Bartel, Albert

geb. am 12. Juli 1902 in Dragass, Kreis Schwetz, Westpreußen, gest. am 3. November 1983 in Espelkamp (Westfalen), Deutschland; Ältester der Mennonitengemeinden Tragheimerweide (Westpr.), Bremen und Espelkamp.

Albert Bartel ist mit drei jüngeren Geschwistern auf dem elterlichen Bauernhof in Westpreußen aufgewachsen und betrieb Landwirtschaft. 1934 heiratete er Meta Goerz, mit der er sieben Kinder hatte. Von der Mennonitengemeinde Tragheimerweide in Westpreußen wurde Albert Bartel 1939 zum Prediger und 1940 zum Ältesten gewählt. Nach Flucht und russischer Gefangenschaft kam er 1948 mit seiner Frau und sechs Kindern in die Nähe von Bremen. In demselben Jahr wurde er Ältester der von Flüchtlingen neu gegründeten Mennonitengemeinde Bremen. Auch diente er seit jener Zeit als Reiseprediger, um die versprengt lebenden Mennoniten zu sammeln und zu betreuen.

Am 21. September 1952 wurde ebenfalls von Flüchtlingen die Mennonitengemeinde →Espelkamp im heutigen Landkreis Minden-Lübbecke in Ostwestfalen gegründet. Albert Bartel hielt die Festpredigt zur Gemeindegründung über 1. Korinther 3,11, den Wahlspruch von ⇒ Menno Simons. Im Herbst 1953 folgte Bartel dem Ruf der Gemeinde nach Espelkamp und wirkte nun als Ältester der beiden Gemeinden Espelkamp und Bremen. Darüber hinaus betreute er weiterhin verstreut lebende Gruppen mennonitischer Flüchtlinge im west- und norddeutschen Raum von Recklinghausen über Hameln und Bremerhaven bis Flensburg.

Albert Bartel wurde von Anfang an als umsichtiger und origineller Verkündiger des Wortes Gottes geschätzt. Er sah sich berufen, eine Gemeinde nach täuferischem Vorbild aufzubauen und zugleich Gottes Segen für die junge Stadt Espelkamp zu erbitten. Zu dem langjährigen Leiter der stadtmissionarischen Arbeit nordamerikanischer Mennoniten in Espelkamp, John Gingerich, unterhielt er eine gute persönliche Beziehung. Am 3. November 1964 besuchte er das Durchgangslager Stukenbrock. Dort befanden sich auch mennonitische Rückwanderer aus Paraguay, die Albert Bartel nach Espelkamp in die Gemeinde einlud. Ab 1965 zogen daraufhin etliche Familien aus Paraguay und einzelne auch aus Uruguay nach Espelkamp und schlossen sich der Gemeinde an. In den siebziger Jahren erhielt die Gemeinde starken Zuwachs durch Aussiedler aus der damaligen Sowjetunion. Nach dreißig Jahren aufopferungsvollem Dienst legte Albert Bartel im Juli 1983 das Ältestenamt aus Gesundheits- und Altersgründen nieder. Er war der letzte noch amtierende Älteste, der bereits vor dem Zweiten Weltkrieg in einer westpreußischen Gemeinde in dieses Amt gewählt worden war.

Albert Bartel vereinigte in sich feste Prinzipien mit viel Verständnis für andere und anderes. Ihn charakterisierte ein fester Glaube und ein weites Herz. Er achtete, liebte und pflegte Traditionen, vornehmlich die aus Westpreußen, aber er akzeptierte auch andere Formen gemeindlichen Lebens. Neuangekommenen mennonitischen Aussiedlern ging er bei Hausbesuchen gerne entgegen, um sie mit vertrautem Plautdietsch zu begrüßen. Manchen Gemeindegliedern wurde die Aufnahme neuer Glieder gelegentlich zu rasch vollzogen, wenn ihnen das erforderliche Bekenntnis zu Christus noch zu unklar erschienen war. Den Ruf des Evangeliums zur Selbstprüfung und zur Buße hat Albert Bartel durchaus gekannt und wiederholt. Ihm war bewusst, dass ein Mensch sündigt und dass ihm auch selbst in seinem Leben trotz bester Absichten manches fehlgeschlagen war. Er war selbstkritisch genug, um zu wissen, dass keiner nur Gutes und Richtiges in seinem Leben tun könne. Aber gerade das hat ihn zum geistlichen Vater und Seelsorger für viele gemacht. Kam es zu Konfrontationen mit anderen, so war er als friedliebender Mensch mit seinem ausgleichenden Wesen um Versöhnung bemüht.

Aufbau und Leitung der Mennonitengemeinde Espelkamp über drei Jahrzehnte hinweg dürfen als sein Lebenswerk bezeichnet werden. Die Integration westpreußischer Flüchtlinge, südamerikanischer Heimkehrer und Aussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion in einer Gemeinde war unter seiner Leitung möglich geworden und weitgehend gelungen. So hat er seinen Flüchtlingsgemeinden in eindrucksvoller Weise das Gefühl geistlicher Heimat bewahrt. Wie zerbrechlich er selbst das Gefüge der Gemeinde einschätzte, zeigten seine persönlichen Worte anlässlich seiner Verabschiedung aus dem Ältestenamt: „Ich scheide mit der großen Sorge, dass die Gemeinde zerfällt. Aber einer ist da, der alles in seiner Hand hält und auch den Weg für diese Gemeinde gezeichnet hat.“

Literatur

Horst Neufeld, Peter Bartel und Peter J. Foth, Die Mennoniten- und Brüdergemeinden sowie weitere Freikirchen, in: Dirk Möllering (Hg.), Gemeinden und Seelsorge im Altkreis Lübbecke, Lübbecke 2006, 409ff. - Kurt Ewert, Mennoniten-Gemeinde Espelkamp e.V. - Entstehung - Aufbau - Entwicklung, in: Festschrift: 40 Jahre Mennonitengemeinde Espelkamp e.V. 1952 - 1992, Espelkamp 1992, 3 ff. - Kurt Klaassen, Mennoniten-Gemeinde Espelkamp 1952-1992, in: Festschrift: 40 Jahre Mennonitengemeinde Espelkamp e.V. 1952 - 1992, Espelkamp 1992, 8 ff. - Irmgard Hübert, Espelkamp dankt seinem Ältesten, in: Gemeinde Unterwegs, 10. Jg., Oktober 1983, 116f. - Irmgard Hübert, Verabschiedung des Ältesten Albert Bartel Espelkamp, in: Mennonitische Blätter, 10, November 1983, 171. - Kurt Klaassen, Albert Bartel, in: Der Bote, 60. Jg., 21. Dezember 1983, 6. - Kurt Klaassen, Albert Bartel, in: Mennonitische Blätter, 10, Dezember 1983, 190. - Kurt Klaassen, Albert Bartel 1902 - 1983, in: Gemeinde Unterwegs, 11, Januar 1984, 8. - Peter J. Foth, Trauerpredigt für den Ältesten Albert Bartel/Espelkamp am 8. November 1983, in: Mennonitische Blätter, 11, Januar 1984, 8 f.

Wilfried Jotter

 
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