ihres zukünftigen Bestehens mit sich. Es öffnen sich nun aber auch neue Horizonte in der Jugendarbeit und in der ökumenischen Zusammenarbeit, so beispielsweise eine Zusammenarbeit mit der Mennoniten-Gemeinde →Cormoret im Vallon de St. Imier und der Methodisten-Gemeinde St. Imier für den kirchlichen Unterricht und bald auch in der Jugendarbeit. Die gemeinsame Jugendarbeit hat eine Generation junger Gemeindemitglieder geprägt, nach 2010 ging die Anzahl der Jugendlichen jedoch so zurück, dass dieser Zweig der Gemeindearbeit eingeschränkt werden musste. Jungschar und Jugendgruppe bestehen aber in den Räumlichkeiten der Kapelle La Chaux-d’Abel weiter.

Seit den späten 1980er Jahren fanden mit zunehmender Regelmäßigkeit auch ökumenische Begegnungen statt. Anfänglich wurde der Weltgebetstag gemeinsam zwischen den Mennoniten-Gemeinden La Chaux-d’Abel und La Ferrière, der katholischen Kirche Les Bois und der reformierten Kirchgemeinde La Ferrière gefeiert. Bald wurden weitere ökumenische Feiern geplant, und um 2005 kam die Evangelische Freikirche (Eglise évangélique) Saignelégier dazu. Der neueste Schritt in diesen ökumenischen Begegnungen ist ein Austausch zwischen den vier vertretenen Konfessionen. Fragen zu Theologie, Tradition und Praxis können gestellt und im Austausch beantwortet werden. Zum 100. Jubiläum der Kapelle wurde eine Ausstellung organisiert, die Gelegenheit bot, die Geschichte ins Bewusstsein der jüngeren Generation zu heben.

Der Kontakt mit andern Mennoniten-Gemeinden in der Schweiz ergibt sich durch jährliche Besuche und Einladungen, durch die engagierte Teilnahme der Jugendlichen an den gesamtschweizerischen Jugendtreffen und auch dadurch, dass der Predigtdienst zu einem guten Teil durch Gastprediger und Gastpredigerinnen aus anderen Mennoniten-Gemeinden oder Kirchen übernommen wird. Ein deutschsprachiger Senioren-Nachmittag bringt Menschen aus der Nachbarschaft zusammen, ergänzend zur französischsprachigen Version der reformierten Kirche La Ferrière. Die Zweisprachigkeit kennzeichnet die Gemeinde seit 2010 immer mehr, und die französische Sprache, die in der Jugendarbeit schon seit zwanzig Jahren vorherrscht, wird auch das Gemeindeleben allgemein immer mehr bestimmen.

Die über 100 Jahre alte Kapelle ist im Inneren auf ansprechende Weise mit Holz verkleidet und fasziniert ihre Besucher. Das Raumangebot übersteigt jedoch den Bedarf der kleinen Gemeinde, die um 2013 nur etwa vierzig Mitglieder zählt. So werden hin und wieder überörtliche Veranstaltungen geistlicher und kultureller Art angeboten, an denen recht viele Menschen verschiedenster Herkunft und Orientierung teilnehmen. In diesem Zusammenhang ist auch die Pension La Chaux-d’Abel zu erwähnen, die mehr als zwanzig Jahre von Isaak und Huldi Sprunger geführt wurde und wodurch der Gemeinde wertvolle Impulse vermittelt wurden, sei es durch Besuche von Hotelgästen, sei es durch die Gegenwart von Flüchtlingsfamilien. Isaak Sprunger war über dreißig Jahre lang Ältester der Gemeinde. Oft haben in den 1990er Jahren auch Freiwillige des →Mennonite Central Comitee die Gemeinde bereichert und ein alternatives Fenster zur Welt geöffnet. Das Jahr 2013 war ein Künstlerjahr mit je einer kulturellen Veranstaltung im Monat und einer Ausstellung, die Künstler täuferischer Herkunft würdigte, auch einige aus La Chaux-d’Abel. Die Gemeinde und ihr Zentrum sind ein Ort des Glaubens, des Feierns und der Begegnung. Sie auch ein Ort der Schönheit. In theologischen, kulturellen und politischen Auffassungen weichen die Gemeindeglieder, wie in vielen anderen Mennoniten-Gemeinden auch, voneinander ab. Doch das fordert nicht nur heraus, sondern bereichert alle, die an diesem Gemeindeleben teilnehmen.

Literatur

Olivier Bühler; La Chaux-d’Abel, Semesterarbeit am Theologischen Seminar Bienenberg (2004): www.chauxdabel.menno.ch. - Ernst O. Loosli, Schule La Chaux-d’Abel, in: Mennonitica Helvetica 21/22, 1998/99, S. 97 - 145. Ch. et Cl.-L. Ummel, L’Eglise anabaptiste en pays neuchâtelois, in: Mennonitica Helvetica 17, 1994, 85-89 und 108-110.

Anschrift der Gemeinde

Église Mennonite La Chaux-d’Abel, c/o Helmut Eisinger, La Grande Coronelle, CH 2333 La Ferrière, Schweiz;

www.chauxdabel.menno.ch

Hansulrich Gerber

 
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