Erasmus, Desiderius, von Rotterdam

geb. am 17./28. Oktober 1466/1469 in Gouda oder Rotterdam, Niederlande, gest. am 12. Juli 1536 in Basel; Humanist und Theologe.

Wohl als unehelicher Sohn eines Priesters geboren, erhielt er seine Schulbildung in Gouda, dann in Deventer unter dem Einfluss der Devotio moderna. 1487 tritt er bei den Augustiner-Chorherren ein, 1492 wird er zum Priester geweiht. Die Stellung eines Sekretärs des Bischofs von Cambrai seit 1493 eröffnete Erasmus die Möglichkeit eines akademischen Studiums (seit 1495 in Paris). Damit begannen lebenslange Wanderjahre, die nur zwischenzeitlich von einzelnen längeren Aufenthalten unterbrochen wurden. In Paris als Privatlehrer arbeitend, widmete sich Erasmus humanistischen Studien (De conscribendis epistolis, 1496; erste Fassung der Adagia, 1500). Bei einem Besuch in England 1499 wandte er sich unter dem Einfluss J. Colets der Bibeltheologie zu, die mit der humanistischen Gelehrsamkeit zu vereinen fortan sein Lebensziel bildete: durch die Verbindung von „bonae litterae“ und „sacrae litterae“ sollte die Religion vergeistigt, d.h. durch Bildung die mittelalterliche Zeremonialreligion überwunden und die christliche Frömmigkeit verinnerlicht und versittlicht werden.

Eine erste Frucht dieses Bemühens ist das Enchiridion Militis Christiani (1501/1503), eine Erbauungsschrift, die die ethische Ausrichtung an der praktischen philosophia Christi als Weg zur Überwindung der Leidenschaften und zum Aufstieg des Geistes empfiehlt. Seit seiner Neu-Entdeckung durch die reformatorische Bewegung 1518 wurde es zu einem der wichtigsten Erbauungsbücher seiner Zeit. Seinem Freund Thomas Morus widmete Erasmus 1511 das in dieselbe Richtung zielende satirische Moriae Encomium, das der falschen Torheit der Welt die wahre Torheit des Kreuzes entgegenhält. In den Querela pacis (1517) kritisierte Erasmus die Bereitschaft der verweltlichten Kirche, sich in Kriege hineinziehen zu lassen oder gar selbst zu führen (Papst Julius II.), und entwirft die Utopie einer an Christus orientierten pazifistischen Weltordnung.

Seit 1516 erschienen als Grundlage der Erneuerung der Theologie in dichter Folge Ausgaben der Kirchenväter (Hieronymus, Cyprian, Arnobius, Hilarius, Chrysostomus, Irenäus, Origenes, Ambrosius, Augustinus), im selben Jahr brachte Erasmus auch die erste kritische Ausgabe des griechischen Neuen Testaments heraus, vorbereitet durch die Edition der Annotationes Lorenzo Vallas (1509). Seine erfolgreichsten religiösen Schriften waren die Paraphrasen, philologisch und theologisch-erbaulich kommentierende Nacherzählungen, die 1517-1524 sämtliche Schriften des Neuen Testaments (mit Ausnahme der Offenbarung des Johannes) behandelten. 1525 ließ er sich von englischen Freunden mit der De libero arbitrio diatribe zu einer Grundsatzdiskussion über die anthropologischen und bibelhermeneutischen Voraussetzungen der Reformation ⇒ Martin Luthers bzw. seines eigenen Reformprogramms drängen. Wo Luther augustinisch die absolute Freiheit der Gnade (und damit die Unfreiheit des Menschen) annimmt, muss Erasmus für eine Versittlichung der Religion einen freien Willen annehmen, der mit der göttlichen Gnade harmonisch zusammenwirkt. Auf Luthers endgültige Absage an Erasmus mit De servo arbitrio (1525) antwortete er 1526/1527 nocheinmal mit dem Hyperaspistes. Erasmus ließ sich 1517 zwar von den Ordensgelübden entbinden, blieb aber zeitlebens katholisch. Die Kontroverse mit Luther bedeutete einen endgültigen Bruch mit der Reformation, deren Anliegen er zunächst positiv gegenübergestanden hatte, da sie sich mit seinem eigenem Reformprogramm verbinden zu lassen schienen. Das letzte größere Werk ist der Ecclesiastes (1535), eine Untersuchung über die Kunst der Predigt und den Bischof als Prediger.

Das Verhältnis des Erasmus zum Täufertum (→Täufer, täuferische Bewegungen) ist in der Forschung umstritten. Dabei sind die persönliche Einstellung des Erasmus zum Täufertum einerseits und seine Wirkung auf das Täufertum andererseits zu unterscheiden.

Aus Werk und Briefen des Erasmus lässt sich nicht erkennen, dass er täuferische Schriften wahrgenommen oder Täufer persönlich gekannt hätte. Balthasar → Hubmaier erwähnt ein Treffen mit Erasmus, doch fand dies statt, bevor sich Hubmaier zum Täufertum bekannte. Über Lehren und Entwicklung des Täufertums erfuhr Erasmus vor allem durch seine Korrespondenten. In seinen Schriften hat er sich nirgends zusammenhängend über das Täufertum geäussert, in seinen Briefen beurteilt er die Täufer wie die gängige Meinung überwiegend negativ als Aufrührer und Ketzer, ja als eine der ägyptischen Plagen. Gelegentlich bedauert er die Täufer als Wahnsinnige, die selbst ihren Tod suchen, vereinzelt erwähnt er zwar die ethische Standhaftigkeit der Täufer, deutet sie jedoch (wie ebenfalls üblich) als Verstockung.

Dennoch wurde Erasmus sowohl von Zeitgenossen als auch von der späteren Forschung positiv mit dem Täufertum in Verbindung gebracht. Die zeitgenössischen Gegner auf katholischer (Noël Beda) wie auf evangelischer Seite (Luther) bezogen sich dabei vor allem auf einige Äusserungen des Erasmus zur Wirksamkeit und Gültigkeit des Taufsakraments. In seiner Vorrede zur Paraphrase des Matthäus-Evangeliums (1522) hatte sich Erasmus nicht nur für die Bibellektüre der Laien ausgesprochen, sondern auch angeregt, Jugendliche einer Katechese zu unterziehen und eine nachträgliche Bestätigung des Taufsakraments in einer eigenen Zeremonie zu begehen. 1528 hat Erasmus diese Meinung nochmals verteidigt, doch anders als die Täufer weder die Berechtigung und Notwendigkeit der Kindertaufe bestritten noch auch eine Wiederholung der Taufe gefordert.

Die in der Forschung immer wieder behauptete positive Beziehung des Erasmus zum Täufertum stützt sich auf die Annahme, die Schriften des Erasmus hätten einen weitreichenden, ja entscheidenden Einfluss für die Entstehung des Täufertums gehabt. Tatsächlich forderten Teile des schweizerischen und niederländischens Täufertums ein pazifistisches und irenisches Nachfolgechristentum, wie es auch Erasmus propagiert hatte, doch lassen sich keine direkten literarischen Abhängigkeiten nachweisen. Die gemeinsame Forderung eines christlichen Pazifismus und einer Hinwendung zur „philosophia Christi“ als kritischer Norm des Christentums werden deshalb heute nicht mehr als ideengeschichtliche Abhängigkeit, sondern als gemeinsame Verwurzelung im spätmittelalterlichen Frömmigkeitsideal der Devotio moderna gesehen. Die Paraphrasen des Erasmus erfreuten sich (in der Übersetzung Leo Juds) bis ins späte 16. Jahrhundert allgemeiner Wertschätzung im Täufertum, bei einigen täuferischen Theologen (Hubmaier, ⇒ Peter Riedemann, ⇒ Menno Simons, ⇒ Dirk Philips) lassen sich gar direkte Lesespuren finden. Doch unterscheidet sich diese Rezeption in nichts von ihrer in allen Konfessionen verbreiteten Wertschätzung des exegetischen Hauptwerkes des bedeutendsten Gelehrten seiner Zeit.

Die irrige Vorstellung, die Theologie des frühen Täufertums gehe in ihren Hauptideen direkt auf die Schriften des Erasmus zurück, verdankt sich den religionsgeschichtlichen Arbeiten Ludwig Kellers (1885), der einen bis ins Corpus Johanneum zurückgehenden spiritualistisch-pazifistischen Traditionstrom jenseits der verfassten Kirchen des Abendlandes behauptete, der in der humanistischen Theologie des Erasmus kulminiere und von dort im Täufertum aufgenommen worden sei. Durch ⇒ Walther Köhler wurde dies als These, Erasmus sei der „geistige Vaters des Täufertums“ (1913), zur communis opinio der Täuferforschung. Schon 1935 wehrte sich jedoch sein Schüler ⇒ Harold S. Bender gegen die Vorstellung, das (von ihm als freikirchlich aufgefasste) Täufertum könne andere als biblische Quellen gehabt haben. Auch wenn Benders Kritik eher dogmatische als historische Gründe besaß, ist sie doch sowohl durch die „normative“ als auch durch die „revisionistische“ weitere Forschung bestätigt worden, die trotz einiger Bemühungen keine Hinweise für einen entscheidenden Einfluss des Erasmus auf das entstehende Täufertum geltend machen konnte.

Die Frage des Einflusses einer Größe wie des erasmianischen Humanismus auf eine disparate Bewegung wie das Täufertum erweist sich weniger als sachliche denn als Frage der historiographischen Perspektive. Erst in der geistesgeschichtlichen Abstraktion geraten inhaltliche Parallelen vermeintlich zeitloser „Positionen“ wie Pazifismus, Spiritualisierung, Nachfolgeethik u. ä. in den Blick. Gerade diese Abstraktion entzieht sie aber auch ihrer konkreten historischen Überprüfbarkeit. Eine positive Abhängigkeit des Täufertums von Erasmus wird heute deshalb nur noch von wenigen Forschern vertreten.

Werke

Opera Omnia, hg. v. J. Leclerc, 11. Bde., Leiden 1703-1706 (= ND 1962). - Opera Omnia, hg. von J. H. Waszink / L.-E. Halkin / C. Reedijk / C. M. Bruehl (Königlich Niederländische Akademie der Wissenschaften), 26 Bde., Amsterdam 1969ff. - Opus Epistolarum, hg. v. P.S. Allen, 11 Bde., Oxford 1906-1947.

Literatur

Johan Huizinga, Erasmus, Haarlem 1924. - Cornelis Augustijn, Erasmus, in: Theologische Realenzyklopädie, Berlin / New York 1982, 1-18. - Ders., Erasmus von Rotterdam, München 1986. - Ders., Erasmus and Menno, in: Mennonite Quarterly Review LX, 1986, 496-508. - Ders., Erasmus. Der Humanist als Theologe und Kirchenreformer. Leiden 1996. - Léon-Ernest Halkin, Érasme et l’anabaptisme, in: Marc Lienhard (Hg.), Bibliotheca Dissidentium. Scripta et Studia 1, Baden-Baden 1983, 61-77. - Ders., Erasmus von Rotterdam. Eine Biographie, Zürich 1992. - Marc Lienhard, Die Radikalen des 16. Jahrhunderts und Erasmus, in: Marianne Mout und Heribert Smolinsky (Hg.), Erasmianism. Idea and Reality, Amsterdam / Oxford / New York 1997, 91-104. - Abraham Friesen, Erasmus, the Anabaptists and the Great Commission, Grand Rapids und Cambridge 1998. - Wilhelm Ribhegge, Erasmus von Rotterdam, Darmstadt 2009. - Anselm Schubert, Täufertum und Humanismus. Kurze Anmerkungen zu einer langen Forschungsdebatte, in: Mennonitische Geschichtsblätter, 2007, 9-28 (Lit. ).

Anselm Schubert

 
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