Spinoza, Baruch (Bento, Benedictus) de

geb. am 24. November 1632 in Amsterdam, gest. am 21. Februar 1677 in Den Haag, Niederlande, Linsenschleifer und Philosoph.

Spinoza entstammte einer portugiesisch-jüdischen Kaufmannsfamilie und wurde von jüdischen Lehrern, vorweg dem berühmten Rabbi Menasseh ben Israel unterrichtet. In den fünfziger Jahren des 17. Jahrhunderts war seine Familie schwer verschuldet, und in der Krise, die darauf folgte, schlossen ihn die Ältesten aus seiner jüdischen Gemeinde aus. Nach diesem Ausschluss änderte er seinen Vornamen in Benedictus und begann, die Gemeinschaft von christlichen Freigeistern zu suchen und als Philosoph von sich Reden zu machen

Heute wird Spinoza als einer der wichtigsten Philosophen der Frühen Neuzeit angesehen. Sein Ruf gründete sich auf seine Ethica, ordine geometrico demonstrata, die erst nach seinem Tod veröffentlicht wurde. In dieser Ethik legte Spinoza eine Reihe gelehrter, miteinander verbundener Theorien zur Metaphysik, Erkenntnislehre, Psychologie und Ethik vor. Hier behauptete er auch, was ihn berühmt machte, nämlich dass Gott der Schöpfung immanent sei. Das war eine pantheistische Anschauung, die ihm den Ruf eines gefährlichen Denkers unter den gewöhnlichen christlichen Theologen eintrug. Zu Lebzeiten verband sich dieser berüchtigte Ruf vor allem mit seinem Tractatus theologico-politicus, den er, wie die Ethik, in den sechziger Jahren des 17. Jahrhunderts zu schreiben begonnen hatte. Gegen seinen eigenen Willen wurde dieser Traktat, wenn auch anonym, 1670 veröffentlicht. Hier legte Spinoza eine detaillierte Analyse der Bibel und eine verkürzte Vision jüdisch-christlicher Glaubens- und Moralvorstellungen vor. So setzte er die Gesetze Gottes mit dem Naturrecht gleich, schmälerte die Rolle der alttestamentlichen Propheten und leugnete den besonderen Status der Wunder. Im 14. Kapitel behauptete er, dass der universale Glaube, wie ihn die Bibel postulierte, nur die Liebe zum Nächsten fordere, und er schlug ein spiritualistisches Verständnis der Person Jesu vor: „Wer dagegen fest glaubt, dass Gott in seiner Barmherzigkeit und Gnade, mit der er alles leitet, den Menschen ihre Sünden vergiebt, wird dadurch in seiner Liebe zu Gott mehr gehoben; er kennt in Wahrheit Christus im Geiste, und in ihm ist Christus.“ Als ob diese Anschauungen nicht schon selbst umstritten genug gewesen seien, verteidigte Spinoza darüber hinaus die Gedanken- und Religionsfreiheit wie die Demokratie als die beste Staatsform. Seine rationalistischen, spiritualistischen Glaubensansichten stimmten mit denjenigen der nonkonformistischen Protestanten wie Jan Rieuwertsz sen., des Herausgebers seines Traktats und eines Mennoniten, überein. Rieuwertsz hatte sich für ein ethisch orientiertes, undogmatisches Christentum eingesetzt. Die niederländischen Behörden überzogen den Traktat 1674 indessen mit der Zensur.

Jan Rieuwertsz (ca. 1617 - 1687) war eine besonders wichtige Gestalt in der Biographie Spinozas. Trotz der frühen und von Spinoza nicht gewollten Veröffentlichung des Traktats war Rieuwertsz dennoch ein enger Verbündeter des Philosophen. Er veröffentlichte alle Werke des Philosophen, die in der Frühen Neuzeit in Umlauf waren, auch Renati Des Cartes Principiorum Philosophiae (1663) und die Opera posthuma (1677) in lateinischer und niederländischer Sprache. Um den wahren Charakter des umstrittenen Traktats zu verschleiern, bediente sich Rieuwertsz einer Vielzahl falscher Namen und fingierter Angaben über Verleger und Druckort.

Jan Rieuwertsz sen. war nur einer von mehreren Mennoniten, die Spinoza in den Jahren nach seinem Ausschluss aus der jüdischen Gemeinde unterstützten. In der wissenschaftlichen Literatur über Spinoza werden diese Mennoniten gelegentlich einfach als Kollegianten beschrieben. Die Kollegianten waren ursprünglich abtrünnige Calvinisten, die sich im frühen 17. Jahrhundert zusammen taten, um sich für ein undogmatisches und nicht konfessionalistisches Christentum einzusetzen. Da sie ihren Anhängern nur wenige Einschränkungen in Lehre und Gottesdienstpraxis auferlegten und religiöse Toleranz propagierten, konnte sich diese Gruppe aus Mitgliedern unterschiedlicher Konfessionen zusammensetzen. Die Mitgliedschaft in den Versammlungen der Kollegianten wurde allerdings zum zentralen Thema im sogenannten Lämmerkrieg, der ungefähr zwischen 1650 und 1670 ausgetragen wurde und schließlich zum Schisma zwischen den konfessionell konservativen Sonnisten und ihren freisinnigen Gegnern, den Lammisten (→Niederlande) führte. Unter den Mennoniten, die zum erregten Flugschriftenkrieg beitrugen und die auch in Kreisen der Kollegianten aktiv waren, gehörten auch der Haarlemer Prediger Jacob Ostens und der Amsterdamer Prediger Galenus Abrahamsz de Haan. Letzterer war die zentrale Figur in den Auseinandersetzungen des Lämmerkriegs auf der Seite der freisinnigen Mennoniten. Der Begriff „mennonitische Kollegianten“ ist kein Widerspruch in sich, es sei denn aus der Sicht traditioneller Konfessionalisten. Für kurze Zeit hielt sich Spinoza in Rijnsburg auf, dem eigentlichen Zentrum kollegiantischer Aktivitäten. Hier könnte er viele seiner späteren Gefährten, wie Rieuwertsz und Ostens, kennen gelernt haben.

Während es keinen Hinweis darauf gibt, dass Spinoza eine besondere Beziehung zu Galenus Abrahamsz de Haan unterhalten habe, waren doch einige Anhänger dieses Predigers unter den engsten Verbündeten des Philosophen zu finden, neben Rieuwertsz noch Pieter Balling, Jan Hendrik Glazemaker und Jarig Jelles. Jeder von ihnen spielte eine besondere Rolle bei der Verbreitung der Schriften Spinozas für ein größeres Publikum. Sowohl Balling als auch Glazemaker waren mit von der Partie, die Schriften Spinozas ins Holländische zu übersetzen, und Jelles hatte sogar das Vorwort zu dessen Opera posthuma geschrieben.

Es gibt kaum einen direkten Beleg dafür, dass Spinozas Gedanken ihren Einfluss auf eine explizite Weise in Kreisen der niederländische Mennoniten nach dem 17. Jahrhundert ausgeübt hätten. Doch die Überzeugungen, die er mit den lammistischen Kollegianten in Bezug auf eine unkomplizierte, ethisch orientierte und tolerante Glaubensauffassung teilte, kann als Teil des Hintergrunds verstanden werden, aus dem die Form des rationalen Christentums hervorging, die von so vielen freisinnigen Mennoniten im 18. Jahrhundert geschätzt wurde.

Schriften (Auswahl)

Baruch de Spinoza, Sämtliche Werke, 7 Bde., Hamburg 1986-1994; Ergänzungsbände 1982 - 2007.

Literatur

K. O. Meinsma, Spinoza en zijn kring, Den Haag 1896. - C. B. Hylkema, Reformateurs, 2 Bde., Groningen und Amsterdam 1900-1902. - L. Kolakowski, Chrétiens sans eglise. Paris 1969. - Ders., The Two Eyes of Spinoza, South Bend 2004. - Hubertus G. Hubbeling, Spinoza, Freiburg und München 1978. - Marja Keyser (Hrsg.), Glazemaker 1682-1982, Amsterdam 1982. - F. Akkerman, J. H. Glazemaker, An Early Translator of Spinoza, in: Spinoza’s Political and Theological Thought, hg. von C. de Deugd, Amsterdam 1984, 23-29. - Wim Klever, De spinozistische prediking van Pieter Balling, in: Doopsgezinde Bijdragen 1988, 55-85. - Wiep van Bunge, On the Early Dutch Reception of the Tractatus theologico-politicus, in: Studia Spinozana 1989, 225-251. - Ders., De bibliotheek van Jacob Ostens, in: Doopsgezinde Bijdragen 2004, 125-140. - Andrew C. Fix, Prophecy and Reason. The Dutch Collegiants and the Early Enlightenment, Princeton 1991. - Helmut Seidel,  Spinoza zur Einführung, Hamburg 1994. - Paolo Cristofolini, L’hérésie spinoziste: la discussion sur le „Tractatus theologico-politicus“, 1670-1677, et la réception immédiate du spinozisme, Amsterdam 1995. - Wolfgang Bartuschat, Baruch de Spinoza, München 1996. - Wiep van Bunge und Wim Klever (Hrsg.), Disguised and Overt Spinozism around 1700, Leiden 1996. - Piet Visser, „Blasphemous and Pernicious“: The Role of Printers and Booksellers in the Spread of Dissident Religious and Philosophical Ideas in The Netherlands in the Second Half of the Seventeenth Century, in: Quaerendo 1996, 303-326. - Manfred Walther, Das Leben Spinozas. Eine Bibliographie, Hannover 1996. - Wim Klever, Mannen rond Spinoza (1650-1700), Hilversum 1997. - J. I. Israel, Locke, Spinoza and the Philosophical Debate concerning Toleration in the Early Enlightenment, Amsterdam 1999. - Ders., The Radical Enlightenment, Oxford 2001. - Steven M. Nadler, Spinoza, Cambridge 1999. - Wolfgang Röd, Benedictus de Spinoza, Stuttgart 2002.

Lexikonartikel

Christian Neff, Art. B. de Spinoza in: Mennonitisches Lexikon, Bd. 4, 223. - Siehe auch ausgewählte Art. in: Wiep van Bunge, et al. (Hg.), The Dictionary of Seventeenth and Eighteenth-Century Dutch Philosophers, 2 Bde., Bristol 2003.

Michael D. Driedger

 
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