Kaufman, Gordon D.

geb. am 22. Juni 1922 in Newton, Kansas, USA, gest. am 22. Juli 2011 in Cambridge, Mass; Professor der Theologie an der Divinity School der Harvard University, Cambridge, Mass., USA.

Gordon D. Kaufman war einer der bekanntesten mennonitischen Theologen der Moderne und ein wichtiger Vertreter des theologischen Liberalismus in Nordamerika. Sein Vater, Edmund G. Kaufman, war während der 1930er und 1940er Jahre Präsident des Bethel College in Kansas.

Kaufmans Collegeausbildung wurde vom Zweiten Weltkrieg unterbrochen. Er war Kriegsdienstverweigerer und leistete seinen Ersatzdienst im Civilian Public Service ab. Später schrieb er, dass diese Erfahrung seinem Leben eine andere Richtung gegeben habe. Zunächst hatte er das Studium der Mathematik aufgenommen, dann aber entschied er sich für Theologie, die ihm angesichts der Krisen in der Welt deutlich relevanter zu sein schien. Die Theologie, so wie er sie entwickelte, stellte stets Anliegen der Ethik in den Mittelpunkt der Erörterungen.

Kaufmann schloss sein Grundstudium 1947 am Bethel College ab und besuchte anschließend die Northwestern University in Chicago, wo er 1948 den Mastertitel im Fach Soziologie erwarb. Danach setzte er das Studium der Theologie an der Yale University in New Haven, Conn., fort, graduierte 1951 zum Bachelor of Divinity und promovierte 1955 zum Doctor of Philosophy an der Yale Divinity School auf dem Fachgebiet der philosophischen Theologie. Einer seiner wichtigsten Hochschullehrer war der weit bekannte Theologe H. Richard H. Niebuhr.

Seit 1953 lehrte Kaufman am Pomona College in Südkalifornien. In dieser Zeit wurde er zum Prediger in der General Conference Mennonite Church ordiniert und hielt an dieser Ordination ein Leben lang fest. 1958 wechselte er an die Vanderbilt Divinity School in Nashville, Tennessee, und wurde schließlich 1963 an die Theologische Fakultät der Harvard Divinity School (Cambridge, Mass.) berufen, wo er bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand und darüber hinaus tätig war.

Seit 1960 veröffentlichte Kaufman eine Reihe wichtiger Bücher, die vor allem wegen ihrer Kürze und Klarheit bemerkenswert waren. Er war ein produktiver Denker und Autor, brachte aber seine Publikationen nicht überstürzt heraus. In jedem seiner Bücher stellte er sich der Herausforderung der Moderne an die Glaubensüberzeugungen der christlichen Kirchen und suchte nach einer für das Wohlergehen der Menschheit förderlichen Deutung.

Sein erstes Buch Relativism, Knowledge and Faith (1960) aktualisierte seine Dissertation (Yale University, 1955) und wurde zu einem Wegweiser seiner weiteren akademischen Laufbahn. Er erkundete die Möglichkeiten für den Glauben angesichts der modernen Welt, die so viele christliche Grundlagen erschüttert hatte.

In den frühen Jahren seiner Lehrtätigkeit stellte Kaufman sich zunächst die Aufgabe, ein dogmatisches Lehrbuch im Anschluss an die herkömmlichen Aufrisse dogmatischer Lehrbücher zu schreiben. So entstand ein umfangreiches, recht konventionelles Handbuch, die Systematic Theology: A Historicist Perspective (1968). Noch bevor das Buch im Druck erschien, hatte Kaufman die Richtung seiner Untersuchungen geändert. Er hatte sich entschlossen, radikalere Fragen an die theologische Tradition zu stellen, indem er sich dem grundsätzlichen Thema jeder Theologie zuwandte, der Frage nach dem Gottesverständnis.

Mit der Veröffentlichung von God the Problem (1972) setzte Kaufman sich an die vorderste Front der akademischen christlichen Theologie. Er distanzierte sich von den eingefahrenen Wegen des Denkens über Gott und schlug vor, moderne Christen sollten ernsthaft und kritisch überdenken, was sie eigentlich meinen, wenn sie Gottes Wirklichkeit in der Welt der Gegenwart beteuern, in der sie selbst leben.

Sein dünnes, aber einflussreiches Buch An Essay on Theological Method (1975, 3. Aufl. 1995) entwickelt das Konzept theologischer Arbeit, dem Kaufman in seinen weiteren Veröffentlichungen folgen wird. Sein Schlüsselprinzip ist die Annahme, dass jede Theologie menschliches Werk ist, sich auf menschliche Fragen bezieht und mit menschlicher Vernunft in Angriff genommen wird. Er widersetzte sich jedem Versuch, theologische Aussagen mit der Behauptung besonderer göttlicher Vollmacht zu versehen. Auch Dogmen und Glaubensbekenntnisse sind in seinen Augen Erzeugnisse des menschlichen Geistes. So räumte er mystifizierend-autoritäre Aussagen über theologische Absolutheiten aus dem Weg und glaubte damit Raum für kreative, von Menschen konstruierte Theologie zu schaffen, die der „Humanisierung“ dienen könnte, d. h. der Menschwerdung der Menschen.

Kaufman begann, seine Bemühungen um eine konstruktive Theologie zu veröffentlichen, zunächst in dem Buch Theological Imagination: Constructing the Concept of God (1981). Er kombinierte seine lebenslange Leidenschaft für die Friedensarbeit mit dem entstehenden konstruktiven theologischen Werk in seiner Theology for a Nuclear Age (1985, dt. 1987), eine Ausarbeitung der Rede, die er 1982 gehalten hatte, nachdem er zum Präsidenten der American Academy of Religion gewählt worden war.

Seine Arbeit erreichte ihren Höhepunkt in seinem umfangreichen Werk In Face of Mystery: A Constructive Theology (1993). Dieses Buch, ein sorgfältig gestaltetes Lehrstück für die Entwicklung einer christlichen Theologie auf der Grundlage der Erfahrung von Menschen der Moderne, erhielt 1995 einen Preis der Academy of Religion. Kaufman überraschte nicht wenige Leser mit seinen Schlussfolgerungen in diesem Buch, das Jesus als Leitbild präsentiert und dessen Weg aufopferungsvoller Liebe als das beste Bild von Gott: Es vermag christlichen Glauben und das menschliche Leben zu bewahren.

Kaufman meinte, dass diese Wertschätzung von Jesus als Leitbild sich aus einer rigorosen Methode theologischer Konstruktion ergab, die auf ganz und gar modernen Prämissen ruhte. Er reklamierte keinen Offenbarungsanspruch für Schrift oder Tradition, sondern verstand die gesamte theologische Arbeit als menschliches Werk, das im Raum der Geschichte auf der Grundlage historischer Erkenntnis geleistet wird. Eine zentrale Quelle seines Denkens war die moderne Wissenschaft mit ihrer Evolutionstheorie. Er unterstützte nicht den christlichen Anspruch auf einen einzigartigen Zugang zur Wahrheit. Stattdessen meinte er, was auch immer für die christliche Theologie wahr sei, müsse Früchte bringen im Leben, das an der Seite von Menschen zu führen ist, die eines anderen Glaubens sind oder überhaupt nicht glauben.

God, Mystery, Diversity: Christian Theology in a Pluralistic Age (1996) ist eine kürzere und leichter zugängliche Fassung seines Hauptwerks In Face of Mystery und erörterte auch Kaufmans Auffassungen von den Beziehungen der Religionen untereinander. Er hatte zahlreiche Semester in religiös verschiedener Umgebung als Gastdozent in China, England, Südafrika, Japan und Indien gelehrt und Studien getrieben.

Die beiden letzten Bücher Kaufmans In the Beginning … Creativity (2004) und Jesus and Creativity (2006) sind als ausgeweitete Fußnoten zu verstehen, in denen Kaufman seine Überlegungen zu den wichtigsten Themen des großen Buchs aus dem Jahr 1993 weiterführt.

In diesen Büchern schlägt er vor, den Begriff „Gott“ am besten als „serendipitous creativity“ (sich überraschend zum Guten wendende Schöpfungskraft) zu verstehen - nicht als personenähnliches Wesen, das das Universum kontrolliert.

Auch wenn sich Kaufmans akademische Laufbahn weit von seiner frühen mennonitischen Umgebung vollzog, blieb er der Tradition der Mennoniten verpflichtet. Er arbeitete in Leitungsgremien sowohl des Bethel Colleges als auch des Mennonite Biblical Seminary mit und sein fortwährendes Interesse an mennonitischen Themen mag an seinem Buch Nonresistance and Responsibility: And other Mennonite Essays (1979) abzulesen sein, ebenso an zahlreichen autobiographischen Essays, die er in späteren Jahren veröffentlichte. Er schrieb: „Mennonitische Überzeugungen liegen meiner eigenen Identität zutiefst zu Grunde und haben auf mancherlei Weise mein Denken und Verhalten das ganze Leben lang geprägt; ich gestehe, dass es ein mennonitischer Zug ist, der für mein Leben und Werk als christlicher Theologe bestimmend war“ (Gordon Kaufman, Apologia Pro Vita Sua, S. 127).

Sein Anliegen, Ethik mit theologischer Reflexion zu verbinden, war wohl das entschiedendste mennonitische Element der Theologie Kaufmans. Er war kein Biblizist und verbrachte nicht viel Zeit damit, theologisch über die christliche Gemeinschaft nachzudenken, zwei zentrale Punkte theologischer Arbeit unter Mennoniten in Nordamerika (s. vor allem bei John Howard →Yoder). Kaufman hat sich stets darauf konzentriert, die Theologie letztlich als bedeutsam für die Aufgabe der „Humanisierung“ zu erweisen, indem er nach Möglichkeiten suchte, Frieden auf Erden zu schaffen.

Kaufmans Theologie rief in Kreisen mennonitischer Theologen immer sehr gegensätzliche Antworten hervor. Sein Zugang zur Theologie eher über die Naturwissenschaft und andere akademische Disziplinen als von der Schrift und der Kirche her, trennte ihn von den meisten mennonitischen Theologen, deren Arbeit mit kirchlichen Colleges oder Seminaren verbunden war. Nur gelegentlich sprach oder veröffentlichte er im mennonitischen Kontext. Besonders aber nach dem Erscheinen seines Buches In Face of Mystery (1993) wurde sein Werk trotzdem als Ausdruck mennonitischer Sichtweise anerkannt, derzufolge christlicher Glaube in der Orientierung an Leben und Verkündigung Jesu seine eigentliche Gestalt annimmt.

Kaufman wurde mit zwei Festschriften geehrt: Zum einen mit Theology at the End of Modernity: Essays in Honor of Gordon D. Kaufman, herausgegeben von Sheila Greeve Daveney (1991) und zugeignet von langjährigen Kollegen und einigen seiner Schüler; zum anderen mit Mennonite Theology in Face of Modernity: Essays in Honor of Gordon D. Kaufman, hg. von Alain Epp Weaver (1996), ein Versuch, Kaufmans Theologie aus mennonitischer Perspektive zu würdigen.

Bibliografie (Auswahl)

Schriften Gordon D. Kaufmans

Relativism, Knowledge, and Faith. Chicago 1960. - God the Problem. Cambridge, MA, 1972. - Systematic Theology: A Historicist Perspective, 2. Aufl., New York 1978. - Nonresistance and Responsibility and Other Mennonite Essays. Newton, KS, 1979. - The Theological Imagination: Constructing the Concept of God. Philadelphia,Pa., 1981. - Theology for a Nuclear Age. Philadelphia,PA, 1985; dt. Theologie für das Nuklearzeitalter, München 1987. - Apologia Pro Vita Sua, in: Harry Loewen (Hg.), Why I Am a Mennonite. Essays on Mennonite Identity, Kitchener, Ont., und Scottdale, PA, 1988, 126-138. - In Face of Mystery: A Constructive Theology. Cambridge, MA, 1993. - An Essay on Theological Method, 3. Aufl., Atlanta 1995. - God—Mystery—Diversity: Christian Theology in a Pluralistic World. Minneapolis 1996.- In the Beginning …Creativity, Minneapolis 2004. - Jesus and Creativity, Minneapolis 2006. - Mennonitische Friedenstheologie in einer religiös pluralistischen Welt, in: Mennonitische Geschichtsblätter 2006, 111-132.

Literatur

American Journal of Theology and Philosophy 29, 1 2008 (Sondernummer zu Gordon Kaufmans letzten beiden Büchern). - Sheila Greeve Davaney (Hg.), Theology at the End of Modernity: Essays in Honor of Gordon D. Kaufman. Philadelphia, PA, 1991. - Gary Dorrien, The Making of American Liberal Theology, Bd. 3: Crisis, Irony, & Postmodernity, 1950-2005, Louisville 2006, 307-324. - Thomas A. James, In Face of Reality: The Constructive Theology of Gordon D. Kaufman, Eugene, OR, 2011. - Mennonite Life 52, 1, 1997 (Sondernummer zur Theologie Gordon Kaufmans). - Kenneth Nordgren, God As Problem and Possibility: A Critical Study of Gordon Kaufman’s Thought Toward a Spacious Theology. Uppsala 2003. - Alain Epp Weaver (Hg.), Mennonite Theology in Face of Modernity: Essays in Honor of Gordon D. Kaufman. North Newton, KS, 1996.

Ted Grimsrud

 
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