Colleges und Universitäten der Mennoniten in Nordamerika

Die Mennoniten in Nordamerika haben ein Netz von Colleges der höheren Bildung während des späten 19. Jahrhunderts und des frühen 20. Jahrhunderts aufgebaut. Obwohl viele Mennoniten befürchteten, dass die höhere Bildung den christlichen Glauben untergraben würde, ist diese Furcht doch allmählich der bereitwilligen Unterstützung der Colleges gewichen. „Der Wunsch nach Wissen und Bildung ist der menschlichen Seele von unserem Schöpfer eingepflanzt, und diesen Wunsch nicht zu befriedigen, hieße der Bestimmung des Menschen entgegen zu wirken“ (Bethel College First Annual Report, 1888), meinten bildungsbeflissene Mennoniten. Mit ihren eigenen Colleges fassten die Mennoniten Schritt mit dem amerikanischen Geist der Demokratie und des Fortschritts. Sollten die Mennoniten nicht ihre eigenen Stätten für Erziehung und Bildung unterhalten, meinten Kirchenführer, würden die Heranwachsenden von den Colleges anderer religiöser Denominationen angezogen werden und höchstwahrscheinlich ihre Loyalität gegenüber ihrem konfessionellen Erbe aufgeben.

1. Frühe Versuche, Colleges zu gründen

Die ersten Pioniere des Erziehungswesens lebten im Osten der Vereinigten Staaten von Amerika. 1848 errichtete Abraham Hunsicker, ein mennonitischer Prediger, das Freeland Seminary in Collegeville, Pennsylvania. Das war keine offizielle, von Mennoniten getragene Einrichtung, und sie entfernte sich bald von den Idealen des Mennonitentums. Unter einer neuen Leitung wurde dieses Seminar zum Ursinus College. Ein anderer Versuch war das Wadsworth Mennonite Seminary, Ohio, das von 1868 bis 1878 bestand. Es wurde von der General Conference der Mennoniten unterhalten, die sich für Erziehung und Bildung einsetzten, und es legte den Akzent auf das Bibelstudium und auf die Lehrerausbildung. Dieses Seminar wurde nach zehn Jahren geschlossen, da die finanzielle Ausstattung und die Anzahl der Studierenden zu wünschen übrig ließen.

Die Szene der höheren Bildung unter den Mennoniten verlagerte sich bald in den Mittelwesten (American Great Plains). In den 1870er Jahren erreichte eine hohe Einwanderungswelle aus Russland den Bundesstaat Kansas und andere westlichen Bundesstaaten; in ihrer russischen Heimat hatten die Mennoniten Schulen unterhalten, und sie strebten ähnliche oder bessere Schulen in der Neuen Welt an. 1882 brachten Mennoniten der Kansas Conference (der späteren Western District of the General Conference Mennonites) eine kleine „Vorbereitungs“-Schule („preparatory“ school) in Goessel in Gang, die Emmatal School. Nach einem Jahr zog diese Schule nach Halstead um, wo sie von 1883 bis 1893 als das Halstead Mennonite Seminary (Mennonitische Fortbildungsschule) betrieben wurde. Obwohl nur wenige Schulen, wenn überhaupt, auf Collegeniveau angeboten wurden, trug dieses Seminar dazu bei, eine pädagogische „Erweckung“ unter der mennonitischen Jugend zu entzünden. Schließlich entschieden sich die Mennoniten, ihre Erziehungseinrichtung nach Newton, der nahegelegenen größeren Stadt, zu verlegen.

2. Mennonitische Liberal Arts Colleges

Die Welle mennonitischer Collegegründungen im 19. Jahrhundert gehörte zu einer größeren nationalen Bewegung. Zahlreiche religiösen Gruppen gründeten Colleges, um ihren denominationalen Bedürfnissen zu entsprechen. Es waren drei mennonitische Richtungen, die sich dieser College-Bewegung anschlossen. Die sogenannten Kirchliche Mennoniten (General Conference Mennonite Church) errichteten drei Ausbildungsstatten: Bethel College in North Newton, Kansas (beurkundet 1887, Lehrbetrieb 1893 aufgenommen), Bluffton College in Bluffton, Ohio, (1900, jetzt Universität), und Freeman Juinior College in Freeman, South Dakota (1903). Dieses College wurde 1986 geschlossen, aber die Freeman Academy auf Oberschulniveau wurde weitergeführt. Die Mennonite Church (MC) gründete Goshen College (begonnen als Elkhart Institute) in Goshen, Indiana (1894), Hesston Junior College in Hesston, Kansas (1909), und Eastern Mennonite College in Harrisonburg, Virginia (1917, jetzt Eastern Mennonite University). Alle diese Colleges sind mit der Mennonite Church USA verbunden, einem Zusammenschluss von Mennonite Church und General Conference Mennonites und Mitgliedern der denominationalen Mennonite Education Academy.

Die Mennoniten-Brüdergemeinde errichtete das Tabor College in Hillsboro, Kansas (1908), und das Fresno Pacific College in Fresno, California (1944, jetzt Pacific University). 1943 gründeten konservative Mennoniten, die mit den bestehenden Colleges unzufrieden waren, das Grace Bible Institute in Omaha, Nebraska, als eine intermennonitische Schule, die einen streng konservativen Lehrplan verfolgt. 1964 nahm die Conservative Mennonite Conference den Lehrbetrieb am Rosedale Bible College auf, einem Junior Bible College, das einen zusätzlichen Abschluss nach zweijähriger Ausbildungszeit anbietet.

Obwohl Unterricht in „Bible and Religion“ angeboten wurde, waren die mennonitischen Schulen keine kirchlich begrenzten Einrichtungen. Sie sollen Colleges sein, die ein breites Lehrangebot der Geisteswissenschaften, Künste und Naturwissenschaften („Liberal Arts“) im Kontext christlicher, mennonitischer Wertvorstellungen präsentieren und zur Erlangung eines Bachelor of Arts (oder in den Junior Colleges zu einem entsprechenden niederen Grad) führen. Die neuen Colleges haben sich dem nordamerikanischen Bildungssystem bereitwillig eingeordnet. 1896 lobte John S. Coffman, der Präsident des Elkhart Instituts, die Mennoniten, weil sie sich dem „Geist des Fortschritts“ auf dem Gebiet des Erziehungswesens verschrieben haben - „Lux lucit in tenebris“ (Lasst das Licht in der Finsternis leuchten). In Bluffton sprach Präsident Noah C. Hirshey 1900 davon, die „Räder des Fortschritts“ zu bewegen, und ebenso davon, dass die mennonitischen Colleges eine besondere Sendung haben: „vor der Welt unser Verständnis von Wahrheit und Gerechtigkeit hochzuhalten.“ Jedes dieser Ausbildungsstätten hat einen eigenen, in der mennonitischen Gemeinschaft gründenden Charakter. Auch wenn sie klein und finanziell angespannt waren, sorgten sie für eine solide Ausbildung junger Mennoniten. Alle wurden von den amerikanischen Erziehungsbehörden als „akkreditierte Colleges“ anerkannt.

3. Spezialeinrichtungen: Theologische Seminare und Schulen für den Pflegedienst

Um die Mitte des 20. Jahrhunderts forderten die Gemeinden ein theologisches Spezialstudium für Prediger. Das führte zur Gründung theologischer Seminare, die höhere akademische Abschlüsse anboten. Die Mennonite Church (MC) errichtete 1940 das Goshen College Biblical Seminary und die General Conference Mennoniten folgten 1945 mit dem Mennonite Bbiblical Seminary in Chicago. Beide Seminare entwickelten kooperative Programme und legten so schließlich den Grundstein für den Zusammenschluss beider Einrichtungen zum Associated Mennonite Biblical Seminary (AMBS) auf dem Campus in Elkhart, Indiana. Seit 2012 trägt es den Namen Anabaptist Mennonite Biblical Seminary. Die Mennoniten-Brüdergemeinde gründete 1965 das Mennonite Brethren Seminary in Fresno, California. In Harrisonburg, Virginia, eröffnete die Mennonite Church 1965 ein zweites Seminar, das Eastern Mennonite Seminary. - In Zusammenarbeit mit dem MCC und der Fulbright Commission ist das Angebot von mennonitischen Studierenden in Europa, vor allem aber in Deutschland, nach dem Zweiten Weltkrieg genutzt worden, an mennonitischen Colleges und Seminaren das akademische Leben unter den Mennoniten in Nordamerika kennen zu lernen und das eigene Studium durch ein Auslandsstudium zu bereichern.

Die Mennoniten unterhalten auch Schulen, in denen Krankenschwestern und Krankenpfleger ausgebildet werden, und diese Ausbildungsstätten werden weithin unterstützt. Anfänglich waren das Ausbildungseinrichtungen an mennonitischen Krankenhäusern. Die ältesten dieser Schulen für den Pflegedienst waren die Bethel Deaconess Hospital School of Nursing in Newton, Kansas (errichtet 1908), und die Schule des mennonitischen Krankenhauses in Bloomington, Illinois (errichtet 1920). Als die akademische Ausbildung von Krankenschwestern in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch stärker professionalisiert wurde, übernahmen die mennonitischen Liberal Arts Colleges diese Ausbildung und integrierten sie in ihren eigenen Lehrbetrieb.

4. Mennonitische Colleges in Kanada

Die Mennoniten in Kanada entwickelten ihre eigenen Bibelschulen, Colleges und Universitäten: Rosthern Junior College in Rosthern, Saskatchewan (einst German-English Academy, 1903), Mennonite Brethren Bible College in Winnipeg, Manitoba (1944, später umbenannt in Concord College), Canadian Mennonite Bible College in Winnipeg (1947), das von der Canadian Mennonite Conference (General Conference) unterhalten wurde, und Columbia Bible College in Abbotsford, British Columbia (1970). An der University of Winnipeg errichteten die Mennoniten einen Lehrstuhl für Mennonite Studies, der als unabhängige Einrichtung der Universität angegliedert war, und das Menno Simons College, das Abschlüsse in Internationaler Entwicklung und Konflikt Transformation anbot.

Den Mennoniten war es gelungen, für ihre Institutionen den Status einer Universität zu erlangen. In Ontario taten sich Mennoniten unterschiedlicher Richtungen zusammen, um 1961 das Conrad Grebel University College zu errichten, eine innovative Institution höherer Bildung auf dem Campus einer allgemeinen Universität. Das Conrad Grebel College ist ein College, das der University of Waterloo beigeordnet ist. In Winnipeg, Manitoba, haben sich die drei mennoitischen Colleges (Concord College, Canadian Mennonite Bible College und Menno Simons College) 1998 zur Canadian Mennonite University zusammen geschlossen.

5. Kosten und Verheißung mennonitischer Ausbildung

Das zunächst in den Blick genommene Ziel der Colleges war die Ausbildung von Predigern, Missionaren und Lehrern, die in den mennonitischen Gemeinden arbeiten sollten. Eine ebenso intensive Motivation - wenn so auch nicht öffentlich geäußert - war, jungen Männern und Frauen eine gute Ausbildung in einer „sicheren“ mennonitischen Umgebung zu ermöglichen. John D. Roth bemerkte in seiner Geschichte des mennonitischen Erziehungswesens, dass die mennonitischen Ausbildungsstätten von Anfang an vor allem ein „defensives“ Ziel verfolgten, nämlich mennonitische Traditionen zu erhalten. In den letzten Jahrzehnten haben die mennonitischen Einrichtungen sich aber einer Zusammensetzung der Studierenden und Lehrenden, geöffnet, die nicht mehr streng an die mennonitische Herkunft gebunden ist.

Das Programm höherer Bildung ist finanziell recht aufwendig. Die Mennoniten in den USA - zahlenmäßig keine große Gruppe - unterhalten sieben Colleges und Universitäten und drei theologische Seminare mit einem Jahresbudget von mehreren Millionen Dollars. Mennonitische Mäzene haben gut ausgestattete Standorte mit geeigneten Gebäuden ausgerüstet und sorgen jedes Jahr für ausgeglichene Budgets. Bis vor Kurzem haben mennonitische Familien den Hauptanteil an Studierenden gestellt, die ihre akademischen Einrichtungen besuchen und dafür Studiengebühren entrichten. Nur in Nordamerika haben Mennoniten die Aufgabe übernommen, ihre eigenen Colleges zu führen und immense Kosten für das Privileg zu übernehmen, die nächste Generation von Predigern, Lehrern, Missionaren und Mitgliedern der mennonitischen Kirchen auszubilden. Ungeachtet der Kosten ist diese Aufgabe für viele außerordentlich wichtig. Die Mennonite Weekly Review schrieb, dass die Studierenden „zu einem sehr beträchtlichen Grad die Zukunft der Kirche gestalten werden“ (1965).

Inzwischen haben sich Fragen eingestellt, ob die akademische Ausbildung die enorme Höhe der Ausgaben rechtfertigt und die Kirchen die Colleges weiterhin unterstützen sollten. Alle mennonitischen Colleges, wie die nordamerikanischen Colleges allgemein, haben mit finanziellen Problemen zu kämpfen und müssen sich um die Rekrutierung der Studierenden besonders bemühen. Die Finanzierung durch die Regierungen der Bundesstaaten spielt inzwischen eine größere Rolle in den Budgets der Colleges - allerdings sind diese finanziellen Zuschüsse stets mit Auflagen verbunden. Gleichzeitig scheint die Unterstützung durch die Kirchen nachzulassen. Viele junge Mennoniten haben sich entschlossen, keine kirchlichen Schulen zu besuchen; schon in der Mitte des 20. Jahrhunderts besuchten nur ungefähr die Hälfte der mennonitischen Collegestudenten in den USA und Kanada mennonitische Ausbildungsstätten. Im 21. Jahrhundert ist die Zahl drastisch zurückgegangen (auf 20 % oder weniger). Die übrigen Studierenden besuchen säkulare Schulen oder Schulen anderer Denominationen. In dieser Situation haben die mennonitischen Schulen mehr Studierende aus der allgemeinen Bevölkerung rekrutiert und ihre Ziele erweitert, um sowohl der Kirche als auch den Bedürfnissen der weiteren Gesellschaft gerecht zu werden. John D. Roth schrieb, dass die Schulen heute einen „Auftrag für die Studentenschaft insgesamt“ haben. Die mennonitischen Schulen sind eine verschwindende Minderheit unter den nordamerikanischen Colleges. Dennoch sehen Mennoniten ein großes Potential darin, mit ihren Ausbildungsstätten eine „kreative Minderheit“ der höheren Bildung zu sein.

Literatur (Auswahl)

Perry Bush, Dancing with the Kobzar: Bluffton College and Mennonite Higher Education 1899- 1999, Telford, PA, 2000. -Peggy Goertzen u. a. (Hg.), Tabor College: A Century of Transformation 1908-2008, Hillsboro, KS, 2008. - Albert Meyer, Realizing Our Intentions, Abilene, TX, 2009. - Mennonite Encyclopedia, 4 Bde. (1955) and http://www. Gameo/org (Artikel zu Colleges). - Susan Fisher Miller, Culture for Service: A History of Goshen College, Goshen, IN, 1994. - John Roth, Teaching That Transforms: Why Anabaptist-Mennonite Education Matters, Scottdale, PA, 2011. - John E. Sharp, A School on the Prairie: A Centennial History of Hesston College 1909-2009, Telford, PA, 2009. - Keith L. Sprunger, Bethel College of Kansas 1887-2012, North Newton, KS, 2012.

Keith L. Sprunger

 
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