Hutterischer Geschichtsverein (in Österreich)

1. Gründung des Hutterischen Geschichtsvereins

Angeregt durch die Initiativen des Hutterer Arbeitskreises Tirol kam es im Januar 2006 zu Begegnungen ähnlicher Art in Wien. Die entscheidende Wende erfolgte, als Reinhold Eichinger, derzeit Vorsitzender des Bundes Evangelikaler Gemeinden in Österreich, die Gründung eines eigenen Geschichtsvereines vorantrieb. Dieser Verein entstand am 8. März 2007 und hat seinen Sitz in 1210 Wien, Ispergasse 22.

Die Wahl des Namens Hutterischer Geschichtsverein hat seinen Grund in der Tatsache, dass sich nach einer vielgestaltigen Frühphase der Täuferbewegung in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts in Österreich schließlich die hutterische Form des Täufertums durchgesetzt hat (→Mähren).

Der Verein hat sich die Aufgabe gestellt, die Geschichte und Kultur der Hutterer zu erforschen und aufzuarbeiten, aber auch der anderen Täuferbewegungen im österreichischen Raum. Zentrales Anliegen ist es, einer breiten Öffentlichkeit die bislang weitgehend totgeschwiegene Geschichte der Täufer näherzubringen. Die Beziehungspflege zu heutigen Hutterern und deren Kontakte zu ihrer ehemaligen österreichischen Heimat sollen dabei nicht zu kurz kommen. An konkreten Schauplätzen in ganz Österreich wird an den beispielhaften Glaubensmut der Taufgesinnten erinnert. Diese Pflege der Erinnerung soll zugleich als Anfrage und Herausforderung an die Zeitgenossen heute verstanden werden.

2. Täufermuseum in Niedersulz

In der noch jungen Geschichte dieses Vereines gibt es bereits einige Meilensteine: Nach umfangreichen und intensiven Vorarbeiten wurde am 5. 10. 2008 das erste österreichische Täufermuseum im Museumsdorf Niedersulz, etwa 35 Autominuten nordöstlich von Wien entfernt, eröffnet. Dieses große Projekt konnte nur unter Beteiligung zahlreicher Mitarbeiter aus dem freikirchlichen Umfeld und von Studenten der Evangelikalen Akademie (EVAK) in Wien verwirklicht werden. Unter den Bauhelfern befanden sich sogar Baptisten aus Texas.

Diese permanente Ausstellung befindet sich in einem so genannten Kleinhäuslerhaus aus dem nahegelegenen Wilfersdorf, wo sich unter dem Schutze der Adelsfamilie der Liechtensteiner Hutterer im Weinviertel niedergelassen hatten. Diesen Typus des „Kleinhäuslerhauses“ gibt es auch in Mikulov/Tschechien (Nikolsburg) und an anderen Orten, wo Täufer nicht in Haushaben lebten. In den fünf Räumen des Museums wird die Geschichte der Täufer von ihren Anfängen bis zur Gegenwart im Überblick dargestellt. Die Aufbereitung der Inhalte unter Verwendung zeitgemäßer museumsdidaktischer Hilfsmittel wie Videoclips und Audiostation machen den Museumsbesuch auch für Schulklassen attraktiv. Dadurch wird die Täuferbewegung als ein integraler Bestandteil der österreichischen Kultur und Geschichte erstmals sichtbar und begreifbar. Schwerpunkte bilden neben einer Einführung in ihre Geschichte vor allem lokale historische Begebenheiten, ferner das handwerkliche Können der Täufer, deren Bedeutung auf dem Gebiete des Schulwesens und der Heilkunde, die Sprache der Hutterer und der Bogen von der Täuferbewegung des 16. Jahrhunderts zu den Freikirchen der Gegenwart. Auf den bislang unerkannten kulturellen Einfluss auf die Volkskunst, vor allem im Bereich der Keramik, und auf Flurbezeichnungen im niederösterreichischen Raum wird hingewiesen. Ein eigener Raum ist dem Leid konkreter Personen und Gruppen durch die Verfolgung seitens der Obrigkeit gewidmet. (Tafeltexte in Deutsch und Englisch)

Jährlich bekunden etwa 40.000 Besucher aus ganz Europa ihr Interesse an dieser Ausstellung. Auch haben sich in jüngster Zeit vermehrt Begegnungen mit Hutterern aus Übersee ergeben. „Täuferthementage“ im Museumsdorf Niedersulz zu wissenschaftlichen Themen sowie Führungen bereichern das Angebot. Fachvorträge von Historikern der Universitäten sowie Fachleuten aus den eigenen Reihen beleuchten die unterschiedlichsten Aspekte der Täufergeschichte und -kultur. So hat sich Alexander Basnar, ein Mitglied des Vereins, als Liedforscher und Liedermacher besonders um das Täuferlied verdient gemacht. (www.museumsdorf.at)

3. Von Falkenstein auf die Galeeren

Ermutigt vom unerwartet positiven Echo dieses Museumsprojekts wurde auf der Burgruine Falkenstein, 60 Min. nördlich von Wien, unweit von Mikulov (Nikolsburg), eine weitere permanente Ausstellung unter dem Thema: „Von Falkenstein auf die Galeeren“ eröffnet. Am Sonntag, dem 19. 6. 2011, erfolgte unter Teilnahme von etwa 500 Personen nach einem Vormittagsgottesdienst auf dem ehemaligen Turnierplatz der Burg am Nachmittag desselben Tages die feierliche Eröffnung vor laufenden Fernsehkameras in Anwesenheit von Vertretern aus Kirche, Politik und Wissenschaft. Dieses zweite Projekt des Hutterischen Geschichtsvereins erhielt sogar eine finanzielle Unterstützung vom Land Niederösterreich. Das Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur sponserte ebenfalls ein spezielles Medienpaket für den Schulunterricht. Darin wird der Umgang mit Andersdenkenden und verfolgten Minderheiten thematisiert. Besonders lobend hervorgehoben wurde dabei der Einsatz modernster elektronischer Museumspädagogik. Aus einem Fonds der Europäischen Union (European Regional Development Fund) kam schließlich die umfangreichste finanzielle Förderung aufgrund des länderübergreifenden Charakters der Ausstellung (zwischen Österreich, Tschechien und der Slowakei). Bis in einzelne Details beleuchtet die Schau im sogenannten „Täufergwölb“ das Geschick jener 90 Männer, die von Falkenstein aus auf die Galeeren getrieben wurden. Die in diesem Zusammenhang entstandenen Lieder und Briefe stehen an diesem Originalschauplatz im Mittelpunkt. Im Burghof will ein maßstabgetreuer Nachbau eines Galeerenrumpfs an diese dramatischen Ereignisse der Jahre 1539/1540 erinnern, welche auch im Märtyrerspiegel berichtet werden. Dem Verein ist es gelungen, zur Herstellung von Galeere und „Gwölb“ die größte technische Schule Europas, die Höhere Technische Lehranstalt Mödling, und breite Teile der Bevölkerung der näheren Umgebung mit einzubeziehen. Durch den Einsatz veranschaulichender und erlebnisorientierter Mittel wird auch dem jungen Zielpublikum Rechnung getragen, etwa durch die Möglichkeit, ein Galeerenruder selbst zu ergreifen. Besonders beeindruckt zeigen sich viele Besucher von einer Darbietung, bei der das „Täufergwölb“ in einen Hungerturm verwandelt wird, wodurch das Schicksal der in solchen Gefängnissen Eingeschlossenen zumindest ansatzweise nacherlebt werden kann. In einem Hörspiel wird ihnen dabei u. a. die Geschichte von Ursula Hellrieglin, einer noch jungen, aber standhaften Taufgesinnten, nahegebracht.

Weil trotz der Vertreibung der Hutterer nach 1620 dennoch viele von ihnen im östlichen Niederösterreich geblieben sind, wird in dieser Ausstellung auch auf die Durchmischung der Weinviertler Bevölkerung mit Tirolern hingewiesen. Diese zeigt sich anhand spezifischer Familiennamen sowie in der Erinnerungskultur. (Tafeltexte auf Deutsch/Englisch/Tschechisch): www.falkenstein.gv.at, www.taeufer.com.

4. Erinnerungsorte: Nikolsburg, Wien und Bruck an der Mur

Als bislang letzter öffentlicher Akt des Hutterischen Geschichtsvereins erfolgte am 6. 10. 2012 auf der Schlossbastei von Mikulov (Nikolsburg) die Enthüllung einer Gedenktafel zur Erinnerung an Dr. Balthasar Hubmaier mit anschließendem Festvortrag von Martin Rothkegel. Das ursprüngliche Ziel Reinhold Eichingers, im Dreiländereck einen touristischen Schwerpunkt zur Geschichte der Hutterer zu setzen, wird mehr und mehr Wirklichkeit. So betreut auch die Stadt Mikulov nun neben speziellen Publikationen einen Lehrpfad ins ehemalige Täuferviertel der Stadt.

Zunehmender Beliebtheit erfreut sich mittlerweile auch das Angebot des Vereins, Stadtführungen durch die Wiener Innenstadt vor dem Hintergrund der Täufergeschichte anzubieten. Besuchergruppen, häufig mennonitischen Hintergrunds, kommen derzeit aus Deutschland, den Niederlanden und den USA.

Als Folge dieser Aktivitäten scheint in den Freikirchen Österreichs ein Interesse an der täuferischen Vergangenheit zu erwachen. Dies zeigt sich in der zunehmenden Anzahl von Gedenkveranstaltungen, dem Setzen von Erinnerungstafeln und wissenschaftlichen Publikationen. Als ein Beispiel dafür könnte eine in Bruck an der Mur (Steiermark) an der Murbrücke angebrachte Skulptur samt Text im Gedenken an die im Jahre 1528 vorgenommene Hinrichtung von zwölf taufgesinnten Glaubenszeugen angeführt werden. Im Nachbarland Ungarn zeigen die Baptisten größtes Interesse an den beiden Täufermuseen, was in ständigen Kontakten und wechselseitigen Besuchen seinen Ausdruck findet. Es existieren bereits eine Übersetzung des Museumsführers von Niedersulz ins Ungarische, ebenso Berichte sowohl über das Museum in Niedersulz als auch über die Eröffnung des „Täufergwölbs“ sowie ein Abdruck der von Josef F. Enzenberger anlässlich einer groß angelegten Feier gehaltenen Vorträge am 19. und 20. 10. 2013 in Kispesti/Budapest in ungarischer Sprache.

Derzeit plant der Hutterische Geschichtsverein die 500-Jahr-Feier der Anfänge der Reformation 1517. Es gilt, die Bedeutung dieses Ereignisses auch für die Entstehung der Täuferbewegung bewusst zu machen.

Literatur

Reinhold Eichinger und Josef F. Enzenberger, Täufer, Hutterer und Habaner in Österreich, Nürnberg 2011(2.Auflage) (Museumsführer für Niedersulz); engl.: Anabaptists, Hutterites and Habans in Austria, Nürnberg 2011. - Reinhold Eichinger, Von Falkenstein auf die Galeeren, in: Das weinviertel. Mehr als Idylle, hg. von Volkskultur Niederösterreich, Weitra 2013, S. 186-189. - Múlt, jelen, jövö, Baptista Kalendárium 2012, Budapest 2013, S. 73 - 83; 84 - 88. - 490 évvel ezelött érkeztek hazánkba az elsö anabaptista reformátorok, in: Szolgatárs. Baptista foyóirat nem csak lelkipásztoroknak 2014. XXIII. évfolyam, 3-4. szám, S 4 - 7.

Anschrift

Hutterischer Geschichtsverein, A-1210 Wien, Ispergasse 22.

Website des Vereins: www.taeufer.net, www.anabaptists.eu

Reinhold Eichinger und Josef F. Enzenberger

 
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