Harding, Vincent

geb. am 25. Juli 1931 in Harlem (New York), gest. am 19. Mai 2014 in Philadelphia, Pa.; führender mennonitischer afroamerikanischer Pastor, Gelehrter und Bürgerrechtler.

Vincent Harding wurde als Sohn von Immigranten aus Barbados geboren und wuchs in einer schwarzen Kirchengemeinde der Siebenten-Tags-Adventisten auf. Er erwarb einen B. A. in Geschichte vom City College in New York und einen M. S. in Journalismus von der Columbia University. Von 1953 bis 1955 diente er in der U. S. Army in Fort Dix, New Jersey. 1955 begann er mit einem Promotionsstudium an der University of Chicago (MA 1956), das er mit einer Promotion in Geschichte 1965 abschloss (Ph. D.), und war Pastor einer Adventistengemeinde im Süden Chicagos. Seine erste akademische Anstellung fand er am Atlanta Spelman College. In seinem Studium der Kirchengeschichte lernte er das Täufertum kennen. Es zog ihn mit seiner Botschaft der radikalen Jüngerschaft und seiner kritischen Haltung gegenüber der obrigkeitlich-bürgerlichen Ordnung an. Er traf auf Leiter einer mennonitischen Gemeinde im Stadtteil Woodlawn, die mit dem Mennonite Biblical Seminary in Verbindung standen. 1957 nahm er eine Einladung an, dort als Pastor unter anderen Pastoren mitzuarbeiten. Einige Jahre später, 1960, heiratete er Rosemarie Freeney, eine mennonitische Afroamerikanerin, die der Mennonite Church in Chicago angehörte und das Goshen College in Indiana absolviert hatte. Aus der Ehe mit Rosemarie Freeney gingen zwei Kinder hervor: die Tochter Rachel und der Sohn Jonathan. Nach dem Tod seiner Frau heiratete Vincent Harding 2014 Aljosie Aldrich.

Als ausgesprochen geradliniger und charismatischer Redner wurde Harding schnell innerhalb der mennonitischen Gemeinschaft zu einem prominenten Sprecher für Rassenbeziehungen. Er sprach landesweit in mennonitischen Kirchen und auf Konferenzen und nahm Positionen in mennonitischen Gremien ein. Er forderte die Kirche zu einem aktiveren Zeugnis für die Beziehung der Rassen untereinander auf. Im Jahr 1959 begleitete er vier befreundete Kirchenmitglieder auf ihrer Reise in den amerikanischen Süden, um die Wirklichkeit und die Konflikte der Rassentrennung aus erster Hand zu untersuchen. Die Reise führte ihn auch nach Montgomery, Alabama, wo die Gruppe den Bürgerrechtsführer Martin Luther King besuchte. 1961 zogen Vincent und seine erste Frau von Chicago nach Atlanta und gründeten dort ein „Mennonite House“, das ein Ort für Freiwilligendienste und ein Zentrum der Bürgerrechtsbewegung wurde. Harding nahm auch an den Aktivitäten der Southern Christian Leadership Conference von Martin Luther King teil. Für seine Protestaktionen verbüßte er eine Gefängnisstrafe. Zu Hardings zahlreichen Verbindungen gehörte ein Besuch des Mennonite Mission Center in Gulfport, Mississippi. Er forderte das Missionswerk auf, in Bürgerrechtsproblemen aktiver zu werden und eine neue mennonitische Gemeinde von Schwarzen und Weißen zu gründen. Hardings berühmteste Rede „Eine Zeit, das Schweigen zu brechen“ schrieb er für Martin Luther King, der sie im April 1967 in der Riverside Church in New York gehalten hat. Diese Rede verurteilte den amerikanischen Krieg in Vietnam und spaltete die Bürgerrechtsbewegung in der Kriegsfrage.

1967 präsentierte Harding seine am meisten gefeierte Rede auf der →Mennonitischen Weltkonferenz in Amsterdam, Niederlande. Er warf den Mennoniten Gleichgültigkeit gegenüber der „explosiven Welt der Farben und der Revolution“ vor. Zu dieser Zeit entfernte sich Harding aus dem kirchlich - mennonitischen Wirkungskreis. Er hatte sich vom →Mennonite Central Committee und auch vom Vorstand für Christliche Dienste der General Conference zurückgezogen. Schließlich war er nicht mehr in einer mennonitischen Gemeindeleitung tätig.

Als idealistische junge mennonitische Lehrer ihn fragten, ob sie in schwarzen Colleges im Süden unterrichten sollten, riet Harding ihnen, zu Hause zu bleiben und an weißen Mennoniten-Colleges zu unterrichten, wo ihr Antirassismus wirklich gebraucht würde. Hardings Reaktion auf die Black-Power-Bewegung illustriert seine zunehmende Radikalität. 1968 stimmte er in einem Artikel Black Power-Führern zu, dass die größte Notwendigkeit darin bestehe, „ihre eigene schwarze Gemeinschaft“ aufzubauen. Er warf Martin Luther King vor, nicht „klar und präzise im Sinne der zentralen radikalen Überzeugungen hinsichtlich Amerikas zu handeln“. Harding sagte, dass die Führer der Bewegung von Martin Luther King und der Black Power „einander brauchen“. Nach Kings Tod 1968 wurde Harding Direktor des Martin Luther King Memorial Center (bis 1970) und später Chairman des Institute of the Black World. In den folgenden Jahrzehnten war er einer der einflussreichsten amerikanischen Gelehrten der afroamerikanischen Bewegung.

Er lehrte an der Temple University, der University of Pennsylvania und von 1981 bis 2004 am Iliff Theological Seminary in Denver, Colorado, und wurde Vorsitzender des Veterans of Hope Project. Unter seinen Büchern war das Opus Magnum There is a River, the Black Struggle for Freedom in America (1981). Er folgte weiterhin Einladungen, an mennonitischen Colleges und vor mennonitischen Konferenzen zu sprechen, wo er wohlwollend die „Wir“ - Sprache benutzte, um seine Identifikation mit der mennonitischen Zuhörerschaft zu betonen.

Literatur (Auswahl)

Vincent Harding,The Religion of Black Power, in: The Religious Situation: 1968, hg. von Donald R. Cutler, Boston 1968, S. 3-38. Gemeinsam mit John Hendrik Clake, Slave Trade and Slavery, New York 1970. - Vincent Harding, The Other American Revolution, Los Angeles1980/82, zahlr. Aufl.). - Vincent Harding, There is a River, the Black Struggle for Freedom in America, New York 1981. - Ders., Hope and History. Why We Must Share the Story of the Movement, New York 1990 (9 Aufl. bis 2009). - Ders., Martin Luther King. The Inconvenient Hero, New York 1996. -Tobin Miller Shearer, A Prophet Pushed Out: Vincent Harding and the Mennonites, in: Mennonite Life, Bd. 69, 2015.

James Juhnke

 
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