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Old Colony Mennonites (Altkolonier-Mennoniten)

1. Anfänge und soziale Strukturen

Die Old Colony Mennoniten zählen ungefähr 200 000 Personen in →Nord- und →Südamerika. Sie stammen von ungefähr 6000 Mennoniten ab, die in den 1920er Jahren aus dem Westen Kanadas nach Mexiko auswanderten, weil die Provinzregierungen von Manitoba und Saskatchewan im Gegensatz zu ihren früheren Versprechen mennonitische Privatschulen schlossen und die mennonitischen Kinder zwangen, öffentliche, Englisch sprechende, „weltliche“ Schulen zu besuchen.

In Mexiko, wo die Altkolonier Privilegien erhielten, die sie sich erbeten hatten, errichteten sie drei „Eltern“-Kolonien: Manitoba, Swift und Durango. Die beiden ersten, Manitoba und Swift, die nach ihren Ursprungsorten in Kanada benannt wurden, liegen in der Nähe von Cuauhtemoc im Staat Chihuahua und Durango nahe Nuevo Ideal im Staat Durango.

Zahlreiche Grundzüge der heutigen Old Colony Mennoniten wurden von ihren Vorfahren geformt, die vor zweieinhalb Jahrhunderten in der Weichselniederung Polens (→Westpreußen) und ein Jahrhundert lang im Süden →Russlands lebten. Ihren Namen erhielten sie von der alten Kolonie Chortiza in der Ukraine. Während dieser Zeit waren Privilegien mit den polnischen und russischen Obrigkeiten zur Befreiung vom Wehrdienst ausgehandelt worden. Der plattdeutsche Dialekt (→Plautdietsch) war von ihren deutschen Nachbarn in Polen als Alltagssprache übernommen worden. Hochdeutsch wurde zu ihrer Gottesdienstsprache. Grundschulen wurden für Jungen und Mädchen errichtet. „Theilungskontrakte“ wurden für die Ländereien aufgelegt. Das Waisenamt sorgte für die ordnungsgemäße Erbschaftsverteilung und setzte sich dafür ein, dass Jungen und Mädchen zu gleichen Teilen in den Genuss des elterlichen Erbes kommen konnten. Das Waisenamt diente auch als Ortssparkasse und Darlehnsbank. Die Kirchen unterhielten eine Armenkasse, um die bedürftigen Gemeindemitglieder zu unterstützen.

Während dieser Jahrhunderte entwickelten die kirchlichen Gemeinden Leitungspositionen, die aus einem Ältesten bestanden, der die ganze Gemeinde anführte, einigen Hilfskräften, die Lehrer oder Prediger genannt wurden und deren Anzahl von der Größe der Gemeinde abhing, schließlich noch aus einem Diakon, der sich um diejenigen kümmerte, die in Not geraten waren. Auch hatten die Gemeinden vier bis sechs Vorsänger, die den gemeinsamen Gesang während des Gottesdienstes leiteten.

Während der Auswanderung von Russland nach Manitoba in den 1870er Jahren schlossen sich zwei mennonitische Gruppen aus den Kolonien Chortitza und Fürstenland zu der Reinländer Mennonitengemeinde zusammen. Im Süden Manitobas gründeten sie zahlreiche Dörfer mit den bereits genannten Merkmalen und mit kirchlichen sowie obrigkeitlichen Behörden (Gebietsamt). Da die Regierung Manitobas ursprünglich nicht für lokale Verwaltungsaufgaben zuständig war, konnten die Mennoniten ihre eigenen Organisationen entwickeln. Die Reinländer-Gemeinde bestande auch darauf, dass die Kirche die lokale Verwaltung kontrollierte, d. h. der Älteste war dem Obervorsteher, der das Gebietsamt führte, vorgeordnet. Schließlich wanderten die Reinländer in den 1920er Jahren nach Mexiko aus und reorganisierten sich dort unter dem neuen Namen der Old Colony Mennonites (Altkolonier Mennoniten Gemeinde). Die wesentlichen Merkmale ihrer Gemeinden sind dort zum Zuge gebracht worden.

2. Wanderungen

Die Old Colony Mennoniten pflegten die Landwirtschaft aus Berufung und als Lebensstil. Wenn die Bevölkerung der Elternkolonien in Mexiko das zur Verfügung stehende Land überstieg, wurden neue Kolonien in Mexiko und anderen Ländern seit 1948 geschaffen. Neue Kolonien wurden auch gegründet, wenn Meinungsverschiedenheiten über den Grad der Absonderung von der Welt nicht gelöst werden konnten. Solche Meinungsverschiedenheiten konnten zum Beispiel darüber entstehen, ob es erlaubt sei, Gummireifen für Traktoren zu akzeptieren, Mitgliedern zu erlauben eigene Fahrzeuge zu besitzen, Elektrizität zu nutzen oder ihre Schulen zu modernisieren. Gewöhnlich war es die konservativere Gruppe, die an einen neuen Ort zog. Wanderungen, die auf solche Weise verursacht worden waren, führten zu neuen Kolonien in Belize (1958), im Süden Mexikos (Beginn in den 1960er Jahren), Bolivien nach 1967, Paraguay und Argentinien in den 1980er Jahren. Die Mehrzahl der konservativsten „horse and buggy“- Gruppen lebt in Bolivien.

Zu Beginn der 1940er Jahre wanderten Tausende Altkolonier Mennoniten, sowohl Einzelne als auch kleinere Gruppen, vor allem aus wirtschaftlichen Gründen in verschiedene Provinzen Kanadas und Bundesstaaten der USA ein. Hier gründeten sie keine Kolonien, sondern schlossen sich zusammen, um hilfsbereite Gemeinden und Kirchen zu schaffen. Selten war es ihnen möglich, Farmen zu bewirtschaften, so nahmen sie Arbeitsgelegenheiten wahr, die ihnen zahlreiche erfolgreiche Unternehmen aufzubauen ermöglichten. Die Altkolonier wurden als hart arbeitende, ausgezeichnete Mechaniker und fähige Techniker bekannt.

In fortwährender Suche nach Land ist eine kleine Anzahl Altkolonier auch in andere lateinamerikanische Länder ausgewandert. Einige Altkolonier verließen ihre Gemeinden, weil sie persönlichen Frieden, evangelikales Gemeindeleben oder bessere Erziehung für ihre Kinder suchten. Diese Menschen identifizierten sich nicht mehr mit der Kirche der Altkolonier.

Für 2015 führt die Statistik der Mennonitischen Weltkonferenz folgende Mitgliederzahlen auf: Mexico 34000, Bolivia 27000, Canada 14000, Belize 3000, Paraguay 2800, USA 2000, Argentina 1400. Insgesamt: 84200 Mitglieder. Die gesamte Bevölkerung, Männer, Frauen und Kinder, beträgt ca. 200000 Personen.

3. Eine transnationale Gemeinschaft

Diese Wanderungen haben die großen Altkolonier Gemeinden zu einer miteinander verbundenen transnationalen Gemeinschaft in Nord- und Südamerika werden lassen. Diese Streuung hat stärker kulturell angepasste mennonitische Konferenzen in Nordametrika angeregt, ihre Missionsprogramme auf wohl alle Siedlungen der Old Colony auszurichten, wo sie oft Gegenkirchen gründeten.

Die Kleidung der Altkolonier ist einfach, bescheiden und zumeist selbst hergestellt. Frauen tragen normalerweise halblange Kleider und Kopftücher. Männer tragen langärmelige Hemden und Overalls. Die Kleidung der Kinder ist gewöhnlich die kleinere Form der Erwachsenenkleidung. Die Kleider der Mädchen sind oft mit bunten Stickereien versehen. Die Kleidermode änderte sich, wenn die Gemeindeglieder auswanderten und sich anderswo kultuell anpassten.

Die Umgangssprache ist in den Gemeinden der Alten Kolonie Plattdeutsch („Plautdietsch“). Das trennt sie von der englisch- oder spanischsprechenden „Welt“ und schafft eine starke transnationale Identität und Verbundenheit.

Die Altkolonier sind gastfrei und großzügig, sie heißen sowohl Glaubensgenossen als auch Außenstehende in ihren Häusern aufs Wärmste willkommen - oft mit einem geschliffenen Humor. In persönlichen Angelegenheiten sind sie bescheiden und nur selten selbstbezogen. Einige der Schwierigkeiten, mit denen die Altkolonier ringen, ist Alkoholismus, sexueller Missbrauch und Pflichtvergessenheit unter den Jugendlichen.

Die Altkolonier glauben, dass die Kontrolle, denen ihre privaten Grundschulen unterzogen werden, für die eigene Zukunft entscheidend ist. In den meisten lateinamerikanischen Ländern betreiben die Altkolonier ihre eigenen Schulen, ernennen die Lehrer und benutzen ihren traditionellen Lehrplan. Auch in Kanada und den USA dürfen die Altkolonier ihre Privatschulen errichten, in denen ihre eigenen Lehrer unterrichten, vorausgesetzt, dass sie den Standards der Regierung entsprechen.

Die Altkolonier Mennoniten sehen die Pflege der Traditionen und den Umgang mit Regeln als den besten Weg an, auf dem sie ihre Glaubenstreue Gott gegenüber zum Ausdruck bringen können. Trotz ihrer Verpflichtung gegenüber der Tradition passen sie sich dem Wandel in Politik, landwirtschaftlichen Usancen, der Wirtschaft und dem Klima an.

Die Gemeinden der Altkolonier sind dank hoher Geburtenraten, Ablehnung der Geburtenkontrolle und verbessertem Gesundheitswesen schnell gewachsen. Sie haben einen großen Teil ihrer jungen Menschen in der Gemeinde gehalten und eine große Spannkraft an den Tag gelegt, wo sie aus brachliegendem Land produktive Äcker entstehen ließen. Sie haben lebendige Glaubensgemeinschaften geschaffen, die sich der Moderne stellten und einen alternativen Lebensstil ausbildeten. Sie brachten weiterhin die frühen täuferischen Prinzipien zum Ausdruck, Nachfolge Christi, Gewaltlosigkeit und Absonderung von der Welt. Die Altkolonier Mennoniten sind ein wichtiger Teil der täuferisch-mennonitischen Glaubensgemeinschaft weltweit.

Bibliografie (Auswahl)

Buchveröffentlichungen

Lohrenzo Canas Bottos, Old Colony Mennonites in Argentina and Bolivia: nation making, religious conflict and imagination, Leiden und Boston 2008. - Charles Burkhart, The music of the Old Order Amish and the Old Colony Mennonites: a contemporary monodic practice, Master’s Thesis, Colorado College, Colorado Springs 1952. - Anna Sophia Hedberg, Outside the World. Cohesion and Deviation among Old Colony Mennonites in Bolivia, Acta Universitatis Upsaliensis 42, Uppsala 2007. - Kelly L. Hedges, Plautdietsch and Huuchdietsch in Chihuahua: language, literacy, and identity among the Old Colony Mennonites, Ann Arbor, Michigan, 1996. - William Janzen, The 1920s migration of Old Colony Mennonites from the Hague-Osler area of Saskatchewan to Mexico, Hague, Saskatchewan 2006. - William Janzen, Limits on Liberty: The Experience of Mennonite, Hutterite, and Doukhobor Communities in Canada, Toronto 1990. - Jim Lanning, The Old Colony Mennonites of Bolivia: a case study, College Station 1972. - Royden Loewen, Horse-and-Buggy Genius. Listening to Mennonites Contest the Modern World, Winnipeg, Manitoba, 2016. - Delbert Plett (Hg.), Old Colony Mennonites in Canada 1875-2000, Steinbach, Manitoba, 2001. - David M. Quiring, Mennonite Old Colony Vision under Siege in Mexico, and the Canadian Connection, Steinbach, Manitoba, 2003. - Calvin Wall Redekop, The Old Colony Mennonites: dilemmas of ethnic minority life, Baltimore, MS, 1969. - Carel Roessingh and Tanja Plasil (Hg.), Between Horse and Buggy and Four-Wheel Drive: Change and Diversity among Mennonite Settlements in Belize, Central America, Amsterdam 2009. - Harry Leonard Sawatzky, Mennonite Settlement in British Honduras, Berkeley, California: University of California, 1969. - Ders., They Sought a Country, Mennonite Colonization in Mexico, Los Angeles, CA, 1971. - Ders., Sie suchten eine Heimat: Deutsch-mennonitische Kolonisierung in Mexiko 1922-1984, Marburg 1986. - Walter Schmiedehaus, Ein Feste Burg ist unser Gott: Der Wanderweg eines Christlichen Siedlervolkes, Cuauhtemoc, Mexico, 1948. - Ders., Die Altkolonier-Mennoniten In Mexiko, (Reprint dert Ausgabe von 1948), Bad Kreuznach, 1982. - Larry Towell, The Mennonites: A biographical sketch, London 2000.

Aufsätze

Wesley Berg, Hymns of the Old Colony Mennonites and the Old Way of Singing, in: The Musical Quarterly 1, 1996, S. 77-117. - Lorenzo Canas Bottus, Marrying the Brother’s Wife’s Sister: Marriage Patterns among Old Colony Mennonites in Argentina, in: Journal of Mennonite Studies 31, 2013, S. 51-74. - Charles Burkhart, The church music of the Old Order Amish and Old Colony Mennonites, in: Mennonite Quarterly Review 27, 1953, S. 34-54. - Christopher Cox, The Resilient Word: Linguistic Preservation and Innovation among Old Colony Mennonites in Latin America, in: Journal of Mennonite Studies 31, 2013, S. 32-50. - Anna Sophia Hedberg, Speaking of ‚Peter Money‘ and Poor Abraham: Wealth, Poverty and Consumption among Old Colony Mennonites in Bolivia, in: Journal of Mennonite Studies 31, 2013, S. 74-97. - Anne Kok and Carel Roessingh, Where ‚God sleeps at night‘: Integration, Differentiation and Fragmentation in a Mennonite Colony, in: Journal of Mennonite Studies 31, 2013, S. 150-167. - Ben Nobbs-Thiessen, Mennonites in Unexpected Places. Sociologists and Settlers in Latin America, in: Journal of Mennonite Studies 28, 2010, S. 203-224.

John J. Friesen

 
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