Kobelt-Groch, Marion

geb. am 6. April 1955 in Wolfenbüttel, Niedersachsen, Deutschland, gest. am 6. November 2018 in Hamburg, Deutschland; Privatdozentin am Historischen Seminar der Universität Hamburg, Lehrerin an der Grund- und Gemeinschaftsschule Timmendorfer Strand (Schleswig-Holstein); Frühneuzeithistorikerin.

Marion Kobelt-Groch besuchte Schulen in Wolfenbüttel, Lübeck-Travemünde und Lübeck, 1975 bestand sie das Abitur an der dortigen Friedrich-List-Schule. Von 1976 bis 1982 studierte sie an der Universität Hamburg Germanistik, Geschichte, Erziehungswissenschaft, Vor- und Frühgeschichte sowie Sozial- und Wirtschaftsgeschichte. 1982 absolvierte sie die Erste Staatsprüfung für das Lehramt mit dem Schwerpunkt Mittelstufe. Das Referendariat schloss sie 1983 mit der Zweiten Staatsprüfung für das Lehramt an Volks- und Realschulen ab. 1991 wurde sie am Institut für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte mit der von Hans-Jürgen Goertz betreuten Arbeit Aufsässige Töchter Gottes. Frauen im ‚Bauernkrieg‘ und in den Bewegungen der Täufer (1993) promoviert. Seit 1992 übernahm sie am Institut Lehraufträge. im Wintersemester 1995/96 war sie dort als Wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig. 2002 habilitierte sie sich im Fachbereich Sozialwissenschaften der Universität Hamburg im Fach Sozial- und Wirtschaftsgeschichte mit der Arbeit „Judith macht Geschichte. Zur Rezeption einer mythischen Gestalt vom 16. bis 19. Jahrhundert“. Seit ihrer Habilitation lehrte Marion Kobelt-Groch zunächst im Institut für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, seit dessen Eingliederung in das Historische Seminar 2004 im Fachbereich Geschichte. Seit 2009 war sie als Lehrerin an der Grund- und Gemeinschaftsschule in ihrem Wohnort Timmendorfer Strand tätig. Sie war mit dem Studiendirektor Rudolf Groch verheiratet. Der Ehe entstammt eine Tochter.

Schwerpunkte des Wirkens von Marion Kobelt-Groch in Forschung und Lehre waren die Reformationsgeschichte, insbesondere der Bauernkrieg und das Täufertum, die Sozial- und Kulturgeschichte, die Gendergeschichte und die Literaturgeschichte. In ihren Lehrveranstaltungen verband sie diese Aspekte, führte die Studentinnen und Studenten an historische Orte wie Kloster Lüne, Brügge und Münster, in die von ihr sehr geschätzte Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel und die Landesbibliothek in Eutin. Ihre intensive Betreuung, die Hinführung zu frühneuzeitlichen Quellen von Reiseberichten bis zu Leichenpredigten wurden allgemein geschätzt. Ihren Kolleginnen und Kollegen wird sie als engagierte, warmherzige und temperamentvolle Wegbegleiterin in Erinnerung bleiben.

Interdisziplinarität und Internationalität waren auch Kennzeichen ihrer wissenschaftlichen Arbeit, wie neben eigenen Beiträgen auch die von ihr mitherausgegebenen Sammelbände belegen. Frau Kobelt-Groch engagierte sich im Mennonitischen Geschichtsverein und in der Thomas-Müntzer-Gesellschaft. Von 1993 bis 2017 hat sie in der Schriftleitung der „Mennonitischen Geschichtsblätter“ mitgewirkt und maßgeblich zur hohen Qualität dieser Fachzeitschrift beigetragen. Inhaltliche, sprachliche und stilistische Präzision waren ihr gleichermaßen wichtig. Frauen aus dem Täufertum wie Petronella aus dem Kreis der Halberstadter Täufer, Hille Feicken, Ursula Jost, die „Prophetin von Straßburg“, Antje Brons, die Historikerin, und Christine Schmutz, die Täuferin und Templerin, wurden von ihr erforscht. Über Hille Feicken, die „neue Judith“ von Münster, fand sie zum Judith-Stoff in der Literatur, zum Thema ihrer Habilitationsschrift und einer Anthologie, und zum Leben und Werk des Schriftstellers Leopold von Sacher-Masoch. Ein besonderes Interesse galt dem Bild der Mennoniten in der Literatur von Jörg Wickram über Sacher-Masoch bis zu Autoren der Gegenwart. Beiträge zum „Mennonitischen Lexikon“ (MennLex) behandelten die Frauen allgemein, Hille Feicken und Ursula Jost speziell. Für die „Neue Deutsche Biographie“ würdigte sie im 1994 erschienenen 17. Band Menno Simons. Eingehende Studien widmete sie dem weiblichen Antiklerikalismus und dem Umgang mit Kindern im Täufertum. Mit Norbert Fischer gab sie 1997 die Festschrift für Hans-Jürgen Goertz („Außenseiter zwischen Mittelalter und Neuzeit“) heraus, mit Christoph Wiebe 2002 Aufsätze und Reden von Hans-Jürgen Goertz („Das schwierige Erbe der Mennoniten“). Marion Kobelt-Groch, die keine Mennonitin war, sich aber intensiv mit den Lebensformen der Täufer in Geschichte und Gegenwart befasste, hat der Geschichte der Frühen Neuzeit wie der Forschung zum Täufertum, insbesondere zu den Mennoniten, wichtige und weiterführende Impulse gegeben.

Bibliografie (Auswahl)

Werke

Aufsässige Töchter Gottes. Frauen im Bauernkrieg und in den Täuferbewegungen, Frankfurt am Main, New York, N.Y. 1993. - Mit Noerbert Fischer (Hg.), Außenseiter zwischen Mittelalter und Neuzeit. Festschrift für Hans-Jürgen Goertz, Leiden 1997. - Mit Christoph Wiebe (Hg.), Das schwierige Erbe der Mennoniten. Aufsätze und Reden, Leipzig 2002. - Judith macht Geschichte. Zur Rezeption einer mythischen Gestalt vom 16. bis 19. Jahrhundert, München 2005. - Hg., „Ich bin Judith“. Texte und Bilder zur Rezeption eines mythischen Stoffes, Leipzig 2003. - Mit Cornelia Niekus Moore (Hg.), Tod und Jenseits in der Schriftkultur der Frühen Neuzeit, Wiesbaden 2008. - Mit Michael Salewski (Hg.), Leopold von Sacher-Masoch. Ein Wegbereiter des 20. Jahrhunderts, Hildesheim, Zürich, New York, N.Y. 2010. - Mit Mirjam van Veen, Piet Visser, Gary K. Waite. Els Kloek, Anna Voolstra (Hg.), Sisters. Myth and Reality of Anabaptist, Mennonite, and Doopsgezind Women ca. 1525-1900, Leiden 2014. - Mit Larissa Polubojarinova und Olga Kulishkina (Hg.), Phänomenologie, Geschichte und Anthropologie des Reisens, Kiel 2015. - Mit Astrid von Schlachta (Hg.), Mennoniten in der NS-Zeit. Stimmen, Lebenssituationen, Erfahrungen, Bolanden-Weierhof 2017.

Nachruf

Astrid von Schlachta, Marion Kobelt-Groch (1955-2018). Vom „Spürsinn für bislang unentdeckte Details“ in der Geschichte, in: Mennonitische Geschichtsblätter 76, 2019, 227-231.

Franklin Kopitzsch

 
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